Freitagmorgen, 7:15 Uhr. Du stehst am Fenster, schaust auf die verschneite Einfahrt und checkst die Warn-Apps. Kita und Schule sind geschlossen. Fußballtraining abgesagt. Musikschule zu. Schwimmkurs fällt aus. Und während der halbe Newsfeed sich über Verkehrschaos und Schulausfälle aufregt, spürst du eine winzige, heimliche Erleichterung. Vielleicht sogar so etwas wie Vorfreude auf die Zeit in den eigenen vier Wänden.
Denn mal ehrlich: Wann hattest du das letzte Mal einen kompletten Nachmittag ohne Termindruck? Ohne das ständige „Wir müssen in zehn Minuten los“, ohne die Fahrerei zwischen Turnhalle und Klavierlehrer, ohne dieses unterschwellige Gefühl, dass du ständig irgendwo zu spät dran bist? Das Schneechaos zwingt uns zu etwas, das wir uns schon lange nicht mehr gegönnt haben: zu einem echten Pausenknopf.
Und genau da liegt das Problem. Dass es eine Naturgewalt braucht, um unseren durchgetakteten Familienalltag zum Stillstand zu bringen, sagt ziemlich viel darüber aus, wie wir mittlerweile leben. Willkommen in der Overscheduling-Falle – dem Phänomen, wenn Kinder mit so vielen Aktivitäten, Kursen und Hobbys vollgepackt werden, dass kaum noch Zeit für freies Spiel, Langeweile oder einfach nur Rumhängen bleibt. Es ist der ungesunde Trend, der Familien im Dauerstress hält und aus Kindern kleine Terminmanager macht.
Familienkalender oder Vorstandsagenda?
Overscheduling bedeutet nicht, dass dein Kind ein oder zwei Hobbys hat. Es bedeutet, dass der Wochenplan so vollgepackt ist, dass kaum noch Luft zum Atmen bleibt. Montags Fußball, dienstags Englischkurs, mittwochs Schwimmen, donnerstags Musikschule, freitags noch schnell zum Turnen – und am Wochenende? Klar, da sind Kindergeburtstage, Familienausflüge und vielleicht noch das Tischtennisturnier.
Das Verrückte: Wir merken oft gar nicht mehr, wie absurd das geworden ist. Weil alle anderen es auch so machen. Weil wir denken, dass wir unseren Kindern nur so „genug bieten“. Weil wir Angst haben, sie könnten etwas verpassen oder „zurückfallen“. Und weil wir selbst in dieser Leistungsgesellschaft groß geworden sind, in der Stillstand als Rückschritt gilt.
Dabei übersehen wir komplett, was dieser Dauerlauf mit unseren Kindern macht. Und mit uns selbst.

Was passiert, wenn Kinder keine Luft mehr zum Spielen haben
Kinder zwischen vier und zwölf Jahren brauchen vor allem eines: Zeit. Zeit zum freien Spielen. Zeit, um Unfug zu machen. Zeit, um sich zu langweilen und daraus eigene Ideen zu entwickeln. Overscheduling raubt ihnen genau das.
Wenn jeder Nachmittag durchgetaktet ist, bleibt kein Raum für Spontanes. Keine Gelegenheit, einfach mal im Garten rumzuhängen, mit dem Nachbarskind Quatsch zu machen oder ein Lego-Projekt über mehrere Tage hinweg zu verfolgen. Stattdessen: strukturierte Aktivitäten, Anweisungen von Erwachsenen, ständiger Input.
Die Folgen vom Overscheduling sind spürbar. Überreizte Kinder, die abends nicht runterkommen. Geschwister, die sich streiten, weil keiner mehr Energie für Kompromisse hat. Und eine unterschwellige Unruhe, die sich durch den ganzen Familienalltag zieht. Studien zeigen, dass Kinder mit zu vielen geplanten Aktivitäten häufiger unter Schlafproblemen, Konzentrationsschwierigkeiten und erhöhtem Stresslevel leiden. Sie verlernen, sich selbst zu beschäftigen. Dabei ist das eine Fähigkeit, die später im Leben unfassbar wichtig wird.
