Südafrikas Nationalparks sind ideal, wenn man auf Familienreise während der Elternzeit mit kleinen Kindern unterwegs ist. Allerdings sollte der Nachwuchs etwas bewegungsfreudig sein, um auch längere Wanderungen mitmachen zu können. Dann sind kleine Natur-Abenteuer garantiert.

Elternzeit in Südafrika
Traumlage: Im Rest-Camp vom Agulhas-Nationalpark an der Südspitze Afrikas.

Unsere Fantasienamen fielen Theo, 3,5 Jahre alt, auf halber Strecke ein: Wir waren plötzlich „Trödel-Tim“, „Humpel-Heide“ und „Träumer-Theo“, die rund um den südlichsten Punkt Afrikas am Cape Agulhas auf Wanderwegen durch einen leicht welligen Küstenstreifen unterwegs waren. Als wir eine kleine Pause einlegten und Sonja, meine Frau, aus einem Führer vorlas, dass wir gerade uralten Pfaden folgten, die früher Piraten zum Schmuggeln von Diebesgut nutzten, kannte Theos Fantasie keine Grenzen mehr. Er erfand verwegene Piratengeschichten. Sein kleiner Bruder Benno, 10 Monate, wurde zum „wertvollen Goldschatz“, den ich auf dem Rücken zum sicheren Versteck tragen musste, bevor er uns von „bösen Strandräubern stibitzt“ wird. Theos Vorschlag, unseren Schatz in der Nähe einer Lagune am besten ganz tief zu vergraben, konnten wir ihm aber wieder ausreden. „Na gut, dann bringen wir ihn zurück zu unseren Haus“, akzeptierte er. Immer wieder lachte er sich über unsere neuen Namen schlapp. Warum wir plötzlich zu „Trödel-Tim“ und „Humpel-Heide“ wurden, kann sich an dieser Stelle wohl jeder selbst herleiten. Ja, ja, wie ehrlich die lieben Kleinen doch sind …

Elternzeit in Südafrika
Wo früher die Piraten unterwegs waren: Theo (3,5 Jahre) auf Wanderschaft.

Die Erinnerungen an die eher schwierigen Tage von Arniston (Link zum 2. Blog!) verblassten schnell, als wir auf unserer neunwöchigen Südafrika-Rundreise zu Viert während meiner Elternzeit die Südspitze Afrikas erreichten. Das Kap Agulhas ist vergleichsweise unspektakulär; es ist nur ein Punkt am platten, felsigen Strand, auf dem ein kleines Denkmal mit Markierungszeichen steht, übrigens genau am 20. Meridian östlicher Länge: im Osten der Indische Ozean, im Westen der Atlantik. Die meisten Südafrika-Reisenden lassen es links liegen. Rund um den wellenumtosten, steilabfallenden „Cape Point“ am Kap der Guten Hoffnung, dem südwestlichsten Zipfel Afrikas bei Kapstadt, herrscht dagegen ein regelrechter Massenansturm. Selbst in der Vorsaison tritt man dort anderen Touristen schnell auf die Füße, wie wir es während unserer ersten Woche in Südafrika erlebten.

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Grasen am Wegesrand: Antilopen im „De Hoop“-Naturreservat.

Die Beschaulichkeit am Kap Agulhas birgt viele Vorzüge: So fanden wir spontan im Rest-Camp vom Agulhas-Nationalpark eine fantastische Bleibe. 50 Meter vom Strand entfernt, inmitten der einsamen Küstenvegetation, die anderen sieben Hütten des Camps blieben leer. „Und wir haben sogar einen Balkon“, freute sich Theo über die auf Pfählen gelagerte Holzterrasse, auf der wir die Sonne im Meer untergehen sahen und später den leuchtenden Sternenhimmel bestaunten. Arniston vorzeitig zu verlassen, war die richtige Entscheidung. Wir waren wieder voller Euphorie und Tatendrang – trotz der obligatorischen Riesenspinne, die uns zur Begrüßung in dem Holzhaus erwartete. Mit der Zeit fallen die Schockwellen bei der Begegnung mit den viel zu großen Achtbeinern kleiner aus. Trotzdem war ich froh, dass ich einen Ranger bat, das Viech einzufangen. Er rückte in voller Montur an: geschlossene Kleidung, Handschuhe, Hut mit breiter Krempe – und einen Assistenten hatte er auch noch dabei. „So wie Sie die Spinne beschrieben haben, scheint es sich um eine sehr angriffslustige und gefährliche Art zu handeln“, erklärte er. Aha! Und was heißt das konkret? „Die können einen anspringen“, antwortete er ruhig. Gut, dass Sonja mit den Jungs an einer nahen Lagune auf kleiner Erkundungstour war, als der Ranger die Spinne einfing – ohne attackiert zu werden.

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Auf Augenhöhe: Benno (10 Monate) trifft auf eine Schildkröte, die fast so groß ist wie er.

