Eine schonungslose Wahrheit unserer heutigen Zeit ist, dass Mutter Erde langsam aber sicher vor die Hunde geht, wenn wir uns nicht schleunigst aktiv um sie kümmern. Und als Erdling, der Nachwuchs in diese Welt gesetzt hat, steht man umso mehr in der Pflicht, diese weiterhin als lebenswerten Ort zu erhalten. Aus dieser Geisteshaltung heraus hat Florian Henle zusammen mit zwei anderen jungen Vätern vor fünf Jahren das alternative Energieunternehmen Polarstern gegründet. Die Idee dahinter hat uns neugierig gemacht, wir wollten mehr darüber wissen. Herausgekommen ist ein nicht nur hochinteressantes, sondern gleichermaßen äußerst inspiriendes Gespräch.

DADDYlicious: Hallo Flo, in wie weit hat sich der Blick auf den ethischen Mehrwert Eures Business durch die Geburt Eurer Kinder noch mal verändert?

Flo: Sehr! Du weißt ja selber, dass Kinder unglaublich erden. Das gibt der gesamten Theorie noch mal so etwas wie einen Realitätscheck. Wobei sich Moritz (Flos Sohn) ja quasi parallel zu „Polarstern“ „gegründet“ hat. Wir haben Polarstern im April 2010 gegründet und Moritz wurde im darauffolgenden November geboren. In dem Moment wurde mir noch mal ganz bewusst, warum ich das alles eigentlich mache. Du kannst hehre Ziele und Ideale haben, aber wenn Du täglich noch mal siehst, wofür, dann ist der Antrieb dafür umso stärker.

PLRSTRN_2Graswurzelarbeit: Gemeinsam mit Freunden beim Isar Clean Up

„Ich verlasse das Büro möglichst immer um 18h, weil es mir extrem wichtig ist, meine Jungs abends noch mal zu sehen.“

Und der Rest der Polarstern-Crew hat dann wenig später nachgelegt, richtig?

Ja. Der Sohn von Jakob, Leopold, ist jetzt zwei Jahre alt. Simon hat mittlerweile auch eine kleine Tochter. Und auch bei den Mitarbeitern funktioniert die Familienplanung sehr gut! (lacht)

Andererseits bedeutet das Gründen einer Familie ja auch eine große Umstellung in Sachen Zeit-Management. Wie gehst Du damit um?

Das ist es in der Tat! Wenn Du noch keine Kinder hast und ne Stunde später nach Hause kommst, ist das eigentlich meistens nicht so wild. Kinder „zwingen“ einen viel vorausschauender zu planen. Ich für mich kann seitdem noch zielstrebiger, noch konsequenter arbeiten. Andererseits ist mein Arbeitstag nicht klassisch durchgängig, wie früher. Ich verlasse das Büro möglichst immer um 18h, weil es mir extrem wichtig ist, meine Jungs abends noch mal zu sehen, mit ihnen zu Abend zu essen und sie ins Bett zu bringen, mit ihnen auch ein Stück Alltag zu erleben und nicht nur das Wochenende. Und wenn anschließend noch was zu tun ist, dann setze ich mich eben später wieder dran. Das ist die Freiheit, die ich mir nehmen kann als selbstständiger Unternehmer. Wobei unsere Angestellten das natürlich genau so handhaben können. Und ich finde diesen Modus auch gar nicht schlimm. Ob Du jetzt vor der Glotze hockst, oder vor’m Rechner, ist fast das Gleiche. Mich belastet das jedenfalls nicht.

Das Geschäft mit der Energie wird von einigen mächtigen Konzernen bestimmt. Wie schafft man es, sich an einem solchen Markt zu behaupten?

