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Gastbeitrag: Stressbelastung von Kindern

Dieser Beitrag erörtert den Zusammenhang zwischen der Stressbelastung von Kindern und Familienlasten, insbesondere der elterlichen Doppelaufgabe, Familie und Beruf unter einen Hut zu kriegen. Hierzu hat die Bepanthen Kinderförderung eine Studie zu Stresserfahrungen von Kindern in Auftrag gegeben.

Im Rahmen der Studie wurden in drei deutschen Großstädten knapp 1.100 Kinder im Alter von 6-15 Jahren sowie deren Eltern befragt. Der Fokus der Befragung lag auf der Perspektive der Kinder. Daneben wurde auch die familiale und sozioökonomische Situation sowie die Erziehungsvorstellungen und -praktiken der Eltern erfasst, die einen wichtigen Kontext für die Perspektive und Deutung darstellen.

Verteilung der Familienmodelle

140906_Prof_Holger_Ziegler_05Mit Blick auf die Frage der elterlichen Doppelaufgabe besagt ein wesentliches Ergebnis der Studie, dass die klassische Rollenverteilung von einem Vollzeit berufstätigen (Ehe-)Mann und einer Hausfrau und Mutter keinesfalls mit einem geringeren Stressniveau der Kinder einhergeht. Allerdings ist diese ‚klassische‘ Rollenverteilung – insbesondere in Großstädten – nicht das vorherrschende Muster innerhalb der Familien. Zwar tritt dieses rund zehnmal häufiger auf, als die umgekehrte Variante einer Vollzeit berufstätigen (Ehe-)Frau und einem Hausmann und Vater, dennoch ist eine andere Konstellation dominant: Mit Abstand am häufigsten tritt die Konstellation des vollberufstätigen Mannes und der teilzeitbeschäftigen Frau auf. Fast drei Viertel der interviewten Väter waren Vollzeit berufstätig. Demgegenüber trifft dies nur für gut ein Viertel (27%) der Mütter zu.

Nicht berufstätig zu sein, kann vieles bedeuten: Die Eltern sind möglicherweise Studierende, nicht erwerbsfähig oder (früh-)verrentet, arbeitslos oder eben Hausfrauen oder Hausmänner. Arbeitslosigkeit hat dabei andere Implikationen für die Familie als Hausmann oder Hausfrau zu sein. Die Nicht-Berufstätigkeit von Vätern ist in unseren Daten nur sehr selten durch den Status Hausmann zu erklären. Bei den Müttern zeigt sich ein anderes Bild: Die überwiegende Mehrheit der nicht berufstätigen Frauen sind Hausfrauen.

Mehr Stress durch Arbeitslosigkeit

Wenn man Berufstätigkeit und Nicht-Berufstätigkeit der Eltern im Hinblick auf die Situation und den Stress von Kindern vergleicht, so kommt der Arbeitslosigkeit eine Sonderrolle zu. Arbeitslosigkeit von Müttern oder Vätern – die auch sehr stark mit Armutssituationen in Verbindung steht – geht ohne Zweifel mit einer erhöhten Stresssituation in Familien und damit auch mit einer erhöhten Stresswahrscheinlichkeit bei Kindern einher. Bemerkenswerterweise sind laut den Ergebnissen der Bepanthen Stress-Studie Kinder von Hausfrauen im Durchschnitt stärker gestresst als Kinder berufstätiger Mütter. Dabei gibt es statistisch gesehen keinen Unterschied, ob die Mütter Vollzeit oder Teilzeit beschäftigt sind. Zwar findet sich ein klarer sozio-ökonomischer Gradient – Mütter auf unteren sozialen Lagen sind deutlich seltener (vollzeit-)berufstätig als Mütter in höheren Soziallagen – gleichwohl bleibt der Befund bestehen, sobald man Aspekte sozialer Schichtung in die Berechnung mit einbezieht: Kinder von nicht-berufstätigen Müttern sind, unabhängig von ihrer sozialen Lage, im Durchschnitt stärker gestresst als Kinder berufstätiger Mütter. Diese Unterschiede sind nicht groß, aber statistisch eindeutig. Für die Männer ist der Befund laut den Studienergebnissen ebenfalls eindeutig: Kinder von Vollzeit erwerbstätigen Männern sind unterdurchschnittlich gestresst.

