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Vorlesebücher über Wut, Angst & Traurigkeit – Interview mit Elisa Eckartsberg

Kinder kommen bereits ab der Geburt in Kontakt mit einer Vielzahl von Emotionen. Aber nicht immer können sie ihre Gefühle ausdrücken, deuten und verstehen. Autorin, Illustratorin und Verlegerin Elisa Eckartsberg möchte diese Lücke schließen und hat daher bisher drei Vorlesebücher veröffentlicht, die Kindern helfen können, ihre Emotionen besser einzuordnen und zu beschreiben. Durch das Vorlesen können sie auch eine Gesprächsgrundlage zwischen Eltern und den Kindern sein. Wir stellen die Bücher vor und haben dazu ein Interview mit Autorin Elisa geführt.

2021 hat Elisa ihren Juniek Verlag gestartet. Seitdem sind drei Vorlesebücher entstanden, die sich um die kindlichen Gefühle von Angst, Wut und Traurigkeit drehen. Ergänzend gibt es das Kartenspiel „Was bewegt dich?“, ein Quartett rund um Gefühle und Bedürfnisse. Wir finden diese Themen und auch die Art und Weise, wie Elisa ihre Bücher geschrieben und illustriert hat, wirklich großartig, daher haben wir die Chance genutzt und der Autorin und Verlegerin gleich noch ein paar Fragen zu stellen.

Unser Interview mit Elisa Eckartsberg

Liebe Elisa, du bist Autorin und Illustratorin, Mutter von zwei Kindern und hast einen Verlag gegründet. Wie kam es dazu?

Ich bin wohl „einfach“ meinem Herzensruf gefolgt. Ich war lange Zeit als freiberufliche Kommunikationsdesignerin und drei Jahre vor Gründung des Verlags als festangestellte Grafikerin tätig. Mein großer Wunsch war es allerdings immer schon, ein Kinderbuch zu veröffentlichen. Dass ich im Januar 2021 tatsächlich meinen eigenen Verlag gründete, entsprang der tiefen Überzeugung über die Relevanz des Themas und Botschaft der Kinderbuchreihe, für die ich regelrecht brannte und brenne. Meine Erfahrung als selbständige Grafikerin gab mir zudem den nötigen Mut, es einfach mal zu versuchen. Es könnte ja funktionieren :).

Was war die größte Herausforderung im Gründungsprozess?

Dass ich keine Ahnung vom Verlegen, dem Verlagswesen und dem Buchmarkt hatte. Damals gab es noch nicht so viele Informationen übers Selfpublishing. Sich dieses Wissen anzueignen war mühselig und zeitintensiv. Vielleicht war es in der Retrospektive auch von Vorteil, dass ich mich eher unvoreingenommen – vielleicht auch etwas naiv – dem Verlegen widmete. Ich habe viele kreative Wege eingeschlagen und eher branchenferne Vertriebs- und Vermarktungstools gewählt.

Deine Bücher stellen unterschiedliche Gefühle in dem Mittelpunkt. Warum ist es hilfreich, wenn sich bereits Kinder damit auseinandersetzen?

Meine Generation und die Generationen zuvor hat es nicht gelernt, sich mit sich und ihrer Innenwelt auseinanderzusetzen. Dieses Verdrängen und Nichtfühlen von Emotionen manifestiert sich allerdings langfristig in psychischen und körperlichen Erkrankungen. Depression, Burnout, Panikattacken etc. sind die Folge. Wir Erwachsenen müssen nun mühselig unser inneres Kind wieder heilen. Diesen destruktiven Kreislauf gilt es zu durchbrechen, um zu einer gesünderen Gesellschaft – einer heileren Welt – beizutragen.

Mit meinen Vorlesebüchern möchte eine generationsübergreifende Brücke bauen und sowohl Klein als auch Groß dazu ermutigen, einen achtsameren Umgang und eine liebevollere Verbindung zu sich selbst zu entwickeln. Sich mit sich selbst auszukennen und mit Neugier und Verständnis zu begegnen, fördert zudem auch einen einfühlsamen Umgang in Beziehung mit anderen.

