Gesundheit

Der Endgegner des Kinderrückens heißt nicht Schulranzen, sondern Bildschirm

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Die Einschulung ist da und damit beginnt nicht nur für viele Schülerinnen und Schüler ein spannender Lebenabschnitt, sondern auch für die Eltern. Und in der Stadt und auf dem Land begegnen und kleine ABC-Schützen mit Ranzen, die fast so groß wirken wie sie selbst. Kein Wunder, dass sich viele Eltern beim ersten Schultag vor allem eine Frage stellen: Ist das nicht viel zu schwer für den kleinen Rücken? Die überraschende Antwort der Orthopäden lautet: Der Ranzen ist selten das Problem.

Was den Rücken von Schülerinnen und Schülern wirklich belastet, sind zu wenig Bewegung und stundenlanges, nach vorn gebeugtes Starren auf Tablet und Smartphone. Darauf weist die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) zum Schulstart hin und gibt Entwarnung an alle Ranzen-sorgenden Papas, dafür aber einen deutlichen Hinweis in eine andere Richtung.

Rückenschmerzen bei Kindern sind keine Seltenheit

Lange galt die Annahme, Rückenschmerzen im Kindesalter seien selten und ein Alarmsignal für eine ernste Erkrankung. Diese Sichtweise ist überholt. Die bundesweite Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen (KiGGS) des Robert-Koch-Instituts zeigt: Von den befragten 11- bis 17-Jährigen gaben mehr als drei Viertel an, in den vergangenen drei Monaten Schmerzen gehabt zu haben, fast die Hälfte davon klagte über Rückenschmerzen. Während bei den 7- bis 10-Jährigen die Prävalenz wiederkehrender Rückenschmerzen bei rund vier Prozent liegt, steigt sie in der Gruppe der 11- bis 17-Jährigen auf etwa 18 Prozent. Mit dem 18. Geburtstag erreichen die Werte das Niveau von Erwachsenen.

Das ist mehr als ein vorübergehendes Ziepen: Rückenschmerzen im Jugendalter gelten als bedeutsamer Risikofaktor für Rückenprobleme im Erwachsenenleben. Wer früh gegensteuert, tut seinem Kind also einen Gefallen, der weit über die Grundschulzeit hinausreicht.

Der Schulranzen: Warum das Gewicht überschätzt wird

Viele Eltern kennen die alte Faustregel, ein Schulranzen dürfe höchstens 10 bis 12,5 Prozent des Körpergewichts wiegen. Aus orthopädischer Sicht ist diese Zahl weniger entscheidend als gedacht. Viel wichtiger ist, dass der Ranzen richtig sitzt.

„Ein ergonomisch angepasster Schulranzen verteilt die Last gleichmäßig und ist für gesunde Kinder in der Regel kein Risiko für den Rücken. Viel wichtiger ist, den Ranzen regelmäßig richtig einzustellen, nur das mitzunehmen, was wirklich benötigt wird, und den Schulweg möglichst aktiv zu gestalten: zu Fuß oder mit dem Fahrrad“, sagt Prof. Dr. Thomas Wirth, Leiter der DGOU-Sektion Kinder- und Jugendorthopädie und -traumatologie.

Für Väter heißt das: Statt jeden Morgen die Küchenwaage zu bemühen, lohnt sich der prüfende Blick auf drei Dinge. Passt der Ranzen zur Körpergröße? Liegt er eng am Rücken an oder baumelt er tief über dem Po? Und werden beide gepolsterten Schultergurte genutzt? Schwere Bücher gehören nah an den Rücken gepackt, alles Unnötige bleibt zu Hause oder im Schließfach. Ein kurzer Ranzen-Check am Sonntagabend, während die Federmappe befüllt wird, ist schnell zur Routine geworden.

„Zu cool für den Ranzen“: Das Risiko an der weiterführenden Schule

Spätestens ab der fünften Klasse kippt das Bild. Der ergonomische Ranzen gilt plötzlich als uncool, stattdessen wandert das Schulzeug in Messenger-Bags oder locker über einer Schulter getragene Rucksäcke. Genau hier entsteht ein unterschätztes Problem.

