Wir sind immer auf der Suche nach Unterkünften für unsere Reisen, die Charme haben. Unterkünfte, die neben dem reinen Service – eine Übernachtungsmöglichkeit zu bieten – auch in Erinnerung bleiben. Diese müssen nicht immer luxuriös sein, sie müssen nicht immer bequem sein und manchmal auch nicht warm. Aber ein Erlebnis sollten sie sein.

Da standen wir nun also vor einem Nomadenzelt. Weit ab von wirklichen Menschenansammlungen inmitten der schottischen Halbinsel Ardnamurchan. Eine einsame Single-Track-Road, also eine Straße, die nur für die Breite eines Fahrzeugs entworfen wurde, jedoch beidseitig befahren wird, führte uns über 50 Meilen dorthin. Hin- und wieder muss man den entgegenkommenden Fahrzeugen in den Passing Places ausweichen. Dabei geht es durch weite grüne Landschaften, vorbei an einsamen Buchten und hin und wieder quer durch Schafansammlungen neben und auf der Straße. Das Schaukeln und Wackeln, das ständige Auf und Nieder brachte Paul, unseren 9 Monate alten Sohn, aus dem Konzept. Das Schlafen im Auto, was sonst fast eine Garantie darstellt, funktionierte diesmal nicht und so zog sich die Strecke für ihn noch viel länger. Für Eltern, deren Kinder das Autofahren verabscheuen, ist diese Unterkunft vermutlich keine Option.

Schottische Verkehrsteilnehmer

„Schottische Verkehrsteilnehmer“

Doch wie kamen wir eigentlich zu dieser Unterkunft? Einem Nomadenzelt, eine Jurte, mitten in Schottland?

Für solche Fälle gibt es heute Airbnb. In unserem Falle haben wir die Unterkunft eher durch Zufall und vor allem auf Grund des Mangels an Alternativen gefunden. Wir waren ursprünglich auf der Suche nach einer Bleibe auf der beliebten Insel Isle of Skye. Und das in der Hochsaison und sehr kurzfristig. Leider lieferte die Suche kaum brauchbare Ergebnisse in der Umgebung der Isle of Skye, jedoch ein Ergebnis – wenn auch etwas weit entfernt vom eigentlichen Ziel – das sofort unsere Aufmerksamkeit erreichte. Da war es, das Nomadenzelt.

Wir haben uns also die Anzeige angesehen und waren immer noch interessiert. Es klang einfach spannend. Doch eigentlich lag es nicht wirklich auf unserer Route. Die Begeisterung siegte und wir stellten die Anfrage für diese alternative Behausung. Wir glauben daran, dass auch mit Kind die meisten Dinge auf Reisen, selbst etwas weg vom Standard, machbar sind. Wir waren noch während des letzten Schwangerschaftsdrittels in Schweden mit Zelt und Fahrrad unterwegs und hielten es so auch mit kleinem Kind für möglich in einem Nomadenzelt im schottischen Outback zu übernachten.

Mit Kind im Nomadenzelt

Wir bekamen eine positive Antwort und machten uns nachdem wir die Isle of Skye dann doch noch bereisen konnten, auf den Weg nach Ardnamurchan.

Das Nomadenzelt von außen

„Das Nomadenzelt von außen“

Dort erwartete uns ein handelsübliches Nomadenzelt. Mit allem drum und dran. Und was heißt das?

Dieses Nomandenzelt bietet Platz für vier Personen, hat einen Gaskocher, etwas Geschirr und Küchenutensilien sowie einen Kamin in der Mitte des Zeltes. Zur Sicherheit ist es natürlich auch mit einem Kohlenmonoxid-Warner ausgestattet sowie mit einem Brand- und Rauchmelder. Im Außenbereich befanden sich darüber hinaus noch eine Toilette sowie eine Dusche. So weit so gut.

Da Paul auch zuhause in einem Babybay direkt an unserem Bett (und „hin- und wieder“ auch direkt in unserem Bett) schläft, war die Schlafplatz-Situation für uns kein Problem. Wir stellten die Betten zusammen und konnten so alle an einem Platz schlafen. Für den Fall der Fälle haben wir auf Reisen auch ein faltbares Babybett in Form eines kleinen Zeltes dabei – auch wenn wir es hier nicht benötigten.

Kochstelle im Nomadenzelt

„Kochstelle im Nomadenzelt“

Es sollte eine kühle Nacht werden

Wir kamen recht spät am Zelt an. Die Schätzung von Google Maps wie viel Zeit die 50 Meilen Single-Track-Road in Anspruch nehmen, hatte eine gewisse Abweichung zu meiner Wahrnehmung der Möglichkeiten auf dieser Strecke als nicht-schottischer Autofahrer. Natürlich galt es alsbald den Kamin zu nutzen, um das Zelt gemütlich warm zu haben. Da ich schon als Kind gern mit Feuer gespielt habe, kam die Aufgabe wie gerufen für mich. Ein Kinderspiel. Holz, etwas Zeitungspapier und Streichhölzer waren ja da.