Von den Großen spüren wir praktisch überhaupt keinen Gegenwind. Das mag daran liegen, dass sie mittlerweile genug mit sich selber zu tun haben, um überhaupt noch irgendwie überleben zu können. Aber auch schon vor fünf Jahren war das nicht anders, als es um RWE und Co. noch besser stand. Der Markt ist mittlerweile so fragmentiert, es gibt heutzutage über 1.000 Wettbewerber. Ob dann so ein Kleiner wie wir dazu kommt, ist denen wohl, ehrlich gesagt, egal. Zu Beginn haben wir sogar versucht, unser Ökogas an die etablierten Player zu verkaufen, aber die haben uns nicht wirklich ernst bzw. wahrgenommen. Da hieß es dann, es sei ein tolles, innovatives Produkt, aber man ginge mit der Zeit, nicht vor der Zeit. Naja, wo das hinführt, sehen wir ja momentan…

PLRSTRN_3Herzensprojekt: Flo mit Sohnemann Moritz und Bauer Chan in Kambodscha

„Unsere Denke ist, dass unser Business auf das Gemeinwohl einzahlt, und die ökologische und soziale Rendite genauso hoch sein soll, wie die ökonomische.“

Erkläre bitte kurz die Leistung, die ihr dort kreiert habt.

Das Thema Energiewende ist gefühlt eine Stromwende. Aber Elektrizität macht am Ende nur 20 % des Energieverbrauchs aus. 80 % entfallen auf die Wärme, also Heizung und Warmwasser. Die Idee hinter Ökogas ist, ein Schwesterprodukt zu Ökostrom anzubieten. Denn der Wunsch nach alternativer Wärme ist in den Köpfen der Leute noch nicht wirklich angekommen. Unser Ökogas wird komplett aus Resten hergestellt, die bei der Zuckerproduktion anfallen. Wir bauen dafür also nicht extra Mais, oder ähnliches an.

Muss man für Euer Business Physiker, Biologe oder Ingenieur sein, oder „reichen“ ein BWL-Studium, gesunder Menschenverstand und ein feines Näschen?

Es reicht, BWLer mit einem gewissen technischen Verständnis zu sein und ein Gespür für den Markt und eine klare Vision zu haben. Wir haben Biogas ja auch nicht erfunden. Es gab bereits Biogas, wir haben lediglich ein Handelssystem für ein Bio- bzw. Ökogas entwickelt, das zu 100 % aus organischen Reststoffen besteht und dennoch wettbewerbsfähig ist.

Trotzdem: Wie kommt man auf die Idee, ein Business wie Polarstern zu gründen?

Wir alle hatten schon Stallgeruch, was den Energiemarkt angeht. Simon z. B. war vorher in der der Biogasbranche tätig, ich hatte zuvor energieeffiziente, sprich leichtlaufende Hochleistungsschmierstoffe auf Basis von Sonnenblumenöl mitentwickelt und Jakobs Großvater hat als Bayernwerk-Vorstand in den Sechzigern das Atomkraftwerk Isar 2 mit gebaut. Entsprechend waren wir alle generell mit der Branche vertraut. Am Energiemarkt selbst bewegt sich viel, wie man sich denken kann, man hat also die Möglichkeit, aktiv neue Wege mitzugestalten. Das macht natürlich sehr viel Spaß! Die Gründung selbst sind wir analytisch angegangen. Wir wollten die Energiewende mit vorantreiben und haben uns gefragt, was wir dafür brauchen. Wir haben unser Ökogas über 60 Energieunternehmen angeboten, aber keiner wollte es haben. Also haben wir uns gesagt, dass wir das Gas dann eben selber vertreiben. Natürlich wollen auch wir Gewinne erzielen und Geld verdienen. Aber unsere Denke ist, dass unser Business auf das Gemeinwohl einzahlt, und die ökologische und soziale Rendite genauso hoch sein soll, wie die ökonomische. Alles andere halte ich grundsätzlich für dämlich, nicht nur in der heutigen Zeit. Wir wollen mit Energie die Welt verändern. Mit unserem kleinen Beitrag. Wir sind nicht so vermessen zu glauben, dass wir alles umwälzen können, aber wenn wir durch unsere Arbeit Anstöße geben, wegweisend sind und vermitteln: „Hey, da geht noch was!“ Dann haben wir viel geschafft.

„Jahrelang hab ich beim Nudeln kochen den Deckel weggelassen. Wenn ich ihn aber drauf lasse, spare ich ca. 30 % Energie.“

So nach dem Motto: „Einer muss ja damit anfangen“?

Genau!

Stichwort Gemeinwohl. Ihr seid der erste Energieversorger mit einer Gemeinwohlbilanz. Was heißt das?

