Wenn der Grinch der Jeckensaison aus Liebe zum Kind zu Batman wird…

Jahrelang hatte ich sie erfolgreich ignoriert, aber eines Tages stand sie plötzlich wieder vor der Tür und verlangte nach mir: Die Rede ist von der fünften Jahreszeit, wahlweise auch Fastnacht, Karneval oder Fasching genannt. Gefühlt bin ich mit 21 Lenzen das letzte Mal losgezogen, aber auch schon damals eher widerwillig und nur weil die Kumpels keine Ruhe gelassen hatten. In den letzten Jahren mutierte ich dann zunehmend zum Grinch der Jeckensaison und steuerte während der neckischen Tage lieber am Arbeitsplatz etwas zum Bruttosozialprodukt bei, als mich kostümiert bei seichtem Liedgut im Rausch des Alkohols gehen zu lassen. Ich muss gestehen: In diesen Tagen war Spaß haben bei mir schlichtweg verboten!

„Sei immer du selbst. Außer du kannst Batman sein. Dann sei Batman!“

Aber man sieht sich ja bekanntlich immer zwei Mal im Leben und so wurde ich am Karnevalsonntag diesen Jahres gnadenlos von der Vergangenheit eingeholt. Schon an Weiberfastnacht kam meine Frau auf die Idee, dass man sich in diesem Jahr doch einmal mit dem Kleenen den sonntäglichen Karnevalsumzug im Nachbarort ansehen könne. Um dafür gerüstet zu sein, wurde am Veranstaltungstag früh morgens in völliger Hektik der Dachboden von mir heimgesucht, um noch schnell ein passendes Kostüm zu erhaschen. Im Gegensatz zu meiner Frau (als Hexe) und dem Sohnemann (Feuerwehrmann Sam) hatte ich mich nämlich nicht wirklich vorbereitet und musste dementsprechend das nehmen, was von der damaligen Feierbiest-Zeit noch irgendwo rum lag. Der Pilotenanzug hatte leider Flecken, er fiel somit raus. Auch das Hippie-Kostüm war keine Option, denn die Perücke war wie vom Erdboden verschluckt. Es blieb also nur noch die gute alte Batman-Kluft. Das Überstreifen der Fledermausmaske ging noch, das Anlegen des Brustpanzers allerdings war aufgrund des in den letzten Jahren im Umfang stets gewachsenen Wohlstandsbäuchleins alles andere als ein Selbstläufer. Aber was tut man nicht alles für seine Liebsten? Und außerdem, wie besagt ein alter, weiser Spruch? „Sei immer du selbst. Außer du kannst Batman sein. Dann sei Batman!“

Gesagt getan, Stunden später war ich ein kleiner dicker Batman und kam mir ziemlich bescheuert dabei vor. Trotzdem zog ich mit einer alten, schrumpeligen Hexe sowie einem zu klein geratenen Feuerwehrmann Sam los, um bei sonnigem, aber arschkaltem Wetter Karneval zu feiern. Mit jedem Schritt, der uns vom Parkplatz näher zum Veranstaltungsort brachte, trafen wir mehr Menschen, allesamt bunt verkleidet, gut gelaunt und nicht selten mit lecker Bierchen und/oder diversen Schnapsfläschchen bewaffnet. Den Alkohol zogen sich übrigens nicht nur die Erwachsenen rein, einige hochmotivierte Jugendlichen wären sicher in arge Erklärungsnöte gekommen, wenn die freundlichen Polizisten sie nach ihrem Alter befragt hätten. Aber gut, man war selbst ja auch mal jung. Der Gedanke das sich der eigene Sohnemann allerdings auch mal mit 14-15 Jahren Hochprozentiges reinziehen könnte, sorgte allerdings kurzzeitig für Unbehagen meinerseits.

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben: Schlechte Sicht in der dritten Reihe, direkt hinter Super Mario und einem Strauß

Bevor wir uns ins Getümmel stürzten, stand das obligatorische Foto für das Familienalbum an. Zuerst ein Selfie, anschließend drückten wir einem vorbeigehenden Zebra die Kamera in die Hand, um uns ablichten zu lassen. Kurz danach trafen wir dann just in time direkt am zeitgleich startenden Umzug ein. Rückblickend hätten wir etwas eher da sein sollen, denn die wirklich guten Plätze waren, welche Wunder, bereits vergeben. Uns blieb somit lediglich eine ca. 1 m2 große Fläche in der dritten Reihe, direkt hinter Super Mario und einem Strauß. Mit einer Körpergröße von 1,67 m war die Sicht somit nicht die Beste, aber wichtig war ja ohnehin nur, dass der Kleine vernünftig sehen konnte. Dazu nahm ich ihn auf meine Schulter und begann mit ihm oben drauf im Rhythmus der Musik mitzuwippen. Er dagegen war minutenlang völlig abwesend und blickte mit großen Augen und offenem Mund fast schon wie in Trance ins Leere. Die vielen bunten Farben, tausende Leute, laute Musik und und und – für den kleinen Dötz war dieses Feuerwerk der Eindrücke scheinbar eine komplette Reizüberflutung. Spätestens als die ersten Bonbons flogen, war er aber wieder online. Während ich die folgenden Minuten damit verbrachte, den heranfliegenden Marschflugkörpern auszuweichen, sammelte meine bessere Hälfte diese fleißig vom Boden auf. Warum sie das tat bleibt ihr Geheimnis, essen wir doch gar nicht so gern Bonbons. Der Kleine hätte sicher Spaß daran, aber er ist dafür noch zu klein. Den kleinen Schnaps, der ihr angeboten wurde packte sie übrigens nicht in die Tasche, sondern zog sich das Teil gleich direkt rein, was dann auch die Frage nach dem Fahrer für die Heimfahrt beantwortete.

