Unsere Gastautorin Anna war wieder mit der Familie im Wohnwagen auf Achse. Dieses Mal in der Schweiz. Ihre Erlebnisse hat sie in einem mehrteiligen Reisebericht für Euch zusammengefasst.
Nach Teil 1 kommt hier nun Teil 2:

2. Etappe: Das Tessin

Salve! Benvenuti!

Jenseits der Alpen empfängt uns der Süden. Dolce Vita und Palmen am Seeufer, italienisches Flair und pittoreske Städtchen. Eingebettet zwischen Hügeln und Hochgebirge liegt Lugano am gleichnamigen See. Unser Campingplatz liegt eine Viertelstunde entfernt in Muzzano. Unser Stellplatz: erste Reihe direkt am See – wow! Wir lösen den Anhänger vom Auto und schieben ihn mit vereinten Kräften in die richtige Position – mit nachbarlicher Hilfe übrigens. Denn auf jedem Stellplatz packen diese ohne zu zögern sofort mit an. Ich freue mich einmal mehr, dass wir mit unserem Auto jetzt wieder richtig mobil sind und die Gegend entdecken können. Für uns Eltern der nicht zu schlagende, alles überwiegende Vorteil des Wohnwagens gegenüber dem Wohnmobil. Kaum sind die Stützen des Caravans ausbalanciert, die Markise ausgefahren und die Stühle aufgestellt (was uns mittlerweile schon recht flott von der Hand geht), kann es losgehen.

Die Schweiz im Miniformat

Und das ist auch gut so, da das zu erwartende Programm für diesen mediterranen Zipfel des Landes wirklich verheißungsvoll klingt: Im einzigen Miniaturpark der Schweiz, Swissminiatur genannt, werden seit 1959 auf einer 14.000 m2 großen Fläche mehr als 120 handgefertigte Modelle der bekanntesten Gebäude, Denkmäler und Transportmittel des Landes im Maßstab 1:25 gezeigt. Alles, was zum Bild der Schweiz gehört, steht hier in Miniformat vor uns. Hier liegt das Basler Münster nur ein paar Schritte vom Schiefen Turm in St. Moritz entfernt. Wir fühlen uns wie in Gullivers Reisen und staunen über verschneite Berggipfel, Burgen, Bahnen und Schiffe, entdecken das Heididorf Maienfeld, den Flughafen Zürich und das Basler Spalentor. Einige der Exponate wie Titlis Rotair oberhalb von Engelberg, den Bahnhof von Sion im Wallis und das Bundeshaus von Bern sollten wir im Laufe des Sommers auch noch live erleben.

Kühlschränke von annodazumal

Live und in Echtgröße sehen wir von dort auch schon mal den Monte Generoso, dessen 1704 m hohen Gipfel wir am nächsten Tag mit der Zahnradbahn erklimmen, die seit über 125 Jahren von Capolago am Luganersee hinaufführt. Er ist der bedeutendste Aussichtsberg des Kantons und bietet bei gutem Wetter eine atemberaubende Aussicht, die vom Appennin bis zu den Alpen reicht. Bei uns ist es auf der Höhe leider ein wenig diesig – und viel, viel kälter als unten am Lago – , so dass wir zwar Lugano, das am Vortag besichtigte Swissminiature und die nahegelegenen norditalienischen Seen sehen können, aber die Po-Ebene, Mailand und die ganze Alpenkette, vom Gran Paradiso zum Monte Rosa, vom Matterhorn bis zur Jungfrau, vom Gotthard-Massiv bis zur Berninagruppe bleibt an diesem Morgen verborgen. Wir verlassen die Aussichtsplattform auf dem Gipfel, um eine zweistündige Rundwanderung zu den Alpen Génor und Nadigh und ihren „Neveren“ zu machen.

Diese runden Schneegrotten, deren größerer Teil bis zu 6-7 m unter der Erde liegt, gibt es nur hier. Noch bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts wurden sie im Winter mit Schnee und Eis gefüllt, so dass die Innentemperatur während des ganzen Alp-Sommers tief genug blieb, um Milch und andere Lebensmittel zu kühlen.

Ein Tal zum Träumen schön!

Eines der Highlights unserer Grand Tour of Switzerland wartet am letzten Tag unseres Tessin-Aufenthalts auf uns: eine Wanderung durchs wild-romantische Verzascatal. Der Weg folgt dem alten Saumpfad durch Wälder, an alten Steinhäusern, Kapellen und Brücklein vorbei und vor allem immer entlang des smaragdgrünen Flusses, seinen Wasserfällen und Stromschnellen. Und das Beste: Man kann ihn dank der zahlreichen leicht erreichbaren Postbus-Haltestellen jederzeit ab- oder unterbrechen. Wir zum Beispiel parken das Auto mit der neuen Verzasca Parkingcard, die man für 10 CHF an Kiosken, Infostellen und Campingplätzen kaufen kann, in Lavertezzo auf einem der grünmarkierten Parkplätze. Dort steigen wir in den Postbus 321 und fahren eine halbe Stunde ins Tal hinein bis Sonogno.

