Laut internationalen Studien empfindet sich in Deutschland jedes zweite Mädchen im Alter von elf bis 15 Jahren als zu dick. Bei den Jungen sind es immerhin ein Drittel. Gerade in der Pubertät kommt den Kindern häufig der Gedanke sie seien zu dick. Die Folge sind meistens gravierende Essstörungen, die nur selten ohne Therapie in der Griff zu bekommen sind. Die SBK-Ernährungsexpertin Renate Wiesler gibt Tipps, wie wir Eltern uns dem Thema stellen können.

Julia wollte dem medialen Schönheitsideal „dünn“ entsprechen. Sie hungerte. Sprüche wie „Mensch, bist du dürr“, wertete sie als Bestätigung. Bei Jan war der Auslöser für sein verzerrtes Körperbild der Wunsch nach Kontrolle. Kontrolle über seinen Körper. Jan trainierte täglich im Fitnessstudio. Er begann Nahrungsmittel mit gut und böse zu stigmatisieren. Am Ende aß er nur noch einmal am Tag. Einen Salat. Sein Bauch war bereits voll – voll mit Wut und Frust. Essstörungen haben eben viele Gesichter – und viele Ursachen und Auslöser. „Wichtig ist deshalb, dass Eltern den Fokus nicht auf die Ursachenforschung legen, wenn sie merken, dass ihr Nachwuchs an einer Essstörung leidet“, sagt Renate Wiesler, Körpertherapeutin und Ernährungsberaterin bei der Siemens-Betriebskrankenkasse SBK. Es ginge vielmehr darum, Hilfestellungen zu geben.

Vertrauen ist der Schlüssel für Hilfe

„Achten Sie darauf, dass sich nicht jedes Gespräch nur noch ums Essen dreht – auch nicht auf eine vermeintlich humorvolle Art“, sagt SBK-Expertin Wiesler. Eltern sollten ihr Kind weiterhin als Ganzes wahrnehmen – also auch mit seinen Stärken. Wieslers Rat: „Unternehmen Sie etwas mit Ihrem Kind.“ So können Eltern vermeiden, das Kind auf das gestörte Essverhalten zu reduzieren. Schließlich geht es darum, Vertrauen aufzubauen. Letztlich ist nämlich das Mitwirken des Kindes selbst eine Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung. Deshalb: Eigenverantwortung stärken, statt Druck erhöhen. Das heißt aber nicht, dass Sie das Thema Essverhalten unter den Teppich kehren sollten. Lassen sie Ihr Kind an Ihren Beobachtungen teilhaben. Fragen Sie nach, was es zu diesen Beobachtungen sagt. Hören Sie zu. Sagen Sie ihm, dass Sie sich sorgen. Allerdings ohne Vorwürfe zu machen!

Beratungsstellen helfen Eltern auch ohne das betroffene Kind

„Zeigen Sie Ihrem Kind Lösungswege auf“, sagt Renate Wiesler, Diplom-Ökotrophologin. Zu vermeiden sind elterliche Verdachtsdiagnosen, Vorwürfe oder Schuldzuweisungen. „Machen Sie Ihrem Kind Vorschläge. Geben Sie ihm Kontaktadressen zu Ärzten und Beratungsstellen, die auf Essstörungen spezialisiert sind“, rät die Expertin. Die Beratungsstellen helfen auch Eltern weiter, deren Kinder sich hartnäckig weigern, zum Arzt zu gehen. „Hier bekommen Eltern Verhaltenstipps“, ermutigt Wiesler. Das sei vor allem dann hilfreich, wenn die Beziehung zum Kind bereits festgefahren ist und die Eltern meinen ihr Kind nicht mehr erreichen zu können.

Wichtig sei in jedem Fall, dass sich die Eltern im ersten Schritt selbst über Essstörungen informieren. Gute Anlaufstellen: das Beratungstelefon und die Webseite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sowie der Bundes Fachverband Essstörungen e.V. Der Verein ANAD mit seinem Portal ist ebenfalls eine gute Informationsquelle. Zudem vermittelt der Verein Jugendlichen spezielle Wohngruppen. Auch Krankenkassen unterstützen beim Thema Essstörungen: „Die SBK bietet beispielsweise eine psychologische Beratung an“, sagt Wiesler.

In jedem Fall ist Beharrlichkeit und Geduld gefragt, wenn der Nachwuchs unter einer Essstörung leidet. „Denken Sie immer daran: Ihr Kind leidet am meisten“, betont Wiesler.

Dennoch belastet die Störung natürlich den Rest der Familie ebenfalls. Damit Eltern die Kraft aufbringen, ihr Kind zu unterstützen, müssen sie sich auch um sich selbst kümmern. „Tun Sie etwas Gutes für sich selbst. Gehen Sie aus, treffen Sie sich mit Freunden“

Von wegen typisch weiblich – Essstörungen betreffen beide Geschlechter

Essstörungen sind keine Seltenheit. Vor allem sind ihnen Geschlechterrollen egal. Magersucht als weibliche Erkrankung abzutun, wäre ein fataler Irrtum: Laut Robert-Koch-Institut liegt bei jedem fünften deutschen Jugendlichen zwischen elf und 17 Jahren der Verdacht einer Essstörung vor. 13,5 Prozent der männlichen Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren legen Auffälligkeiten an den Tag. „Heranwachsende streben in der Pubertät oft die vermeintlichen Körperideale Muskelprotz und Sportskanone an“, erklärt SBK-Ernährungsberaterin Wiesler. Sie fingen an exzessiv Sport zu treiben, ihren Appetit zu unterdrücken, Kalorien zu zählen und ihr Gewicht permanent zu kontrollieren. Eltern, die ein solches Indiz bei ihrem Nachwuchs wahrnehmen, rät die Expertin: „Sprechen Sie Ihr Kind auf Ihre Beobachtungen an. Zeigen Sie, dass Sie sich Sorgen machen. Aber ohne Vorwürfe.“

Kindern ein positives Selbstbild und Körperbild vermitteln

Um Essstörungen nach Möglichkeit gar nicht erst Bahn zu brechen, können Eltern ihrem Nachwuchs ein positives Selbstbild und Körperbild vermitteln. Wie? „Zeigen Sie Ihrem Kind, dass sie es lieben, dass es okay ist, so wie es ist und wie es aussieht“, rät Renate Wiesler. „Fassen Sie sich an die eigene Nase! Hinterfragen Sie Ihr Verhalten: Es ist wichtig, dass sich auch die Eltern nicht ständig über Aussehen, Gewicht und Leistung definieren“.

Grundsätzlich sind Selbstvertrauen und innere Stärke, die sogenannte Resilienz, wichtige Fundamente im Leben. Diese können Eltern fördern – von ganz klein an. Loben Sie Ihr Kind – durch Worte und Gesten. Ermutigen Sie Ihren Nachwuchs, Dinge auszuprobieren und zeigen ihm, was es alles schaffen kann. Zeigen Sie vor allem auch, dass man Gefühlen nicht hilflos ausgeliefert ist, sondern sie beeinflussen kann. „Fühlt sich ihr Kind schlecht? Dann bitten Sie es, die Augen zu schließen und zwei Minuten an etwas Schönes zu denken“. All das trägt dazu bei, dass Kinder lernen, auf ihre eigenen Fähigkeiten zu vertrauen und mit möglicher Ablehnung durch andere umzugehen.

Bildcredit: © Franz Pfluegl – Fotolia.com

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