Ein persönlicher Gastbeitrag von Verena Glass
Wenn Camiro erzählen könnte, wie mein Sohn aufgewachsen ist, würde er vermutlich behaupten, er habe einen erheblichen Anteil an dessen Erziehung gehabt. Ganz falsch wäre das nicht. Er war schließlich da, wenn morgens noch niemand richtig ansprechbar war, wenn nach der Schule erst einmal die Zimmertür zufiel und wenn am Abend ein warmer, lockiger Körper auf dem Sofa genau den Platz beanspruchte, den eigentlich jemand anderes haben wollte.
Camiro war ein Lagotto Romagnolo, ein italienischer Wasserhund mit Locken, Eigensinn und einem erstaunlich feinen Gespür für Stimmungen. Als er bei uns einzog, war mein Sohn noch ein Kind. Von diesem Moment an wuchsen sie ein gutes Stück ihres Lebens nebeneinander auf. Nicht wie in einer idyllischen Tierfutterwerbung, sondern mitten im echten Familienalltag: mit Streit, Lachen, matschigen Pfoten, verschwundenem Spielzeug und all den kleinen Augenblicken, die man damals kaum bemerkt und später schmerzlich vermisst.
Zwei Kinder, nur eines davon hatte Fell
Ein Welpe und ein Kind haben mehr gemeinsam, als Eltern lieb ist. Beide wollen sofort wissen, was erlaubt ist. Beide testen Grenzen bevorzugt dann, wenn man müde ist. Und beide besitzen ein bemerkenswertes Talent dafür, genau den Gegenstand interessant zu finden, den der andere gerade unbedingt braucht.
Bei uns bedeutete das: Camiro nahm Spielzeug, Socken und gelegentlich Dinge, deren Wert er erst durch unsere aufgeregten Reaktionen erkannte. Mein Sohn wiederum beanspruchte den besten Platz auf dem Sofa, obwohl dort eindeutig bereits ein Hund lag. Es wurde verhandelt, geschimpft und wieder vertragen. Meistens dauerte das Vertragen nicht lange. Hunde sind darin vielen Menschen voraus.
Natürlich musste mein Sohn lernen, dass ein Hund kein Stofftier ist. Dass er Ruhe braucht. Dass ein Schwanzwedeln nicht immer dieselbe Bedeutung hat. Dass Liebe auch heißt, ein Tier in Frieden schlafen zu lassen, obwohl man es gerade am liebsten umarmen würde. Gleichzeitig lernte Camiro, dass Kinder laut, schnell und manchmal unberechenbar sind, aber auch herrlich viele Krümel verlieren.

Verantwortung beginnt nicht mit dem Futternapf
Wenn Familien über einen Hund nachdenken, fällt fast immer dieser Satz: „Das Kind lernt dadurch Verantwortung.“ Das stimmt, aber anders, als man es sich vorher ausmalt. Verantwortung ist nicht der ordentlich abgehakte Gassidienst auf einem Familienplan. Sie zeigt sich an Tagen, an denen es regnet und niemand hinausmöchte. Wenn der Hund krank ist. Wenn Urlaub, Schule, Arbeit und Tierarzttermine irgendwie zusammenpassen müssen.
Ein Kind übernimmt diese Verantwortung nicht plötzlich vollständig, nur weil es einen Hund wollte. Die Erwachsenen bleiben verantwortlich. Trotzdem erlebt ein Kind jeden Tag, dass ein anderes Lebewesen Bedürfnisse hat, die nicht warten können. Wasser muss da sein. Die Tür muss geöffnet werden. Ein Hund muss bewegt, beschäftigt, gebürstet und manchmal getröstet werden.
Mein Sohn lernte dabei nicht nur Pflichten. Er lernte Aufmerksamkeit. Man musste Camiro ansehen, ob er spielen wollte, Ruhe brauchte oder sich unwohl fühlte. Hunde formulieren keine langen Erklärungen. Wer mit ihnen lebt, beginnt deshalb, genauer hinzusehen. Ich glaube, dass diese Form von Wahrnehmung auch im Umgang mit Menschen bleibt.
Ein Hund hört Dinge, die Kinder nicht sagen
Kinder erzählen ihren Eltern nicht alles. Das gehört zum Großwerden. Ein Hund fragt nicht nach, bewertet nicht und gibt keine Ratschläge. Er bleibt einfach da. Gerade darin liegt etwas Tröstliches.
Camiro wusste nicht, was in der Schule passiert war oder warum die Stimmung an einem Tag kippte. Er kannte keine Noten, keine peinlichen Situationen und keine Zukunftssorgen. Aber er spürte, wenn etwas anders war. Dann legte er sich dazu, rückte näher oder wartete still. Manchmal ist Nähe die bessere Antwort als jedes kluge Gespräch.
Für ein Kind kann ein Hund deshalb Freund, Mitwisser und sicherer Ort zugleich sein. Nicht als Ersatz für menschliche Beziehungen, sondern als Gegenüber, bei dem nichts erklärt werden muss. Diese stille Verlässlichkeit lässt sich schwer messen. Vielleicht prägt sie gerade deshalb so tief.

