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NewsSozialstudie zu Gerechtigkeit - Kinder und Jugendliche fühlen sich machtlos

Sozialstudie zu Gerechtigkeit – Kinder und Jugendliche fühlen sich machtlos

Seit der Gründung der Bepanthen-Kinderförderung veröffentlicht die Organisation immer wieder umfangreiche Studien, die sich im Schwerpunkt um die Belange von Familien und insbesondere den Kindern drehen. In diesem Jahr ging es bei der Sozialstudie, die im Auftrag der Bepanthen-Kinderförderung von der Universität Bielefeld durchgeführt wurde, um Gerechtigkeit und Fragen wie „Ist Deutschland gerecht?“, „Ist die Welt gerecht?“ und „Was bedeutet eine gerechte Gesellschaft?“. Dazu wurden 1.230 Kinder (6 bis 11 Jahre) und Jugendliche (12 bis 16 Jahre) befragt. Hier ist die Zusammenfassung der Ergebnisse.

Unsere Kinder bekommen schon in ganz jungen Jahren mit, was in unserem Land und auf dem ganzen Planeten los ist. Die etwas Älteren sind mit uns durch die Corona-Pandemie geschlittert und natürlich wissen unsere Kinder auch um die bedrohlichen Situationen im Ausland und die zunehmenden klimatischen Veränderungen, die uns alle betreffen. Wie aber sieht es mit der gewünschten und gefühlten Gerechtigkeit aus? Das hat die aktuelle Studie ermitteln. Und die Ergebnisse legen Optimierungspotenzial offen:

  • Über 75 Prozent der befragten Jugendlichen glauben, keinen Einfluss auf die Politik zu haben. Jeder zweite Jugendliche zweifelt am Engagement der Politik, Probleme überhaupt lösen zu wollen
  • Jugendliche machen sich besonders große Sorgen um ältere Menschen
  • Bei der Wahrnehmung von Gerechtigkeit spielt der sozioökonomische Status der Eltern eine große Rolle

Sicherlich ist es schwierig, Kindern und Jugendlichen das Gefühl zu vermitteln, bereits von der Politik gehört zu werden. Auf der anderen Seiten lernen sie durch Besuche von Demonstrationen oder Veranstaltung zusammen mit den Eltern, dass eben doch jeder einzelne Mensch eine Stimme hat und gehört wird, auch wenn er noch kein Kreuz auf einem Wahlzettel machen kann.

Ist unsere Welt und unser Land gerecht? Kinder fühlen sich von der Politik nicht gesehen.
© Mika Baumeister (Unsplash)

Jugendliche fühlen sich machtlos und unbeachtet

Die Studie der Bepanthen-Kinderförderung bestätigt dieses Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber der Politik, denn 78 % der Jugendlichen haben auch trotz Bewegungen wie „Fridays for Future“ das Gefühl, keinen Einfluss auf die Entscheidungen und Aktivitäten der Regierung zu haben. Da ändern auch TV-Formate wie  „Kannste Kanzleramt?“ wie vor der Kanzlerwahl 2021 offensichtlich wenig dran. Ein stetiger Austausch zwischen Politiker*innen und den Jüngsten unseres Landes wäre wünschenswert. Noch glauben 72 Prozent, dass sich Politikerinnen und Politiker in Deutschland nicht wirklich dafür interessieren, was Jugendliche denken. Und mit 57 % spricht ihnen sogar mehr als die Hälfte der befragten Kinder und Jugendlichen das Bemühen ab, die wichtigsten Probleme unserer Gesellschaft lösen zu wollen.

„Besonders überraschend ist, dass die Kinder und Jugendlichen ein differenziertes Bild davon haben, wie eine gerechte Gesellschaft aussieht, diese Komponenten in ihrer Lebensrealität aber gar nicht unbedingt wahrnehmen,“ sagt Studienleiter Prof. Dr. Holger Ziegler von der Universität Bielefeld, und fügt hinzu: „Obwohl sie sich von der Gesellschaft und der Politik nicht genug gesehen fühlen, machen sie sich trotzdem auch Sorgen um andere Bevölkerungsgruppen, wie zum Beispiel Rentnerinnen und Rentner.“

Prof. Dr. Ziegler erklärt, dass die wichtigsten Ergebnisse mit folgenden Themen in Verbindung stehen: Förderung von Bildung, Inklusion, Herstellung von Chancengleichheit, Hilfe und Unterstützung für Alte und Arme. „Erschreckend ist, dass die Jugendlichen diese Aspekte in der Praxis wenig abgebildet sehen. In ihrer Wahrnehmung sind sie von der Politik ungesehen und ungehört,“ so Ziegler, Professor für Soziale Arbeit.