Hausfrauen vs. berufstätige Mütter

Bemerkenswert ist, dass Stresssymptomatiken wie Niedergeschlagenheit, gesundheitliche Sorgen, Kopfschmerzen oder Schwindelgefühle bei Hausfrauen häufiger vorkommen als bei berufstätigen Frauen. Zwischen vollzeit- und teilzeitbeschäftigten Müttern existiert diesbezüglich hingegen kein Unterschied. Daher ist es wenig verwunderlich, dass berufstätige Mütter häufiger von beruflich bedingten Belastungen sowie Leistungsdruck am Arbeitsplatz sprechen. Gleichzeitig erwähnen sie, im Vergleich zu nicht berufstätigen Müttern, deutlich seltener privaten Ärger sowie gesundheitliche oder finanzielle Probleme. Dies gilt gleichermaßen im Vergleich zu arbeitslosen Müttern als auch – wenngleich abgeschwächt – mit Blick auf Mütter, die als Hausfrauen tätig sind.

Zudem ist auch die subjektive Lebenszufriedenheit von Hausfrauen insgesamt niedriger als die von erwerbstätigen Müttern. Bei Vollzeit erwerbstätigen Müttern ist die subjektive Lebenszufriedenheit hingegen am höchsten. Hinsichtlich der Erziehungs- oder schulischen Probleme des Kindes gibt es dagegen keine statistisch relevanten Unterschiede zwischen den einzelnen Beschäftigungsgruppen. Lediglich im Falle von Arbeitslosigkeit (sowohl von Müttern als auch Vätern) können sämtliche Problemlagen stärker ausgeprägt sein.

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Auswirkungen auf die Kinder

Wie wirkt sich dies auf die Kinder aus? Im Haushalt tätige Mütter üben vergleichsweise hohen Erwartungs- und Erfolgsdruck auf ihre Kinder aus. Dies bestätigten auch die Kinder im Rahmen der Befragung für die Bepanthen Stress-Studie. Dies lässt sich darauf zurückführen, dass bei nicht erwerbstätigen Müttern der Wunsch, dass es den eigenen Kindern einmal besser gehen soll, deutlich stärker ausgeprägt ist als bei erwerbstätigen Müttern. Die „Förderbereitschaft“ der Eltern ist im Durchschnitt bei allen Befragten sehr hoch. Einzig bei Hausfrauen ist diese aber noch stärker ausgeprägt als bei erwerbstätigen Müttern. Gleichzeitig sorgen sich nicht erwerbstätige Mütter stärker darum, ihre Kinder nicht genug zu fördern. Dabei schätzen gerade berufstätige Mütter den finanziellen und vor allem zeitlichen Aufwand der Kinderförderung höher ein als Hausfrauen und empfinden diesen daher auch als größere Herausforderung. Gleichzeitig ist diese Gruppe weniger davon überzeugt, bei der Kindererziehung die eigenen Erwartungen zu erfüllen. Hinzu kommt, dass das Gefühl sich insgesamt erschöpft oder erschlagen zu fühlen bei berufstätigen Müttern insgesamt sichtbar stärker verbreitet ist als bei Müttern, die als Hausfrauen tätig sind. Fast 65% der Vollzeit erwerbstätigen Mütter geben an, sich häufig erschöpft oder erschlagen zu fühlen. Bei den Teilzeit Erwerbstätigen sind es knapp 55%, während nur rund 48% Hausfrauen die gleiche Erfahrung machen. Väter klagen deutlich seltener über diesen Zustand, und auch die Verteilung ist eine andere unter Männern: 39% der interviewten Vollzeit erwerbstätigen Väter bekunden, sich häufig erschöpft oder erschlagen zu fühlen. Von den nicht Vollzeit erwerbstätigen Vätern sind es indes 46%.

Nicht zu vergessen: Betrachtet man die Gesamtrealarbeitszeit von Eltern –insbesondere von Müttern – so ist der Anteil an Erziehungs-, Sorge- und Haushaltsarbeit, gemessen am Gesamtzeitbudget, tendenziell größer als der Anteil der Erwerbsarbeit. Zudem belegen die Daten der Bepanthen Stress-Studie, dass die geschlechtsspezifische Verteilung dieser Aufgaben in Zwei-Elternhaushalten nach wie vor ungleich verteilt ist. So ist der Anteil von Vollzeit erwerbstätigen Vätern, die sich häufig erschöpft oder erschlagen fühlen, immer noch geringer als der Anteil nicht erwerbstätiger Mütter, die die gleiche Erfahrung machen. Auch sind Vollzeit erwerbstätige Mütter stärker betroffen als Väter insgesamt. Die Frage der Gestaltung und Verteilung von Erziehungs-, Sorge- und Haushaltsarbeiten ist und bleibt daher eine sehr ernst zu nehmende Herausforderung. Schnell wird klar, dass vor allem berufstätige Mütter belastet sind. Diese Form der (Doppel-) Belastung scheint sich jedoch nicht in Form von Stress auf die Kinder niederzuschlagen.

