Bei einer neunwöchigen Reise mit zwei kleinen Kindern durch Südafrika sind unangenehme Begegnungen nicht auszuschließen. Wer aber zu viele schlechte Erfahrungen macht, stellt sich auch die Frage, ob die Wahl des Reiselandes richtig war. Ich will nicht jammern. Nein, das wäre unangebracht. Ich habe Elternzeit, bin mit meiner Familie schon seit zwei Wochen in Südafrika unterwegs und vor uns liegen noch sieben gemeinsame Wochen. Mehr geht nicht. Also, schön ruhig bleiben. Nur: Bei einer solchen Reise, die wir selbst hauptsächlich übers Internet zusammengestellt haben, kann auch mal etwas nicht ganz so gut laufen.

Tim Böseler in Südafrika
„Beach of Brothers“: Theo (3,5 Jahre) und Benno (10 Monate) genießen die Aussicht auf den Indischen Ozean bei Arniston, Südafrika

Seit fünf Tagen bin ich mit meiner Frau Sonja und meinen beiden Söhnen in Arniston am Indischen Ozean. Das frühere Fischerhaus am Strand, in dem wir wohnen, ist schlicht, etwas heruntergekommen, hat aber alles, was man braucht. Tag und Nacht hören wir die mächtige Meeresbrandung und das Pfeifen des stetig blasenden Windes. Arniston ist Strand pur. Gleich um die Ecke beginnt der mit 24 Kilometern längste weiße Sandstrand der südlichen Hemisphäre (Für alle Besserwisser: Ja, es gibt noch längere Strände auf der Südhalbkugel, die haben aber keinen weißen Sand!) Dennoch: So richtig wohl fühlten wir uns hier auf Anhieb nicht. Und das ist bis heute so geblieben.

Ein Grund ist der herausragende Start der Reise in der „African Family Farm“ bei Kapstadt. Danach kann eigentlich jede andere Unterkunft nur verlieren. Theo, dreieinhalb Jahre, war dort während der letzten Tage heimisch geworden. Er bewegte sich frei auf dem Gelände und hatte alle Berührungsängste, falls er überhaupt je welche gehabt haben sollte, komplett abgelegt. Im Nachbarhaus war eine Familie mit einem fünfjährigen Mädchen namens Tarah eingezogen. Er brauchte knapp anderthalb Minuten, um alles klar zu machen. Platsch, war er mit Tarah im Pool gelandet und erkundete danach mit ihr die weitläufige Farm. Es drehte sich alles um Tarah; wir, die Eltern, waren abgemeldet. Nun ist es nicht unser vorrangiges Ziel, Theo während unserer Rundreise möglichst wenig zu Gesicht bekommen, damit wir unsere Ruhe haben (sofern das überhaupt geht, wenn man sich noch um den jüngeren Bruder Benno, zehn Monate alt, kümmern muss). Nein, wir wollen Zeit mit ihm verbringen. Es wurde aber jeden Tag schwieriger, ihn von Tarah zu „trennen“, um noch Touren durch das herrliche Umland von Kapstadt zu unternehmen. „Ok, ich komme mit, wenn ich morgen wieder bei Tarah frühstücken kann“ – auf Kompromisse dieser Art mussten wir uns schon einlassen.

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Leider haufenweise am Strand zu finden: giftige „Blue Bottles“

Hier, in Arniston, gibt es keine Tarah mehr im Nachbarhaus. Das ist einerseits schön, weil wir noch mehr Zeit zu Viert haben. Andererseits ist der Ort alles andere als kindgerecht, zumindest wenn man die heutigen Maßstäbe dafür ansetzt und wenn man zuvor in der „African Family Farm“ so verwöhnt wurde, weil dort alles auf die Belange der Kinder ausgerichtet ist. Der Strand, so schön und wild er auch ist, eignet sich kaum zum Planschen. Die Brandung und vorgelagerte Felsen sind zu gefährlich. Es werden schwarmweise kleine bläuliche Quallen angeschwemmt. Sie heißen „Blue Bottle Jellyfish“ (auf deutsch: portugiesische Galeere) und haben ziemlich lange Tentakel, die verdammt schmerzhaftes Gift enthalten. Das Perfide: Auch wenn die Viecher schon ein paar Tage am Strand liegen, kann eine Berührung ziemlich weh tun. Und weil sie zum Teil so klein sind, übersieht man sie leicht im Sand. Theo hat das schnell verstanden. Aber Benno, der derzeit alles, was er findet, einer ausgiebigen Untersuchung in seinem Mund unterzieht, versteht es – natürlich – nicht. Folge: Sich einfach mal an den Strand legen, funktioniert hier nicht.