Der erste Band stellt die Angst näher vor – warum hast du ausgerechnet mit diesem Gefühl gestartet?

Die Geschichte der Angst – ist eine Geschichte voller Missverständnisse 🙂

In der Auseinandersetzung und Recherche wurde mir klar, dass der ungünstige Umgang mit dem Gefühl Angst für ziemlich viel Leid und „Systemschaden“ verantwortlich ist. Seit jeher missbrauchen wir das Gefühl in Politik, Schule und Erziehung, um eine gehorsame, funktionierende Gesellschaft zu formen. Wir sind sozusagen eine Angstgesellschaft. Angst kann uns zudem so überwältigend erscheinen und andere Gefühle komplett in den Schatten stellen. Mir war es wichtig, die konstruktiven Anteile dieses so verachteten Gefühls zu beleuchten.

Das Buch über Angst von Elisa Eckartsberg
© Daddylicious

Angst ist nämlich auch „nur“ ein Gefühl. Sie will uns warnen und schützen und uns auf unsere unerfüllten Bedürfnisse aufmerksam machen. Wir dürfen nur anfangen, ihr zuzuhören, sie zu fühlen und anzunehmen. Wissend, dass wir die „Bestimmer“ unserer Gefühle sind. Und wenn wir das Potenzial und die Transformationskraft erkennen, können wir Angst sogar in Mut verwandeln.

Angst, Wut und Traurigkeit sind Gefühle, die eher als unangenehm erlebt werden. Warum widmest du dich nicht den „schönen“ Gefühlen?

Angst, Wut und Traurigkeit empfinden wir aufgrund unserer Geschichten und Erfahrungen als unangenehm und stempeln sie als „gute“ oder „schlechte“ Gefühle ab. Kein Wunder also, dass wir eher gelernt haben, schlechte Gefühle zu unterdrücken und zu bekämpfen.

Mein Anliegen ist es, die unangenehmen Gefühle vom Stempel „negativ“ zu befreien; denn neutral betrachtet, sind Emotionen unsere grundlegenden Körperzustände. Da gibt es kein besser oder schlechter. Jedes Gefühl hat eine individuelle Funktion für uns. Angst macht uns eng und klein, Wut macht uns hart und groß, Traurigkeit macht uns schwer und weich und Freude macht uns leicht und weit. Wir brauchen all dieses Zustände – sie machen uns lebendig, sie bewegen, motivieren und schützen uns.

Sind deine eigenen Kinder deine Testleser?

Die Buchreihe ist in erster Linie meine eigene Heilungsreise. Meine Kinder beeinflussen mich allerdings stark in dem Prozess und sie freuen sich, hier und da mitwirken zu dürfen. Ich frage nach ihren Meinungen zu Bildern, bekomme Tipps und Verbesserungsvorschläge.

Für welches Alter eignen sich die Bücher?

Sie sind als Vorlesebücher für Kinder ab 5 Jahren gedacht. Ich bekomme allerdings Rückmeldungen, dass schon jüngere Kinder über die Bilder einen guten Zugang zu dem Thema Gefühle finden. Generell ist mir der Austausch zwischen Klein und Groß wichtig. Sie sind nicht als reine Kinderbücher zu verstehen und werden sogar therapiebegleitend (auch bei Erwachsenen) eingesetzt.

Wie arbeitest du? Entsteht erst die Geschichte und dann fängst du an zu illustrieren oder hast du zunächst Bilder im Kopf für die du dann Worte findest?

