U-Boot-, Rasenmäher- und Helikoptereltern – eine Typologie

„Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr.“ Das wusste schon Dichter Wilhelm Busch. Und diese Zeile hat bis heute nicht an Aktualität verloren. Es gibt keine Blaupause für das korrekte Ausfüllen der Vaterrolle. Da muss jeder seinen ganz persönlichen Weg finden. Es gibt aber ein paar Eltern-Typen, die für ein Verhalten stehen, welches in der Erziehung eher verpönt ist. Von Helikoptereltern habt ihr vielleicht schon gehört. Wie sieht es aber mit U-Boot-Eltern, Rasenmähereltern und Schneepflugeltern aus? Nie gehört? Dann seid ihr hier genau richtig. Wir stellen euch die Typologie der Eltern etwas genauer vor.

Zugegeben, es ist keine leichte Sache, in der heutigen Zeit Kinder großzuziehen. Wir selbst sind wahrscheinlich die letzte Generation, die ein noch recht unbeschwertes Leben führen konnte. Der kalte Krieg war vorbei, die Klimakrise war noch in weiter Ferne und die Medien hatten uns auch noch nicht so am Wickel wie heute. Wer nach dem Millennium Nachwuchs bekommen hat, der muss einige Klippen umschiffen und wichtige Entscheidungen treffen: wie ernähren wir uns nachhaltig? Wie sorgen wir bei unseren Töchtern und Söhnen für Toleranz gegenüber allen anderen Menschen? Wie und wohin können wir eigentlich verreisen? Wie schützen wir unseren Planeten? Und wie rüsten wir uns gegen Bedrohung?

Ganz zu schweigen von den Herausforderungen der richtigen Mediennutzung, der Suche nach einem geeigneten Sport, dem Spaß und der Lernwilligkeit in der Schule und dem täglichen Spagat zwischen Job und Familie. Alles kein Spaziergang. Und trotzdem sind die eigenen Kinder für die meisten Eltern immer noch das aller größte Glück auf Erden und ein echtes Wunder. Damit ihr Bescheid wisst, welche Typen es bei Eltern gibt und von welchen Modellen ihr Abstand nehmen solltet, fassen wir mal die gängigen Ausprägungen für euch zusammen.

Helikoptereltern

Der Klassiker in der Typologie der Eltern und bereits geprägt seit Ende der 60er Jahre. Auch wenn sich diese Verhaltensweise in den letzten zwei Jahrzehnten intensiviert hat. Wir waren noch die Generation, die den Nachmittag in der Spielstraße überwiegend unbeobachtet durch die Eltern verbracht hat. Nach Hause ging es kurz zum Trinken, zum Pinkeln oder für ein Eis. Ansonsten haben wir die Gegend allein unsicher gemacht oder sind mit Ball auf den Fußballplatz gefahren.

Heute kreisen die Helikoptereltern um ihre Kinder. Sie trauen ihnen immer weniger zu, geben Hilfestellung am Klettergerüst, reparieren ihre Fahrräder, halten sie von der Hausarbeit fern, kutschieren sie im Familienauto bis vor das Schultor und organisieren akribisch den Alltag ihres Nachwuchses. Der Stil der Helikoptereltern wird von vielen kritisiert, weil davon ausgegangen wird, auf diese Art und Weise verwöhnte und unselbstständige Kinder großzuziehen, die nicht in der Lage sind, sich eigeninitiativ um ihre Aufgaben zu kümmern. Vielmehr glauben sie, dass ihnen alles in den Schoß fällt. Das kann sich durch die Nutzung von Social Media noch verstärken.

Helikoptereltern bleiben immer an der Seite ihrer Kinder. Auch dann, wenn es gar nicht nötig ist
© Yan Krukov (Pexels)

Es gibt allerdings auch stimmen, die der Meinung sind, die Helikoptereltern würden die richtigen Knöpfe drücken und den Kindern helfen, genau die Skills zu entwickeln, die später in Schule und Beruf hilfreich sind. Dazu gibt es hier einen aufschlussreichen Artikel auf stern.de. Darin erwähnt wird der autorative Erziehungsstil, den wir in dieser Übersicht beleuchtet haben. Wenn ihr euch fragt, ob ihr zu den Helikoptereltern gehört, findet ihr hier ein paar Signale dieser Gattung:

  • Das eigene Kind steht bei Helikoptereltern immer im Mittelpunkt
  • Ihr meidet Konflikte mit den eigenen Kindern und erfüllt ihnen jeden Wunsch
  • Ihr fahrt Kinder zur Schule, zum Sport oder zum Musikunterricht und holt auch wieder ab, obwohl eure Kinder den Weg auch allein schaffen könnten
  • Im Haushalt und beim Kochen müssen eure Kinder nicht mit anpacken
  • Auf dem Spielplatz seid ihr eher vorsichtig, lasst das Kind nicht aus den Augen und bleibt in der Nähe
  • Ihr organisiert den Alltag des Kindes, verabredet Play-Dates und taktet den Alltag durch
  • Ihr habt eine Meinung, welche Freundinnen und Freunde für euer Kind gut sind und welche nicht
  • Ihr seid in Sachen Schule immer ganz nah dran und reibt euch mit den Lehrkräften
  • Ihr habt hohe Ansprüche an euer Kind und wollt es für das Leben fit machen

Wenn ihr hier bei vielen der Punkte zustimmen nickt, könntet ihr zur Kategorie der Helikoptereltern gehören und es mit der Fürsorge übertreiben. Nehmt euch dann am besten vor, die Leine etwas länger zu lassen und eure Kinder auch mal laufen zu lassen.

Rasenmäher-Eltern

Die Steigerung zu den Helikoptereltern sind die Rasenmäher-Eltern. Alternative Begriffe sind auch Curling-Eltern oder Schneepflug-Eltern. Gemeint ist immer das gleiche. Nämlich, dass diese Eltern den Weg für ihre Kinder ebnen und alles plätten oder wegräumen, was sich in den Weg stellen könnte. Auch bei diesem Stil wird es vermieden, die Kinder zur Selbstständigkeit und Konfliktfähigkeit zu erziehen. Denn der Nachwuchs lernt nicht, Probleme zu lösen und Turbulenzen zu umschiffen. Es gibt immer den direkten und kürzesten Weg zum Ziel, Mama und Papa sei Dank.

Vielleicht habt ihr so eine Situation auch schon erlebt: eure Kinder bekommen ein Thema für ein Referat in der Grundschule. Aber anstatt ihnen nur zu zeigen, wie sie zum Ergebnis kommen, recherchiert ihr für sie im Netz, malt Plakate und erstellt die Ergebnisse. Das ist nicht zielführend. Denn wie geht euer Kind mit Problemen und Herausforderungen um, wenn ihr nicht in der Nähe seid? Dann könnte sich eine Überforderung einstellen und Panik vor dem Versagen auslösen.

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© Peter Dlhy (Unsplash)

Als Rasenmäher-Eltern gebt ihr eurem Kind nicht die Chance, eigene Entscheidungen zu treffen und an Problemen zu wachsen. Das könnte schnell für Frust sorgen, wenn sie später wirklich mal Probleme zu lösen haben. Dahinter steckt die eigentlich gute Absicht, die Kinder auf die spätere Leistungsgesellschaft vorzubereiten. Wenn die Kinder die Leistung aber allein zum Beispiel in der Klassenarbeit nicht abrufen können, dann ist dieses Verhalten bei der Erziehung kontraproduktiv. Da schon Helikoptereltern kritisiert werden, ist diese Steigerung durch einen noch aktiveren Eingriff unbedingt zu vermeiden. Lasst eure Kinder Probleme auch allein lösen und Erfahrungen sammeln.

U-Boot-Eltern

Das komplette Gegenteil von Helikoptereltern sind die U-Boot-Eltern. Denn während es die Rasenmäher- und die Helikoptereltern mit der Fürsorge übertreiben, tauchen die U-Boot-Eltern erst dann auf, wenn ihr Kind auf eine Katastrophe zusteuert. Diesen Eltern sind Schularbeiten völlig schnuppe. Und dem Elternabend bleiben sie auch am liebsten fern. Wenn dann aber die Versetzung gefährdet ist, dann plustert sich diese Spezies ordentlich auf und geht mit den Lehrer*innen auf Konfrontationskurs.

