Wegbegleitung für Kinder und Jugendliche – Interview mit Julius Daven

Kürzlich hat Julius Daven bei uns angeklopft und von seiner ehrenamtlichen Tätigkeit berichtet. Er kümmert sich um die Wegbegleitung eines Jugendlichen. Diesen Begriff hatten wir bis dahin noch nicht gehört. Da aber der Bedarf riesig ist und Julius nicht nur mit einem Buch für die Wegbegleitung trommelt, sondern auch in Magazinen wie unserem von seinen Erfahrungen berichtet, haben wir ihm ein paar Fragen gestellt. Das Interview ist etwas länger geworden, lohnt sich aber unbedingt. Denn neben unseren eigenen Vorgärten gibt’s in der Welt noch eine ganze Menge mehr Themen zu bearbeiten.

Wir haben Julius 16 Fragen zu seinem Ehrenamt und seinem daraus entstandenen Buch gestellt. Und er hat sehr ausführlich darauf geantwortet. Wir hoffen, dass euch dieses Thema interessiert. Denn wer weiß, vielleicht kommt so eine Aufgabe ja auch mal für euch selbst in Frage. Hier nun also unser Interview mit Julius Daven.

16 Fragen zur Wegbegleitung für Kinder

  1. Was genau ist die ehrenamtliche Wegbegleitung für Kinder und Jugendliche?

Ehrenamtliche Wegbegleiter sind erwachsene Bezugspersonen außerhalb der stationären Einrichtungen der Jugendhilfe, die Kinder und Jugendliche auf ihrem Lebensweg begleiten und unterstützen. Langfristiges Ziel ist der Aufbau eines sozialen Netzwerks, auf das die jungen Menschen nach Auszug aus der Wohngruppe als Careleaver und weit darüber hinaus zurückgreifen können. Als Carelaever beschreibt man junge Menschen, die in der Regel meist so rund um das achtzehnte Lebensjahr die Wohngruppen verlassen und auf eigenen Füßen stehen müssen. Meist gehen dann haltgebende und lieb gewonnene Strukturen verloren. Die ehrenamtlichen Wegbegleiter können dann weiterhin als Ansprechpartner oder Bezugspersonen wie ein starkes Rückgrat zur Verfügung stehen und den jungen Menschen in alltäglichen Dingen helfen.

Die Wegbegleiter holen die Kinder bzw. Jugendlichen zum Beispiel 14-tägig am Wochenende ab und verbringen für ein paar Stunden eine gemeinsame Zeit. Sie unternehmen also schöne Dinge, die beiden Seiten Spaß machen. Wenn ein sicheres und vertrauensvolles Verhältnis aufgebaut wurde, dürfen die jungen Menschen auch das Wochenende in der Wohnung der Wegbegleiter verbringen. Nach Auszug aus der Wohngruppe als Careleaver gehts da um den ganz individuellen Bedarf. Da spricht sich das Wegbegleiter-Tandem einfach ab, was, wann und wie weiter benötigt wird. In den meisten Fällen reichts dann einfach nur zu wissen, das da jemand ist, der für mich da ist, wenn ich ihn brauche. So, wie es klassische Eltern eben auch tun würden.

  1. Ich kannte den Begriff „Wegbegleitung“ bis zu unserem Kontakt nicht. Warum ist das bisher offensichtlich kein großes Thema?

