„Such du einen aus“, hatte sie mir gesagt und mir das Familienstammbuch in die Hand gedrückt, „ich kann mich einfach nicht entscheiden.“ Und so saß ich im Bus und befand mich auf dem Weg zum Standesamt, um endlich mein neun Tage altes Töchterchen anzumelden.

Anfangs hatten wir mit Laura geliebäugelt, bis wir entdeckten, dass unser Toilettenpapier diesen Namen trug. Dann favorisierten wir Leila, doch rein genetisch war nichts orientalisch Aussehendes zu erwarten. Und eine blonde Leila war fast so absurd wie ein Cheyenne-Mädchen namens Helga. Elena war solange aktuell, bis in einem Krimi, den ich las, eine Elena Opfer eines einbeinigen Kettensägenmörders wurde, und Leonie hieß bereits die Tochter von Bekannten, die uns bereits beim letzten Autokauf bezichtigt hatten, ihnen alles nachmachen zu wollen.

Die Namen früherer Freundinnen von mir entfielen aus Gründen des Anstands. Aber was blieb denn dann noch übrig? Kokettierte ich mit dem reichen Erfahrungsschatz, den eine fast 20-jährige Leidensgeschichte mit all den Gabis, Petras, Heidis und Monikas mit sich gebracht hatte. Linda („Wie Linda Evans von Denver Clan“, meckerte meine Mutter), Rebecca („Hitchcock-Fan, was?“ So Tante Maria aus Herford), Kim („Ich denke, ihr bekommt ein Mädchen?“ entfuhr es meiner Schwester), Hannah („Spricht man das h am Ende mit?“ wollte einer aus dem Schwimmverein wissen), Charlotte (ging nicht, weil mein Schwiegervater nach drei Gläsern Rotwein kein ch mehr aussprechen kann) – alles für die Katz. Die übrigens hieß Carlo und war ein Kater.

Lutz Gerritzen Daddylicious
Auf besonderem Kriegsfuß standen wir mit jenen französischen Namen, die man nur aussprechen konnte, sofern man eine heiße Kartoffel im Mund oder eine Hasenscharte hatte. Nicht in Frage kamen auch Namen, deren Aussprache oder Schreibweise zur Irritationen führen konnten. Was, wenn unsere Claire einmal einen Klaus Werk heiraten würde? Unsere Solange einen Liebesbrief mit „Ich liebe dich. Solange“ unterschreiben würde und der Angebetete sich fragen müsste: Wie lange liebt sie mich denn nun? Auch die Namen von Göttinnen oder Berühmtheiten waren problematisch. Was, wenn unsere Aphrodite hässlich bliebe; wenn wir eine flachbrüstige Marilyn gezeugt hätten, eine unpolitische Rosa, eine notorische Nichtschwimmerin namens Franziska oder eine Coco mit Parfüm-Allergie? Ganz zu schweigen von einer Romina ohne jegliche Power.

Nun saß ich also immer noch im Bus und ward ratlos. Niemand da aus meinem mit dämlichen Vornamen geschlagenen Bekanntenkreis, den ich um Rat fragen konnte. „Sagen Sie mal“, stieß ich meinen Sitznachbarn an, „wie nennen Sie Ihre Frau?“ „Alte“, war die lapidare Antwort. Wie sich herausstellte, hieß sie in Wirklichkeit Gudrun, aber er mochte diesen Namen nicht, weil er sich „anhört, als würde man was Bengalisches rückwärts lesen.“ „Wenn Sie mich fragen“, mischte sich die Besitzerin eines Yorkshire-Terriers ein (Fanny), „nehmen Sie was ganz Schlichtes. Wie wäre es beispielsweise mit Sammy Joe Kimberley?“

Da fiel mein Blick auf die Busfahrerin. Sie musste doch einen Namen haben. Ich lief nach vorne und bat sie, mir ihren Namen zu nennen. „Gott“, stöhnte sie, „schon wieder einer, der beim Standesamt aussteigen muss. Ich heiße Lola, aber wenn Sie mir jetzt mit der Spülbürste kommen, schmeiß’ ich Sie raus.“

Deprimiert und ratlos stieg ich am Standesamt aus. Mein Kind, unser Sonnenschein, unser Honigtäubchen, unser Zuckerböhnchen, unser Röschen, würde namenlos bleiben müssen. Jetzt konnte ich die Verzweiflung jener mir flüchtig bekannten Mechthild Ziege verstehen, die nach der Hochzeit Wimmers-Ziege hieß und als erste Frau, die sich wegen eines hypothetischen Genetivs aus dem Fenster stürzte, in die Selbstmordstatistik einging. Sie hatte die kalauernden Bemerkungen nicht mehr ertragen können: „Sagen Sie mal, Verehrteste, sind Sie Frau Wimmers-Ziege oder Herrn Wimmers Ziege? Hahahah.“

Plötzlich fiel mein Blick auf die Schaufensterwerbung eines Supermarktes. Was stand da geschrieben? Diese Woche im Sonderangebot: Nutella. Nutella! Ich war gerettet.

Schweißgebadet erwachte ich und rüttelte meine Frau wach. „Ist was mit der Kleinen?“ fragte sie ängstlich. „Mit wem?“ erwiderte ich verstört. „Na, mit unserer Sophie, du Hornochse.“

Sophie also. Gott sei Dank.

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