Hohe Ansprüche an die Kinder

Im Vergleich zu berufstätigen Müttern erfahren Mütter, die im Haushalt tätig sind, ihre familialen Aufgaben dennoch in vielerlei Hinsicht als stärkere Belastung. Zwar sind sie im Vergleich zu berufstätigen Müttern häufiger davon überzeugt, den eigenen Ansprüchen bei der Kindererziehung gerecht zu werden, allerdings sind diese Ansprüche vergleichsweise höher gesteckt. Oftmals sind die Ansprüche an sich selbst auch stark erfolgsorientiert, wodurch ein Erwartungsdruck aufgebaut wird, den selbst Kinder wahrnehmen. Dies dürfte ein wichtiger Grund dafür sein, dass auch das Stressrisiko bei Kindern von Hausfrauen statistisch betrachtet höher ist als das Stressrisiko von Kindern berufstätiger Mütter.

Es wäre absurd, aus diesen Befunden einen Vorwurf gegenüber Müttern, die im Haushalt tätig sind, abzuleiten. Die Resultate legen vor allem nahe, dass die Berufstätigkeit von Eltern/Müttern sich keinesfalls „schädlich“ auf Kinder und deren Stresssituation auswirkt. Dabei darf allerdings nicht außer Acht gelassen werden, dass die befragten berufstätigen Mütter im Durchschnitt weniger Kinder haben als die befragten Hausfrauen. Dabei scheinen zahlreiche Belastungen im Familienleben mit der Anzahl der Kinder zusammen zu hängen. Dieser Zusammenhang wird (erfreulicherweise) aus Sicht der Kinder nicht wahrgenommen, wohl aber von den Eltern.

Zusammenfassung

Insgesamt lässt sich aus den oben genannten Ergebnissen schließen, dass Elternschaft ein häufig beglückender aber eben auch ein stressgefährdeter Job ist. Nach wie vor sind es vor allem die Mütter, die ihre Karriere zurückstellen, um die notwendigen Erziehungs- Haushalts- und Sorgeaufgaben zu verrichten. Für Eltern – und hier wiederum empirisch vor allem für Mütter (nicht aufgrund des Geschlechts, sondern basierend auf den vorherrschenden Geschlechterrollen) – hat dies nicht nur finanzielle, sondern auch zeitliche und eben auch stressbezogene Auswirkungen. Erziehungs- und Sorgeaufgaben sind daher nicht nur ein „Privatvergnügen“, sondern eine wesentliche gesellschaftliche Aufgabe. Es ist weder fair noch klug, Eltern mit dieser Aufgabe allein zu lassen. Erziehungs- und Sorgeaufgaben und damit auch die Frage nach familialem Stress ist mindestens genauso eine gesellschaftspolitische Gestaltungsfrage.

Der Forschungsauftrag zur Stress-Studie der Bepanthen-Kinderförderung liefert bedeutende Ergebnisse, in dem dieser aufzeigt, dass das Stressniveau bei Kindern in „klassischen Familienmodellen“ höher ausfällt als in anderen Familienstrukturen.

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Über die Bepanthen Kinderförderung

Die Bepanthen-Kinderförderung setzt sich seit 2008 für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche in Deutschland ein und unterstützt das Kinderhilfsprojekt „Die Arche e.V.“ jährlich mit einer Geldspende und auf die Bedürfnisse der Kinder zugeschnittene Förderprogramme. Schirmherrin der Initiative ist Dipl.-Päd. Katia Saalfrank. Alle zwei Jahre und in Kooperation mit der Universität Bielefeld führt die Bepanthen-Kinderförderung repräsentative Studien durch, die aktuelle Problemlagen von Kindern und Jugendlichen in Deutschland untersuchen und Lösungsansätze vermitteln.
Die aktuelle Stress-Studie 2015 beschäftigt sich mit der Überlastung und Überforderung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Weitere Informationen finden Sie unter www.kinderförderung.org

Fotos: oben © kreus (fotolia) // Rest © Bepanthen

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