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Pubertät – Windsurfen als Familientherapie?

Heute haben wir einen spannenden Gastbeitrag für alle Familien mit älteren Kindern. Unser Leser und Fan Frank, ein zugezogener Kölner, 41 Jahre alt, ist passionierter Vater. Es ist für ihn nicht immer leicht als Mann mit zwei Töchtern, aber trotzdem unverzichtbar schön. Heute erzählt er eine inspirierende Geschichte über Pubertiere und Windsurfen:

Unter dem nicht ganz ernst gemeinten Titel möchte ich berichten, wie mir die gemeinsame Sportart Windsurfen aus der Pubertätsfalle geholfen hat.

Pubertät ist, wenn die Eltern irgendwann fürchterlich anstrengend werden.

So alt dieser Spruch auch ist: Es ist etwas Wahres dran, und kaum ein Vater kommt um diesen Lebensabschnitt seines Kindes herum. Mich hat es auch erwischt mit unserer Tochter. Die ersten paar „Papa, du bist so peinlich!“ fand ich noch richtig lustig. Aber mit der Zeit wurden die Diskussionen über das was man darf oder nicht darf, über das was man tut oder nicht tut, langwieriger. Als dann auch den Argumenten langsam jede Vernunft verloren ging und Streitigkeiten scheinbar nur noch auf der Beziehungsebene geführt wurden, war das für die ganze Familie eine äußerst frustrierende Phase.

Wenn man sowas kennt, ist das vermutlich zwar nervig, aber nicht beunruhigend. Mich hingegen hat diese Verschlechterung der sonst sehr harmonischen Familienatmosphäre sehr verunsichert und hilflos gemacht. Mir wurde zu diesem Zeitpunkt klar: Es brauchte einen ganz neuen Weg des Miteinanders, wenn wir eine Eskalation verhindern wollten. Aber was tun?

Windsurfen verbindet Generationen, wie unser Gastautor beweist
© Brett Jordan (Unsplash)

Wie ich mit meiner Tochter das Windsurfen (wieder-)entdeckt habe

Weniger aus dieser Erkenntnis heraus, sondern eher aus Zufall entdeckte ich in den Sommerferien in Dänemark einen Flyer für Surfkurse. Da meine Schwägerin Lena den Surf Shop W7 betreibt und mir schon länger in den Ohren lag, dass ich mich doch mal aufs Board schwingen sollte, dachte ich: Das ist jetzt das Zeichen für mich. Also legte ich meiner Tochter nachmittags den Flyer vor und fragte sie, ob das Windsurfen nicht ein spannendes Urlaubsprojekt für uns wäre.

Dieser stieß zunächst erwartungsgemäß auf gelangweilte Ablehnung. Es hatte ja schließlich nichts mit Instagram oder Snapchat zu tun! Als sie dann aber erfuhr, dass ihre Freundin auch schon mal einen Schnupperkurs gemacht hatte, war sie dann doch an Bord. Also stiefelten Vater und Tochter los und meldeten sich zum Kurs an, ohne genau zu wissen was auf sie zukam.

Wie uns das Windsurfen wieder näher gebracht hat

Auf dem Wasser war ich zunächst noch ein Aussätziger: Voll peinlich, seinen Vater mit im Windsurfkurs zu haben. Das änderte sich aber schnell, als meine Tochter merkte, dass nicht ich derjenige war, der Ansagen machte, Erlaubnisse erteilte und verweigerte, und der es besser wusste. Ich stellte mich ehrlich gesagt sogar dümmer an als die jungen Hüpfer, so dass meine Tochter schnell bemerkte, dass diesmal ICH derjenige war, dem SIE etwas erklären konnte, beispielsweise dass das Surfbrett beim Hochziehen des Segels im 90°-Winkel zum Mast stehen muss.

Was in diesem Moment passierte, ist schon fast magisch: Meine Tochter wurde unglaublich kommunikativ, freundlich und ernsthaft bemüht, mich mitzunehmen beim Lernen. Ihr Stolz war nicht zu übersehen, als sie mir nochmal die Schritte für eine Wende (so heißt das 180° Wendemanöver, bei der man über den Bug des Surfboards die Seite wechselt) erklären konnte. Und ich konnte mich auch völlig aufrichtig bei ihr bedanken, ohne dass mir dabei eine Erziehungsabsicht unterstellt wurde.

Auch außerhalb des Kurses gab es ganz neue gemeinsame Gesprächsthemen, zum Beispiel beim Essen: Mit Begeisterung erzählte meine Tochter von Begebenheiten und Erfolgen aus dem Kurs, wie wir gemeinsam Dinge ausprobiert und uns erklärt haben und was die Ziele für die kommende Stunde sein sollten. Zum ersten Mal seit Monaten hatte ich das Gefühl, wieder meine frühere Tochter zurückzuhaben, mit der man sprechen, spielen, albern und gemeinsam Dinge erleben konnte.

Dieser Rollenwechsel war regelrecht heilsam und hat die alten verfahrenen Kommunikationsmuster zwischen uns aufgebrochen, so dass wir die Chance hatten, durch Windsurfen einen neuen Zugang zueinander zu finden.

