Eine Studie der Zeitschrift stern belegt: Nicht Schule und Terminstress überfordern unsere Kinder, sondern Mütter und Väter, die ihrer klaren Führungsrolle nicht nachkommen. Kinder sehnen sich nach starken Eltern und Vorbildern. Doch wir behandeln sie als ‚Partner‘, womit sie völlig überfordert sind. Fehlende Grenzen und mangelnde Klarheit führen aber oft zu seelischen oder körperlichen Symptomen. Eltern und Erzieher verstehen die tiefere Ursache dieser Krankheiten und Verhaltensauffälligkeiten nicht und fragen sich verunsichert, warum die Kinder psychisch oder körperlich leiden.

Krankheitssymptom Familie: Interview mit Thomas Schäfer
Thomas Schäfer, einer der profiliertesten Familientherapeuten, greift in seinem neuen Buch Was unseren Kindern wirklich hilft die Themen auf, die für Eltern und Erzieher oftmals eine große Herausforderung darstellen: Wie verbindet man Liebe mit Konsequenz, ohne sich auf Machtspiele einzulassen? Was tun, wenn Kinder sehr ängstlich oder wütend sind, klammern, sich sozial isolieren oder in der Schule Probleme haben? Was steckt wirklich hinter Krankheiten und Symptomen wie Bettnässen, Neurodermitis, Asthma und Essstörungen oder Depressionen? Wir haben mal nachgehakt:

DADDYlicious: Was hilft unseren Kindern wirklich?

Vor allem drei Dinge: Die richtige seelische Haltung als Eltern einnehmen. Auch wenn ich Fehler mache als Mama oder Papa: ich bin der/die Große. Das Kind darf „klein“ sein! Dies verleiht dem Kind ein wunderbares Sicherheitsgefühl, so dass es sich in seinem Umfeld als stark erlebt!. Mit Teenagern geht das natürlich nicht mehr auf diese Weise, aber dennoch muß man auch Teenagern gegenüber Farbe bekennen.

Erziehen mit dem Prinzip der „logischen Folge“ (Konsequenzprinzip). Zahlreiche Beispiele finden sich im Kapitel „Die heilsame Haltung gegenüber Kindern“. Ob beim Bummeln beim Aufstehen, oder ob es um mangelnde Unterstützung beim Wäsche waschen geht: mit der „logischen Folge“ lassen sich unendlich viele Probleme schnell und dauerhaft lösen.

Bei Krankheiten und Problemen lohnt es sich, systemisch zu denken: drückt mein Kind mit seinem Verhalten, seinen Symptomen etwas für die ganze Familie aus?

DADDYlicious: Haben bestimmte Symptome immer die gleichen Ursachen? Welche Antworten liefert ihr neues Buch auf diese Frage?

Was unseren Kindern wirklich hilft
In der Tat haben mir 20 Jahre Arbeit mit Symptomen und Krankheiten gezeigt: nicht immer, aber oft gibt es ähnliche Hintergründe bei ein und demselben Thema! Bsp. Sucht: jeder Spielfilm, jede Praxis-Fallgeschichte zeigt: Sucht ist fast immer die Abwesenheit des Vaters! Therapie ohne den Blick auf den vermissten Vater kann Sucht nie von Grund auf heilen! Bsp. Asthma bei Kindern: Fast immer findet sich, dass das Kind zu einem der beiden Elternteile nicht „hin darf“, beispielsweise scheint ein (meist unausgesprochenes) Verbot zu bestehen, auch den anderen Elternteil „lieb zu haben.“ Wenn das offen gezeigt wird, ist das System insgesamt sofort verändert und Asthma kann sich schnell beim Kind auflösen. Auch psychiatrische Störungen, Neurodermitis und andere Krankheiten haben oft einen ganz speziellen Hintergrund.

DADDYlicious: Was hilft uns Eltern dabei, den richtigen Umgang mit Kindern zu pflegen?

Dafür zu sorgen, dass es uns gut geht, wir selber ausgeglichen sind. Das ist die Basis, um „gute“ Eltern zu sein.

DADDYlicious: Was genmau verbirgt sich hinter der Methode der Familienauftstellung?

Im Rahmen einer Gruppe kann der Klient/das Elternpaar sein Problem bzw. das des Kindes mit Hilfe von (fremden) Stellvertretern aufstellen. Auch die Krankheit wird mit einem Teilnehmer aufgestellt. Anschließend wird eine Lösung gesucht… In dem das bislang systemisch Ausgeklammerte und oft Tabuisierte von allen anerkannt wird, tritt oft für das schwächste Glied der Kette – das Kind – Heilung ein.