Viele jungen Menschen haben ja vor der Unterbringung in einer Wohngruppe schon vielfache Erfahrungen mit Beziehungsabbrüchen gemacht und leider daher besonders unter Beziehungswechseln. Dessen ist man sich bewusst und setzt in den stationären Einrichtungen der Jugendhilfe gezielt auf Beziehungskontinuität und langfristige Mitarbeiter-Bindung. Auf personelle Fluktuation hat man aber nur in begrenztem Maße Einfluss. Und leider gibt es immer wieder Beziehungs-Wechsel von professionellen Betreuern, die in den Einrichtungen einen tollen Job machen. Man muss immer wieder loslassen und sich auf neue Menschen einstellen. Junge Menschen brauchen aber mindestens eine Person, die einfach immer da ist, an sie glaubt und sie nicht in Frage stellt, also

„exklusiv, individuell, verlässlich und insbesondere dauerhaft“

Und dann ist es noch so, dass viele Kinder am Wochenende von Familien oder Freunden abgeholt werden, andere aber in der Wohngruppe zurückbleiben. Darunter leiden junge Menschen. Wegbegleiter kümmern sich genau um diese Kinder und Jugendlichen. Sie holen die jungen Menschen am Wochenende ab und unternehmen mit ihnen Dinge, die Spaß machen. Das hat einen ganz besonderen Wert. Die Wegbegleiter sind in einem sogenannten „eins zu eins-Setting“ nur für den einzelnen jungen Menschen da. Und genau das entspricht dem Wunsch von vielen jungen Menschen: Sie wollen sich verstanden fühlen und sie wollen, dass sich jemand individuell Zeit nimmt und nur für sie da ist. Wegbegleiter geben dauerhaft Halt und Orientierung.

  1. Wer kommt als Begleiter in Frage? Den Umgang mit Kindern aus schwierigen Umfeldern hat ja keiner wirklich gelernt.

Ganz wichtig vorab: Als Wegbegleiter kommen nur Menschen in Frage, welche die richtigen Absichten mitbringen. Das wird genau überprüft und im Laufe der Wegbegleitung engmaschig kontrolliert. Ansonsten kommen generell erwachsene Menschen in Frage, die Interesse haben, mit jungen Menschen umzugehen und auch nicht davor zurückschrecken, dass der Umgang mit belasteten und z.B. traumatisierten jungen Menschen mit einigen Herausforderungen verbunden ist. Potentielle Wegbegleiter werden also sehr sorgfältig ausgewählt und über Qualifizierungsmaßnahmen auf ihre wichtige Aufgabe vorbereitet. Manchmal springen während der Ausbildung noch Interessierte ab, manchmal stellt sich aber auch heraus, dass sie für eine Wegbegleitung dann doch nicht geeignet sind.

In jedem Falle reicht eine Grundqualifizierung nicht aus. Wegbegleiter sollen sich darauf einlassen, immer wieder (Aufbau)-Schulungen zu besuchen. Außerdem sollen Wegbegleiter an regelmäßigen Supervisions-Terminen teilnehmen. Da bekommen sie selbst Unterstützung für schwierige Erlebnisse mit ihren betreuten jungen Menschen, können aber auch anderen Wegbegleitern wertvolle Tipps und Hinweise geben. Ein gutes Netzwerk zum gegenseitigen Austausch ist von Nöten. Man lernt also eine ganze Menge im Umgang mit jungen Menschen, und man lernt sich selbst auch viel besser kennen.

Die ehrenamtliche Wegbegleitung hilft Kindern und Jugendlichen im Alltag
© Olichel (Pixabay)

Also die eigenen Grenzen erkennen und die der Anderen wahrnehmen. Insofern eignen sich weltoffene und Weiterbildungs-interessierte Erwachsene, die mit viel Empathie – ich nenne das gern „Herzkompetenz“ – mit jungen Menschen umgehen wollen. Sie dürfen sich selbst allerdings nie als Familienersatz sehen, denn das sind sie nicht. Die jungen Menschen haben ja ihre Familien, auch wenn sie dort Belastendes erlebt haben und vielleicht immer noch erleben. Wegbegleiter bieten eine Versorgungsbeziehung an. Es geht also auch nie um Pflege oder gar Adoption.