Und dann ist da noch das Thema Langeweile. Klingt unsexy, ist aber eine Superkraft. Denn aus Langeweile entstehen Kreativität, Problemlösungskompetenz und echte Interessen. Wenn Kinder nie die Chance haben, sich zu langweilen, verpassen sie genau diese Entwicklungsschritte. Und da müssen wir auch aufpassen nicht immer gleich mit Medien diese Zeiten der Langeweile zu füllen.
Was Overscheduling mit uns Eltern macht
Aber nicht nur die Kinder leiden. Wir Eltern auch. Dieser permanente Organisations-Marathon ist zermürbend. Du bist ständig im Taxi-Modus, jonglierst zwischen Terminen, vergisst die Sportkleidung, ärgerst dich über Stau und fragst dich irgendwann: Wann habe ich eigentlich das letzte Mal entspannt mit meinem Kind geredet?
Dazu kommen die Schuldgefühle. „Mache ich genug für mein Kind? Sollte ich nicht noch einen Kurs buchen? Die Tochter von Tims Kollegen macht doch auch schon Chinesisch und Schach.“ Diese Vergleichskultur – befeuert durch Instagram-Posts von perfekt geförderten Kindern – setzt uns unter Druck.
Und dann ist da noch die Partnerschaft. Wenn beide Elternteile im Dauerstress sind, bleibt kaum Energie für Gespräche, die nicht um Logistik kreisen. „Kannst du morgen die Kleine abholen? Ich muss den Großen zum Hockey fahren.“ Romantik? Fehlanzeige.
Gerade als Vater steckst du oft in einem Dilemma. Einerseits willst du deinem Kind alle Möglichkeiten bieten, die Türen öffnen. Andererseits merkst du, dass du selbst an deine Grenzen kommst. Und dann fragst du dich: Ist das wirklich noch gesund?

Warum wir unsere Kinder so vollpacken
Die Gründe für Overscheduling sind vielschichtig. Ein großer Faktor ist gesellschaftlicher Leistungsdruck. Wir leben in einer Welt, die Optimierung feiert. Effizienz, Produktivität, Selbstverbesserung – das sind die Mantras unserer Zeit. Und dieses Denken übertragen wir unbewusst auf unsere Kinder.
Dann ist da der Vergleich mit anderen Eltern. Auf dem Spielplatz, in der Kita, auf Social Media. Überall begegnen uns Bilder von Kindern, die scheinbar mühelos drei Instrumente spielen, zwei Sprachen sprechen und nebenbei noch im Fußballverein kicken. FOMO (Fear of Missing Out) gibt es nicht nur bei Erwachsenen, sondern auch bei besorgten Eltern, die Angst haben, ihr Kind könnte abgehängt werden.
Ein weiterer Punkt: Viele von uns wollen nachholen, was sie selbst in ihrer Kindheit vermisst haben. Du durftest kein Instrument lernen? Dann soll dein Kind es auf jeden Fall können. Du hattest nie die Chance, in einem Sportverein zu sein? Dann wird dein Sohn jetzt Vereinsmitglied. Diese gut gemeinte Kompensation übersieht allerdings, dass dein Kind vielleicht ganz andere Bedürfnisse hat als du damals.
Wie viel ist genug? Ein realistischer Check
Die Frage aller Fragen: Wie viele Aktivitäten sind okay? Eine pauschale Antwort gibt es nicht, aber es gibt Richtwerte, die helfen können.
Für Kinder im Kita-Alter (etwa drei bis sechs Jahre) reichen ein bis zwei feste Termine pro Woche völlig aus. Ein Sportangebot oder eine musikalische Früherziehung, mehr braucht es nicht. Der Rest der Zeit sollte freiem Spiel, Naturerlebnissen und unstrukturierter Zeit mit Familie und Freunden gehören.
Grundschulkinder (etwa sechs bis zwölf Jahre) können durchaus zwei bis drei regelmäßige Aktivitäten stemmen, aber nicht jeden Tag. Mindestens zwei Nachmittage pro Woche sollten komplett frei bleiben. Zeit, in der dein Kind selbst entscheiden kann, was es tut. Zeit, in der Nachbarschaftsfreundschaften entstehen, in der draußen gespielt wird oder in der einfach mal nichts passiert.