„Ganz schön große Stücke Holz haben sie uns da gegeben. Mal schauen wie ich die anbekommen soll.“

Dann mal los. Zeitungspapier in kleine Kügelchen rollen. Eine Pyramide damit bauen. Kleines Holz darüber. Halt, wir haben ja gar kein kleines Holz. Raus aus der Jurte. Kleine Holzteile sammeln: Stöcke, etwas Rinde. Weiter geht es. Die kleinen Holzteile stapeln. Anzünden.

Es brennt! Ich habe Feuer gemacht!

Eins der großen Holzstücke darauf, die Tür des kleinen Ofens noch leicht offen, um genug Sauerstoff ins Innere des von mir erschaffenen Infernos zu lassen. Das sieht gut aus. Sagte ich ja: ein Kinderspiel.

(10 Minuten später) Es ist aus. Ich habe versagt.

Fehlersuche: Vielleicht habe ich das große Stück zu früh aufgelegt. Außerdem wirkt das Holz leicht feucht.

Noch einmal von vorn. Diesmal kostbaren Rat und etwas weibliche Eingebung einholen.

(60 Minuten später) Ein langer Kampf geht zu Ende. Wir müssen uns dem feuchten Holz geschlagen geben. Es wird eine kühle Nacht, das ist uns spätestens ab diesem Moment vollkommen klar. Zum Glück gibt es Kerzen, genug Decken und für Tee und warmes Essen noch die Gaskochfelder.

Der Ort des Schreckens - der Kamin

„Der Ort des Schreckens – der Kamin“

Wir begnügen uns also im Laufe des Abends damit den Brei für Paul zu erwärmen, unser eigenes Essen ebenfalls und schlafen bald erschöpft in unseren Betten ein. Paul hat von dem Kampf mit dem nassen Holz nichts mitbekommen. Abwechselnd waren wir mit ihm an der frischen Luft und haben die Gegend um das Zelt erkundet. Ihn störte auch die kühle Luft im Zelt nicht – zum Glück hatten wir auf Grund des schottischen Wetters den dicken Schlafsack mit und konnten ihn mit den vorhandenen Decken gut betten.

„Was war das für ein Geräusch?“

Lange hatten wir die Augen nicht zu. Tiere. Sehr nah am Zelt und es klingt irgendwie wie Wildschweine. Nicht, dass ich schon einmal Wildschweine in der Nacht aus nächster Nähe gehört hätte, aber ich bin mir zu 90% sicher, dass es so sein muss. Meine Fähigkeiten verlassen mich auch an dieser Stelle: ein Blick durch die Tür des Zeltes verrät uns, dass wir es mit gefährlichen, gemein aussehenden und furchteinflößenden… Eseln… zu tun haben. Die beiden stampfen zusammen durch die Gegend und schauen gar nicht so gefährlich aus.

Die falschen Wildschweine

„Die falschen Wildschweine“

Nachdem das auch geklärt war, konnten wir in Ruhe schlafen. So kalt war es dann glücklicherweise gar nicht und die Wildschweine außerhalb des Zeltes gaben auch Ruhe. Am Morgen, nach Zähneputzen im Freien und dem Beladen des Autos ging es dann also wieder zurück in die Zivilisation. Doch davor konnte Paul den zwei „Wildschweinen“ noch einen Besuch abstatten. Ein wirkliches Outdoor-Abenteuer für den kleinen Mann: Ein Zelt das viel zu entdecken bot, warme Babynahrung vom Gaskocher, „wilde“ Tiere und eine ruhige Nacht in der Natur.

Was haben wir also bei unserem Aufenthalt im Nomadenzelt gelernt?

Eine Übernachtung in einem solchen Zelt ist wie gut ausgestattetes Camping. Das Nomadenzelt war geräumig, hatte viel Platz für uns und ich konnte darin aufrecht stehen – was in anderen Zelten ein Problem ist. Mit einem lodernden Feuer wäre die romantische Stimmung in der schottischen Angelegenheit vermutlich noch viel schöner gewesen. Eine Nacht in einer solchen Unterkunft ist ein Erlebnis. Ein Erlebnis, über das ich gern noch oft erzählen möchte (vielleicht auch, weil nicht alles glatt gegangen ist). Da wir der Meinung sind, dass Erlebnisse das sind, was wir in unserem Leben sammeln und wovon wir lange zehren können, hat es sich für uns gelohnt. Und ich freunde mich mit dem Gedanken an an einem Outdoor-Camp teilzunehmen, bei dem mir jemand die wichtigsten Handgriffe und Tricks beibringt. Vielleicht auch für das Feuermachen mit nassem Holz. Denn wenn es einmal wirklich darauf ankommt, will das gekonnt sein als Vater und Mann.

Das Nomadenzelt hatte genug Platz und wirkte gemütlich

„Das Nomadenzelt hatte genug Platz und wirkte gemütlich“

P.S: Wer diese Erfahrung nicht unbedingt in der Abgelegenheit der schottischen Inseln machen möchte, kann auch viel näher, zum Beispiel in Potsdam, in den Genuss einer Nacht im Nomadenzelt kommen: Nomadenland.de.

Wir danken für den tollen Artikel. Und Ihr könnt David folgen auf unterwegs-bleiben.de und natürlich auch unter unterwegs-bleiben auf Facebook.

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