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Nicht nur Kinder entdecken die Welt. Auch für die Mamas und Papas tun sich plötzlich völlig neue Horizonte auf, wenn sie mit ihren Zwergen den Abenteuerspielplatz des Lebens ein zweites Mal betreten. Seien es die zahlreichen Deja-Vus, oder eben die ganz neuen Erlebnisse, die einem, mal geplant, mal unverhofft begegnen, wenn man mit dem Nachwuchs auf Entdeckungstour geht. Heute also der Selbstversuch „Spielzeit“.

Krabbelgruppe Babies
Ziel dieser jeweils acht einstündigen Kurse soll es sein, Eltern und Kinder in spielerischen Bewegungen einander näher zu bringen sowie ein erstes Miteinander der Kleinen untereinander anzustoßen. Angeboten werden diese Kurse bei uns im Kiez in den Räumlichkeiten einer Hebammenpraxis, geleitet von entsprechend qualifiziertem Personal. Manduka um-, und das mittlerweile ins Eisbärenkostüm verpackte Töchterchen vorgeschnallt, mache ich mich auf den Weg. Ein Mix aus Neugier, Papaliebe, dem Angebot an meine Frau, ihr mal die ein oder andere „Mutterpflicht“ abzunehmen und die Aussicht auf ein wenig Substanz für einen kurzen Artikel treiben mich an. Wie viele dieser oder ähnlicher Einrichtungen hier in Berlin wie z.B. Kitas, ist auch die Hebammenzeit in einer umgebauten Parterre-Wohnung untergebracht, in diesem Fall angenehm versteckt, weil nicht direkt von der Straße einsehbar, in einem der typischen Hinterhöfe der Stadt.

Ich solle mir ein T-Shirt (Und nicht, wie sonst, einen Wifebeater, oder politisch korrekt: Athletic Shirt) drunter ziehen, denn es sei sehr warm dort, gab mir meine Frau noch mit auf den Weg. Als ich den Flohzirkus schließlich betrete, stelle ich fest: a.) die Gruppe ist, zumindest an diesem Tag, mit fünf Kiddies plus Anhang und Leiterin Anja eher ein Grüppchen. Sehr angenehm. Zwar finde ich mich generell überall schnell gut zurecht, doch das sich „zum-Esel-machen“-Risiko ist bei solchen Veranstaltung ziemlich hoch. Und wenn´s nur die viel zu vielen neuen Namen sind, die man bereits in jenem Moment wieder vergessen hat, wenn sich das nächste neue Gesicht vorstellt. b.) mit mir und zwei weiteren Daddies ist das vermeintlich starke Geschlecht überraschend stark vertreten. Frau Schwarzer hätte ihre Freude. Der eine Typ ist Norweger und versteht kein Wort. Schönes Ding. c.) es ist tatsächlich sehr warm hier!

Die stolze Raumtemperatur ist in dem Anliegen begründet, dass die Kleinen diesen Kurs möglichst nackig bzw. nur mit einer Windel „bekleidet“ bestreiten sollen, um ein intensiveres Körpergefühl zu erfahren bzw. zu entwickeln und frei von einengenden Klamotten strampeln zu können. Ich nehme direkt mal vor einem der beiden Heizlüfter Platz. Da ich schon beim Sportschau gucken Schweißattacken kriege, kleben mir die Klamotten bereits nach wenigen Minuten triefnass am Leibe. Der Anblick der unfreiwillig komischen Szenerie aber entschädigt voll und ganz: ein Knäuel roséfarbener, tollpatschig umhertrollender Nichtskönner, nebulös glucksend und quiekend, ist schlicht ein Bild für die Götter!

Krabbelgruppe Babies
Der Kurs beginnt mit einer kurzen Vorstellung der Anwesenden nach bewährter „Ich-packe-meinen-Koffer“-Methode, wobei man seinem Sprössling und sich je ein Attribut zuordnen soll, und dies bitte in Form einer Alliteration. Da ich bzw. wir in etwa mittig dran sind, schaffe ich es noch so gerade, mir sämtliche Namen und Eigenschaften unserer Vorgänger zu merken, um mich schließlich als „komischen Carsten mit C“ vorzustellen. Naja. Solange ich diesen Kalauer nicht gleich nachtanzen muss, denke ich… Anschließend legen wir die Pupsies auf die beiden, zu einem Kreis geformten, Stillwürste. In deren Mitte liegen mit klackerndem Gedöns gefüllte, durchsichtige Plastikkugeln und zahllose Deckel von Alete-Gläsern. Warum? Wahrscheinlich aus dem selben Grund, warum sich Kiddies bunte Wäscheklammern zum spielen aussuchen, obwohl sie auch flauschige Stoff-Äffchen haben könnten. Man kann ihnen Mattel, Lego oder Müll zum spielen geben und nie sicher sein, woran sie am meisten Freude haben. Kleine Punks, unkonventionell und immer für liebenswerte Überraschungen gut – einer von vielen zahllosen Dingen, die Kinder-haben in meinen Augen so wunderbar machen!

