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RatgeberFamilienlebenAchtung: Große WhatsApp-Gruppen sind eine Gefahr für Kinder

Achtung: Große WhatsApp-Gruppen sind eine Gefahr für Kinder

Diese Sache mit der Erziehung ist wirklich tricky, denn in so vielen Dingen brauchen Eltern ein gutes Fingerspitzengefühl und viel Aufmerksamkeit, um ihre Kinder zu schützen und zu erziehen. Die Mediennutzung im Allgemeinen und Social Media im Besonderen sind eine große Herausforderung, denn sie erfordern Medienkompetenz der Kinder und können im schlimmsten Fall ein Tor sein für Menschen, die nicht nur Gutes im Schilde führen. Kürzlich sind wir über ein Interview insbesondere zu WhatsApp-Gruppen gestolpert, welches wir sehr wichtig finden. Daher haben wir es für euch aufbereitet.

Spätestens in der Grund- oder weiterführenden Schule bekommen Kinder heute ihr erstes eigenes Smartphone. Das wird nicht nur von der Schule zum Abruf von Informationen vorausgesetzt, sondern vereinfacht auch den Austausch und Verabredungen der Schüler*innen untereinander. Nicht selten versammeln sich auch ganze Schulklassen in WhatsApp-Chatgruppen, um Aktivitäten zu planen oder sich auszutauschen. Und dann ist es nur ein Klick bis in die Untiefen des Internets. Denn viele Eltern haben schon erlebt, dass ihre Kinder plötzlich in WhatsApp-Gruppen mit knapp tausend Mitgliedern gelandet sind und das Handy quasi im Sekundentakt über eingehende Nachrichten informiert. Da können schnell tausende Nachrichten in wenigen Minuten im Chat landen.

Und leider geht es dabei gar nicht immer nur lustig zu, denn genau diese großen WhatsApp-Gruppen sind mittlerweile auch in den Fokus von Cyberkriminellen gerückt. Das Phänomen ist allerdings noch ziemlich neu, daher tappt auch die Kriminalpolizei teils noch im Dunkeln, wie diese Fälle bearbeitet und verhindert werden können. Hinter diesen großen WhatsApp-Gruppen könnten sich Trolle verbergen. Sie sind aber auch ein Sammelbecken für Rechtsextreme und Pädokriminelle*, die sich so Zugang zu Minderjährigen verschaffen. Das Fatale an diesem digitalen Kanal ist, dass die Kriminellen auf einen Schlag hunderte oder tausende persönliche Telefonnummern von Kindern und Jugendlichen einsammeln. Und das Verlassen so einer Gruppe bietet keinen Schutz, denn die Telefonnummern bleiben danach in der Gruppe sichtbar.

Social Media und WhatsApp sind ein gefährliches Pflaster für Kinder und Jugendliche
© Florian Schmetz (Unsplash)

Die Eltern sind gefordert, um ihren Nachwuchs im digitalen Raum zu schützen, denn einen funktionierenden Jugendschutz gibt es bisher im Netz leider nicht. WEB.DE-News hat sich mit Digitaltrainerin Sandra Weiss ausführlich über die Gefahr großer WhatsApp-Gruppen ausgetauscht. Wichtig sind aber nicht nur die richtigen Klicks und Einstellungen an den Geräten, sondern auch ein offenes Gespräch mit den Kindern. Gerade Kontaktaufnahmen und Einladungen von Unbekannten sollten immer mindestens bei den Eltern gemeldet werden. Mehr Infos jetzt im Interview.

Experten-Interview zu WhatsApp-Gruppen von Kindern

Frau Weiss, „Füge jeden zu dieser Gruppe hinzu, den du kennst“ – so oder so ähnlich heißen WhatsApp-Gruppen, zu denen vor allem Kinder und Jugendliche ungefragt hinzugefügt werden. Tatsächlich lauern in diesen Chats Gefahren, da die Nutzerinnen und Nutzer binnen Sekunden mit unzähligen Nachrichten oder unseriösen Stickern zugespammt werden. Was steckt hinter solchen Gruppen?

Sandra Weiss: Das ist gar nicht so einfach zu beantworten: Manchmal werden sie einfach nur von sogenannten „Trollen“ ins Leben gerufen – also Menschen jeden Alters, denen nur daran liegt, im Internet möglichst viel Unruhe und Chaos zu verbreiten. Möglicherweise könnten aber auch Rechtsextreme, Pädokriminelle* oder andere kriminelle Gruppierungen hinter diesen Gruppen stecken. Das Phänomen der Riesen-WhatsApp-Gruppen ist noch so neu, dass auch Kriminalbeamte, mit denen wir gesprochen haben, teilweise noch im Dunkeln tappen.

Die Gruppen werben damit, ein vermeintlich gemeinschaftliches Ziel von 1.000 Mitgliedern zu erreichen.

Richtig. Die maximale Anzahl an Mitgliedern in WhatsApp-Gruppen beträgt aktuell 1.024 Mitglieder, da möchte man möglichst nah herankommen. In vielen Fällen gelingt das auch, zumindest fast: Mir ist aufgefallen, dass die Gruppen in den meisten Fällen um die 950 Mitglieder zählen, weil immer einige Kinder wieder die Gruppe schnell verlassen.