„Gerade Jugendliche unterschätzen häufig, wie sehr eine einseitig getragene Tasche oder eine dauerhaft gebeugte Haltung Nacken und Rücken belasten kann. Wenn möglich, sollten auch ältere Schülerinnen und Schüler einen Rucksack auf beiden Schultern tragen.“

Prof. Dr. Thomas Wirth

Einseitiges Tragen zwingt die Wirbelsäule in eine ständige Ausgleichshaltung und belastet Schultern und Rücken unnötig. Der Kompromiss, den Teenager eher akzeptieren: ein schlichter, unauffälliger Rucksack, der auf beiden Schultern sitzt, optisch weit entfernt vom leuchtenden Grundschulranzen, aber ein echter Gewinn für den Rücken. Als Papa muss man diese Diskussion nicht gewinnen, indem man den Ranzen verteidigt, sondern indem man die richtige Alternative anbietet.

Der eigentliche Übeltäter: der „Handynacken“

Das größere Thema liegt ohnehin nicht auf der Schulter, sondern im Nacken. Tablets, Laptops und Smartphones verleiten zu einer dauerhaft nach vorn geneigten Kopfhaltung. Die Mediziner sprechen vom „Handynacken“ oder englisch „Text Neck“.

Wie stark sich das auswirkt, hat der New Yorker Wirbelsäulenchirurg Kenneth Hansraj bereits 2014 in einer Modellstudie berechnet. In aufrechter Position wiegt ein Kopf rund vier bis sechs Kilogramm. Neigt man ihn nur um 15 Grad nach vorn, lasten laut Hansraj etwa 12 Kilogramm auf der Halswirbelsäule, bei 30 Grad rund 18, bei 45 Grad etwa 22 und bei 60 Grad Neigung bis zu 27 Kilogramm. Bildlich gesprochen: Beim tiefen Blick aufs Display schleppt der Nacken das Gewicht eines Grundschulkindes mit. Und Kinder sitzen mit ihrer noch flexibleren Wirbelsäule besonders oft in dieser Haltung. Genau hier setzt die DGOU an:

„Schmerzen im Rücken entstehen häufig, wenn Kinder und Jugendliche über längere Zeit mit nach vorne geneigtem Kopf auf Tablet oder Smartphone schauen und sich im Alltag insgesamt zu wenig bewegen“, sagt der stellvertretende DGOU-Präsident Dr. Jörn Dohle.

Die gute Nachricht: Es geht nicht darum, das Handy zu verteufeln, sondern die Haltung zu verändern. Bildschirm auf Augenhöhe, Bildschirmpausen, dazwischen aufstehen. Das sind kleine Stellschrauben mit großer Wirkung.

Bewegung ist der beste Rückenschutz

Wenn es einen einzigen Hebel gibt, dann diesen: Bewegung. Eine schwach ausgebildete Rumpfmuskulatur, langes Sitzen und einseitige Haltung sind die häufigsten Ursachen kindlicher Rückenbeschwerden, nicht der Ranzen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt Kindern täglich mindestens 60 Minuten moderate bis intensive Bewegung.

Das klingt nach viel, ist im Alltag aber überraschend leicht unterzubringen. Und genau hier kommen Väter ins Spiel.

„Kinder müssen aber nicht jeden Tag Leistungssport treiben. Entscheidend ist, dass Bewegung selbstverständlich zum Alltag gehört und Sitzzeiten immer wieder unterbrochen werden. Schon viele kleine Bewegungseinheiten summieren sich und fördern eine gesunde Entwicklung des gesamten Bewegungsapparates.“

DGOU-Generalsekretär Prof. Dr. Bernd Kladny

Der Schulweg zu Fuß oder mit dem Rad zählt bereits. Treppe statt Aufzug, Toben, Ballspielen und Radfahren nach den Hausaufgaben, aktive Pausen – all das stärkt Rücken- und Rumpfmuskulatur. Auch beim Lernen gilt: Spätestens nach 30 bis 45 Minuten sollte das Kind aufstehen, sich strecken und ein paar Schritte gehen. Wer als Papa den Nachmittagsspaziergang, die Fahrradrunde oder das Kicken im Hof fest im Familienalltag verankert, betreibt die wirksamste Rückenprävention, die es gibt. (Mehr dazu in unserem Beitrag zum Bewegungsmangel bei Kindern.)