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© Mads Schmidt Rasmussen (Unsplash)

Meine Erkenntnisse aus dieser Erfahrung

  • Gemeinsame sportliche Erlebnisse wie Windsurfen bieten neuen gemeinsamen Gesprächsstoff zu Themen, die Gemeinsamkeiten betonen statt Differenzen. Sie verbinden statt zu trennen.
  • Zusammen lernen schafft das Gefühl, in einem Boot zu sitzen (oder hier: mit denselben Winden und Wellen zu kämpfen) und Herausforderungen zu teilen, sich zusammen über Erfolge zu freuen oder über Rückschläge zu ärgern.
  • Es verschafft einem Sohn und einer Tochter Selbstvertrauen, auch mal etwas besser zu wissen und die Oberhand in etwas zu haben. Diese Art von Erlebnissen will ich als Vater ermöglichen, so lange sie authentisch und nicht vorgespielt sind.
  • Erlebnisse sind eine Art von nonverbaler Kommunikation, und einer von vielen Standfüßen für eine gute Beziehung.

Ich will jetzt nicht behaupten, DAS Rezept zur Überwindung schwieriger Kommunikation mit Pubertierenden gefunden zu haben. Ich bin weder Familientherapeut noch Psychologe noch Pädagoge, aber zumindest bei uns hat sich die Beziehung verbessert, fast von selbst. Mein Mittel zum Zweck war das Windsurfen, aber sicherlich funktioniert jede andere Individualsportart oder 2er-Team-Sportart ebenso gut.

Du willst es mit deinem Kind auch mal mit dem Windsurfen versuchen?

Dann empfehle ich: Lerne es zusammen mit deinem Kind neu, auch wenn du schon Erfahrungen hast. Begib dich nicht in die Falle, zum Instruktor zu werden. Bucht euch einen Kurs und begib dich mit deinem Kind auf Augenhöhe in die Rolle des Schülers. Such dir eine qualifizierte und zertifizierte Surfschule, die geeignetes Windsurf-Equipment hat, eine kleine Gruppengröße, und die euch auch etwas Theorie und vor allem Sicherheits- und Vorfahrtsregeln beibringt.

Der Surfkurs: Anlaufstellen, Ablauf, Kosten, Prüfung & Surfschein

Als erste Anlaufstelle rund um das Windsurfen empfehle ich entweder den Verband deutscher Wassersportschulen e.V. (https://www.vdws.de/) oder den Deutschen Segler-Verband e.V. (https://www.dsv.org/). Schnupperkurse werden von den Surfschulen teils sogar gratis angeboten, mehrtägige Kurse kosten um die 100 € pro Person. Im Anschluss daran kannst du in der Regel noch eine theoretische und praktische Prüfung ablegen und den Surfschein erwerben, der auf einigen deutschen Binnengewässern Pflicht ist und auch teilweise international gefordert wird, wenn man an einer Surfstation Surfmaterial ausleihen möchte.

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© Raimond Klavins (Unsplash)

Windsurfen auf eigene Faust: Mindestanforderungen

Wenn du dich gegen eine Schule entscheidest, lass zumindest einen Bekannten die Lehrerrolle übernehmen – statt dich von deiner Tochter dafür anfauchen zu lassen, dass sie mit deinen doofen Anweisungen nicht zurechtkommt, kannst du dann gemeinsam mit deiner Tochter die Augen über die doofen Anweisungen deines Bekannten verdrehen. Achte auf jeden Fall für einen möglichst smoothen und frustfreien Einstieg in den Sport auf das passende Material beim Windsurfen:

  • Ein Surfbrett mit mindestens 180 Litern Volumen und 70 cm Breite, damit es genug Auftrieb bietet, einen guten Vortrieb auch bei Leichtwind ermöglicht und kippstabil ist.
  • Das Board sollte auch mit einem Schwert ausgestattet sein. Denn als Einsteiger wird man sich mit dem Kurshalten und dem Anluven schwer tun und abtreiben.
  • Das Segel sollte leicht und flach sein. Die optimale Segelfläche richtet sich natürlich auch etwas nach dem Wind, aber vor allem nach Alter und Gewicht des Einsteigers. So würde ich bis 8 Jahren unter 2,0 m² bleiben, bis 12 Jahren nicht über 3,0 m² gehen und ansonsten auf jeden Fall immer unter 5,0 m² bleiben. Als Mast reicht bei den kleinen Segeln häufig ein einfacher Alu-Steckmast. Der Gabelbaum sollte idealerweise einen reduzierten Holmdurchmesser haben, z.B. 26 mm, damit er sich auch von kleinen Händen und bei kälterem Wasser besser greifen lässt.
  • Schutzkleidung: Unterschätze nie den Wind Chill, also die Verdunstungskälte bei Wind! Gerade schlank hochgewachsene Kinder und Jugendliche könnten auch bei sommerlichen Temperaturen schnell auskühlen, vor allem wenn man anfangs häufig ins Wasser fällt und dabei ständig neu nass wird. Daher sollte auf jeden Fall geprüft werden, ob ein Neoprenanzug Sinn macht, der auch zusätzlich noch vor Sonnenbrand schützt.

Ich wünsche viel Spaß und gutes Gelingen – nicht nur sportlich beim Windsurfen, sondern auch als Daddy! Und wenn du gerade angesichts der Auseinandersetzungen mit deinem Sprössling in der Krise steckst: Kopf hoch, es wird irgendwann besser!

Alles Gute, Euer Frank

Hey Frank, lieben Dank für diesen tollen Beitrag. Vielleicht lassen sich andere Papas so inspirieren, das Eis zu ihren pubertierenden Teenagern mit einer gemeinsamen Aktion wie Windsurfen zu brechen.
Und hier gibt es noch mehr Ideen rund um den Familienurlaub.

Titelbild © Sasha Al (Shutterstock)