  1. Sind aktuell mehr Frauen oder Männer als Wegbegleiter aktiv?

Tatsächlich interessieren sich immer mehr Männer für diese wichtige Aufgabe. Das ist interessant, zumal im erzieherischen Berufsumfeld Männer eher unterrepräsentiert sind. Ich bin ja selbst auch Wegbegleiter geworden und kann mich noch an den Aufruf in einer lokalen Zeitung erinnern: „Männlicher Wegbegleiter für Marvin gesucht“. Einige Kinder und Jugendliche wünschen sich ganz bewusst Männer als ehrenamtliche Wegbegleiter. Das finde ich persönlich auch völlig okay und hat nichts mit Diskriminierung zu tun. Man weiß ja, dass für die Sozialisation sowohl weibliche als auch männliche Rollenbilder wichtig sind.

Grundsätzlich spielt aber das Geschlecht keine Rolle. Es geht um die Wünsche der jungen Menschen, die manchmal feste Vorstellungen an ihre Wegbegleiter haben. Die jungen Menschen brauchen erwachsene Bezugspersonen, die sich mit Herz und Verstand um sie kümmern. Menschen, die sich darauf einlassen möchten, sind für die Aufgabe grundsätzlich geeignet. Wichtig ist, dass Wegbegleiter immer eine einzelne Bezugsperson für einen jungen Menschen sind. Dessen sollten sich potentielle Bewerber bewusst sein.

  1. Wie wird man auf die Aufgabe vorbereitet und wieviel Aufwand steckt dahinter?

Ohne Qualifizierung geht es nicht. Zunächst einmal findet eine Grundqualifizierung statt und dann sind weitere Aufbauschulungen fester Bestandteil des Qualifizierungskonzepts. Die Grundqualifizierung sollte persönlich, also face-to-face stattfinden, aber die Aufbauschulungen sind als digitale Qualifizierungsmaßnahme geplant. Weiterhin sollen sich die Wegbegleiter verpflichten, an regelmäßigen Supervisionsterminen teilzunehmen. In der Interaktion mit Kindern und Jugendlichen mit Bindungsproblematiken und Verarbeitung von Traumata benötigt es einfach einen sehr intensiven gegenseitigen Austausch. Auch ist ein regelmäßiger Austausch mit der Einrichtung, in welcher der junge Mensch lebt, notwendig.

Man muss schon bereit sein, neben den regelmäßigen Treffen auch weitere Zeit neben dem Hauptjob einzuplanen. Damit es hier keine Interessenskonflikte gibt, findet die Grundqualifizierung meist an einem oder mehreren Wochenenden oder gut verteilt an einigen Abenden statt. Auch die Aufbauqualifizierungen und Supervisionen (meist jeweils ca. ein bis zwei Stunden) finden so statt, dass jeder die Chance hat, daran teilzunehmen. Aber auch bedarfsabhängig ist ggf. weitere Zeit für bilaterale Austauschtermine (Intervisionen) mit den stationären Einrichtungen einzuplanen. Insgesamt handelt es sich aber aus meiner Sicht um einen zumutbaren und organisatorisch machbaren Aufwand. Wichtig ist, dass Wegbegleiter sich darauf verbindlich einlassen können und wollen.

  1. Gibt es Vorgaben, wie die gemeinsame Zeit zu verbringen ist? Geht es um Erziehung, Lebensvorbereitung, Hobbies oder Spaß?

Tatsächlich gehts zunächst einmal nur um gemeinsam verbrachte Zeit. Das hat den höchsten Wert und kann bei jungen Menschen eine Menge bewirken. Es geht aber auch darum, die erwachsene Bezugsperson nicht mit anderen Kindern teilen zu müssen. Dazu kann ich eine schöne Geschichte erzählen. Ich bin nämlich selbst Wegbegleiter für einen 10-jährigen Jungen geworden. Als ich einmal im Sommer mit dem Auto auf die Hofeinfahrt der Einrichtung fuhr, kamen mir direkt einige Jungs entgegen. Elias „mein 10-jähriges Wegbegleiterkind“ kam direkt auf das Auto zugerannt und die anderen Kinder hinterher.

