Für die meisten Eltern ist die Geburt Ihres Kindes der unbeschreiblichste und schönste Moment ihres Lebens. Das kleine Wesen wird beschützt, gekuschelt und wie ein rohes Ei behandelt. Wie aber geht es weiter? Mit dem Älterwerden des Nachwuchses kehrt der Familienalltag ein. Die eigenen Bedürfnisse werden wichtiger und die Kinder nerven gelegentlich. Die Bepanthen-Kinderförderung wollte es genau wissen und hat in ihrer aktuellen Studie „Achtsamkeit“ insgesamt 1.083 Kinder und Jugendliche in den Städten Berlin, Leipzig und Köln befragt und dazu 20 qualitative Interviews geführt. Die Ergebnisse regen zum Nachdenken an.

Unter der Leitung von Sozialpädagoge und Studienleiter Prof. Dr. Holger Ziegler und unter Mitwirkung von Supernanny Katia Saalfrank wurde untersucht, wie die Achtsamkeit der Eltern von Kindern (6 und 11 Jahre) und Jugendlichen (12 bis 16 Jahre) empfunden wird. Und was passiert, wenn es hier Defizite gibt. Die Angaben der Kinder machen etwas Sorge: Mit 31% fühlt sich fast jedes dritte Kind und mit 17% jeder fünfte Jugendliche von den eigenen Eltern nicht ausreichend beachtet. Hochgerechnet auf die deutsche Bevölkerung bedeutet das, dass 1,9 Millionen Kinder darunter leiden. Und dieser Mangel an Achtsamkeit hat dramatische Folgen, denn nicht beachtete Kinder weisen Defizite in ihrem Selbstbewusstsein, Vertrauen, ihrer Lebenszufriedenheit und ihrer Empathiefähigkeit auf.

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Woran mangelt es?

Prof. Dr. Ziegler sagt zu den Ergebnissen: „Wenn Kinder das Gefühl haben, dass innerhalb der Familie nicht auf ihre Bedürfnisse eingegangen wird, ist das eine erschreckende Erkenntnis. Denn nicht vorhandene Achtsamkeit ist für die Entwicklung von Kindern so gravierend wie ein Leben in Armut.“ Keine Rolle in Bezug auf die Achtsamkeit spielt der sozialökonomische Status, die Familienkonstellation und ein Migrationshintergrund. Wohlhabende Menschen oder traditionelle Familien erzielen keine andere Werte als sozial schwächere oder auch Patchwork-Familien.

Es ist eigentlich gar nicht schwer, Kindern Beachtung zu schenken. Die Frage, wie ihr Tag war, gemeinsame Unternehmungen und Zuneigungsbekundungen wie „Ich hab Dich lieb“ sorgen bei Kindern für ein gutes Gefühl der Zuwendung. Aber von allen Kindern, die sich nicht beachtet fühlen, geben 71% an, dass sich ihre Eltern nicht gern mit Ihnen beschäftigen. Nachholbedarf gibt es auch bei dem Erkennen von Gefühlslagen. Denn auch bei Kummer oder Sorgen erfahren die nicht-beachteten Kindern einen Mangel an Fürsorge.

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Was ist mit Geborgenheit?

Da sollte man doch meinen, Geborgenheit zu schenken gehöre zu den grundlegenden Eigenschaften einer Familie. Im Normalfall ist das wohl auch so. Aber von den nicht-beachteten Kindern fehlt fast einem Fünftel (19%) eben dieses Gefühl. Bei den nicht-beachteten Jugendlichen vermissen sogar 46% das Gefühl der Geborgenheit. Da sich Kinder eigentlich zu 100% zuhause geborgen fühlen sollten, sind das dramatische Resultate.

Ein Umfrageergebnis schlägt bei den Forschern besonders an, denn in Sachen Empathie haben offensichtlich sehr viele der Befragten noch etwas aufzuholen: nur 54% der befragten Kinder geben an, sich in andere hineinversetzen und mit ihnen mitfühlen zu können. Bei den nicht-beachteten Kindern sind es nur noch 40%, bei den nicht-beachteten Jugendlichen bleiben nur noch 29% übrig. Die Experten erklären diese Werte mit der gesellschaftlichen Entwicklung: „Die Gesellschaft fühlt nicht mehr mit. Die Vermittlung von Solidaritätswerten nimmt ab – auch in der Erziehung.“

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Kinder, denen es an Achtsamkeit fehlt, die teilen auch ihr Angstempfinden nicht mit den Eltern. Und auch ihre Sorgen vertraut ein Großteil nicht den Eltern an. Das zeigt, wie das Fundament der Familie einen Knacks bekommt, der bei den Kindern Folgen in der Entwicklung nach sich zieht.

Was können Eltern tun?

Eltern übernehmen bei Kindern die Aufgabe, eigene emotionale Bedürfnisse wahrzunehmen, sie zu erkennen und zu befriedigen. So entwickeln Kinder im Laufe der Zeit eine eigene „emotionale Landkarte“. Expertin Katia Saalfrank rät Eltern: „Seid offen, unvoreingenommen, zugewandt und interessiert, bewertet nicht, hört zu und fragt nach.“ Start den Dialog mit Kindern. „Nicht die Quantität, sondern die Qualität der gemeinsam erlebten Zeit ist wichtig.“

Zu welcher Gruppe Ihr gehört, wissen wir nicht. Aber überprüft Euch gern mal selbst. Checkt Ihr Euer Handy, während Ihr Euch mit Euren Kindern beschäftigt? Setzt Ihr sie manchmal zur Beruhigung vor den Fernseher? Oder habt Ihr Eure Rituale und erlebt ganz bewusst gemeinsame Momente? Denkt dran, die Kleinen werden so schnell groß und Ihr könnt die Uhr nicht zurückdrehen. Also sorgt für Schutz, Interesse und Achtsamkeit!

Fotos und Grafiken: © Bepanthen-Kinderförderung

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