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Historisches Fischerdorf: Weiß gestrichene Häuser mit Reetdach findet man überall in Arniston

Stattdessen unternehmen wir lange Strandspaziergänge mit Benno auf meinem Rücken. Theo untersucht dann eifrig jedes Lebewesen, das ihm vom Meer vor die Füße geschwemmt wird: Riesige Quallen, tote Babyhaie, leblose Rochen, Seeanemonen, die das Meer bei Ebbe in kleinen Wasserlöchern zurücklässt. Aber auch unsere Wanderungen entlang der Küste blieben nicht lange unbeschwert. Am zweiten Tag warnten uns zwei Einheimische, dass sie auf dem Weg eine Puffotter gesichtet hätten: „Passt auf eure Kinder auf!“ Puffottern sind in Afrika für die meisten giftigen (und tödlichen) Schlangenbisse verantwortlich. „Jetzt verstehe ich auch, warum der Strand ‚Otter-Beach‘ heißt“, dämmerte es Sonja – und die Erkenntnis ließ sie im gleichen Moment erschaudern. Folge: Wir trauten uns kaum noch aus dem Haus. Aber auch drinnen mussten wir einen Tag später einsehen, dass wir eben in Afrika unterwegs sind: Sonja nahm meinen Rucksack hoch und – zack! – huschte eine ziemlich große Spinne die Wand hoch. Sonja stand kurz vor einem Herzinfarkt und wollte nur noch weg. Ab einer gewissen Größe kann ich auch nicht mehr mit Spinnen umgehen – und dieses Exemplar gehörte definitiv dazu. Ich fragte zwei Arbeiter, die nebenan ein Reetdach ausbesserten, ob sie mir bei der Spinnenjagd helfen könnten. Zum Glück kam ein Mann sofort mit, sah dann die handtellergroße Spinne und sagte nur: „Oh!“ Ungläubig schaute ich ihn an. „Die ist giftig, die muss sofort weg“, nuschelte er. Mit einem Besen schnappte er die Giftspinne beim ersten Versuch und tötete sie dann draußen.

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Strandgut: Theo findet einen toten Babyhai

„Dieser Ort hat kein gutes Karma“, sagte Sonja am Abend, als sie sich langsam vom Schock erholt hatte. Man muss dazu sagen: Von einem Hang zur Esoterik ist meine Frau soweit entfernt wie Hamburg von Kapstadt. Die Lage war also richtig ernst. Natürlich war uns beiden klar, dass Gefahren in Südafrika lauern. Und natürlich war uns bewusst, dass wir bei einem Aufenthalt von neun Wochen durchaus unangenehme Begegnungen machen würden. Aber diese geballte Ladung in Arniston war zu viel.

Unweigerlich stellten wir alles in Frage: War die Wahl unseres Reiselandes richtig? Hätten wir nicht auch einfach zwei Monate ein Ferienhaus auf einer kanarischen Insel mieten können? Muten wir unseren Kindern zu viel zu? Setzen wir sie zu großen Gefahren aus?

Am nächsten Morgen kam eine weitere Ebene zur Frage der Sicherheit in Südafrika hinzu: In einem Township von Johannesburg wurde der beliebte Torwart und Kapitän der südafrikanischen Fußball-Nationmannschaft, Senzo Meyiwa, brutal ermordet. Angeblich, weil er zwei Räubern nicht sein Handy aushändigen wollte. Südafrika befindet seit dem Mord in einem Schockzustand, obwohl Gewaltkriminalität hier zum Alltag gehört. Es gibt kaum ein Land mit einem höheren Aufkommen an Gewaltverbrechen im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung. Allein im vergangenen Jahr wurden 17.000 Menschen ermordet. Der überwiegende Teil der Straftaten wird nie aufgeklärt.

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Lieblingsschlafplatz: Benno in der Kraxe auf Papas Rücken

Ich war ziemlich ratlos. Und musste an die Worte von zwei Bekannten meiner Schwiegereltern denken, die vor vielen Jahren erst nach Namibia und später nach Kapstadt ausgewandert sind. Als wir in Kapstadt waren, hatten wir einen Tag mit den beiden auf einem Weingut bei Stellenbosch verbracht. Sie erzählten viel aus ihrem Leben als gut situierte Weiße. „Auch wenn es die Apartheid seit 20 Jahren nicht mehr gibt: Die Unterschiede zwischen Weißen und Schwarzen in Südafrika nehmen eher zu – und nicht ab“, ist einer ihrer Sätze, die ich nicht vergessen werde. Natürlich hat die Aufhebung der Rassentrennung viel Gutes bewirkt. Es gibt die märchenhaften Aufstiegsgeschichten von schwarzen Tagelöhnern zu Start-Up-Unternehmern. Das ist schön, aber die Ausnahme. Südafrika ist vor allem rassistisch geblieben. Man will unter seinesgleichen bleiben, wofür die Weißen zu ungewöhnlichen Maßnahmen greifen: Verkaufsschlager zur Sicherung ihrer Anwesen sind Elektrozäune, die auf die ohnehin schon hohen Mauern montiert werden. Mit unserem Verständnis eines freien Lebens hat das alles nichts zu tun.

