wie kinderfreundlich sind wir

Wie kinderfreundlich ist Deutschland wirklich?

Wie Ihr vielleicht mitbekommen habt, schreiben Mark und ich seit drei Wochen für stern.de. In einem Daddylicious-Gastblog dürfen wir einmal pro Woche ein Thema für Väter veröffentlichen. Das ist für uns eine große Ehre. Aber auch eine Verpflichtung. Denn plötzlich nimmt unsere Leserschaft dramatisch zu. Und damit auch die Angriffsfläche. Letzte Woche zeigte sich, wie eine Lawine losgetreten werden kann. Unbeabsichtigt.


Mein Beitrag am letzten Mittwoch hieß Lassen sie mich durch, ich bin Vater und sollte lediglich ein Plädoyer sein für etwas mehr Hilfsbereitschaft im Alltag. Ich komme recht gut allein klar und trage den Kinderwagen mit Tochter drin wenn es sein muss auch eine steile Treppe hoch. Oder buckel Kind und Gefährt in den Bus. Und ich bin sicherlich auch keiner dieser Väter, die der Meinung sind, mit Kind unter’m Arm nun plötzlich alle Rechte zu besitzen und sich überall vordrängeln zu müssen. Auch wenn der Titel vielleicht darauf schließen ließ. Es braucht eben provokante Headlines, damit die Besucher auch weiterlesen. Insofern war der Text unterhaltsam und sollte nur etwas zum Nachdenken anregen.

stern teaser

Ich weiss, dass Kommentare zu Beiträgen meist von den Leuten kommen, die etwas zu meckern haben. Denn Zustimmung erfordert ja eigentlich keine Reaktion. Und Lob zu Artikeln ist auch eher selten. Ich war also auf kritische Worte vorbereitet. Aber gleich der zweite Kommentar von Holly Golightly erwischte mich dann doch recht heftig:

„Mimimi, Univeral-Waschlappen, bleib doch mit Deiner Brut zu Hause und schau Disney-Channel wenn Dir das Leben draußen mit Kinderwagen zu anstrengend ist.“


Das Wort „Brut“ erschien mir unangebracht. Und auch der ganze Ton war mir in Verbindung zu diesem Text etwas zu aggressiv. Da der Leser jedoch nachts um kurz nach vier geschrieben hat, habe ich es auf Alkohol oder schlechte Laune wegen Schlaflosigkeit geschoben. Allerdings ging es am nächsten Morgen mit Leser Hurdy Gurdy Man weiter:

„Ich hab mir das gut überlegt, ob ich Kinder will oder nicht. Und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass Empfängnisverhütung was ganz Tolles ist. Und dann soll ich mir die Probleme aufhalsen, die andere Leute mit ihren Bälgern haben? Nö. Kommt gar nicht in Frage.“

Den Rest erspare ich Euch. Auf jeden Fall war ich sprachlos. Fühlte mich falsch verstanden und verlor dazu gerade den Glauben an die Kinderfreundlichkeit in Deutschland. Zuerst wollte ich selbst auf die Kommentare reagieren. Aber eigentlich sah ich keinen Grund, mich zu rechtfertigen. Denn ich fand meinen Text immer noch passend. Daher gab ich der anlaufenden Diskussion noch etwas Zeit.

Zum Glück kamen dann immer mehr Reaktionen von Lesern dazu, die ähnlich geschockt waren wie ich selbst von den teilweise sehr hart formulierten Meinungen gegenüber Eltern und Ihren Kindern. Sicherlich gibt es diese Art von Eltern, die ihr Kind als Freifahrtschein sehen, um nun rücksichtslos und fordernd durchs Leben zu poltern. Die habe ich selbst auch auf dem Kieker. Aber alles in allen wünsche ich mir nach diesen Erfahrungen mehr als jemals zuvor, dass Deutschland in Sachen Kinderfreundlichkeit mal etwas aufholt und sich an Ländern wie Dänemark, Spanien und Holland ein Beispiel nimmt. Dort haben Kinder und deren Eltern einen deutlich höheren Stellenwert als bei uns, wie eine Umfrage vor gut einem Jahr ergeben hat. Und das betrifft nicht nur die Wohnungssuche, eine flexible Job-Regelung oder Kinderbetreuung, sondern insbesondere auch die Akzeptanz durch die Mitmenschen.