Er fragte mich sofort aufgeregt“ Hast Du Fussballbilder mitgebracht?“ Natürlich hatte ich das und wollte ihm diese direkt am Fenster überreichen. Ein anderer Junge rief dann in dem Moment „Das sind ja so viele Bilder, darf ich auch ein paar haben?“ Und Elias reagierte prompt: „Das sind meine Bilder von meinem Paten. Da musst Du Dir einen eigenen Paten suchen.“

Daran sieht man, dass Elias seinen Paten nur für sich alleine in Anspruch nimmt und auch schnell eifersüchtig wird, wenn ich mich mit anderen Kindern unterhalte. Da akzeptiert er keine Kompromisse. Es geht also um einen individuellen Beziehungsaufbau und um gemeinsam verbrachte Zeit. Und die kann man dann sicherlich auch Lebensvorbereitung nennen. Denn Elias schaut sich bei mir Dinge ab, und das hilft ihm in seiner Entwicklung. Und wenn wir etwas gemeinsam unternehmen, suchen wir immer etwas, woran wir beide Freude haben.

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© Pixabay (Pexels)

Ein gemeinsames Hobby haben wir natürlich auch schon gefunden, nämlich Fussballspielen. Es geht tatsächlich nicht um die Erziehung. Dafür sind die Erzieher in den Einrichtungen zuständig. Aber es geht darum, dass ich ihn außerhalb der Wohngruppe unterstütze und begleite. Ich habe ja keine Erwartungen an Elias. Ich nehme ihn so an, wie er ist. „So wie Du bist, so mag ich Dich“, ist ein ganz wichtiger Leitspruch.

  1. Für welche Kinder werden Wegbegleiter gesucht? Gibt es da Schwerpunkte in Bezug auf Alter, Herkunftsland, Sprachkenntnis oder familiärem Hintergrund?

Wegbegleiter sind ja immer dann besonders wichtig, wenn es außerhalb der stationären Einrichtungen niemand gibt, der sich ehrlich und zuverlässig um die jungen Menschen kümmert. Den Kindern und Jugendlichen wird das Konzept der Wegbegleitung vorgestellt. Wenn sie sich dann dafür interessieren, geht man auf die Suche nach einem passenden Wegbegleiter. Es sollte ganz individuell auf das einzelne Kind bzw. den Jugendlichen und seine Wünsche geschaut werden. Das ideale Alter für das Angebot einer Wegbegleitung schätze ich so rund um das zehnte Lebensjahr ein.

Nämlich dann, wenn die jungen Menschen die Idee der Wegbegleitung auch begreifen können. Dann kann ganz langsam und behutsam eine Wegbegleitung aufgebaut werden, die bis in das Erwachsenen-Alter fortbestehen kann. Das Kind kann aber auch älter oder einige Jahre jünger sein. Man muss sich immer ganz individuell anschauen, was für das Kind das beste ist. Das viel zitierte „Wohl des Kindes“ steht über allem. Leider können wir aber nicht alle Kindern und Jugendlichen in stationären Einrichtungen Wegbegleiter anbieten.

Manche Kinder sind so schwer traumatisiert, dass sie von einer Wegbegleitung nicht mehr profitieren können und die Wegbegleiter in ihrer Aufgabe überfordert werden. Das bedarf es eine intensive qualifizierte Betreuung von den Profis aus dem Hilfesystem, also zum Beispiel von Pädagogen und Sozialarbeitern. Ansonsten gibt es grundsätzlich keine Einschränkungen in Bezug auf Alter, Herkunftsland oder Sprachkenntnisse.

  1. Ehrenamt sagt ja aus, dass man keine Gegenleistung erhält. Sind Menschen denn dazu bereit, wenn es wie bei der Wegbegleitung eine längere Verpflichtung ist?

