Familienleben

Deutschlands Geburtenrate sinkt weiter – aber nicht, weil Paare keine Kinder wollen

2231 min

Eine Reaktion auf den ZEIT-Artikel vom 2. Januar 2026

Am 2. Januar 2026 erschien in der ZEIT ein Beitrag zur sinkenden Geburtenrate in Deutschland, der unter anderem auf Aussagen der Wirtschaftsnobelpreisträgerin Claudia Goldin Bezug nimmt. Für Daddylicious haben wir die aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes analysiert, aktuelle Forschungsergebnisse ausgewertet und uns angeschaut, was wirklich hinter dem Geburtenrückgang steckt, immer mit besonderem Fokus auf die Perspektive von Vätern und Familien.

Die harten Fakten: Geburtenrate auf historischem Tiefstand

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: 2024 wurden in Deutschland nur 677.117 Kinder geboren, etwa 16.000 weniger als im Vorjahr. Die Geburtenrate sank laut Statistischem Bundesamt auf 1,35 Kinder pro Frau, bei Frauen mit deutscher Staatsangehörigkeit sogar auf nur 1,23. Das ist der niedrigste Wert seit 1996. Und der Trend setzt sich fort: In den ersten neun Monaten 2025 wurden bereits 4,3 Prozent weniger Kinder geboren als im Vergleichszeitraum des Vorjahres.

Besonders dramatisch: Der Rückgang hat sich seit 2021 massiv beschleunigt. Damals lag die Geburtenrate noch bei 1,58 Kindern pro Frau. Innerhalb von nur drei Jahren ist sie um fast 15 Prozent gefallen. Experten vom ifo Institut sprechen von einem „massiven Rückgang„, der vor allem durch die Coronakrise, den Ukraine-Krieg und die nachfolgende Inflation ausgelöst wurde.

Paradox: Teilzeit und Unterstützung – aber wenig Kinder

Die renommierte Ökonomin Claudia Goldin, die 2023 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhielt, zeigt sich über die deutsche Situation irritiert. In einem Interview mit dem Handelsblatt im November 2025 sagte sie: „Die Geburtenrate in Deutschland müsste viel höher sein.“ Angesichts der hohen Teilzeitquote von Frauen – eine der höchsten in Europa – und umfangreicher staatlicher Familienleistungen sei es ihr ein Rätsel, warum die Geburtenrate so niedrig ausfalle.

Goldin identifiziert ein grundlegendes Problem: den hohen sozialen Druck auf Mütter. „In Deutschland ist der soziale Druck, als ‚gute Mutter‘ möglichst lange zu Hause zu bleiben, immer noch hoch„, erklärt die Harvard-Professorin. Diese Diskrepanz zwischen staatlicher Unterstützung und gesellschaftlichen Erwartungen sei einer der Gründe für die niedrige Geburtenrate.

Ihr Rat an junge Frauen, die Beruf und Familie vereinbaren wollen, ist pragmatisch: „Heirate einen Mann, der bereit ist, sich genauso viel um Kinder zu kümmern wie du.“ Damit betont Goldin, dass partnerschaftliche Aufteilung von Care-Arbeit im privaten Umfeld beginnt, nicht erst in der Arbeitswelt.

Der Kinderwunsch ist da – die Umsetzung scheitert

Eine Auswertung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) aus dem Sommer 2025 zeigt: Es fehlt nicht am Willen, Kinder zu bekommen. Frauen wünschen sich im Schnitt 1,76 Kinder, Männer 1,74. Also deutlich mehr, als tatsächlich geboren werden. Der sogenannte „Fertility Gap“, die Lücke zwischen gewünschter Kinderzahl und Realität, hat sich zwischen 2021 und 2024 bei Frauen sogar verdoppelt.