Wichtig ist auch: Qualität schlägt Quantität. Lieber ein Hobby, das dein Kind wirklich liebt, als fünf Aktivitäten, zu denen es lustlos hingezogen wird.
Raus aus der Falle: Praktische Schritte für mehr Familienzeit
Wenn du merkst, dass ihr in der Overscheduling-Falle steckt, ist der erste Schritt Ehrlichkeit. Setzt euch als Familie zusammen und macht einen Reality-Check. Schreibt alle Aktivitäten auf, die die Woche füllen. Dann stellt euch gemeinsam die Fragen: Was davon macht wirklich Spaß? Was fühlt sich wie Pflicht an? Was würden wir vermissen, wenn es weg wäre?
Kinder sind oft überraschend klar in ihren Antworten. Viele geben zu, dass sie ein oder zwei Hobbys eigentlich nicht mehr machen wollen, es aber nicht sagen, weil sie denken, dass Mama und Papa stolz darauf sind.
Ein bewährter Trick: der Testmonat. Streicht gemeinsam ein Angebot für vier Wochen und schaut, was passiert. Wird die freie Zeit genutzt? Entspannt sich die Stimmung? Oder merkt ihr, dass dieses Hobby doch wichtig war? So findet ihr heraus, was wirklich zählt.

Wichtig ist auch das Gespräch mit deinem Kind, wenn etwas gestrichen wird. „Du darfst traurig sein, dass Turnen jetzt nicht mehr geht. Aber wir schützen unsere gemeinsame Zeit, damit wir alle nicht so gestresst sind.“ Kinder verstehen das oft besser, als wir denken.
Und dann sind da noch die anderen Eltern. Der soziale Druck ist real. Aber du musst nicht mitmachen. Wenn andere dich fragen, warum dein Kind nicht mehr zum Klavierunterricht geht, kannst du entspannt antworten: „Wir haben gemerkt, dass weniger mehr ist.“ Du wirst überrascht sein, wie viele heimlich neidisch auf eure Entscheidung sind.
Neue Rituale statt neuer Termine
Wenn plötzlich Nachmittage frei sind, stellt sich die Frage: Was machen wir jetzt? Die Antwort ist einfacher, als du denkst. Es braucht kein neues Programm. Es braucht Raum.
Draußen spielen – ohne Ziel, ohne Plan. Einfach auf den Spielplatz oder in den Wald und schauen, was passiert. Gemeinsam kochen, ohne dass es perfekt sein muss. Brettspiele rausholen und sich Zeit nehmen. Oder einfach mal zusammen auf dem Sofa lümmeln und reden.
Als Väter haben wir hier eine besondere Rolle. Wir können bewusst „langsame“ Zeit einplanen. Zeit, in der das Handy in der Tasche bleibt. Zeit, in der nichts erreicht werden muss. Zeit, in der wir einfach präsent sind. Das ist manchmal schwerer, als es klingt. Gerade in einer Welt, die ständige Produktivität fordert. Aber genau diese Momente sind es, die Bindung schaffen und die deine Kinder später erinnern werden.
Das Schneechaos dieser Woche hat vielen Familien genau das geschenkt: erzwungene Entschleunigung. Und plötzlich spielen Kinder wieder stundenlang im Schnee, bauen Iglus, kommen durchgefroren und glücklich nach Hause. Keine Termine, kein Stress, einfach nur Kindheit.
Der Mut zur Lücke
Overscheduling ist kein individuelles Versagen. Es ist ein gesellschaftliches Phänomen, das uns alle erfasst hat. Aber wir können aussteigen. Wir können entscheiden, dass unsere Kinder keine Lebensläufe brauchen, sondern Erinnerungen. Dass sie keine Optimierung brauchen, sondern Geborgenheit.
Das Schneechaos hat uns gezeigt: Es geht auch anders. Und vielleicht ist das die wichtigste Lektion: Wir brauchen keinen Schneesturm, um uns die Erlaubnis zu geben, einen Gang runterzuschalten. Wir können das jederzeit selbst entscheiden. Also: Welches Hobby streicht ihr als erstes?











