Mythos Skateboarding: elegant, anspruchsvoll und nichts für Weicheier. Wer ein Rollbrett souverän bewegen kann, gilt als coole Sau oder extrem sexy. Je nach Sichtweise. Doch es steckt noch mehr in einem Skateboard als Street-Credibility und Aufriss-Potential. Skateboarding fördert die Motorik und das Konzentrationsvermögen, lehrt Geduld, kräftigt den Körper und stärkt die Seele. Und das Street-Abi gibt es gratis obendrauf.

Wie hunderttausende rund um den Erdball hat auch mich das Skateboard damals in seinen Bann gezogen. Der Mix aus der Möglichkeit zu individueller Entfaltung, Anmut und extremer Coolness, nicht zuletzt ausgelöst durch diesen unwiderstehlichen Schuss Rebellion, besaß eine magische Wirkung auf mich. Während sich meine Mitschüler noch von ihren Muttis zum Tennis fahren ließen, trampte ich in die Großstadt, um mich von den Local-Heros gleichsam begeistern wie verarschen zu lassen. Wer dazu gehören und respektiert werden wollte, musste vorher einiges aushalten. Wir waren schließlich in urbaner Wildbahn unterwegs, nicht in der Turnhalle. Neben Tricks lernte ich also auch diverse Verhaltenscodes der Straße kennen. In den Augen der meisten Mitmenschen allein kleidungstechnisch schon sonderbar, waren wir außerdem laut (ob mit Board, oder Mundwerk) und wirkten aufgrund der schnellen, unberechenbaren Bewegungen auf viele als Gefahr. Pushing
Außerdem zerstörten wir durch unser Tun ständig privates oder öffentliches Eigentum. Nicht mutwillig, aber wir taten es. Wir diskutierten und haderten ständig mit Polizei, Securities, Hausmeistern oder halbstarken Platzhirschen. Oder nahmen wahlweise auch mal die Beine vor diesen Spezies in die Hand. Die permanente Provokation, die Skateboarding mit sich brachte, und zugegeben auch höllischen Spaß machte, schulte das Gespür für brenzlige Situationen, und wie man mit ihnen umgeht. Wann wagt man einen Schritt nach vorne und steht ein für seine Passion, seine Freunde und sich selbst? Wann sucht man besser das Weite? Wem begegnet man mit Respekt, wem macht man klar, dass man sich nicht alles gefallen lässt? Skateboarding hat mich dahin gehend auch viel fürs Leben gelehrt. Try and Error inklusive…

Board statt Reck und Gewichte

Aber Skateboarding ist nicht nur ein faszinierender Lifestyle mit rauem Charme, sondern auch eine große physische und psychische Herausforderung. Der Begriff „Sport“ verbietet sich in Skater-Kreisen zwar. Trotzdem kommt man nicht weit, wenn man die Körperspannung und geistige Agilität eines Mehlwurms hat. Wer viel Skateboard fährt, entwickelt zwangsläufig große Beweglichkeit und extreme Schnellkraft. Der Grund dafür ist der sog. Ollie als Basistrick überhaupt. Mit ihm hebelt sich der Skater quasi selber in die Luft, ohne die Hände zu Hilfe nehmen zu müssen und kann damit, in Perfektion ausgeführt, Höhen und Weiten von furchteinflößenden Distanzen überwinden. Look Daddy, no hands!
Der Ollie ist der Schlüssel, um in einen „Grind“, Slide“ oder „Flip“ hineinzuspringen. Ohne ihn reduziert sich Skateboarding auf das bloße Fortbewegen. Den Ollie, und in der Folge weitere Tricks zu beherrschen erfordert aber auch mentale Fitness, sprich ein hohes Maß an o.g. Motorik gepaart mit Konzentration. Diese Fähigkeiten sind umso mehr gefragt, je höher der Faktor Angst, sprich das Risiko zu „slammen“, sich ordentlich weh zu tun, eine Rolle spielt. Eine weitere, nicht zu unterschätzende Eigenschaft, die sich beim Skateboarding herausbildet, ist die Fähigkeit, sich über einen längeren Zeitraum fokussiert mit ein und derselben Sache zu beschäftigen. Denn in den meisten Fällen dauert das Erlernen und vor allem sichere Beherrschen eines Tricks nicht Stunden oder Tage, sondern Wochen und manchmal sogar Monate oder Jahre. Eine gute Skate-Session ersetzt also in jedem Fall die ADHS-Sprechstunde oder das Ritalin-Doping. Im weiteren Sinne sehe ich Skateboarding mit all seinen Anforderungen asiatischer Kampfkünste nicht unähnlich, einer hohen Ästhetik inklusive.