Dort im hintersten Dorf des Valle Verzasca erwartet uns erst einmal ein Alphornbläser, der mitten auf dem alten Marktplatz spielt. Fasziniert bleiben wir stehen und lauschen eine Weile dem fast 4 m langen Instrument, bevor wir zur Cascata La Froda aufbrechen, die eine Viertelstunde entfernt noch ein Stück weiter ins Tal hinein liegt. Obwohl das für uns entgegen der eigentlichen Laufrichtung ist, lohnt dieser Umweg unbedingt. Schon von weitem hört man das Tosen des Wasserfalls und bald auch sieht man ihn den Felsen hinabstürzen.

Über eine kleine Holzbrücke führt der Weg ein Stück hinauf und auf halber Höhe auf den Wanderweg, der uns gemächlich bergab nach Lavertezzo zurückführen wird. Auf dieser etwa 4-stündigen Wanderung (Achtung: reine Laufzeit ohne Badepause(n), die man unbedingt einplanen sollte) ändert sich der Fluss ständig: Mal fließt er breit und ruhig in seinem Bett, dann tost er wild über die riesigen Felsen und ergießt sich in mächtigen Kaskaden. Dazwischen laden malerische Naturbadewannen zum Picknicken ein, was auch wir ausgiebig nutzen.

Zuletzt noch einmal in Lavertezzo an der malerischen Ponte dei Salti. Zum Glück gelingt es mir, meine Kinder zu überzeugen, dass sie für den Sprung von einem der beiden knapp 20 m hohen Doppelbögen der alten Steinbrücke noch zu leicht sind. Die Gefahr, sich zu verletzen ist zu groß. Und so springen sie unzählige Male von einem Seitenfelsen ins kristallklare Wasser.

Auf den Spuren von James Bond

Auf dem Rückweg zum Campingplatz kommen wir dann übrigens noch am Ort des besten Stunts der Filmgeschichte vorbei: Bonds Sprung von der 220 m hohen Verzasca-Staumauer im Film Goldeneye. In der berühmten Szene flog Pierce Brosnan an einem Seil 200 m in die Tiefe, um in ein verstecktes Giftlabor einzusteigen. Wer den 7,5 Sekunden langen freien Fall selbst nachmachen möchte, kann das an der höchsten stationären Bungee-Sprunganlage in der Mitte der Staumauer tun.

Auch im Tessin steht am Ende fest, dass wir wiederkommen wollen, weil es noch vieles zu sehen gibt – Morcote, eines der schönsten Dörfer der Schweiz zum Beispiel, oder die Burgen von Bellinzona, die gepflasterten Gassen von Ascona und Locarno oder die Weinberge von Mendrisiotto …

Auf Umwegen, Abwegen und Autozügen

Aber wir brechen dennoch auf. Die hohen Berge des Wallis sind unser nächstes Ziel. Doch wir ahnen schon, dass der Weg dorthin nicht ohne sein wird für einen alten, turboladerkranken T5 mit Anhänger. Der kürzeste Weg führt durch das atemberaubende Centovalli. Er endet für uns sehr bald, weil er für Fahrzeuge mit Anhänger gesperrt ist. Wir machen also kehrt und entscheiden uns für die längere Route am Westufer des Lago Maggiore. Aber auch diese schmale S13 bzw. SS34 auf italienischem Boden hat es in sich. Doch wir kommen an allen überhängenden Felsen, entgegenkommenden LKW und Engpässen ohne Blessuren vorbei. Der Puls könnte sich wieder beruhigen, wäre da nicht der Simplonpass, hinter dem Sion liegt, wo unser nächster Campingplatz wartet. Wir befürchten, dass unser T5 einen weiteren Pass nicht schafft.

Nun wissen wir zwar, dass es einen Eisenbahntunnel zwischen Iselle und Brig gibt, der uns den Pass erspart, aber unser Anhänger mit seinen 2,30 m Breite und 2, 71 m Höhe unterschreitet laut Tabelle auf der Website nur gerade so die Höchstmaße. Ob wir wirklich verladen werden? Wir dürfen auffahren, aber dass unser Gefährt kurze Zeit später wirklich auf den Waggons steht, ist Millimeterarbeit. Danach können wir aufatmen: Die A9 führt uns mehrspurig und ohne Haarnadelkurven direkt nach Sion oder Sitten an der Rhône. Gemütlich zuckeln wir mit 80 km/h über die Autobahn, denn schneller darf man mit Anhänger in der Schweiz auch hier nicht fahren.

Wer direkt weiterlesen möchte: hier geht es zu Teil 3.

INFOS & ADRESSEN

TESSIN

TCS Camping Muzzano, 6933 Muzzano-Lugano
www.tcs.ch, camping.muzzano@tcs.ch

Swissminiatur – www.swissminiatur.ch

Monte Generoso – www.montegeneroso.ch

ZUM TOURENPLANEN

Kartenmaterial: KOMPASS, z.B. Nr. 111 Südtessin

Zum EINLESEN

111 Orte im Tessin, die man gesehen haben muss, emons-Verlag, 16, 95 €

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