Für den nächsten Punkt der Studie ist es wichtig, den sozioökonomischen Status, kurz SOES, zu kennen. Dieser Begriff stamm aus den Sozialwissenschaften und meint eine Auswahl von Merkmalen der Lebensumstände wie Bildung, Beruf, Einkommen, Besitz, Eigentum und Liquidität. Laut den Umfrageergebnissen beeinflusst der SOES die Bewertung der Gerechtigkeit, denn Kinder und Jugendliche aus Familien mit einem niedrigen SOES geben an, dass sie in ihrem Leben deutlich mehr Ungerechtigkeit erleben als solche mit einem höheren SOES.

37 % der Jugendlichen aus den Familien mit einem eher niedrigem SOES empfinden Ungerechtigkeit als die Norm in ihrem Leben, während sich diese Zahl bei den Jugendlichen mit einem hohen SOES auf 18 % halbiert. Ähnliche Tendenzen zeigen sich auch bereits bei den jüngeren Jahrgängen von sechs bis 11 Jahren: Kommen sie aus einer Familie mit einem hohen SOES, erleben 14 % Deutschland als „sehr“ oder „eher“ ungerecht, bei niedrigem SOES erhöht sich dieser Anteil auf 59 %.

Nix Ego bei Jugendlichen – Sie machen sich Sorgen um Ältere

Etwas überraschend ist dieses Ergebnis aus der Studie: 65 % der Jugendlichen empfinden, dass für Rentnerinnen und Rentner zu wenig getan wird.

„Die Vorurteile gegenüber der jungen Generation, diese “würde sich nur für sich selbst interessieren” können in unserer Studie keinesfalls bestätigt werden,“

Prof. Dr. Ziegler.

Dipl.-Psychologin Melanie Gräßer, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin aus Lippstadt ergänzt: „Das scheint zunächst überraschend, aber meiner Erfahrung nach, ist das unfaire Etikett des Egoismus für diese Generation weitestgehend falsch. In meiner täglichen Praxis erlebe ich viel Mitgefühl und auch Sorgen bei den Kindern und Jugendlichen um ihre Mitmenschen.“

Die anderen Bereiche, die für die Jugendlichen in diesem Zusammenhang besonders wichtig sind, lauten „gleiche Lebensbedingungen“ und „Bildung“ (beides 62 %), sowie „Arme“ und „Gleichverteilung von Vermögen und Einkommen“ mit jeweils 61 %. „Umwelt & Klima“ landen mit 50 %auf dem neunten Platz. Diese Ergebnisse spiegeln sich auch bei den befragten Kindern wider. Sie haben bereits ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden, wenn es um andere geht: 83 % geben an, „sie werden wütend“, wenn andere ungerecht behandelt werden.

Gerechtigkeit ist eine gesellschaftliche Aufgabe

„Die Ergebnisse der Gerechtigkeitsstudie 2024 bestätigen unsere täglichen Erfahrungen in unserer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen,“ so Bernd Siggelkow, Gründer und Leiter des Kinder- und Jugendwerks „Die Arche“. „Wir sind immer wieder ganz konkret gefragt, gegen das Gefühl der Unsichtbarkeit bei Kindern und Jugendlichen anzuarbeiten. Sei es im Kleinen in ihren familiären Strukturen oder auch größer in der Gruppe. Wir arbeiten daran, das Gefühl von Kindern und Jugendlichen für Gerechtigkeit zu stärken und an ihrem eigenen Verhalten zu spiegeln.“

Über die Bepanthen-Kinderförderung

Bereits seit 2008 engagiert sich die Bepanthen-Kinderförderung für Kinder und Jugendliche in Deutschland. Alle zwei Jahre führt sie in Zusammenarbeit mit der Universität Bielefeld Sozialstudien durch, um aktuelle Herausforderungen in der Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen zu identifizieren – wie zum Beispiel Achtsamkeit, Gewalt, Kinderarmut oder Gemeinschaftssinn. Die Erkenntnisse aus diesen Studien fließen in die praktische Arbeit des Kinderhilfswerks „Die Arche“ ein. Auch im Jahr 2024 wird ein neues Kinderförderungsprogramm basierend auf den Ergebnissen der Sozialstudie „Gerechtigkeit“ entwickelt.

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Kai Bösel
Kai Bösel
Kai Bösel ist Patchwork-Dad von drei Kindern, die eigene Tochter Mika ist im April 2012 geboren. Der Hamburger ist Online-Publisher und betreibt neben Daddylicious auch das "NOT TOO OLD magazin" inklusive Podcast. Außerdem schreibt er für ein paar Zeitschriften und Magazine und hilft Kunden und Agenturen als Freelance Consultant. Nach dem Job entspannt er beim Laufen oder Golf.

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