Und das gilt auch für andere Themen im Alltag der Kinder. Die Eltern glänzen mit Abwesenheit und überlassen den Nachwuchs sich selbst. Den Kindern fehlt so aber eine Bande, an der sie sich orientieren können. Sie lernen, dass ihr Handeln keine Konsequenzen hat und es eigentlich somit auch kein richtig und falsch gibt. Ihnen wird nicht gespiegelt, wie man gute Entscheidungen trifft oder Probleme löst. Kinder geraten somit in zum Teil bedrohliche Situationen, die ihnen mit der Fürsorge der Eltern erspart geblieben wären.

Und was ist richtig im Umgang mit Kindern?

Da wir nun beleuchtet haben, was es alles in der Erziehung zu vermeiden gilt, sind hier noch ein paar Gedanken zu den Aspekten, die wirklich wichtig sind. Anders als bei Helikoptereltern, Rasenmäher- oder U-Boot-Eltern wird hier aber kein Fahrzeug als Metapher verwendet. Der Fachbegriff ist Attachment Parenting, ein bindungsorientierter Betreuungsstil. Denn der fördert die Fähigkeiten, auf die es ankommt, lässt aber auch genug Spielraum zur freien Entfaltung der Kinder.

Selbstständigkeit

Kinder lernen nur dann, gute und richtige Entscheidungen zu treffen, wenn sie auch mal danebengreifen. Das ist menschlich und ein wichtiger Teil des Lernprozesses. Wer nie in die Zitrone gebissen hat, der weiß nicht, ob sauer wirklich lustig macht. Also ist es auch nicht eure Aufgabe als Eltern, jeden Schaden von euren Kindern fernzuhalten. Denn der Misserfolg wird durchs Leben begleiten. Bei der Partnersuche, im Job, in der Schule, beim Sport und im täglichen Spiel mit anderen Kindern. Gute Entscheidungen kann nur der treffen, der Pros und Cons abwägen kann. Helikoptereltern oder Rasenmäher-Eltern lassen ihre Kinder diese Erfahrungen nicht machen. Und das führt über kurz oder lang auf jeden Fall zu Schwierigkeiten.

kind mit skateboard
© Allan Mas (Pexels)

Langeweile

Ihr müsst den Alltag eurer Kinder nicht bis zur letzten Minute durchtakten. Und ihr müsst in einer freien Minute auch nicht gleich die Nutzung von Smartphone und Tablet erlauben. Eine gepflegte Langeweile setzt oft reichlich Phantasie und Kreativität frei. Oder sorgt dafür, dass eure Kinder mal wieder ein Buch lesen, Bilder malen, ein Puzzle bauen oder mit ihrem Spielzeug spielen. Denkt mal an eure Kindheit zurück. Da gab es wahrscheinlich auch noch kein Device, höchstens einen Fernseher. Der aber tagsüber tabu war.

Also sorgt auch bei den Kindern dafür, dass sie sich selbst beschäftigen. Seid nicht die Helikoptereltern, die ständig um die eigenen Kinder herumkreisen. Seid immer präsent, aber drängt euch nicht auf und lasst die Kleinen zu euch kommen, wenn es nötig ist.

Kinderwünsche

Wahrscheinlich glaubt ihr zu wissen, was euer Kind möchte. Ihr wisst, welche Klamotten es trägt, welches Essen ihm schmeckt und an was es Interesse hat. Aber stimmt das alles wirklich? Berücksichtigt immer die Wünsche eures Kindes. Ihr sollt nicht bedingungslos jeden Wunsch erfüllen. Schon gar nicht, wenn es materielle Dinge sind. Aber lasst die Kinder die Wahl seiner Spielkameraden ebenso selbst entscheiden wie die Wahl einer Sportart. Ihr könnt für Impulse sorgen und auch immer beratend zur Seite stehen. Aber nehmt nicht die Entscheidungen ab nach dem Motto: „Ich weiß, was gut für dich ist.“ Seid keine Helikoptereltern und lasst den Rasenmäher in der Garage und das U-Boot im Trockendock.

Titelbild © Pavel Danilyuk (Pexels)

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Autor
Kai Bösel
Kai Bösel ist Patchwork-Dad von drei Kindern, die eigene Tochter Mika ist im April 2012 geboren. Der Hamburger ist Online-Publisher und betreibt neben Daddylicious auch das "NOT TOO OLD magazin" inklusive Podcast. Außerdem schreibt er für ein paar Zeitschriften und Magazine und hilft Kunden und Agenturen als Freelance Consultant. Nach dem Job entspannt er beim Laufen oder Golf.

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