Die Frage finde ich spannend. Finanzielle Gegenleistung fällt bei ehrenamtlichem Engagement ja weg. Es geht ja um Freiwilligkeit, das heißt die Freizeit dafür zu investieren, ohne finanziellen Nutzen anderen Menschen zu helfen bzw. ihren Alltag zu verschönern und zu bereichern. Und es geht um gesunden Altruismus, also sich ganz selbstlos und ohne große Erwartungshaltung um junge Menschen zu kümmern. Zu sehen, dass sich dieses Engagement bei den jungen Menschen in ihrer Entwicklung positiv auswirkt, hat ja schon einen hohen Wert. Es gibt viele Menschen, die Kinder mögen und sich für eine Verbesserung ihrer Lebenssituation einsetzen wollen. Und das für längere Zeit.

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© Ron Lach (Pexels)

Obwohl man tatsächlich eine längere Verpflichtung eingeht, habe ich das persönlich nie so gesehen. Für mich war klar, wenn ich eine Bindung zu einem jungen Menschen aufbaue, trage ich eine enorme Verantwortung. Das kann ich dann nicht einfach wieder lösen, nur weil das mal nicht in mein Lebenskonzept passt. Tatsächlich müssen Wegbegleiter bereit sein, sich auf eine langfristige Begleitung einzulassen. Denn genau das macht ja den Wert einer Wegbegleitung aus.

Das ist sicherlich nichts für jeden. Dennoch gibt es meiner Erfahrung nach eine Vielzahl von Menschen, die sagen: Genau das möchte ich gern machen. Bevor eine Wegbegleitung eingegangen wird, müssen die Voraussetzungen des Eingehens einer langfristigen Bindung unbedingt abgeklärt werden. Man darf junge Menschen, die viele Beziehungs- und Bindungsabbrüche erlebt haben, nicht ein weiteres Mal enttäuschen. Das wäre stark fahrlässig.

  1. Wo kann man sich bei Interesse melden?

Aktuell gibt es nur in Köln einen kleinen Verein, der stark regional agiert. Perspektivisch wird es überall in Deutschland, in Österreich und in der Schweiz eine strukturelle Lösung geben, so dass in allen Regionen ehrenamtliche Wegbegleitungen möglich sind. So zumindest der gemeinsame Plan von Prof. Dr. Andreas Schrenk und mir. Interessierte können sich gern jetzt schon bei mir melden und ihre Fragen loswerden. Ich freue mich über jede Diskussion und Kontaktaufnahme zum Konzept der ehrenamtlichen Wegbegleitung.

  1. Was ist deine eigene Motivation, dich für Kinder einzusetzen?

Ich durfte selbst über insgesamt 30 Jahre von einer ehrenamtlichen Wegbegleitung profitieren. Ich wuchs zwar nicht in einer stationären Einrichtung der Jugendhilfe auf, aber hatte doch massive Probleme zuhause. Außerhalb meines Elternhauses hatte ich eine Wegbegleiterin, die mir das gab, was meine Eltern mir nicht geben konnten. Anna war von meinem 14. Lebensjahr bis zu ihrem Tod meine Wegbegleiterin. Ich weiß, wie es ist, wenn man das Gefühl hat, alleine auf der Welt zu sein. Mein Herz schlägt daher einfach für Kinder und Jugendliche, die sich in einer schwierigen Lebenssituation quasi alleine zurecht finden müssen.

Ich kann diese Wut und den Schmerz von traumatisierten jungen Menschen nachfühlen. Deshalb bin ich selbst Wegbegleiter geworden. Als Wegbegleiter muss ich viel Geduld, Ausdauer und Durchhaltevermögen mitbringen. Auch, wenn es mal Schwierigkeiten gibt, darf ich nicht gleich aufgeben. Weil ich die Aufgabe der ehrenamtlichen Wegbegleitung so wichtig finde, setze ich mich dafür ein, dass möglichst vielen jungen Menschen künftig ehrenamtliche Wegbegleiter angeboten werden können. Da bin ich mit viel Herzblut bei der Sache und werde erst dann zufrieden sein, wenn sich das Modell der ehrenamtlichen Wegbegleitung mindestens deutschlandweit etablieren kann.

