Was Trennungskinder brauchen – ein Gastbeitrag von Dr. Isabell Lütkehaus

Die Trennung der Eltern bedeutet für Kinder einen umfassenden Einschnitt; das bisher als selbstverständlich erlebte Familienleben existiert so nicht mehr weiter, der Alltag gestaltet sich in zentralen Eckpunkten neu. Meist zieht ein Elternteil aus, es kommen neue Partner*innen und (Stief-)Geschwister dazu.

Vielleicht stehen eine neue Wohnung an, in einer neuen Nachbarschaft mit neuer Kita/Schule. Vor der Trennung spüren sie Uneinigkeiten und Unzufriedenheit, nach der Trennung einerseits Entspannung, andererseits Trauer, Ängste und Sorgen bei den Eltern. Wie gut Kinder die Umbruchphase der Trennung durchstehen und wie schnell sie sich innerhalb der neuen Lebensumstände zurechtfinden, hängt im wesentlichen vom Verhalten der Eltern ab. Wird besonderer Wert auf schützende Elemente gelegt und
schädigendes Verhalten vermieden, dann können Kinder aus Trennungsfamilien eine schöne Kindheit leben und zu selbstbewussten und bindungsfähigen Erwachsenen heranreifen. Entscheidend ist nicht, ob Eltern sich trennen, sondern wie diese Trennung erfolgt. Das Wohlbefinden und Selbstwertgefühl von Kindern hängt stark davon ab, wie gut Eltern im neuen Familiengefüge die Bedürfnisse ihrer Kinder erfüllen, ohne sich selbst zu überfordern, wie ihnen der Spagat gelingt, ihre Kinder aus dem Paarkonflikt herauszuhalten und gleichzeitig authentisch zu bleiben.

1. Geborgenheit und Sicherheit

Die wichtigsten Grundbedürfnisse von Kindern sind Geborgenheit und Sicherheit. Klare Regeln und feste Zeiten helfen hier, kontinuierliche Rituale, Gesprächsbereitschaft für Fragen, Ängste aber auch Hoffnungen und regelmäßiger Austausch zu Alltäglichkeiten. Psychologische Begleitung kann sinnvoll sein, eine außenstehende Person, bei der das Kind offen reden kann, ohne Loyalitätskonflikte und Rücksichtnahme.

2. Kontinuität

Geborgenheit und Sicherheit werden auch durch Kontinuität vermittelt, also indem trotz Trennung der Eltern die bisherige Lebenswelt von Kindern soweit wie möglich erhalten bleibt. Das Umfeld, vor allem aktuelle Bindungen, Lebens- und Erziehungsverhältnisse werden so wenig wie möglich verändert. So sollten Kinder in ihrem gewohnten Zuhause leben bleiben können, bei notwendigem Umzug zumindest in der Wohngegend samt Kita/Schule. Am zentralsten ist der Erhalt der Beziehungen zu den wichtigsten Kontaktpersonen, allen voran zu beiden Eltern, außerdem zu Großeltern, Freunde und Paten. Ein passendes Umgangsmodell berücksichtigt den Grundsatz der Kontinuität, räumt also nach der Trennung vor allem den Eltern, aber auch anderen wichtigen Bezugspersonen in ähnlichem Umfang und auf vergleichbare Weise Zeit mit den Kindern ein wie vor der Trennung.

3. Verlässlichkeit

Um Geborgenheit zu vermitteln und Zuversicht und Stärke zu geben, ist gerade in dieser Umbruchphase gemeinsame Zeit im Alltag und regelmäßiger liebevoller Austausch wichtig. Fürsorge und Schutz, kontinuierliche Zuwendung und Planungssicherheit sind nun ganz entscheidend dafür, wie gut das Kind mit der neuen Lebenssituation klarkommt. Kinder sollen sich weiterhin sicher in
ihrer Familie aufgehoben fühlen dürfen, dafür ist Verbindlichkeit entscheidend, das Gefühl, sich trotz der Trennung auf beide Eltern, auch den ggf. mehr abwesenden, verlassen zu können.

4. Alltagsleben

In einer solchen Umbruchszeit wie der Trennung helfen klare Regelungen und feste Zeiten für Mahlzeiten, für Besuche bei Freunden/Großeltern und vor allem auch für Umgänge mit beiden Eltern. Wiederkehrende Strukturen und feste Abläufe geben Kindern Stabilität und ein Gefühl von Verlässlichkeit. Ein präsentes und festes Umfeld gibt dem Kind Sicherheit und stärkt die Zuversicht, die nächste Zeit gut zu meistern.

