Wer eine harmonische und sorgenfreie Kindheit erlebt, der kann sich sehr glücklich schätzen. Wir schreiben bei uns im Magazin viel darüber, wie sich moderne Väter einbringen und um ihre Kinder kümmern können. Und dann erreichen uns immer wieder abgefahrene Geschichten, die wir für erzählenswert halten. Wie die von Norman Wolf. Der hat etwas mit seinem Papa erlebt, was er nun in einem Buch zusammengefasst hat. Wir haben ihn dazu befragt.

1. Du hast ein Buch geschrieben, in dem es in erster Linie um die Beziehung zu Deinem Vater geht. Gib uns eine kurze Zusammenfassung.

In meinem Buch erzähle ich die Geschichte, wie ich meinen Vater an den Alkohol verloren habe als ich 12 Jahre alt war, woraufhin der Kontakt zu ihm abbrach und wie ich ihn 12 Jahre später über Twitter wiederfand. Zu dieser Zeit lebte er bereits lange Zeit als Obdachloser auf der Straße in Hamburg.

2. Warum hast Du das Buch „Die Fische schlafen noch“ genannt?

Der Titel „Die Fische schlafen noch“ basiert auf einem Angelausflug, den ich mit meinem Papa unternommen habe als ich vielleicht sechs Jahre alt war. Wir waren morgens am See, es war noch dunkel und kalt und ich wollte eigentlich nur wieder zurückfahren und ins Bett. Ich habe versucht, meinen Papa davon zu überzeugen, indem ich gesagt habe: „Papa, guck dich um, es ist so dunkel, die Fische schlafen doch noch.“

3. Wie hast Du Deinen Vater in Erinnerung, bevor der Bruch stattgefunden hat? Hattest Du eine glückliche Kindheit und gute Beziehung zu ihm?

Ich hatte eine total glückliche Kindheit mit meiner Familie und auch mit meinem Papa. Wir haben früher oft, wie bereits erwähnt, Angelausflüge unternommen. Wir waren auf der Kerp. Wir haben stundenlang zusammengesessen und alte Platten gehört. Er hat mir Mixtapes aufgenommen, die ich zum Einschlafen gehört habe. Wir hatten eine sehr, sehr schöne Zeit zusammen. Ich habe immer zu ihm aufgesehen als ich klein war. Für mich war er immer der große, starke Papa, den ich sehr bewundert habe.

4. Wahrscheinlich ist man als Kind gut im Verdrängen. Oder kannst Du Dich an die Zeit mit 12 Jahren noch gut erinnern? Was hat das mit Dir gemacht?

Ich kann mich noch sehr gut an die Zeit mit 12 Jahren erinnern als mein Papa verschwunden ist. Ich hatte zu dieser Zeit nicht viele Freunde und war deshalb die Ferien meist zuhause, weswegen ich alles hautnah miterleben konnte. Wenn meine Eltern im Schlafzimmer, das neben meinem Zimmer lag, gestritten haben, konnte ich jedes Wort mithören. Ich habe also recht viel von dieser schlimmen Zeit mitgekriegt. Ich wünschte, es wäre nicht so gewesen und ich hätte dessen mehr entfliehen können.

5. Warum hast Du Twitter genutzt, wie bist Du bei der Suche vorgegangen und wie war die Resonanz?

Zu dieser Zeit lebte ich in Boston – 6000 km entfernt von Hamburg, wo sich mein obdachloser Vater aufhielt. Der erste Versuch, ihn zu finden lief über eine dritte Person, die uns ein Foto meines Vaters geschickt hatte. Leider verlief sie im Sand, weil diese Person den Kontakt zu uns wieder abbrach. Wahrscheinlich war sie überfordert. Von da ab wusste ich, dass ich die Suche selbst in die Hand nehmen muss. Da ich nur dieses Foto hatte und so weit entfernt war, dachte ich, dass ich ja Twitter für die Suche nach meinem Papa nutzen kann, so wie viele diese Plattform auch für die Job- oder Wohnungssuche nutzen. Also habe ich das Foto genommen, das ich im Jahr davor bekommen hatte, habe es auf Twitter geteilt und geschrieben, dass ich meinen Papa suche. Die Resonanz war ganz überwältigend. Damit hätte ich nie gerechnet. Innerhalb der ersten Stunde wurde der Tweet bereits sechs- bis siebentausend Mal geteilt. Ich habe super viele Hinweise bekommen, wo ich anfragen könnte und die Leute haben versprochen, die Augen offen zu halten. Bereits am nächsten Tag habe ich dann den entscheidenden Hinweis bekommen.