Kinder zu bekommen bleibt ein zentrales Lebensziel für die meisten jungen Menschen„, erklärt die Bevölkerungsforscherin Dr. Carmen Friedrich vom BiB. Der aktuelle Geburtenrückgang zeige keinen Rückgang der Familienorientierung, sondern vielmehr ein Aufschieben von Geburten. Gleichzeitig sank die konkrete Absicht, in den nächsten drei Jahren ein Kind zu bekommen, bei 30- bis 39-Jährigen deutlich – von 28 auf 24 Prozent bei Frauen.

Die Forschenden vermuten als zentralen Erklärungsfaktor eine subjektiv empfundene Unsicherheit bei jungen Erwachsenen, die sich aus der Kombination internationaler Krisen – Pandemie, Krieg, Inflation – ergibt.

Strukturelle Hürden: Wo es wirklich hakt

Die Probleme liegen nicht bei den Eltern, sondern in den Rahmenbedingungen. Studien nennen regelmäßig drei Hauptgründe für ausbleibende oder aufgeschobene Geburten:

Ökonomische Unsicherheit: Hohe Wohnkosten treffen besonders junge Familien in Städten, wo Arbeitsplätze und Betreuungsangebote konzentriert sind. Befristete Jobs und unsichere Einkommenssituationen erschweren langfristige Familienplanung.

Betreuungslücken: Zwar gibt es rechtliche Ansprüche auf Kita-Plätze und Ganztagsbetreuung, doch die Umsetzung vor Ort hinkt oft hinterher. Eltern müssen improvisieren, wenn Öffnungszeiten nicht zu Arbeitszeiten passen oder Plätze schlicht fehlen.

Arbeitswelt-Realität: Die Vollzeitnorm in Kombination mit Präsenzkultur macht es schwer, dass beide Elternteile gleichzeitig fair arbeiten und sich kümmern können. Väter, die Arbeitszeit reduzieren wollen, stoßen häufig auf Widerstand, Teilzeit gilt als „Karriere-Aus“.

Das Konzept der „gierigen Arbeit“

Claudia Goldin prägte für dieses Phänomen den Begriff der „gierigen Arbeit“ – eine Arbeitswelt, die Überstunden und konstante Verfügbarkeit belohnt und damit Zeit für Familie bestraft. Arbeitsplätze mit nichtlinearer Entlohnung belohnen überproportional diejenigen, die besonders lange arbeiten. Meist handelt es sich dabei um Positionen im oberen Lohnsegment.

Diese Struktur trifft Väter und Mütter unterschiedlich: Väter stehen in der Versorgerfalle, Mütter in Teilzeit- und Karrierefallen. Beide gemeinsam landen im Mental-Load-Hamsterrad. Solange die Norm ist, dass Mütter ihre Arbeitszeit reduzieren und Väter „mithelfen“, aber nicht wirklich gleichberechtigt Care-Arbeit übernehmen, bleiben weitere Kinder auf der Strecke.

Ein Vergleich mit anderen Ländern zeigt: Seit den 1990er-Jahren gibt es einen positiven Zusammenhang zwischen Frauenerwerbsquote und Geburtenrate. In Ländern, in denen Frauen und Mütter stärker berufstätig sind – etwa in Skandinavien, Frankreich oder Australien – bekommen sie auch mehr Kinder. Der entscheidende Faktor ist die tatsächliche Vereinbarkeit von Beruf und Familie durch bessere Rahmenbedingungen.

Nicht Akademikerinnen, sondern fehlende dritte Kinder

Ein weiteres hartnäckiges Vorurteil wird durch Forschung widerlegt: Der Geburtenrückgang liegt nicht primär an kinderlosen Akademikerinnen in Großstädten. Bevölkerungswissenschaftler des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung haben ermittelt, dass 68 Prozent des Geburtenrückgangs auf den Rückgang von Geburten des dritten oder weiteren Kindes zurückzuführen sind und nur 25,9 Prozent auf zunehmende Kinderlosigkeit.