© Ben Wicks (Unsplash)

5. Familienrituale

Ganz besonders erzeugen Rituale Geborgenheit; sie bestätigen die vorhandenen Beziehungen, den persönlichen Zusammenhalt und geben Sicherheit. Idealerweise werden Rituale aus der Zeit vor der Trennung vom jeweils betreuenden Elternteil fortgeführt, z.B. Alltagsabläufe, Essgewohnheiten, Einschlafprozeduren; Mittwochnachmittag Klavierspielen und Freitag Fußballtraining, Sonntagmorgen gemeinsam kuscheln und danach gemütlich Frühstücken. Nach Möglichkeit werden auch Familientraditionen mit beiden Eltern weiter praktiziert, wie einmal die Woche alle zusammen Pizza essen gehen, aber nur, wenn dies für beide angenehm ist und keinen Elternteil überfordert. Auch andere Bezugspersonen können bei Traditionen eine Rolle spielen, beispielsweise der sonntägliche Besuch bei Opa oder der monatliche Kinobesuch mit der Patentante. Hilfreich sind auch Rituale bei der Übergabe des Kindes von einem Elternteil zum anderen. Besser als das Kind vor der Tür “abzustellen“, kann, wenn für beide Eltern erträglich, ein kurzes Gespräch oder gar ein gemeinsames Kaffeetrinken oder Essen sein, um den Übergang zu erleichtern und dem Kind zu signalisieren, dass es gut und richtig ist, nun zum anderen Elternteil zu gehen und mit diesem eine schöne Zeit zu verbringen. All dies schafft Sicherheit, Kontinuität und Vertrauen, schafft Zuversicht für die gemeinsame Zukunft als Familie.

6. Raum für Emotionen

Gerade in Zeiten, in denen es den Eltern vermutlich selbst nicht so gut geht, brauchen Kinder das Gefühl, weiterhin emotional aufgefangen zu werden. Das bezieht sich auf das Äußern von Trauer, Sorgen, Ärger und Wut, aber auch Ängste möchten gehört werden. Manchmal fühlen sich Kinder für das Wohl
ihrer Eltern verantwortlich und haben z. B. ein schlechtes Gewissen, wenn sie Mama verlassen und Papa besuchen. Im besten Fall können Kinder mit beiden Elternteilen über solche Dinge sprechen, von beiden signalisiert bekommen, dass auch negative Gefühle zu einer Umbruchphase gehören, dass sie gelebt
werden dürfen und sich mit der Zeit auflösen werden.

7. Klarheit

Um keine Angst vor dem Ungewissen haben zu müssen, wünschen sich Kinder Klarheit in Bezug auf die Zukunft der Familie in Form von konkreten, gut verständlichen Perspektiven. Sobald Eltern wissen, wie es zumindest für die nächsten Wochen und Monate mit der Familie weitergehen wird, wenn
beispielsweise der Auszug eines Elternteils ansteht, ist die richtige Zeit gekommen für das Trennungsgespräch mit dem Kind. Darin informieren beide Eltern (wenn möglich gemeinsam) das Kind über die Trennung, die konkreten anstehenden Veränderungen und erklären ihm detailliert und kindgerecht das von den Eltern gewählte Umgangsmodell als zentrales Fundament für das
zukünftige Familienleben.

Wer sich mit dem Wechselmodell und dem Thema der Trennungskinder etwas intensiver befassen möchte, dem empfehlen wir das Buch „Umgang im Wechselmodell“ von Dr. Isabell Lütkehaus und Thomas Matthäus. Sie beschreiben darin, wie die Eltern nach einer Trennung und die Aufteilung in zwei neue Familien trotzdem gleich berechtigt bleiben können. Denn das ist für die Kinder in dieser Situation das Wichtigste.
Der Ratgeber behandelt psychologische, praktische und rechtliche Fragen von Eltern zum Umgang mit ihren Kindern nach einer Trennung, wenn sie sich für das sogenannten Wechselmodell entschieden haben. Darunter versteht man die Regelung, bei der beide Elternteile dem Kind ein Zuhause bieten, in dem es sich abwechselnd aufhält. 

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