So ganz genau kann ich das nicht beantworten. Ich recherchiere viel. Ich höre, lese und studiere unterschiedliche Konzepte, Ideen und Meinungen. Daraus entwickle ich mein „Bild“ – meine Ideen. Ich versuche dann, die Komplexität in Bild und Wort zu vereinfachen und auf den Punkt zu bringen – eine Art Essenz herauszulösen, die auf unterhaltsame Weise Herz und Hirn berühren soll.

juniek verlag buch traurigkeit
© Daddylicious

Gibt es schon konkrete Pläne, weitere Gefühle oder z.B. auch die „Kleinen Bedürfnisse“ noch näher vorzustellen?

Es gibt soo viele Pläne und noch mehr Ideen. Nächstes Jahr 2024 erscheint Band 4. Da gehts dann um die Freude. Auf die Bedürfnisse gehe ich im Kartenspiel „Was bewegt dich? – Quartett der Gefühle“ näher ein. Rund um das Spiel wird noch einiges entstehen. So konzipiere ich z.B. gerade ein Programm, um das Thema in die Schulen zu tragen.

Bringst du auch Fremdwerke heraus?

Ich habe kürzlich mein erstes Fremdwerk veröffentlicht. SIEGFRIED – eine herzerwärmdende Alltagsheld:innen-Geschichte von Tanja Schalling mit Illustrationen von @Ninanni.

Ich fühlte mich eigentlich noch nicht bereit, als „richtiger“ Verlag aufzutreten, aber das Gedicht von der talentierten Fotografin aus Österreich hatte mich so berührt, dass ich die Anfrage nicht ablehnen konnte. Und es passt wohl wieder einmal zu meiner Grundeinstellung: Einfach mal machen – es könnte ja gut werden 🙂

Infos zu Elisa Eckartsberg

Für ihr erstes Werk „Du bist also meine Angst?“ musste Elisa tatsächlich erst einmal ihre eigene Angst überwinden. Erst durch ein Versprechen an ihren Sohn wurde sie letztendlich dazu motiviert, es tatsächlich zu veröffentlichen. Damit hat sie das Motto ihrer Bücher zuerst bei sich selbst angewendet: Hinfühlen statt wegwischen und ausdrücken statt unterdrücken. Es geh Elisa um den Austausch zwischen den Generationen und die Auseinandersetzung mit unseren Gefühlen, die ein wichtiger Teil unseres Lebens sind. Auch schon bei den ganz Kleinen.

Der Juniek Verlag

Elisa hat ihren Verlag 2021 in Hamburg gegründet. Ihr Ziel ist es, darüber eigene und sorgfältig kuratierte und besondere Kinderbücher zu veröffentlichen. Bisher gibt es die drei beschriebenen Bände rund um Emotionen: „Du bist also meine Angst?“ (Band 1), „Wut, wofür bist du denn gut?“ (Band 2) und Band 3 „Vertrau mir, flüstert die Traurigkeit“ (Band 3) sowie das Kartenspiel „Was bewegt dich? Quartett der Gefühle und Bedürfnisse„, alles von ihr selbst entwickelt und veröffentlicht.

Im Oktober 2023 erschien darüber hinaus das erste Fremdwerk „Siegfried“ von Tanja Schalling mit Illustrationen von Ninanni.  Ein Bilderbuch über schaurige Drachen, Liebe, Mut und vor allem eine Huldigung an die Alltagsheld:innen unserer Zeit – augenzwinkernd und aus Kinderperspektive betrachtet.

Mehr Infos zu dem Verlag findet ihr auf Instagram und Facebook. Und hier gibt es noch mehr tolle Bücher für Kinder.

Kai Bösel
Kai Bösel
Kai Bösel ist Patchwork-Dad von drei Kindern, die eigene Tochter Mika ist im April 2012 geboren. Der Hamburger ist Online-Publisher und betreibt neben Daddylicious auch das "NOT TOO OLD magazin" inklusive Podcast. Außerdem schreibt er für ein paar Zeitschriften und Magazine und hilft Kunden und Agenturen als Freelance Consultant. Nach dem Job entspannt er beim Laufen oder Golf.

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