Kein Wunder: Sie wurden in kürzester Zeit von einer schieren Flut an Nachrichten überschwemmt – wir sprechen hier von mehr als 1.000 Nachrichten in den ersten fünf Minuten!

„Schafft es ein Pädokrimineller in eine solche Gruppe, erhält er auf diesem Weg die persönliche Telefonnummer von Hunderten oder gar Tausenden Kindern und Jugendlichen.“

Digitaltrainerin Sandra Weiss

Ist mit dem Austritt aus der Gruppe die Gefahr nicht gebannt?

Nein, ist es leider nicht. Alle Gruppenmitglieder können bei WhatsApp die Telefonnummer aller anderen Gruppenmitglieder einsehen, selbst wenn diese nur kurz in der Gruppe waren. Schafft es beispielsweise ein Pädokrimineller in eine solche Gruppe, erhält er auf diesem Weg die persönliche Telefonnummer von Hunderten oder gar Tausenden Kindern und Jugendlichen.

Hierzu kann ich von einem Erlebnis während eines meiner Workshops erzählen: Ein Schüler zeigte mir eine Nachricht aus der WhatsApp-Gruppe, in der die Kinder nach ihrem Alter und der Schule, die sie besuchen, gefragt werden. Dass die Nachricht morgens gegen 10.30 Uhr eingegangen ist, lässt darauf schließen, dass sie nicht von einem Kind verschickt wurde, das gerade im Unterricht sitzt.

Wir sprechen hier also von dem Verdacht des Cybergroomings: Die große Gefahr, dass in diesen WhatsApp-Gruppen pädokriminelle Menschen stecken, die versuchen, das Vertrauen von Kindern und Jugendlichen zu gewinnen, um am Ende sexuelle Handlungen vorzubereiten.

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© Marcos Paulo Prado (Unsplash)

Was ist mit anderen „verbotenen“ Inhalten?

Ich habe verschiedene Chatverläufe von Schülerinnen und Schülern, die den Gruppen hinzugefügt wurden, gesichtet. Rechtsextremes Material habe ich während des Durchscrollens nicht gefunden, aber sexualisierte Inhalte, wie pornographische Memes, GIFs und Videos.

Wie hoch ist die Hemmschwelle der Kinder, die Gruppe wieder zu verlassen? Immerhin werden sie in der Regel von Kontakten aus ihrem Adressbuch zu den Gruppen hinzugefügt, sodass zunächst ein gewisses Vertrauen in die Gruppe besteht, oder?

So ist es. Dennoch ist mein Eindruck, dass sich viele Kinder auf ihr Bauchgefühl verlassen und die Gruppen schnell wieder verlassen. Dabei haben sie nicht unbedingt Bedenken bezüglich pädokrimineller Inhalte, sondern fühlen sich in erster Linie von der anonymen Nachrichtenflut belästigt.

Tipp: Diese WhatsApp-Einstellung kann helfen

In den „Einstellungen“ lässt sich das Risiko reduzieren, ungefragt zu Gruppen hinzugefügt zu werden. Unter „Datenschutz“ – „Gruppen“ findet sich die Karte „Wer kann mich Gruppen hinzufügen?“. Markieren Sie hier unter „Meine Kontakte außer …“ alle Kontakte, kann der Einlader Ihnen lediglich eine Gruppeneinladung schicken, statt Sie einfach hinzuzufügen. Erst wenn Sie diese Einladung angenommen haben, sind Sie Teil einer Gruppe.

Bekommen die Lehrkräfte an den Schulen etwas von diesen Gruppen mit?

In der Regel eher nicht. Die Eltern, Lehrkräfte und die Schulleitungen der betroffenen Schulen hier in München waren sehr dankbar, dass die Verbreitung der Gruppen aufgedeckt wurde und entsprechend in unseren Workshops aufgearbeitet werden konnte. Weil wir die Kinder auf gar keinen Fall bestrafen, bringen sie uns Digitaltrainerinnen und -trainern oft großes Vertrauen entgegen.

In unseren Workshops erklären wir den Kindern anhand von konkreten Beispielen, wie es zu solchen Anbahnungen kommen kann, denn hier steht an oberster Stelle, dass die Kinder Bescheid wissen und sich nicht manipulieren lassen!

Denn leider ist Cybergrooming ein generelles Problem: Auf sämtlichen Social-Media-Plattformen, in Online-Spielen – auf Smartphones, PCs und Konsolen – sowie auf frei zugänglichen Webseiten. Überall da, wo es einen Online-Chat gibt, besteht potenziell Gefahr eines pädokriminellen Übergriffs.

Welche Webseiten meinen Sie konkret damit?

Es gibt beispielsweise die Plattform gutefrage.net. Hierbei handelt es sich um eine „eigentlich“ völlig harmlose Plattform, auf der man Fragen stellen kann – und dennoch sprechen wir von einem Tummelplatz für Pädokriminelle, der auch für übergriffige Interaktionen missbraucht wird. Dies ist auch bereits der Kriminalpolizei bekannt.