Die Gemeinwohl-Ökonomie ist ein Wirtschaftsmodell mit Zukunft. Die Idee dahinter ist, dass Unternehmen nicht nur dem Selbstzweck dienen, sondern in erster Linie dem Wohl der Gemeinschaft. Über 2.000 Unternehmen sind mittIerweile Teil dieser internationalen Bewegung. Im Grunde ist es lediglich ehrlich und konsequent umgesetzte soziale Markwirtschaft. Man geht vernünftig und fair mit seinen Mitarbeitern um, das Gehaltsgefälle bleibt flach, man behandelt seine Lieferanten ehrlich, die angebotenen Produkte sind möglichst ressourcenschonend, etc. Man arbeitet eben für das Gemeinwohl, strebt eine ausgeglichene Bilanz auf sozialer, ökologischer und wirtschaftlicher Ebene an. Diese Bilanz ist über ein transparentes, nachvollziehbares Punktesystem konkret messbar.

Bitte erzähle uns kurz von Eurem Projekt in Kambodscha.

Wir wollen die Energiewende nicht nur in Deutschland, sondern weltweit fördern. Deshalb unterstützen wir mit jedem Kunden eine Familie in Kambodscha, so dass sie Zugang zu sauberer Energie bekommt. In jedem unserer Energiepreise sind 20 Euro jährlich für eine Anschubfinanzierung von Mikro-Biogasanlagen enthalten. Die Familien müssen den Rest zwar selber finanzieren, jedoch bieten wir neben der Anschubfinanzierung, das Wissen, die Betreuung und den Anreiz dafür.

Und das wird auch gut angenommen?

Ja, super! Wir setzen das mit einem Partner vor Ort um, dem National Biodigester Programme. Das funktioniert hervorragend. Ich war letztes Jahr an Ostern dort und habe einige Familien besucht. Der Impact ist Wahnsinn! Die Leute müssen nicht mehr über offenem Feuer kochen, was sehr gesundheitsschädlich ist. Sie haben Dünger für ihre Felder, müssen also keinen teuren mehr kaufen. Auch können sie Gaslampen verwenden und müssen kein teures Kerosin mehr kaufen. Das Projekt ist wirklich richtig toll!

Machen die Leute das, weil es sich für sie rechnet, oder auch wegen der Umwelt?

In erster Linie machen sie es natürlich, weil es sich wirtschaftlich für sie lohnt. Die Anlage rechnet sich bereits nach einem Jahr, vor allem über den Dünger, weil die Felder mehr Erträge bringen. Im nächsten Schritt aber sind sie auch von der ökologischen Komponente überzeugt, allein schon, weil sie nun Bioprodukte herstellen, für die sie, auch in Kambodscha, höhere Preise aufrufen können, weil sie eben organic sind und besser schmecken.

Hast du ein paar universelle Energiespartipps für uns?

Wir wollen das Bewusstsein für Energie stärken. Zeigen, dass Energie nicht einfach da ist, sondern ein wertvolles, aufwändig herzustellendes Produkt. Viele Leute machen sich darüber nach wie vor keine oder kaum Gedanken. Das wollen wir ändern. Zu Deiner Frage: Ich lasse beim Kochen z. B. den Deckel drauf. Jahrelang hab ich beim Nudeln kochen den Deckel weggelassen. Wenn ich ihn aber drauf lasse, spare ich ca. 30 % Energie. Oder die Waschmaschine: Moderne Waschmaschinen waschen bei 40°C genauso gut wie bei 60°C. Oder die Heizung: Wie warm muss es im Haus bzw. in der Wohnung wirklich sein? Kommt der eine oder andere Raum nicht mit weniger Temperatur aus? Denn 1°C weniger spart sechs Prozent Energie. Es geht nicht darum, asketisch zu leben. Darauf hat keiner Lust. Man sollte einfach in sich gehen und genau abwägen, was wirklich notwendig ist.

Wo kommt die Energie her, die ihr anbietet?

Der Strom kommt aus dem Wasserkraftwerk Feldkirchen am Inn bei Rosenheim. Es ist eine sehr umweltfreundliche Anlage mit Fischtreppen usw. Und das Gas stammt aus einer Zuckerfabrik in Ungarn. Wenn der Zucker ausgewaschen ist, bleibt ein Rest der Zuckerrüben übrig, der dann in einer Biogasanlage verarbeitet wird.

