Herrlich aufregend, so ein Bahnhof. Angefangen bei der älteren Dame an der Kasse, die die letzten Gäste für diesen Sonntag mit einem freundlichen Lächeln empfängt und sich auch sonst mit ganz viel Verständnis und Hilfsbereitschaft empfiehlt. Und erst diese sehr, sehr alte Dame kurz vor den Abfahrtsgleisen, die zwar überhaupt nichts mehr sagt, das aber dafür schon seit etwa 500 bis 600 Jahren. Wie erschrocken die der Leander und die Pauline und der Jakob, der Leopold, der Maximilian und der Valentin angeschaut haben! Hat man halt auch nicht jeden Tag auf dem Display eines Smartphones, so einen gruselig anmutenden Eyecatcher. Obwohl diese in die Jahrhunderte gekommene Dame nicht mal das Original war, sondern eine authentische Nachbildung aus Wachs. Aus echtem Fleisch und Blut dagegen war der Erkläronkel und Lokführer, der uns vorher noch den ganzen historischen Bahnhof und seine eigentliche Bedeutung vorstellte. Entstanden in den 1920er Jahren, sind heute noch Fahrten von hier bis ungefähr 130 Meter nach rechts und links und geradeaus und zurück und irgendwo dazwischen möglich. Also wenn man es geschafft hat, psychisch unbeschadet an dieser Wachskopie einer uralten Dame namens Rosalinde vorbeizukommen. So heißt nämlich die echte, 1957 bei Schongau ausgebuddelte Moorleiche. Die wurde zufällig beim Torfabbau entdeckt, weshalb ihr reizendes Double nicht ganz zufällig im Torfbahnhof in Rottau im Chiemgau gelandet ist. Und wir eben auch, nicht gerade auf der Suche nach vergangenen Schönheiten, aber irgendwas mit Charme sollte es schon sein. Meiner musste jetzt wirklich nicht der Maßstab sein, aber der der Deutschen Bahn liegt ja auch ausschließlich im Bereich von Pünktlichkeit und Service…

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Die überwiegend hölzerne Kulisse hier gäbe den idealen Rahmen für einen Western ab. Und drinnen ist genug Platz und Atmosphäre für richtige Cowboys. Ich sehe sie schon vor mir: Leander als Sheriff, stets ein adlerscharfes Auge auf Recht, Gesetz und die neuesten Nachrichten von der Fortschrittsfront. Und Jakob, dem die schnoddrige Bedienung ein Büffelsteak nach dem anderen vor den Latz knallt, er darauf furchtbar aus der Haut fährt und mit vorgehaltener Knarre auf Tofu-Burger besteht. Oder Leopold, der als gerissener Süßigkeitendieb zwar wertvolles Mitglied der legendären Rasselbande ist, die aber am liebsten als Chef anführen würde. Weil er nämlich immer Recht hat und das mit seiner imposanten Kehle gerne unterstreicht. Max hämmert sowas von abgeklärt auf dem Klimperkasten im Saloon rum, bestellt sich gelegentlich einen Mozart on the rocks und hat ansonsten ähnlich viel Recht wie Leopold. Valentin hängt derweil an der Theke rum, strahlt einen unbezwingbaren Langmut wie John Wayne in seinen letzten Filmen aus und streichelt höchstens mal über den Lauf seiner Wasserpistole. Pauline schaut sich all das aus sicherer Entfernung an. Als ältestes Bandenmitglied darf sie das, ebenso wie Oskar als jüngstes. Die beiden sind aber auch keine richtigen Western-Fans, soviel ich weiß. War aber auch gar nicht unsere Absicht, sie dahingehend zu bekehren, als wir diesen besonderen Bahnhof ins Visier möglicher Ausflugsziele genommen haben. Eigentlich sollten sie alle nur ein bisschen was erfahren über das nahegelegene Hochmoor und was die Menschen früher daraus gemacht haben. Nämlich Torfpellets als Kohleersatz zum Heizen in elenden Zeiten. Elend auch für die, die den Torf stechen mussten. Auch davon haben wir erfahren, und noch von einigem anderen Interessanten mehr. Vorletzte Station war dann die bereits erwähnte Fahrt mit dem Zug, besser gesagt: der Feldbahn. Kaum dass wir uns auf zwei kleine Waggons verteilt haben, begann ein so nicht angekündigtes Ruckeln und Zuckeln. Oskar erschrak einmal ganz fürchterlich, ein anderes Baby im Waggon hinter uns stimmte lautstark mit ein. Schade eigentlich, dass uns kein Angriff wilder Indianer bevorstand. Derartige Reaktionen hätten uns bestimmt vor Schlimmeren bewahrt. Klar hätte ich schon auch auf das zuverlässige Kampfgebrüll der Rasselbande setzen können, leider aber war das gerade erst wieder zuhause aufgebraucht worden…

Rosalinde und die Indianer. Vielleicht ein Titel für eine Veranstaltung im Torfbahnhof. Oder: Die knallharten Jungs aus Rottau-City. Das klingt schon mal verdammt nach Western, und aus dem kleinen Ort im Chiemgau macht es fast schon einen Verkehrsknotenpunkt. Oder auch: Dorf mit Torf. Das erschließt sich sofort. Deshalb leih` ich mir den jetzt schon mal aus. Nicht, dass den noch einer mit dem Lasso einfängt oder zum rücksichtslosen Duell herausfordert oder so…

Fotos: oben © Fotolia (Katie) // Mitte © Pixabay

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