„Sätze wie ‚Es gibt da draußen böse Menschen‘ sind zu schwammig.“

Digitaltrainerin Sandra Weiss

Wie können Eltern ihre Kinder hier sensibilisieren? Können Kinder überhaupt vollends in der digitalen Welt geschützt werden?

Der beste Schutz der Kinder und Jugendlichen im Internet sind immer noch die Eltern, da es keinen sicher funktionierenden Jugendschutz im Netz gibt. Deshalb muss man hier aufklären und Gefahren wie Cybergrooming konkret ansprechen! Sätze wie „Es gibt da draußen böse Menschen“ sind zu schwammig.

Vielmehr muss Klartext gesprochen werden, dass es Erwachsene gibt, die sich zu Kindern hingezogen fühlen und sie gerne nackt sehen oder sogar berühren wollen. Und den Kindern muss klar sein, dass diese Menschen sehr raffiniert vorgehen, um ihr wahres Alter und ihre wahren Absichten zu verbergen.

Wann sollten Eltern zur Polizei gehen?

Sobald in WhatsApp-Gruppen Inhalte mit kinder- oder jugendpornografischem oder volksverhetzendem Inhalt geteilt werden, sprechen wir von strafbaren Inhalten. In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu wissen, dass bei Cybergrooming allein die entsprechende erkennbare Absicht, mit einem Kind in Kontakt zu treten oder ein Foto zu ergattern, genügt, um sich strafbar zu machen.

Dieses Wissen soll Eltern ermutigen, zur Polizei zu gehen, um dadurch möglicherweise auch weitere Kinder zu schützen. Denn ein pädokrimineller Täter wird immer wieder versuchen, Kontakt zu Kindern aufzunehmen – auch zu vielen Kindern gleichzeitig.

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© vfhnb12 (depositphotos.com)

Sprechen wir also von einem Fass ohne Boden?

Da Cybergrooming tatsächlich in Online-Chats, sozialen Medien, Online-Spielen und vermeintlich harmlosen Frage-Foren vorkommt, ist es schwierig, dem Thema beizukommen. Die JIM-Studie 2023 zeigt auf, dass jedes dritte Mädchen und jeder vierte Junge online schon einmal sexuell belästigt wurde, davon etwa sechs bis acht Prozent mehrmals in der Woche. Jugendliche sind noch häufiger betroffen.

Wie kommt es zu diesen erschreckenden Zahlen?

Kinder nutzen das Internet am häufigsten, weil sie ganz einfach Spaß haben wollen. Gefahren, die etwa von fragwürdigen WhatsApp-Gruppen ausgehen, können sie noch nicht einordnen, vielmehr sehen Sie sich als Teil der Challenge, 1.000 Gruppenmitglieder zu erreichen. Hinzu kommt, dass Kinder oft keine Scheu haben, mit Fremden zu chatten.

Zurück zu den WhatsApp-Gruppen: Wie sollte ein Kind reagieren, wenn es einer solchen Gruppe hinzugefügt wird?

Eigentlich müssten wir unsere Kinder vorab schulen, damit sie andere erst gar nicht zu solchen WhatsApp-Gruppen hinzufügen. Aber wenn es nun mal schon passiert ist, empfehle ich, die Gruppe rasch wieder zu verlassen.

Da die Nummer aber nun bekannt ist, sollte man seinem Kind zu verstehen geben, dass es bei seltsamen Kontaktanfragen immer bei den Eltern um Hilfe bitten kann. Wurden Fotos mit mutmaßlich rechtswidrigen Inhalten in der Gruppe verschickt, kann man sich auch eine Anzeige bei der Polizei überlegen – am besten, man fragt auf der Dienststelle nach den zuständigen Jugendbeamten.

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© Tushar Mahajan (Unsplash)

*Wissen: Was bedeutet Pädokriminalität?

Arten sexueller Gewalt gegen Kinder werden unter dem Begriff Pädokriminalität zusammengefasst. Vielen bekannt ist der Begriff „Pädophilie“, das ist eine Störung der Sexualpräferenz, die sich in einer Fixierung auf Kinder ausdrückt. Allerdings ist dieser Begriff heftig umstritten, weil -philie (griech.) „Liebe“ bedeutet. Als angemessener gilt der Begriff „Pädosexualität“, weil er das sexuelle Begehren in den Vordergrund rückt. Von „Pädokriminalität“ spricht man, wenn die pädosexuellen Wünsche umgesetzt werden. Jede sexuelle Handlung von Erwachsenen und Jugendlichen an oder mit Kindern ist strafbar. (Quelle: Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs)

Kai Bösel
Kai Bösel
Kai Bösel ist Patchwork-Dad von drei Kindern, die eigene Tochter Mika ist im April 2012 geboren. Der Hamburger ist Online-Publisher und betreibt neben Daddylicious auch das "NOT TOO OLD magazin" inklusive Podcast. Außerdem schreibt er für ein paar Zeitschriften und Magazine und hilft Kunden und Agenturen als Freelance Consultant. Nach dem Job entspannt er beim Laufen oder Golf.

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