Auch Eltern werden von einem Hund erzogen
Wir sprechen gern darüber, was Kinder durch Tiere lernen. Weniger oft erzählen wir, was Hunde den Erwachsenen beibringen. Camiro hat mich gezwungen, meinen Alltag immer wieder zu unterbrechen. Ein Spaziergang war nötig, ganz gleich, wie wichtig eine Aufgabe gerade erschien. Er erinnerte mich daran, dass die Welt nicht untergeht, wenn man für eine Weile das Handy weglegt und einem Hund beim Schnüffeln zusieht.
Hunde leben nicht effizient. Sie verfolgen Spuren, begrüßen dieselben Menschen jeden Tag begeistert und finden einen bekannten Weg trotzdem interessant. In einer Familie, in der ständig Termine, Anforderungen und Gedanken durcheinanderlaufen, bringen sie einen anderen Takt hinein. Nicht immer bequem, aber oft heilsam.
Und sie schaffen gemeinsame Erinnerungen. Viele unserer Familiengeschichten beginnen mit den Worten: „Weißt du noch, als Camiro …?“ Danach folgt meistens etwas, das damals anstrengend und später komisch war. Vielleicht ist das eine der heimlichen Aufgaben eines Familienhundes: Er verwandelt Alltag in Geschichten.
Wenn das Kind wächst und der Hund alt wird
Das Ungerechte an einem Hundeleben ist seine Kürze. Ein Kind wächst heran, doch der Hund, der scheinbar immer da war, wird grau und langsamer. Plötzlich verändert sich die Richtung der Fürsorge. Früher passte Camiro auf, später mussten wir genauer auf ihn achten.
Für Kinder und Jugendliche ist das eine schmerzhafte Erfahrung. Sie sehen, dass Liebe nicht vor Abschied schützt. Gleichzeitig erleben sie, dass ein alter Hund nicht weniger wertvoll wird, nur weil vieles nicht mehr geht. Geduld bekommt dann eine neue Bedeutung. Der Spaziergang wird kürzer, die Pausen werden länger, und trotzdem gehört dieser Hund noch immer mitten in die Familie.

Als Camiro starb, fehlte nicht einfach ein Haustier. Ein Teil unserer gemeinsamen Lebensgeschichte war plötzlich nicht mehr körperlich da. Der leere Platz, das fehlende Geräusch der Pfoten, sogar die Routinen, über die wir früher gestöhnt hatten, wurden spürbar. Tiertrauer wird von außen manchmal unterschätzt. Für eine Familie kann sie jedoch genauso viel Raum einnehmen wie die Liebe, die vorher da war.
Warum Camiro seine Geschichte selbst erzählt
Irgendwann begann ich, unsere Erinnerungen aufzuschreiben. Aber ich wollte keine nüchterne Chronik verfassen. Camiro hatte in meinem Kopf längst eine eigene Stimme: warmherzig, eigensinnig, manchmal ein wenig großspurig und überzeugt davon, die Menschen besser zu verstehen als sie sich selbst.
So entstand „Als der Himmel nach Hund roch“. Camiro erzählt darin von der Regenbogenbrücke aus sein Leben, von Loretta, seinem Rudel und natürlich von dem Jungen, der mit ihm groß geworden ist. Die Perspektive des Hundes gab mir die Freiheit, über unseren Familienalltag mit Humor zu schreiben und gleichzeitig die schweren Stellen nicht auszusparen.
Vielleicht schreiben wir Geschichten über verstorbene Tiere, weil wir sie dadurch noch einmal hören können. Vielleicht geben wir ihnen eine Stimme, weil ihr Schweigen nach dem Abschied so laut ist. Für mich war dieses Buch eine Möglichkeit, Camiro nicht festzuhalten, sondern ihn weitergehen zu lassen, ohne so zu tun, als hätte er keine Spuren hinterlassen.
Mein Sohn ist inzwischen erwachsen. Camiro ist nicht mehr da. Trotzdem steckt etwas von diesem Hund in dem Menschen, der neben ihm groß geworden ist: in seiner Zärtlichkeit gegenüber Tieren, in Erinnerungen, die nur die beiden miteinander teilen konnten, und vermutlich auch in seiner Geduld mit eigenwilligen Wesen.
Wenn Camiro das kommentieren dürfte, würde er wahrscheinlich sagen, dass er von Anfang an einen hervorragenden Erziehungsplan hatte. Wir Menschen hätten ihn nur nicht immer verstanden. Und ich glaube, genau das war ein ziemlich großes Geschenk.