6. Wie hast Du Deinen Vater dann wiedergefunden und wie war Euer erstes Treffen?

Am 26. Dezember 2017 hat mir jemand geschrieben, dass er meinen Vater kennt. Er berichtete, dass sich mein Vater öfters in der Nähe seines Büros aufhielte und er deshalb in seinen Raucherpausen manchmal mit ihm spräche. Bei diesen Gesprächen berichtete mein Vater auch von seinem früheren Leben, weswegen der Mann mir private Details nennen konnte, die ich nie im Internet veröffentlicht hatte. Da wusste ich: Wir haben ihn gefunden. Wenige Tage später im Januar durfte ich zum ersten Mal mit meinem Vater telefonieren. Der freundliche Helfer hatte ihn mit nach Hause genommen und ihm sein Festnetz angeboten, um mich anzurufen. Das Gespräch war total schön und ich war überwältigt, wieder die Stimme meines Vaters zu hören. Er klang einfach noch genau wie früher. Das war krass. Ich habe ihn gefragt, ob ich ihn besuchen kommen darf und er hat sich über die Idee gefreut. Also bin ich Ende Januar nach Deutschland geflogen und hab ihn in Hamburg in einer Sparkasse gefunden – schlafend auf dem Boden. Ich spürte erst einmal eine gewisse Distanz. Da lag zwar mein Papa, aber da lag auch ein Obdachloser und die Berührungsangst war anfangs groß. Als ich ihn aufwecke und er mich dann tatsächlich auch erkannte, haben wir uns lange umarmt. Er konnte erst gar nicht glauben, dass ich es wirklich bin, sodass ich ihm meinen Personalausweis zeigen musste, damit er mir glaubt, dass ich sein Sohn bin (lacht). Er war ganz aus dem Häuschen.

7. Ab dem Alter von 12 Jahren wusstest Du nicht, wo Dein Vater ist und ob er noch lebt. Wie präsent war er in Eurem Familienalltag?

Mein Papa war ab diesem Zeitpunkt eigentlich gar nicht präsent im Alltag. Wir haben nicht mehr über ihn gesprochen als er weg war. Das Thema wurde von uns relativ schnell und gut verdrängt. Ich weiß nicht, ob das gut war, aber er wurde, so weit es ging, totgeschwiegen, weil klar war, dass er nicht mehr zurückkommt. Er wurde nur immer dann zum Thema, wenn es nicht vermeidbar war. Ich wollte zum Beispiel mit 15 Jahren ein Bankkonto eröffnen und durfte nicht, weil ich die Unterschrift meines Vaters benötigte. Zu solchen Anlässen wurde Papa wieder zum Thema.

8. Wie ist der Stand heute? Habt Ihr einen Draht zueinander und konntest Du helfen?

Der aktuelle Stand ist, dass mein Vater immer noch auf der Straße lebt. Die Hoffnung, dass sich das noch ändert, ist natürlich immer noch da, aber ziemlich gering. Er sperrt sich leider gegen jede Hilfe, die wir ihm immer wieder anbieten, wenn wir zu ihm hochfahren. Einen Draht zueinander haben wir auf jeden Fall. Ich bin immer wieder froh, ihn zu sehen und er ebenfalls. Helfen im Sinne von, dass er jetzt in einer Wohnung lebt und einem geregelten Leben nachgeht, konnte ich ihm leider bislang nicht. Er ist ein Mensch, der für sich selbst Entscheidungen treffen kann und wenn er meine Hilfe ablehnt, kann ich nichts dagegen tun. Aber ich weiß, dass es ihn noch gibt und er mein Papa ist und er weiß, dass es mich noch gibt – dass es überhaupt jemanden gibt, der sich für ihn interessiert, ihn lieb hat und sich Sorgen um ihn macht. Und das ist – glaube ich – das Wichtigste.

9. Sicherlich verändert so ein krasses Erlebnis auch Deine Sicht auf Dich selbst als Vater, oder? Wahrscheinlich willst Du Vieles ganz anders machen…

Ich weiß nicht, ob man pauschal sagen kann, dass ich als Vater Dinge anders machen möchte. Denn mein Vater war ja kein schlechter Vater, sondern ein Vater, der krank wurde und deshalb kein Vater mehr sein konnte. Ich kann nicht ausschließen, dass ich, wenn ich Vater bin, ebenfalls krank werde. Das muss keine Alkoholsucht sein, das kann irgendeine andere Krankheit sein, das macht ja keinen Unterschied. Als mein Vater noch nicht krank war, war er ein guter Papa.

10. Wem würdest Du das Buch am meisten empfehlen? Frischgebackenen Vätern, heranwachsenden Söhnen oder allen, die gern besondere Geschichten lesen?

Ich würde das Buch allen empfehlen, in deren Verwandtschafts- oder Freundeskreis sich ebenfalls Alkoholsüchtige oder allgemein Süchtige oder Obdachlose finden lassen. Ich glaube, dass das Themen sind, die viele Leute betreffen, aber die wenigsten trauen sich, darüber zu reden. Für all jene ist es vielleicht schön, die Erfahrungen eines anderen zu lesen und sich selbst darin wiederzufinden. Ich würde sogar so weit gehen, die Geschichte jedem zu empfehlen, weil ich denke, dass es wichtig ist, die Tatsache ins Bewusstsein zu rücken, dass auch alkoholsüchtige Obdachlose eine Geschichte und eventuell sogar Familie haben und nicht selbst schuld an ihrer Lage sind, sondern schlichtweg krank.

Lieber Norman, vielen Dank für diese Einblicke in Deine sicherlich sehr besondere Kindheit. Wir hoffen, dass Du noch viele schöne Momente mit Deinem Papa erleben wirst. Und all unseren interessierten Lesern empfehlen wir, das Buch „Die Fische schlafen noch“ zu lesen…

Fotos: © Norman Wolf

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