Hier spielen gesellschaftliche Normen und die Anerkennung kinderreicher Familien eine wichtige Rolle. Selbst wenn sich die Kinderlosigkeit halbieren würde, läge die Geburtenrate nur bei 1,7 und somit noch immer deutlich unter dem Bestandserhaltungsniveau von 2,07 Kindern pro Frau.

Was Familien wirklich bräuchten

Die Lösung liegt nicht in moralischen Appellen an Eltern oder in weiteren Ratgebern zur Work-Life-Balance. Notwendig sind strukturelle Veränderungen:

Verlässliche Betreuung: Ausreichend lange Betreuungszeiten, die zu typischen Arbeitszeiten passen, auch in Randzeiten und Ferien. Der 2026 greifende Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in Grundschulen ist ein Schritt, reicht aber nicht aus.

Arbeitgeber-Kulturwandel: Echte Familienfreundlichkeit bedeutet planbare Arbeitszeiten, reduzierbare Stunden ohne Karrierebruch und einen Kulturwandel bei Führungskräften. Flexible Arbeitsmodelle müssen für beide Elternteile gleichermaßen möglich und akzeptiert sein.

Planungssicherheit: Familienleistungen wie Kindergeld und Wohngeld sind wichtig, lösen aber nicht die grundlegenden Vereinbarkeitsprobleme. Bezahlbarer Wohnraum in Städten ist für viele junge Familien die größte Hürde.

Partnerschaftliche Aufteilung: Echte partnerschaftliche Aufteilung von Erwerbs- und Care-Arbeit muss zur Norm werden. Das bedeutet auch: Elternzeit und Teilzeit dürfen für Väter nicht länger als Karrierekiller gelten. Beide Elternteile sollten gleiche Chancen und gleiche Verantwortung haben.

Europäischer Trend mit deutschen Besonderheiten

Deutschland steht mit dem Geburtenrückgang nicht allein da. In der gesamten EU sank die durchschnittliche Geburtenrate von 1,51 Kindern pro Frau (2013) auf 1,38 (2023). Länder wie Japan und Südkorea kämpfen mit noch drastischeren Entwicklungen, Südkorea erreichte 2024 einen historischen Tiefstand von nur 0,75 Kindern pro Frau.

Doch die deutsche Situation hat ihre Besonderheiten: Die Kombination aus hoher Teilzeitquote von Müttern, starken gesellschaftlichen Erwartungen an „gute Mütter“ und gleichzeitig unzureichender struktureller Unterstützung schafft ein Umfeld, in dem Kinderwünsche systematisch aufgeschoben oder ganz aufgegeben werden.

Martin Bujard vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung warnt beim ZDF: „Die langfristigen Folgen niedriger Geburtenraten für Arbeitsmarkt, Sozialsysteme und Wirtschaftswachstum werden häufig noch unterschätzt.“ Die demografischen Herausforderungen würden durch Zuwanderung nur bedingt ausgeglichen.

Fazit: Strukturen ändern, nicht Eltern belehren

Wenn Politik und Gesellschaft mehr Kinder wollen, müssen sie dafür sorgen, dass Eltern die Kinder, die sie haben oder gerne hätten, ohne dauernden Kontrollverlust begleiten können – finanziell, zeitlich und emotional.

Es fehlt nicht an Kinderwunsch. Es fehlt nicht an Lust auf Familie. Es fehlt an Planbarkeit, bezahlbarem Wohnraum, verlässlicher Betreuung und einer Arbeitswelt, die echte Vereinbarkeit ermöglicht statt nur zu versprechen. Solange diese strukturellen Probleme nicht gelöst werden, werden Paare weiter Kinderwünsche aufschieben oder ganz darauf verzichten.

Die Botschaft an Politik und Arbeitgeber ist klar: Nicht die Eltern müssen sich ändern, sondern die Rahmenbedingungen. Nur so lässt sich das Paradox auflösen, das Claudia Goldin irritiert: ein Land mit viel staatlicher Unterstützung, aber zu wenig Kindern.

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