Ich könnte das ziemlich sicher nicht: Aus einem Berg völlig unterschiedlicher Stoffe den herausfinden, der sich am besten für ein neues Shirt für Valentin eignet. Oder für eine warmen Pullover für Oskar. Gut, der wäre wahrscheinlich aus Wolle. Aber ob dafür jetzt die vom Schaf oder die vom Knäuel die richtige ist, keine Ahnung. Umso mehr hat die Pauline. Die braucht so Stoffe bloß anzusehen oder kurz anzufühlen, schon weiß sie Bescheid. Sie ist eine absolute Koryphäe auf ihrem Gebiet. Und wird dabei auch technisch unterstützt. Was heißt technisch? Ihre Nähmaschine ist voll digitalisiert, ist also auf dem letzten Stand der technologischen Stoffbearbeitung. Wahrscheinlich sogar würde die einen Knopf nicht einfach nur annähen. Die würde dem gleich einen Internetauftritt mit Blog verpassen, damit er sich mit anderen Knöpfen darüber austauschen kann, ob das geilere Ambiente Hemd oder Hose liefert.

Fachwissen und Handwerk gehören auch hier zur Grundausstattung. Pauline hat sich deshalb seit Kurzem für eine Bildungsstätte entschieden, an der beides gelehrt wird. Berufsziel: Modeschneiderin. Das bedeutet zwar frühes Aufstehen und ein mühseliges Pendlerdasein auf Zeit, dafür aber winken am Ende vielleicht Paris oder Mailand. Weil es da nämlich die lebhaftesten Laufstege der Welt gibt. Wobei ich jetzt nicht so sicher bin, dass Pauline tatsächlich eine vielversprechende Karriere in der internationalen Modewelt anstrebt. Sie mag nämlich wahnsinnig gerne hinter die Kulissen von Theatern nicht nur schauen, sondern aktiv an den professionellen kreativen Prozessen mitwirken. Einen ganz wesentlichen betrifft die Garderobe, für die nach meinem Kenntnisstand Stoffe und Kleidung aller Art herangezogen werden dürfen. Was wiederum auf Paulines Expertise trifft und demnach etwas ist, wofür sie einige Leidenschaft aufbringt. Also ich bin ja schon froh, wenn mir einigermaßen passt, was ich mir im Netz oder dem Bekleidungsfachhandel vor Ort ausgesucht habe. Wenn die gewählten Farben und Muster in etwa das treffen, was man gemeinhin Geschmack nennt. Käme ich aber auf die Idee, mir das Gewand eines Königs überzuziehen und eine Narrenkappe aufzusetzen – warum nur würden sich die Kinder darüber überhaupt nicht wundern? Außer, ich würde so weit gehen und in ein Schneckenkostüm schlüpfen. Wo sie es doch gewohnt sind, dass ein Haus an einem festen Platz verweilt und nicht etwa aus höhergelegten Gründen zu Rückenschmerzen führt…

Hochverehrtes Publikum, meine Damen und Herren, der Beruf, den Pauline meint, heißt Kostümbildnerin. Reingeschnuppert in dieses künstlerische Berufsbild hat sie schon einmal für ein paar Tage in Salzburg, und wahrlich, ich sage euch: Sie war begeistert. Sowas schwebt ihr für ihre Zukunft vor. Und wenn dabei zufällig auch noch ein attraktiver Jungschauspieler ebenfalls hinter die Kulissen schaut, um seine Blicke nicht mehr von ihr abwenden zu wollen, das Schicksal würde es rundherum gut mit ihr meinen. Seufz, hört sich das romantisch an. Auf der anderen Seite wird`s ja auch endlich mal Zeit für Romeo und Julia hinter der Bühne. Nach Verona reisen, für ein gemeinsames Selfie auf dem weltberühmten Balkon, können sie ja trotzdem. Als Abstecher auf der Weiterreise von Mailand aus, wohin es sie ja schon zieht der Bretter wegen, auf denen Models auf und ab gehen, die von ihr eingekleidet werden. Ach, Tagträume sind doch zu schön, um als Zeitdiebe abgetan zu werden. Außerdem für weibliche Teenager ganz am Ende der zuständigen Altersskala eine Projektion in die Zukunft, wie sie flirrender und fiebriger und verheißungsvoller kaum sein könnte. Wenn man denn ganz viel mit Stoff zu tun hat, der gleichzeitig irgendwie auch Stoff bietet für `ne richtig coole Story. So wie Romeo und Julia, nur mit garantiert glücklichem Ausgang. Also, dass keine seelische Naht reißt, zum Beispiel. Oder dass die beiden ein Reißverschluss trennt. Oder dass sie beim gemeinsamen Selfie auf dem Balkon ins Stolpern geraten und ihnen dabei ein Blumentopf in die Hände fällt. Mit einer hochgewachsenen Vergissmichdoch darin…

Die Schere in der Hand ist allemal zukunftsfähiger als die im Kopf. Und wer damit so geschickt und kreativ umzugehen weiß wie Pauline, schaut eh nicht zurück, sondern immer nur nach vorne. Auf schöne Kleidung mag nämlich eben so wenig verzichtet werden wie auf gutes Essen. Dazu kann und möchte sie einen besonderen Beitrag leisten. Nicht nur für ihre eigene Familie, mit individuellen, originellen Shirts, Pullovern und Mützen. Zielpublikum soll eigentlich die ganze Menschheit sein. Ach, was sag` ich: Selbst Außerirdische sollen in wenigen Jahren auftragen, was sie erdacht und genäht hat. Kleine grüne Männchen, die rot sehen, wenn sie an sich hinunterschauen. Aber idealerweise nimmt sie gleich die ganze Milchstraße in den Blick. Als künftigen kosmischen Laufsteg, auf dem sie dann die von ihr eingekleideten Sternenmodels schickt…

Fotos: Pixabay

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