Es folgt ein Singspiel mit Namen „Zappelfinger-Vers“ unter Leihe der Melodie des Vor-68er-Klassikers „10 Kleine Negerlein“. Im Kern wird dabei im Stehen, die Kleine auf dem Arm, logisch: gesungen, und mit den Fingern, ja, gezappelt… „auf und nieder – immer wieder“, „spielen gern Versteck – sind auf einmal weg“, „hurra …– wieder da!“ Dass die Kleinen vermeintlich nicht checken, was da eigentlich vor sich geht, ist offensichtlich. Trotzdem. Jeder Mensch, der ein Mindestmaß an Empathie mitbekommen hat, kann fühlen, wie hier ersten Pflänzchen der Sozialisation gezogen werden. Es folgt das nächste Sing- und diesmal auch Tanzspiel. Ich bin nicht sicher, ob ich in den späten Siebzigern ebenfalls schon zu „Brüderchen, komm tanz mit mir“ durch die Gegend gewirbelt wurde, oder mir dies nur einbilde. Zweifelsohne jedoch stelle ich fest, dass ich in früheren Zeiten weit höher singen konnte, als heute. Kleiner Tipp: setzt bei solchen Gelegenheiten euer Trällern möglichst tief an; am Ende könnt´s nach oben hin ziemlich erbärmlich werden. Auch ist man(n) besser beraten, zunächst mal etwas leiser zu singen – siehe „sich-zum-Esel-machen“ oben…

Es folgen weitere, rührend-putzige Singspiele, die alle darauf abzielen, die Kinder auch visuell abzuholen: Mal wird „Karussell“ gefahren, mal mit dem kleinen Frosch und dem großen Bär „geschaukelt“, und schließlich der Löwe gejagt, wobei man einen See „durchschwimmen“, oder Feuer „auspusten“ muss, um am Ende doch „schnell weg zu laufen“. Apropos schnell weg: Meine Kleine stellt auf der Zielgeraden fest, dass sie überhaupt keine Lust mehr hat auf das ganze Spektakel, und auch der ein oder andere „Hoppereiter“ scheint für diesen Tag genug zu haben. Die halbe Gruppe weint jetzt, während Papa die Schweißtropfen mittlerweile aus den Achselhöhlen kleckern. Während ich nicht weiß, ob ich zuerst mich oder mein Töchterchen anziehen, oder ihr doch besser vorher schon ein Fläschchen gegen die schlechte Laue fertig machen soll, zaubert die mir gegenüber sitzende Blondine non-charlant eine ihrer Milchtüten aus der Bluse und löst die Nörgelei Ihres Kleinen auf ihre Weise. Ich stelle fest: Wir müssen los.

Fazit

Ein solcher Kurs kann dem Nachwuchs nur gut tun: frühstmögliche Berührung mit anderen Kindern und Erwachsenen außerhalb der Familie, insb. wenn einer der Elternteile dabei ist, dürfte jedem Sprössling helfen, sich „dem Leben von morgen“ anzunähern. Impulse wie Gesang oder Bewegungen in freundlicher Umgebung dürften ihr Übriges tun, die Kinder in ihrer geistigen Entwicklung zu fördern. Außerdem, hebt meine Frau immer gerne hervor, sei es schön, wie müde die Kleine immer nach der Spielzeit ist und sich regelmäßig auf mindestens zwei Stunden Mittagsschaf freut. Und nicht nur die … Mal abgesehen davon gibt es nichts Schöneres und Wertvolleres, als mit seinem Kind etwas Spannendes zu unternehmen, dabei seine Reaktionen zu beobachten und möglichst viel Spaß dabei zu haben. Der achtwöchige bzw. –stündige Kurs liegt hier bei fairen €75.

In der letzten Stunde wäre Planschen angesagt gewesen. Aber das übernimmt erstens wieder meine Frau, zweitens werde ich meine nächsten Erfahrungsbericht übers Babyschwimmen schreiben. Bis dahin: „Kinder an die Macht!“

Fotocredits: Carsten Bauer, Titelbild: ©Hans-Jörg Nisch – Fotolia.com

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