Habt ihr schon namhafte Kunden?

Ja, z. B. Patagonia oder Vaude, die wir mit Wirklich Ökostrom und Wirklich Ökogas versorgen.

Wie kommt Ihr an ein Testimonial wie die Snowboard-Ikone David Benedek?

Ach, das sind alles Buddy-Geschichten. Michi, unser Social Media-Cheffe, ist mit David in die Schule gegangen.

Und woher kommt die Verbindung zu Sea Sheperd?

Wir versuchen natürlich mit Organisationen zu kooperieren, mit denen wir wertemäßig auf einer Wellenlänge sind und Sea Sheperd ist zweifelsohne eine solche Organisation. Wir versorgen deren deutschen Bürostandort in Bremen. Und wenn jemand über Sea Shepard zu uns kommt und Kunde wird, spenden wir wiederum einen Teil an deren Projekte, ähnlich wie bei Skateistan, einem Skateboard Entwicklungshilfeprogramm in Afghanistan. Derzeit statten wir die Promotion-Teams von Sea Sheperd mit PV-Modulen und Tablets aus, damit sie ihre Überzeugungsarbeit noch effektiver angehen können.

„Warum soll ich z. B. schmutzige Energie beziehen? Das macht doch überhaupt keinen Sinn. Es ist noch nicht mal billiger. Viele wechseln nur deshalb nicht zu Ökoenergie, weil sie zu faul sind, sich damit zu beschäftigen.“

Wie versucht ihr euren Kindern diese nachhaltige Lebensweise mit auf den Weg zu geben?

Im Endeffekt geht es „nur“ um Werte. Jeder vermittelt seinen Kindern, sei es bewusst, oder unbewusst, Werte. Und ein extrem wichtiger ist – wie ich finde – das Verantwortungsbewusstsein. Eben nicht trübe und dumpf durch die Gegend zu laufen, sondern Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen. Wenn ich Verantwortung für mein Handeln übernehme, fange ich automatisch an, nachzudenken. Und wenn ich einigermaßen gerade gewickelt bin, handele ich dann „nachhaltig“. Warum soll ich z. B. schmutzige Energie beziehen? Das macht doch überhaupt keinen Sinn. Es ist noch nicht mal billiger. Viele wechseln nur deshalb nicht zu Ökoenergie, weil sie zu faul sind, sich damit zu beschäftigen. Bei der Ernährung ist es ja das gleiche. Ich esse z. B. gerne Fleisch, aber in Maßen und bewusst kein Fleisch aus Massentierhaltung, weil es einfach pervers ist. Wenn ich einigermaßen verantwortungsbewusst bin, kann ich das nicht machen! Man darf nicht alles hinnehmen, man sollte die Dinge gesund hinterfragen. Wenn sich jemand bewusst dafür entscheidet, Atomenergie zu beziehen, und sich über möglichen Konsequenzen im Klaren ist, finde ich das inhaltlich zwar noch immer schlecht, aber ich respektiere die Entscheidung, weil der- oder diejenige diese bewusst getroffen hat. Viele Probleme rühren daher, dass Leute sich und ihr Handeln nicht reflektieren, sich nicht fragen, warum sie dieses oder jenes überhaupt machen, sondern dumpf und ignorant durch’s Leben laufen. Wenn jeder graswurzelmäßig seinen kleinen Teil zu einer besseren Welt beiträgt, dann können wir wirklich was bewegen.

Welche Schlagzeile soll in zehn Jahren über Polarstern in der Zeitung stehen?

Ich finde das Thema der dezentralen Energieversorgung aus Photovoltaikanlagen und Blockheizkraftwerken sehr sehr spannend und fördernswert. Wir bei Polarstern machen das mit unserem Angebot „Wirklich Mieterstrom“. Wenn eines Tages irgendwo steht, dass wir den Weg entscheidend mitgeprägt haben, würde mich das sehr freuen.

Flo, ich bedanke mich für dieses tolle Gespräch und wünsche Dir, Eurem Business und natürlich Deiner Familie alles Gute für die Zukunft!

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