Zwei Tage mussten wir uns sammeln. Aber für uns war klar: Wir machen weiter, verkürzen jedoch den Aufenthalt in Arniston und werden die empfohlenen Sicherheitsverkehrungen noch strikter befolgen. Heißt: Bei zu vielen Quallen geht es eben nicht an den Strand. Bei Wanderungen immer auf den Wegen bleiben und genau darauf achten, wo man hintritt. Nach Eintritt der Dunkelheit nicht mehr mit dem Auto fahren. Letztlich sind das in Südafrika Selbstverständlichkeiten. Mehr können wir nicht machen. Und bei aller Vorsicht: Hysterie nützt gar nichts. Also, durchpusten, sich auf die nächsten Ziele freuen und einfach drauf hoffen, dass uns künftig unliebsame Kreaturen nicht mehr allzu nah kommen. Und dann entdeckten wir, mit neuer Gelassenheit, auch die schönen Seiten von Arniston, dessen Umland ein riesiger Abenteuerspielplatz ist.

Tim Böseler in Südafrika
Schaurig-schön: Theo entdeckt die Riesen-Höhlen von „Waenhuiskrans“

Wir durchstreiften dunkle Riesen-Höhlen an der Felsküste, die nur bei Ebbe freigelegt werden und die die Größe mehrerer alter Ochsenwagen erreichen, weswegen ihnen die Buren im 17. Jahrhundert den Namen „Waenhuiskrans“ (deutsch etwa: Wagenhaushöhle) gaben. Theo vermutete dort ein perfektes Schlupfloch für Piraten („Die können sich hier doch super verstecken“), bis ich ihm sagte, dass bei Flut die ganze Höhle voll Wasser läuft. Theos Antwort: „Na und, Piraten können doch richtig gut schwimmen!“ Danach mühten wir uns 30 Meter hohe Sanddünen hoch, die Theo zum Runterrollen nutzte. War er zuvor noch angeblich am Rande der Erschöpfung („Papa, ich kann nicht mehr laufen, meine Muskeln tun schon weh“), war er hier, in diesem „Super-Sandkasten“ (O-Ton), kaum noch zu bremsen. Unten am Strand hatten die kleinen fiesen Quallen plötzlich ihre Gefahr verloren und Theo machte sich einen Spaß daraus, mit seinen Badeschuhen auf sie draufzutreten. „Haha, die knallen wie die Knallerbsen auf dem Kotti“, freute er sich. Der „Kotti“ ist Theos Lieblingsspielplatz in der Hamburger Kottwitzstraße.

Und schließlich, am letzten Tag, hatten wir perfektes Strandwetter. Kaum Wind, nur wenige „Blue Bottles“, viel Sonne und die Kinder der Einheimischen tollten in der Brandung herum. Da wollte Theo natürlich mitmachen und wir ließen es geschehen. So hatten wir uns die Tage hier ursprünglich vorgestellt, als wir vom Hamburger Sofa aus die Route planten. Am späten Nachmittag kamen die Surfer und stürzten sich in die Wellen. Ich kletterte mit Theo auf einen Felsen, von dem wir die waghalsigen Manöver beobachteten. Theo war begeistert und juchzte auf, wenn ein Surfer eine Welle erwischte. Er saß auf meinen Schoss, schaute und erzählte, bestimmt eine Stunde lang.

Es war eine besondere Stimmung und Theo stellte die ganz großen Fragen. Woher kommt eigentlich das Wasser im Meer? Und warum gibt es Wind? Ich kramte gedanklich in meinem Wissen. So als Diplom-Geograph hätte ich ein paar Antworten parat haben müssen. Ich antwortete schließlich: „Das Wasser ist gewaltig und war schon immer da. Alles andere kam später.“ Theo schaute mich an. „Auch wir Menschen, Papa?“ Ich zögerte kurz. „Ja, Theo, wir kamen ganz zum Schluss.“ Theo grinste. „Wenn ich mal groß bin, werde ich auch Surfer. Die sind nämlich stärker als das Meer.“

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Super-Sandkasten: Unterwegs auf den großen Dünen im Naturreservat von Arniston“

Morgen werden wir Arniston verlassen. Der Ort wird uns in Erinnerung bleiben. Nicht weil er so sagenhaft hübsch ist, sondern weil er unser Bewusstsein dafür schärfte, dass nicht alles nur schön sein muss in Südafrika.

Text & Fotos: Tim Böseler

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