Erfolge machen stark

Am Ende aller Mühen steht hoffentlich das Erfolgserlebnis. Ich erinnere mich noch heute nur zu gerne an das Gefühl, einen neuen Trick erlernt zu haben: es trägt einen am nächsten Tag wie auf einem Luftkissen über den Schulhof, legt sich über die Nervenbahnen wie ein Beta-Blocker, während einem der Stolz fast aus der Brust schießt. Auch meine Helden aus der Stadt haben die neu erworbene Fähigkeit mit Wohlwollen registriert – wir sind wieder bei der Anerkennung durch andere, aber auch bei jenem so wichtigen Respekt vor sich selbst. Ich persönlich kann mir keine bessere Schule fürs Leben vorstellen, als das Skateboard.

Mein Kind will skaten. Was nun?

Natürlich muss niemand sein Kind in die nächste Metropole trampen lassen, um sich bei rohen Großstadtkids den Straßenschliff abzuholen. Zumal ich immerhin „schon“ 13 war. Auch gibt es 25 Jahre später weit mehr Möglichkeiten, zu skaten, Skateboards und Zubehör zu erwerben und Skateboarding zu erlernen. Skatehallen und insb. Skateparks (Und bitte nicht Skater-Parks! Es heißt ja auch nicht Fußballerplatz…) gibt es mittlerweile in jedem Ort. Ähnlich verhält es sich mit Skateshops, nicht zu vergessen das Internet mit seinen zahlreichen Anbietern.

Das Board

Was die Ausrüstung angeht, würde ich von Anfang an auf Qualität setzen. Zwar hat sich jene der „Kaufhausbretter“ mit den Jahren deutlich verbessert. Trotzdem bedeutet ein richtiges Skateboard in den meisten Fällen den entscheidenden Zugewinn an Fahrspaß. Dabei muss es zu Beginn gar kein aus einzelnen Komponenten zusammen gestelltes Board sein. Viele namhafte Hersteller bieten mittlerweile Komplettboards mit annehmbaren Achsen, Rollen und Kugellagern an, die preislich deutlich unter dem eines individuell kombinierten „Set-ups“ liegen, und von denen jeder Fachhändler auch eine gewisse Auswahl führt. Die Größe eines Boards sollte logischerweise abhängig zur Körper- bzw. Schuhgröße sein. Vertikal aufgestellt sollte ein Deck ungefähr bis zur Hosentasche reichen, Zehen und Ferse bei paralleler Fußstellung jeweils über die beiden Seitenränder des Decks hinaus gucken. Letzteres zu finden kann insbesondere für ganz junge Anfänger schon mal schwieriger werden. Dafür haben die Anbieter in einigen Fällen aber sog. „Minis“ oder „Toddler“-Versionen im Sortiment. Wem sich die Möglichkeit bietet, der sollte den Skateshop der Stadt unbedingt einem Online-Anbieter vorziehen. Er strahlt mit seiner beeindruckenden Bretterwand und seiner Funktion als Treffpunkt und Nachrichtenbörse der lokalen Szene eine ganz besondere Faszination aus und versprüht bereits jene einzigartige Atmosphäre, die später auf der Straße ihre Fortsetzung findet.

Die Schutzausrüstung

Eher als für den Nachwuchs stellt sich für die Erzeuger noch die Frage nach der Schutzausrüstung. Als noch kinderloser Skater sage ich: „Scheiß drauf!“, als beitragender Autor zu dieser Seite sollte ich wohl zumindest einen Helm empfehlen, obwohl ich es noch nie erlebt habe, dass ein Anfänger tatsächlich auf den Kopf gefallen wäre. Und auch mehr als auf Knie und Ellbogen fällt man, zumindest beim skaten auf der Straße, auf Hüfte und Hände bzw. Handgelenke. Zwar gibt es für beides entsprechende Protektoren, doch fallen die Stürze im Anfangsstadium und in jungen Jahren noch derart moderat aus, dass mit mehr als Schürfwunden eigentlich nicht zu rechnen ist und mögliche Schmerzen im Rahmen bleiben. Anders verhält es sich beim Fahren in größeren Rampen. Zumindest während meiner bescheidenen Halfpipe-Karriere habe ich von der kompletten Rutsche an Schutzausrüstung Gebrauch gemacht. Auch in diesem Segment bieten die gängigen Hersteller (zu finden auf den Websites u.g. Mailorder) von Kopf bis Fuß alles auch in Kindergrößen an.

Skateboard-Kurse?

Mittlerweile bieten einige Skatehallen entsprechende Anfänger-Kurse an. Die zumeist fehlende pädagogische Ausbildung machen die Skateboard-Trainer in der Regel mit viel Großem-Bruder-, und seit einigen Jahren vermehrt auch Vater-Herz (Ja, auch Skateboarding und seine Kinder sind mittlerweile in die Jahre gekommen…) wieder wett. Schüchternheit und Berührungsängste mit dieser neuen Welt und seinen Eigenheiten können durch solche Kurse genommen werden, denn „draußen am Spot“ ist der Umgangston schon mal etwas kerniger und die Bereitschaft, einen Anfänger vorbehaltlos aufzunehmen, nicht immer gegeben. Dennoch würde ich empfehlen, den Nachwuchs auch auf die Straße loszulassen, denn nur dort lässt sich die eigentliche Faszination von Skateboarding erleben. Eine Faszination ohne Trainingszeiten, ohne verordnete Übungen, ohne feste Regeln. Wer bis zu jenem gewissen Punkt dran bleibt, dem eröffnet das Skateboard eine neue magische Welt.