Hauptattraktion des Städtchens Agulhas ist neben dem Kap und der unberührten Natur der alte Leuchtturm am Ortsrand. „Theo, da müssen wir hoch“, schlug ich vor. Aber Theo war gerade in einer Null-Bock-Phase: „Nö, ist doch total langweilig.“ Ich versuchte ihn zu überzeugen, ohne zu wissen, was uns in dem Turm genau erwartete. „Ach komm schon, das wird bestimmt super spannend.“ Aber Theo bockte weiter: „Nö, keine Lust.“ Irgendwann kam er widerwillig mit. Wir zahlten den Eintritt – und erlebten ein kleines Abenteuer, völlig überraschend. Denn die Treppen hoch zur Aussichtsplattform waren so steil, dass ich schon beim Aufstieg leichte Zweifel hatte, ob wir hier überhaupt wieder runterkommen würden. Sonja trug Benno in der Manduca vorne auf dem Bauch, was ihre Trittsicherheit nicht gerade erhöhte. Nach drei Treppen kam der Höhepunkt: eine uralte Holzleiter, etwa fünf Meter hoch, die in einem schmalen Schacht in der Decke endete. Die einzelnen Sprossen waren schon ausgetreten und an einigen Stellen verdächtig dünn.

„Oh, die wackelt ja richtig“, erschrak sich Theo, als er die letzte Etappe in Angriff nahm.

Oben auf der Plattform schlug uns ein heftiger Wind entgegen, aber der Ausblick auf die Küste bei blauem Himmel mit kleinen Wolken war großartig. Dann mussten wir wieder runter – und Theo sträubte sich. Auf irgendwelchen Spielplätzen kann ihm kein Klettergerüst zu hoch sein, aber das hier war eine andere Nummer. Immer wieder brach er seine Versuche ab, die Wackelleiter herunterzuklettern. Mit Engelszungen redeten wir auf ihn ein, bis er schließlich heil unten ankam. Am Ende war er stolz wie Bolle.

Danach hatte Theo Herausforderungen anderer Art zu meistern. Vom Südzipfel fuhren wir in das Naturreservat „De Hoop“, der nur nach gut 60 Kilometern auf staubigen, aber gut zu befahrenen Schotterpisten zu erreichen ist. Dort begrüßte uns zur Abwechslung mal keine Spinne; das Empfangskomitee bestand aus Antilopen, Zebras, Pavianen, Straußenvögeln und Schildkröten. „De Hoop“ ist bekannt für seinen Artenreichtum. Allein von den löchrigen Pisten aus lassen sich eine Reihe wilder Tiere leicht beobachten: Sie stehen oft einfach am Wegesrand und sind jetzt im südafrikanischen Frühling häufig mit ihrem Nachwuchs unterwegs. Es geht aber auch noch einfacher: Sie kommen manchmal direkt zu einem nach Hause. Als Theo am ersten Morgen allein in der Küche unseres Gasthauses stand, quietsche er plötzlich erschrocken auf, weil direkt vor der halboffenen Küchentür ein Strauß seinen langen Hals interessiert zu ihm reckte. Später, nach der Rückkehr von einer Wanderung entlang der Küste, wunderten wir uns, warum draußen vor unserer Unterkunft unser Mietwagen mehrfach fotografiert wurde. Bis wir feststellten, dass unsere Nachbarn kein Interesse an unserem Auto hatten. Sondern an einer großen Schildkröte, die vor unserer Haustür gemütlich Gras abrupfte. Theo und Benno schauten sich das Prachtexemplar erstaunt an, bis es vor allem Theo zu unheimlich wurde. Plötzlich nahm die gemächliche Schildkröte überraschend flott Fahrt auf und steuerte mit weit rausgestreckten Hals auf Benno zu. Der freute sich diebisch, aber Theo warf sich schützend dazwischen, fing an zu schreien und schleppte seinen Bruder aus der Gefahrenzone. „Die wollte Benno auffressen, das habe ich genau gesehen“, begründete er seine Rettungsaktion.

Elternzeit in Südafrika
Mit reiner Manneskraft: Auf Südafrikas letzter „handgetriebener“ Autofähre.

Um die etwas abgelegeneren Gebiete unserer Reie zu verlassen und die populäre „Garden Route“, unserem nächsten Reiseziel, zu erreichen, erwartete uns nach vielen Kilometern auf Staubpisten eine Überfahrt der besonderen Art. Beim verschlafenen Nest Malgas mussten wir den Breede River passieren – mit Südafrikas letzter „handbetriebener“ Autofähre. Ich konnte mir nur schwer vorstellen, wie das funktionieren sollte, aber die drei Männer, die die Fähre bedienten, wirkten so eingespielt wie ein Radsportteam, das den „belgischen Kreisel“ im Schlaf beherrscht. Hintereinander ketteten sie sich ans dicke Drahtseil fest, das die Ufer miteinander verbindet, legten sich in ihre Brustgurte und zogen die Fähre mit ihrer Muskelkraft über den Fluss. Regelmäßig schert einer aus, um den anderen Platz zu machen – für eine kurze Pause. „Boar, die müssen aber richtig stark sein“, staunte Theo, als er verstand, wie wir vorwärts kamen. Mit Vollgas ging es am Ende der Passage von der Fähre wieder runter, um zum nächsten Nationalpark zu kommen.

