Finnland ist ziemlich weit weg. Und damit eine Familie mit sechs Kindern, die ihren häuslichen Alltag als eine Art Zirkus organisiert, einschließlich einiger darin gut aufgehobener Gerätschaften wie Seile, Turnringe, Sprossenwände und einem Trampolin. Ein selbstgezimmertes Etagenbett und andere Schlafgelegenheiten sind in dem ehemaligen Schulhaus schon auch vorhanden, aber einige von ihnen haben sich ausgerechnet das Trampolin als Nachtlager gewählt. Wenn ich mir unseres im Garten (jedenfalls in den Sommermonaten) so ansehe, also ich weiß ja nicht… kaum dass auch nur einer drauf hockt oder gar drüber läuft, warte ich nur den Moment ab, wo ich in den Himmel starre, um ein längst bekanntes fliegendes Objekt zu identifizieren. Wie unter solchen Umständen eine erträgliche Nachtruhe zustande kommen soll, keine Ahnung. Aber diese finnische Familie führt ja auch ein Afrikabewanderter Lebenskünstler mit Pelzmütze auf dem kreativen Kopf als Vater an, da scheint möglich zu sein, was anderswo totales Unverständnis erzeugen dürfte. Oder gleich Hals- und Beinbruch, wenn man in ein Trampolin eine Spur zu viel Vertrauen als alternative Schlafstätte gesetzt hat…

Von dieser mutigen Familie erfuhr ich aus der Zeitung, eine schöne Reportage auf Seite 3. Dem Vater begegnete man zuerst. Man lernt ihn kennen als ehemaligen Erbauer toller, weil kunsthandwerklich gestalteter Fenster- und Türrahmen. Und dass ihm das irgendwann ziemlich über den Kopf wuchs, weshalb er geradewegs in einen beruflichen wie menschlichen Abgrund steuerte. Arbeitslos wurde, eine Menge Schulden anhäufte, zum Weinen in den Wald ging, ihm die Kinder mächtig leidtaten, Streit mit der Frau nicht ausbleiben konnte. Ein staatliches Los aber änderte alles – als einer von 2000 finnischen Arbeitslosen erhält er das sogenannte Bedingungslose Grundeinkommen. Dafür muss er nix tun, muss sich auch keine niedrig bezahlten Jobs von komplett humorlosen Arbeitsvermittlern vom Amt andrehen lassen. Und niemand muss er Rechenschaft ablegen dafür, es während dieses befristeten Aufenthaltes im Sozial-Paradies als Fotograf, Webdesigner oder Trommelbauer versuchen zu wollen. Vollzeit-Vater ginge sicher auch, aber ganz so deutlich muss man den Erfolg der weiblichen Emanzipation ja nun auch wieder nicht hervorheben…

Vor eine solche Wahl würde ich mich ja niemals stellen, die Vorgaben meiner Bescheidenheit liefen allenfalls auf Millionär, Playboy oder Kinderversteher hinaus. Wobei ich der letzteren beruflichen Möglichkeit wahrscheinlich schon nahe gekommen bin wie fast niemand sonst, behaupte ich mal. Was sich unter anderem äußert in kompakten Rundum-Analysen wie: Leander geht auf zwei Beinen, versteht diese aber nicht immer als probates Mittel effektiver Vorwärtsbewegung. Oder: Leopold hat absolut nix gegen gängige Umgangsformen, verwechselt die höchstens mal mit geläufigen nicht als Vorbild geeigneter Weltrekordhalter im Pupsen. Oder auch: Jakob ist offen für jedes gute Argument, verschließt sich allenfalls jenen, die nicht auf seinem Mist gewachsen sind. Und: Alle unsere Kinder sind definitiv Zirkusartisten in spe. Deshalb bring` ich schon morgen in allen Zimmern Seile, Turnringe und Sprossenwände an. Nicht, dass ich davon total begeistert wäre, aber die haben diese unkonventionelle finnische Familie halt ebenfalls zur Kenntnis genommen. Womit auch bei uns ab sofort Mut, Sensationslust und eine überdurchschnittliche Elastizität an der Tagesordnung stehen mögen. Und alles vermeintlich Normale endgültig in die Tonne gekloppt gehört. Endlich! Habe ich doch unendlich lange auf Berichte aus Finnland gehofft, damit auch meine Familie von Dingen erfährt, die sie nie und nimmer für möglich gehalten hätte…

Fotos: © Pexels

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