Apropos Getränk, auch bei mir kam Durst auf und so schlug ich mich mit der wertvollen Fracht auf den Schultern vorbei an Piraten, Marienkäfern, Kinderriegeln und Teletubbies bis hin zur Theke, wo wir auch schnell dran kamen, denn Pipi Langstrumpf ließ uns freundlicherweise vor. Bedient wurden wir von Superman, der mir (quasi unter Superhelden) ein kurzes Augenzwinkern zuwarf. So recht hatte ich dummerweise im Vorfeld nicht bedacht, wie ich die drei Flaschen (1 x Bier für die Frau, 1 x Wasser für den Dötz und 1 x Coke für mich) tragen sollte, denn der Sohnemann wollte ja schließlich auch noch irgendwie festgehalten werden. Aber es ging so einigermaßen, lediglich ein paar Tropfen wurden auf dem Rückweg verschüttet. Nicht schlimm.

Das Monster aus Adams Family war dem Kleinen nicht ganz geheuer – die Gruppe junger Bienchen dagegen umso mehr!

Weitere 20 Wagen und Fußgruppen später kam dann das, was auf kurz oder lang kommen musste: Der Kleine wollte nicht mehr auf Papas Schultern sitzen. An sich kam mir das nicht ungelegen, denn zwölf Kilogramm können auf Dauer ziemlich schwer werden. Andererseits ist das mit so kleinen Kids in der Menschenmenge so eine Sache, sie können von Größeren schnell übersehen werden und vor den großen Fahrzeugen auf der Strecke hat man ohnehin eine gehörige Portion Respekt. Also ab auf den Arm mit ihm, dort fühlte er sich zum Glück recht wohl, was mitunter an verschiedenen Kostümen gelegen haben könnte, die ihm scheinbar nicht ganz geheuer waren. Allen voran das Monster aus Adams Family sowie mehrere Donald Trump Double sorgten für eine runzlige Stirn unter dem gelben Helm. Die Gruppe junger Bienchen dagegen schien der Löschzugführer in spe extrem ok zu finden. So ok, dass er sie sogar permanent anfassen wollte.

Irgendwann konnten ihn aber auch die bunten Insekten nicht mehr bespaßen, von Minute zu Minute wurde er zunehmend nöliger, evtl. aufgrund der Kälte oder aber an einem kleinen, aufkommenden Hungergefühl – man weiß es nicht. Bevor er seinem Unmut energisch kundtun konnte, beschlossen wir, langsam den Heimweg anzutreten, was gar nicht so einfach war, denn bei Veranstaltungen in der heimischen Gegend, ist es meist nur eine Frage der Zeit, bis man in schöner Regelmäßigkeit Freunde oder Bekannte trifft. So auch diesmal und das gefühlt alle zwei Minuten. Im Gegensatz zu mir, den unter der Maske kaum jemand erkannte, wussten die meisten schnell, wer sich hinter der Hexe mit dem Besen verbarg. Ein Schelm, der Böses dabei denkt. Wie auch immer, dem Kleinen waren die kurzen Small-Talks zuwider, er wollte nach Hause und zwar schnell, das machte er unmissverständlich klar. So wurden die Gespräche mit den Flamingos (die Freundinnen meiner Frau), Familie Feuerstein (meine Schwester und ihr Mann) sowie den Jetpiloten (meine Arbeitskollegen) allesamt relativ schnell abgewürgt, um schnell zum Auto zu kommen.

safety first – Ein guter Feuerwehrmann ist selbst vor dem Pelletofen noch im Dienst!

Einen kurzen Halt machten wir aber dann doch noch und zwar beim Bäcker, um für zu Hause noch schnell zwei leckere Berliner für Mama und Papa plus ein Milchbrötchen für die kleine Raupe Nimmersatt zu organisieren. Mit diesem in der Hand wurde er dann auch schnell ruhiger bis kurze Zeit später im warmen Auto dann wieder alles gut war. Zu Hause angekommen wurden die Karnevalsklamotten dann für unbestimmte Zeit in der Mottenkiste verstaut. Nur der Feuerwehrmann wollte seine Uniform nicht ausziehen. Für uns war’s ok, falls die Funken vom Pelletofen, vor dem wir mittlerweile zu dritt lagen, irgendwann überspringen sollten, hätten wir wenigstens gleich einen Retter in der Not. Helau!

Fotocredit: © iordani – Fotolia.com

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