„Are you from Chemnitz?“ Merkwürdige Frage, wie es zunächst den Anschein hat. Aber doch so gestellt, und zwar von Maximilian im Englischunterricht. Im Zusammenhang mit leider immer wieder gebrauchten Nazi-Sprüchen an seiner Schule, die manche wohl für einen Ausdruck von Coolness oder sogar überlegener Weltsicht halten. Max spontane Anspielung galt demnach zwei etwa gleichaltrigen Abgesandten dieser verbalen Vorhölle, und weil einer seiner aktuellen Großinteressen die jüngere deutsche Geschichte ist, konnte er eigentlich nur in einer Weise reagieren, die seinem Wissensstand entspricht. Die Englischlehrerin fand das im Übrigen angemessen frech. Und eine ganze Reihe von Mitschülerinnen- und Schülern konnte sich das Lachen nicht verkneifen. Ob die eigentlichen Adressaten die Botschaft erreicht hat, ist nicht überliefert. Die Botschaft? Sich darüber im Klaren zu sein, dass es mit der Sprache anfängt. Und es von dort an nicht etwa ein Katzensprung bis an den Abgrund ist, sondern noch einmal angeblich tausend Jahre dauert.

Natürlich darf man Kindern, insbesondere Jungs, im Alter von etwa zwölf Jahren unterstellen, dass die Lust an der schieren Provokation oft weitaus größer ist als das Verlangen nach Erkenntnis und Einsicht. Nur ist die nach penetranter Wiederholung und auch Intensivierung schlichtweg unerträglich. Und spätestens dann sollte ein Stück weit jene gezielte Aufklärung zum Thema greifen, um die sich Lehrer und Eltern bemüht haben. Ich jedenfalls würde mir daraufhin so viel (Selbst-)Reflexion erwarten, dass sich das betreffende Verhalten entscheidend ändert. Es ist wohl noch zu früh, sich dahingehend auf anhaltende Erfolgsmeldungen einstellen zu dürfen. Als irgendwann zu spät für die beiden könnte sich es jedoch herausstellen, nicht bereits jetzt deutlich aufzuzeigen, wohin eine Reise führen kann, die hinter noch dürren ideologischen Dornenbüschen beginnt. Man muss es nicht in überbordend dramatischer Manier tun, Empathie, Fingerspitzengefühl und Lust auf einen nicht zwingend vorhersehbaren Konflikt genügen vollauf. Schließlich verschaffen sich oft Einflüsse Geltung, die direkt oder indirekt mit Elternhaus, Verwandten oder Bekannten zu tun haben. Die wohlweislich bei der Beurteilung einzubeziehen, zeugt von richtigem Umgang bei einem sowieso schon schwierigen und noch dazu hochaktuellen Thema. Die und jene zumeist leidvollen Auswirkungen wie Ausgrenzung und Spott, ergo Mobbing, die sich falschen Respekt zu verschaffen suchen. Eine Anspruchshaltung, die sich wie in diesem Fall noch dazu aus einer extrem rechten sprachlichen Vorratshaltung bedient. Und nicht zuletzt daraus zugreift dann, wenn sich vermeintlich Witziges daraus basteln lässt, um zum Beispiel Mitschüler zu beeindrucken oder Randgruppen noch böswilliger zu identifizieren. Oder unfreiwillig Eltern wie uns zu alarmieren, damit die ja auf die Idee kommen könnten, Anfängen zu wehren. Um es mal ausholend dramatisch zu formulieren.

Max hat sich einige dieser wirklich komischen Schenkelklopfer gemerkt und auch aufgeschrieben, was uns zu authentischen Einblicken in eine frühpubertäre Gedankenwelt verhalf. Die eher nicht repräsentativ ist, aber individuell, worauf sich ja nicht wenige trotzdem viel einbilden. Die also ernstgenommen werden sollte, ohne gleich apokalyptische Zustände zu beschwören. Was ich ja im Übrigen selbst dann nicht tue, wenn wie zur Zeit wieder Schnupfenviren auf den Gräbern unseres Wohlbefindens tanzen. Oder Max zwar seit einigen Wochen den frei wählbaren Chinesisch-Unterricht an seiner Schule besucht, Oskar dafür aber in manchen Bereichen die deutsche Aussprache deutlich vernachlässigt, weil er von Max fleißig vermittelte chinesische Sprachfetzen bevorzugt. Alles nicht wahrhaft apokalyptisch das, aber es bleibt in der Familie. Was bei Aneignung oder auch nur Toleranz extrem fragwürdiger Ideologien – und macht sie sich zunächst auch „nur“ im alltäglichen Sprachgebrauch bemerkbar – definitiv nicht mehr der Fall ist: Sie verbreiten sich unter Umständen schnell, ungehindert und rücksichtslos. Aus der Familie, in die Familien. Am Ende kann das tatsächlich endzeitliche Aspekte beinhalten, nur dass die den gegenteiligen Schein erwecken. Also immer genau hinschauen. Und genau hinhören. Spätestens in der Schule kein nutzloser Hinweis.

Auf Chinesisch hätte jener Gedankenanstoß wohl nicht die kleine Fangemeinde erreicht, wie sie in Maximilians Klasse kurzerhand zusammenfand. Das ihm bis jetzt zur Verfügung stehende Englischvokabular hat dafür aber gereicht, zum Glück. Wenn seine Botschaft jetzt auch noch zu all jenen vordringt, die glauben, das und der resp. die Deutsche stünde sowieso über allem und überhaupt, es wäre fast zu schön. Nicht dass ich naiv genug bin, mir eine Welt ohne totalitäre Begierden vorzustellen. Was ich aber längst besser weiß, ist: Dass sich auch schon Kinder trauen, Dinge in die Welt zu setzen, die Hand, Fuß und Aussagekraft besitzen. Und die sich mit Worten zu wehren wissen. It`s a Man`s Man`s World, sometimes a Children`s too…

Fotos: © oben Fotolia / unten Pexels

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