  1. Du hast ein Buch veröffentlicht mit dem Titel „Bis Du tot bist – oder bis ich tot bin. Wegbegleitung für Kinder und Jugendliche“. Ist das eher Ratgeber oder Erlebnisbericht?

Mein Buch ist eine Mischung aus Ratgeber, Erlebnisbericht und Fachbuch für angehende Erzieher in den sozialen Berufen. Mein Buch informiert über den Auftrag von ehrenamtlichen Wegbegleitungen und wie junge Menschen davon profitieren können. Die Geschichten aus 24 Interviews, die ich mit Betroffenen, Fürsorgeverantwortlichen und Wegbegleitern geführt habe, sollen dabei helfen, die Herausforderungen von Kindern in stationären Einrichtungen oder Pflegefamilien sowie von Carleavern (= Schutzverlasser) besser zu verstehen und dafür zu sensibilisieren.

Torsten Eilinghoff

Das Buch zeigt, dass es viele ehemalige Kinder und Jugendliche aus Einrichtungen der Jugendhilfe mit beeindruckendem Mut und großer Stärke geschafft haben, trotz teils schlimmer traumatischer Erfahrungen in ihrer Kindheit, ihr Leben proaktiv und positiv zu gestalten. Ganz wichtig ist mir auch, Vorurteile auszuräumen. Nicht jedes Kind, das Gewalt erlebt hat, wird auch selbst gewalttätig. Und es ist auch nicht so, dass Kinder aus stationären Einrichtungen oder Pflegefamilien grundsätzlich schlechter sozialisiert werden als Kinder, die nicht in Einrichtungen der Jugendhilfe groß werden.

  1. Der Titel scheint ein Zitat zu sein. Was hat es damit auf sich?

Als ich Elias erklären wollte, dass ich jetzt immer für ihn da bin, fragte er mich in diesem Moment: „Bis Du tot bist?“ Ich antwortete mit voller Überzeugung: „Klar, bis ich tot bin.“ Er lehnte sich beruhigt zurück und entgegnete mir: „Oder bis ich tot bin“. Elias hat so mit ganz einfachen Worten zum Ausdruck gebracht, worum es bei der Wegbegleitung geht. Wir sprachen daraufhin in den nächsten 10 Minuten kein Wort miteinander. Ich spürte, wie zufrieden er war. Es beruhigte ihn. Er schien mir einen glücklichen Moment zu erleben. So, als würde er gerade von einer heilen Welt träumen.

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© Warren Wong (Unsplash)

Als hätte er schon ewig darauf gewartet, dass jemand sich an seine Seite begibt und ihn so lange begleitet, bis einer von beiden tot ist. Ich war mir sicher, dass ich genau den richtigen Buchtitel gefunden hatte. Klar, er polarisiert. Und nicht jeder wird den Titel mögen. Aber er fasst im Kern genau das zusammen, was ich mit meinem Buch zum Ausdruck bringen will: Wegbegleitung ein Leben lang.

  1. Für wen hast du dieses Buch geschrieben?

Mit meinem Buch möchte ich möglichst viele Menschen erreichen, um auf ein wichtiges Thema aufmerksam zu machen. Daher richtet es sich nicht nur an betroffene Erwachsene, die in Wohngruppen oder Pflegefamilien groß geworden sind, sondern gleichermaßen an Mitarbeiter aus sozialen und pädagogischen Berufen. Ich möchte aber auch gezielt Mitarbeiter aus Einrichtungen der stationären Jugendhilfe erreichen und dafür werben, interessierten jungen Menschen in den Einrichtungen qualifizierte Wegbegleiter an die Seite zu stellen.