DADDYlicious: Wie sehen Sie die aktuelle Entwicklung, dass Väter darauf plädieren, mehr Zeit mit den Kindern zu verbringen und sich damit auch verstärkt an der Erziehung beteiligen. Was bedeutet es für das Kind, wenn plötzlich zwei Erwachsene loben, kritisieren oder reglementieren?

Toll, dass der Trend in die Richtung geht, Väter mehr an der Erziehung teilnehmen zu lassen. Vor allem Jungs profitieren davon! Schlimm genug, dass in Schule und Kindergarten Jungen fast ausschließlich mit Frauen zu tun haben. Sie brauchen jedoch zur Entwicklung auch die männliche Kraft! Daß plötzlich zwei Erziehende zu Hause Normen und Regeln vorgeben, die sich auch widersprechen, finde ich nicht so dramatisch. Natürlich ist es gut, wenn Eltern sich absprechen und einigen auf eine „grobe, klare Linie.“ Wenn das Kind für längere Zeit mal den Vater, mal die ganz anders erziehende Mutter erlebt, sollte man dem Kind ganz offen sagen: „Ja, beim Papa (Mama) darfst du es gerne ganz anders machen… Wir sind eben unterschiedlich und BEIDES ist gut und richtig. Wenn du gerade bei mir bist, gelten nicht die „besseren“ sondern einfach andere Regeln.“ Das macht Kinder durchaus flexibler und sie verstehen es auch! Sie sollen auch lernen, dass Eltern keine Roboter sind!

DADDYlicious: Wie stehen Sie zu Sanktionen wie Hausarrest, Fernsehverbot oder die Änderung des W-LAN-Passwortes?

Wenn Kinder internetsüchtig sind, kann man schon mal das Wlan-Paßwort ändern! Für Hausarrest und TV-Verbot gelten jeweils die konkreten Umstände. So pauschal kann man das nicht sagen, ob es sinnvoll ist.

DADDYlicious: Führen Verbote in Kombination mit Belohnungen nicht in einen Teufelskreis? Welche Gefahren lauern da für Eltern?

Schrecklich, wenn Lehrer oder Eltern z.B. Kinder ständig mit Süßigkeiten für Erfolge „belohnen“ und bei Mißerfolgen irgend etwas entziehen. Diese Art von Konditionierung erzieht Kinder in eine falsche Richtung! Ich bin für die Anwendung der „logischen Folge“ in der Erziehung.

DADDYlicious: Was war das letzte negative Erlebnis, dass Sie auf „offener Strasse“ erlebt haben?

Vor drei Monaten im Urlaub: Im Hotel sitzt eine dreiköpfige Familie am Tisch. Die drei- bis vierjährige Tochter praktiziert Multitasking: Mit der rechten Hand balanciert sie auf der Gabel Kuchenstücke, die immer wieder herunterfallen, oft neben den Teller. Mit der linken Hand bedient sie den Laptop, während die Augen fast ausschließlich auf ihren Trickfilm gerichtet sind. Die Pupillen bewegen sich fast nie zum Kuchen hin. Kein Wunder, dass das schiefgeht! Papa sitzt der Tochter gegenüber und demonstriert ihr geduldig, wie man die Gabel richtig benutzt. Doch die Tochter achtet gar nicht auf ihn! Sie widmet sich den bewegten Bildern. Leider merkt der Vater in keiner Weise, dass die Tochter ausschließlich auf den Film konzentriert ist und nicht auf seine Demonstration! Er redet sich weiter ergebnislos den Mund fusselig …

Das Erstaunlichste: Weder Mutter noch Vater kommen auf die Idee, dass man den Laptop des Kindes auch schließen kann, denn es ist ja jetzt eigentlich Zeit zum Essen, nicht zum Filmschauen! Außerdem wäre eine gemeinsame Mahlzeit die Gelegenheit für Gespräche unter den Familienmitgliedern! Und wieder die Frage: Wo bleibt die Sensibilität für das, was Kinder benötigen? Das Digitale scheint im Leben von Erwachsenen und Kindern immer mehr die höchste Priorität einzunehmen.

DADDYlicious: Warum sollten Eltern ihr Buch unbedingt lesen?

Zum Einen, um in die richtige pädagogische Haltung den Kindern gegenüber zu kommen. Vieles löst sich so – ohne jede weitere Hilfe – von selber. Zum anderen: Eltern, die mit ihrem z.B. an Neurodermitis, Asthma, Magersucht, ADS usw. erkrankten Kind schon so viele Ärzte, Psychologen, Heilpädagogen usw. aufgesucht haben und am verzweifeln sind, sollten auf alle Fälle auch auf das Familiensystem als Ganzes schauen, um möglicherweise einen ganz einfachen Hintergrund für die Erkrankung zu sehen. Manchmal ist die Lösung für alle ganz nah!

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