Monster Skateboard Magazine
Das Monster SKATEBOARD Magazine bringt im Herbst mit der „MSM BASICS Guide-App“ ein animiertes Skate-Medium für Anfänger auf den Markt – sozusagen der Trick-Erklärer für die Hosentasche. Erhältlich auch für Tablets. Der Download über Google Play bzw. iTunes ist kostenlos. Ebenfalls ab Mitte November kostenfrei erhältlich ist die „MSM BUYERS Guide“-App, die ultimative Shopping-Hilfe samt wertvoller Produkt-Tests, etc.






Ausgewählte Skatehallen:

i-Punkt Skateland, Hamburg:
Vor über 20 Jahren beschenkte Mode-Macher Thomas Friese seinen Sohn mit dieser Skatehalle. Der Eintritt ist, zumindest unter der Woche, noch immer frei. Alle großen Skater dieser Welt waren schon hier. Die Halle am Berliner Tor bietet Skatekurse an, die unter dem Namen Skatejam laufen. Der Skatejam findet seit fünf Jahren jeden Sonntag statt. Seit letztem Jahr gibt es auch mehrtägige Workshops in den Ferien. Zusätzlich gibt es einen Verleih von Boards und Schutzausrüstung.
i-punktskateland.de

Skaters Palace, Münster:
Der Gastrobereich hält seit Jahren auch als Kantine für das angrenzende Titus-Imperium her und so kann man auch den gerne als „Skate-Papst“ titulierten Namensgeber, der eigentlich Eberhard heißt, hier des Öfteren am Mittagstisch beobachten. Gelegentlich ist der Skaters Palace auch Arena für Punk- und HipHop-Gigs. Neben Kursen bietet die Halle auch mehrtägige Skate-Camps an.
Skaters-palace.de

Skatehalle Berlin:
Unweit der Eastside Gallery im Friedrichshain gelegen, trumpft die Skatehalle Berlin neben Rollbrett-Vergnügen u.a. auch einen astreinen Biergarten auf… Neben Fassbier gibt es Skateboard-Workshops, sprich Kurse, in unterschiedlicher Intensität und die Möglichkeit, Boards sowie Schutzausrüstung zu mieten, gleich mit. Einer der Trainer, Jürgen Horrwarth, ist der internationalen Szene als stylisher Fahrer großer Rampen bekannt.
skatehalle-berlin.de

Halle 59, Köln:
Wer kein Kalk-Verbot hat, sollte einen Besuch der Abenteuerhalle auf der „Schäl Sick“ wagen: in den Ferien je nach Nachfrage auch mehrtägige Camps sowie regelmäßige Workshops. halle59.
abenteuerhallenkalk.de

Skateshops:

Mantis Skateshop, Hamburg:
Vollgestopft mit Stuff und an den Wänden Sammlerstücke, die auf Ebay Rekordpreise erzielen. Der Laden gehört Richie Löffler, deutsches Rollbrett-Urgestein und außerdem Inhaber und Profi seiner eigenen Skateboard-Company Trap Skateboards. Kult. Mantisshop.de

Titus, Münster:
In seiner über 30-jährigen Geschichte mehrfach umgezogen, jetzt im Apollo Theater zu Hause, ist der „Titus Roll Sport“, wie er eigentlich heißt, einer der größten Skateshops überhaupt. Beeindruckende Bretterwand! Inhaber ist der vielbeachtete ehemalige Sport- und Geografielehrer aus dem Odenwald mit dem römischen Kampfnamen – siehe Skatehallen. Titus.de/shops/muenster

Made In, Köln:
Mittlerweile geteilt in ein Fashion- und ein Hardware-Department. Schöne große Auswahl insb. auch an Klamotten von Board-Companies, was dem Laden einen gewissen Hardcore-Appeal verleiht. Madeincorp.com

Search & Destory, Berlin
Der Shop in Kreuzberg ist so klein, dass man ihn erst mal als solchen erkennen muss. Entsprechend klein ist auch die Auswahl. Allerdings auch fein, und stilsicher. Hat noch einen Ableger in Zehlendorf. Search-and-destroy.de

Ausgesuchte Skateboard-Mailorder:

Titus.de
Skatedeluxe.de
Concretewave.de (Schwerpunkt Long- und Cruiserboards)

Vielen Dank an Oliver Klobes für die Bilder!
Fotocredit: Oliver Klobes

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