Auch Menschen, die neugierig sind zu verstehen, welchen Auftrag Wegbegleiter haben und welche Rolle sie bei belasteten oder traumatisierten Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden spielen können, möchte ich mit meinem Buch gezielt ansprechen. Insgesamt möchte ich aber dafür werben, dass sich möglichst viele Menschen von der Idee der ehrenamtlichen Wegbegleitung begeistern lassen und sich vielleicht dafür ausbilden lassen. Das ist eine sehr wichtige, wertvolle und ganz besondere Aufgabe. Wenn man sich als Wegbegleiter interessiert, empfehle ich, zunächst mein Buch zu lesen.

  1. Mit dem Buch möchtest du mehr Aufmerksamkeit für das Thema Wegbegleitung. Was wünscht du dir?

Das kann ich ganz schnell auf den Punkt bringen: Ich wünsche mir, dass möglichst viele Kinder und Jugendliche in stationären Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe das Angebot von ehrenamtlichen Wegbegleitern erhalten.

„Damit niemand mehr am Wochenende alleine bleibt, wenn andere von Familien oder Freunden abgeholt werden.“

Es wäre schön, wenn die Leser mit Freunden und Bekannten über die wichtige Rolle der Wegbegleitung für junge Menschen sprechen und diskutieren. Das Thema braucht Multiplikatoren und Erwachsene, die sich für eine gute Sache einsetzen mögen. Ich habe schon viele positive Rückmeldungen von Menschen aus den deutschsprachigen Ländern erhalten. Das Thema scheint für viele Menschen sehr interessant zu sein. Die meisten haben so wie Du, vorher noch nie etwas von einer ehrenamtlichen Wegbegleitung gehört. Aber das ändert sich ja nun mit meinem Buch und auch mit diesem Interview.

  1. Du schreibst bereits am nächsten Buch. Wie geht die Geschichte weiter?

Mein Wunsch war ja, dass sich auch die Wissenschaft mit der Idee der Wegbegleitung beschäftigt. Daher werde ich zusammen mit Prof. Dr. Andreas Schrenk im Frühjahr 2023 ein Buch veröffentlichen, welches das Modell der ehrenamtlichen Wegbegleitung, wie ich es in meinem aktuellen Buch beschreibe, aus wissenschaftlicher Perspektive beleuchtet. Das wird ein ziemlich spannendes Fachbuch. Wir konnten 15 fachlich versierte Autoren gewinnen, die fundierte Fachbeiträge in unserem Sammelband leisten. Parallel dazu arbeite ich mit Prof. Dr. Andreas Schrenk an einer strukturellen Lösung. Vielleicht darf ich darüber in nächster Zeit noch einmal genauer berichten.

  1. Unsere Leser finden das Thema bestimmt mindestens genauso spannend und wertvoll wie ich. Wie kann man mit Dir Kontakt aufnehmen? Was magst Du unseren Lesern noch mit auf den Weg geben?

Viele Informationen stehen auf meiner Webseite: www.juliusdaven.de! Ansonsten findet man mich in allen sozialen Medien (Linkedin, Facebook, Twitter, Instagram). Ich freue mich auch über Mails an julius.daven@gmx.de. Mein Buch gibt es überall im Handel zu kaufen. Falls jemand an einem signierten Exemplar interessiert ist, möge er sich gern per Mail bei mir melden.

Lieber Julius, vielen herzlichen Dank für die umfangreichen Infos. Wir hoffen sehr, durch deine persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen ein paar unserer Leser für das Thema zu erwärmen. Und wir freuen uns, auch in Zukunft von Dir zu hören und zu lesen!

Titelbild © Kelli McClintock (Unsplash)

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Autor
Kai Bösel
Kai Bösel ist Patchwork-Dad von drei Kindern, die eigene Tochter Mika ist im April 2012 geboren. Der Hamburger ist Online-Publisher und betreibt neben Daddylicious auch das "NOT TOO OLD magazin" inklusive Podcast. Außerdem schreibt er für ein paar Zeitschriften und Magazine und hilft Kunden und Agenturen als Freelance Consultant. Nach dem Job entspannt er beim Laufen oder Golf.