Den Autor Arne Ulbricht haben wir Euch bereits in einem Interview zu seinem Buch „Luna“ und auch mit seinem Papa-Buch „Vatertag“ umfangreich vorgestellt. Insbesondere sein letztes Werk „Luna: Ein Fliegenpilz im Erdbeerkleid“ gehört in jedes gut sortierte Bücherregal im Kinderzimmer. Zum Vorlesen und zum Selbstlesen für Grundschüler. Ein paar Szenen aus „Luna“ hat Arne auf youTube eingelesen.
Heute hat Arne uns einen Gastbeitrag über sein Familienleben in der Corona-Krise zusammengeschrieben. Viel Spaß beim Lesen:

„…Diese Osterferien wären durchaus aufregend gewesen: Zunächst wäre ich mit dem Zug nach Saint-Etienne, von dort aus weiter nach Nizza und einen Tag später ins benachbarte Cagnes-sur-Mer gefahren, wo ich vor französischem Publikum meinen Roman über Maupassant vorgestellt hätte. Meine Frau hätte in Hamburg mit den Kindern das Theater-Mega-Event Harry Potter und das verwunschene Kind besucht, in Dagebüll hätten wir uns wiedergetroffen und eine Woche auf Föhr verbracht. Verwandtenbesuche in Kiel und Karlsruhe hätten die Osterferien abgeschlossen.

Stattdessen: Hängematte, Spaziergänge vor der Haustür, kleine Radtouren in der Nähe, einkaufen gehen, essen, und dann wieder Hängematte.

Am Ostermontag befanden wir uns wie Hundertausende anderer Familien auch exakt vier Wochen in Quasiquarantäne. Meine Frau hatte von Tag 1 der Covid-Zeitrechnung an (dem 16.3., als die Schulen schlossen und viele Firmen ihre Angestellten ins Homeoffice schickten) das Wohnzimmer, in normalen Zeiten so eine Art familiärer Gemeinschaftsraum, beschlagnahmt, bis auch sie sich als letztes Familienmitglied ab Gründonnerstag ein wenig Urlaub gönnte.

Unser Plan war von Beginn an, Coronazeit in Familienzeit zu verwandeln. Ist es uns gelungen? Ja, ich denke schon. Obwohl es natürlich nicht ganz ohne Reibereien ging.

„Du kannst doch nicht den ganzen Tag vor dem Computer abhängen!“

Den Spruch musste sich schon recht früh mein Sohn anhören. Und es hat etwas genützt! Obwohl er in unseren Augen noch immer zu viel Zeit vor dem Bildschirm verbringt, hat er sich protestlos zwangsverpflichten lassen, Bücher zu lesen – jeden Tag mindestens zwanzig Seiten war die Auflage, anfangs habe ich sogar kontrolliert! – und auch zum Kochdienst mussten wir ihn nicht groß überreden.

„Das bringt ja sogar Spaß!“, stellte er ziemlich schnell fest.

 So gab es nicht jeden Tag wie bei Papa Spaghetti mit wahlweise Butter, Parmesan oder Pesto und dazu Tiefkühlerbsen, sondern Dampfnudeln, selbstgemachte Spätzle und frisch belegte Pizza.

„Du musst dich halt sinnvoll beschäftigen!“

Den Spruch musste sich wiederum meine Tochter anhören, wenn sie uns ihre Langeweile spüren ließ. Und siehe da: Sie nähte sich eigene Kleider, übte nach Anleitung zeichnen und trainierte an einer improvisierten Ballettstange.

„Du kannst dich heute Nachmittag nicht in dein Arbeitszimmer verkriechen, du musst mir die Kinder vom Hals halten!“

Wow. Diesen Spruch musste ich mir anhören, wenn meine Frau besonders wichtige Videokonferenzen hatte und dabei nicht gestört werden wollte. Früher war genau das meine Aufgabe: „Die Kinder vom Hals halten“ war liebevoll gemeint und bedeutete nichts anderes, als dass ich eben der Zuständige war für Arztbesuche, das tägliche Abholen von der Kita und das Nachmittagsprogramm inklusive fast täglicher Telefonate mit irgendwelchen Müttern, mit deren Kindern sich meine Kinder verabreden wollten. Ich hatte diese Zeit genossen und deshalb solche Sprüche durchaus vermisst. Nun sind meine Kinder 12 und 16 und sie meinte eigentlich bloß: Achte darauf, dass die beiden nicht ins Wohnzimmer reinplatzen! Gefreut habe ich mich trotzdem und mich erinnert an die guten alten Zeiten, als ich noch wichtig war für meine Kinder.

Und dann gab es auch diese Momente, in denen die Corona-Zeit die Familie wirklich näher hat zusammenrücken lassen. Vater und Sohn, wenn sie gemeinsam im Garten Tae-Kwon-Do trainiert haben. Vater und Tochter, wenn sie gepokert haben. Vater, Sohn und Tochter, wenn sie spazieren gegangen und auf Bäume geklettert sind. (Ja, wir sind wirklich auf Bäume geklettert!) Mutter und Sohn, wenn sie Rezepte ausgesucht haben. Mutter und Tochter, wenn sie gemeinsam am Wochenende gebacken oder Ostern den Keller gestrichen haben. Vater, Mutter, Sohn und Tochter, wenn wir im Garten saßen und Rummikub gespielt haben oder uns dann doch auf einen Film einigen konnten und in unserem Homecinema (= ein nicht besonders großer Fernsehbildschirm) Feel-Good-Movies wie Notting Hill angeguckt, Chips in uns reingestopft und und uns dabei wirklich gut gefühlt haben.

Fazit? Wenn wir uns entscheiden dürften, hätten wir gut auf Corona verzichten können! (Bevor es Missverständnisse gibt: In erster Linie wegen all der Kranken und auch Verstorbenen und derjenigen, die sich vollkommen überarbeitet haben oder deren Existenzen bedroht waren und noch immer sind.) Aber ich habe in diesen Wochen auch viel über mich und unsere Familie gelernt. Denn wenn man mich vor einem halben Jahr gefragt hätte: Kannst du dir vorstellen, fünf Wochen lang durchgehend mit deiner Familie im Alltag von morgens bis abends zusammen zu sein, dann hätte ich gewiss geantwortet:

„Nein! Ich brauche Zeit für mich, die ganze Zeit Frau und Kinder um mich herum, da werde ich verrückt!“

Noch immer erstaunt stelle ich fest: Ich bin nicht verrückter als vorher! Diese Erkenntnis verdanke ich tatsächlich Corona. Und ja, dafür bin ich dankbar…“

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