Tablets im Unterricht ergonomisch nutzen

Digitale Geräte gehören heute zum Schulalltag, die Frage ist also nicht ob, sondern wie. Damit Tablet und Laptop Rücken und Nacken möglichst wenig belasten, sollten sie flach auf dem Tisch liegen oder mit einer Halterung leicht erhöht werden, statt auf den Oberschenkeln zu balancieren. So bleibt der Bildschirm näher an Augenhöhe und der Kopf muss nicht dauerhaft nach vorn kippen. Ein passender Eingabestift hilft zusätzlich, eine entspannte Haltung zu bewahren.

„Wer den Bildschirm möglichst auf Augenhöhe positioniert, die Unterarme auf dem Tisch abstützt und regelmäßig Bewegungspausen einlegt, entlastet Nacken und Rücken deutlich“, sagt Prof. Kladny.

Die 5 DGOU-Tipps für einen gesunden Rücken im Schulalltag

  1. Schulranzen richtig einstellen: Er sollte zur Körpergröße passen, eng am Rücken anliegen und gut gepolsterte Schultergurte haben.
  2. Immer beide Schultergurte nutzen: Einseitiges Tragen belastet Schultern und Wirbelsäule unnötig, auch für Jugendliche ist ein Rucksack meist besser als eine Schultertasche.
  3. Nur das Nötigste einpacken: Nicht benötigte Bücher bleiben zu Hause oder im Schließfach; Schweres gehört nah an den Rücken.
  4. Bildschirmpausen einlegen: Regelmäßig aufstehen, Haltung wechseln, den Blick vom Bildschirm lösen.
  5. Tablet richtig nutzen: Auf Tischhöhe statt auf den Beinen, erhöht positionieren, regelmäßig die Haltung wechseln.

Wann Rückenschmerzen ärztlich abgeklärt werden sollten

Die allermeisten Rückenbeschwerden bei Kindern sind harmlos und lassen sich mit mehr Bewegung vermeiden. Hellhörig werden sollten Eltern jedoch, wenn Schmerzen über mehrere Wochen anhalten, an Intensität zunehmen oder auch in Ruhe und nachts auftreten. Dann gehören sie orthopädisch abgeklärt, seltenere Ursachen wie eine Skoliose (bei rund 2 bis 3 Prozent der Kinder und Jugendlichen) oder Morbus Scheuermann lassen sich so frühzeitig erkennen. Im Zweifel gilt: lieber einmal zu viel zum Kinder- oder Orthopäden als einmal zu wenig.

FAQ: Rückenschmerzen bei Schülern

Ist ein schwerer Schulranzen schädlich für den Rücken?

Für gesunde Kinder ist ein ergonomisch angepasster, richtig eingestellter Ranzen laut DGOU in der Regel kein Risiko. Entscheidender als das reine Gewicht ist, dass er eng am Rücken anliegt und mit beiden Schultergurten getragen wird.

Was ist die häufigste Ursache für Rückenschmerzen bei Kindern?

Bewegungsmangel, langes Sitzen und eine dauerhaft nach vorn gebeugte Haltung an Bildschirmen, nicht der Schulranzen. Eine zu schwach trainierte Rumpfmuskulatur begünstigt Beschwerden zusätzlich.

Wie viel sollte sich mein Kind täglich bewegen?

Die WHO empfiehlt mindestens 60 Minuten moderate bis intensive Bewegung pro Tag. Das muss kein Sport sein, ein aktiver Schulweg, Toben und Spielen zählen ebenso.

Was ist ein „Handynacken“?

Die Bezeichnung für Beschwerden durch dauerhaft nach vorn geneigte Kopfhaltung beim Blick auf Smartphone oder Tablet. Schon 15 Grad Neigung erhöhen die Last auf die Halswirbelsäule laut Hansraj-Studie deutlich.

Ab wann sollte ich mit meinem Kind zum Arzt?

Wenn Rückenschmerzen länger als mehrere Wochen anhalten, stärker werden oder in Ruhe bzw. nachts auftreten.

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