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Ganz lässig: Theo auf einer der Hängebrücken an der Storm River-Mündung im Tsitsikama-Nationalpark.

Ja, die Parks Südafrikas haben es uns schwer angetan, weil sie für unsere Zwecke einfach perfekt sind. Mit idealer Infrastruktur, tollen Wegenetzen aus langen und kurzen Routen, vielen Highlights für Kids sowie äußerst fairen Eintrittspreisen, die in der Regel bei um die fünf Euro pro Erwachsenem liegen (Kinder zahlen noch weniger oder sogar gar nichts!). Herausragend ist der Tsitsikama-Park, durch den die „Garden Route“ entlang der Küste führt. Nicht wegen der Tiere. Sondern wegen seiner grandiosen Landschaften. Tsitsikama bedeutet übrigens „wasserreiche Stelle“ und genau das bekamen wir deutlich zu spüren bei unserer Ankunft. Zwei Tage lang schüttete es unablässig. Zeit, um Wäsche zu waschen, Klamotten zu ordnen, einzukaufen und sich einfach auf dem Sofa unserer neuen Bleibe einzukuscheln, um den ganzen Nachmittag Pixibücher vorzulesen. Am dritten Tag dann klarte der Himmel auf und wir machten uns auf den Weg zum „Storm River Mouth“. Die Flussmündung wird von einer 70 Meter langen Hängebrücke überragt. Die Strecke zur Brücke ist perfekt ausgebaut, mit einem „Trail“ im ursprünglichen Sinne hat sie nichts mehr zu tun. Für einen dreijährigen Knirps war es aber schon herausfordernd, weil einige Treppenstufen fast auf seiner Hüfthöhe lagen. An der Hängebrücke stockte Theo nur kurz – und überwand sie dann problemlos. Mir dagegen war sie mit Benno auf dem Rücken fast etwas zu wackelig. Wieder am Ausgangspunkt beschlossen wir, noch eine Wanderung zu unternehmen. Zu einem Wasserfall. Dort sollte Theo baden. Das spornte ihn natürlich an und er versicherte, „noch ziemlich fit zu sein.“ Na dann los!

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Nach gut sechs Kilometern auf den Beinen: Theo stärkt sich und genießt den Ausblick.

Beim Startpunkt des Weges, der dieses Mal ein echter „Trail“ war, gab es noch einen Hinweis für alle Wanderer. „Länge: 6 Kilometer. Laufzeit: 3 Stunden. Nur für Personen geeignet, die körperlich in guter Verfassung sind.“ Ich gebe zu: Besonders ernst nahm ich die Warnung nicht. „Das steht doch bei jeder Route, die einem etwas mehr abverlangt“, dachte ich noch. Meine Überheblichkeit sollte sich rächen. Denn nach einer Dreiviertelstunde Laufzeit ging es für uns nicht weiter. Zuvor hatten Sonja und ich schon heftige Diskussionen, ob wir das tatsächlich durchziehen sollten. Nachdem die Route anfangs sanft durch küstennahe Wälder führte, mündete sie an der von Felsbrocken, Geröllhalden und steilen Kliffs geprägten Küste, gegen die die Brandung anrollte. Wir mussten klettern. Auf allen Vieren. Es wurde grenzwertig. Benno auf meinem Rücken fing an zu weinen, Sonja konnte Theo nicht mehr an der Hand halten, um selbst die Balance zu halten. In der Hoffnung, dass der Weg bald wieder einfacher wurde, umkurvten wir mehrere Felsvorsprünge, aber es ging so rau weiter. Irgendwann sah auch ich ein, dass dies kein Trail war, den man mit kleinen Kindern begehen sollte. Also Umkehr. Theo fiel dabei halb ins Wasser, heulte kräftig los, Sonja holte sich nasse Füße und Benno war kaum noch zu beruhigen. „Das war eine total bekloppte Entscheidung“, maulte Sonja. Tja, sie hatte Recht. Allerdings war der Weg zu Beginn ein Traum. Und das wiederum sah auch Sonja so.

Ermattet erreichten wir das Auto. Benno schlief in der Kraxe, endlich. Theo und ich ließen uns auf eine Bank fallen, genossen den Ausblick auf das aufgewühlte Meer. „Du bist verdammt viel gewandert heute“, sagte ich zu ihm. „Das hast du wirklich toll gemacht.“ Nach einer längeren Pause antwortete Theo: „Ja, aber jetzt bin auch total schlapp. Ich glaube, ich kann jetzt gar nichts mehr.“ Das war ein Satz, den ich bisher noch nie von ihm gehört hatte.

Text & Fotos:
Tim Böseler

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