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Baustelle eigene Kindheit – Warum Väter ihr Kindesalter unter die Lupe nehmen sollten

Ein Gastbeitrag von Psychologe Ramón Schlemmbach, der einen Coaching-Schwerpunkt auf das Thema Kindheit gelegt hat.

Erziehung und der tief emotionale Wunsch, damit alles richtig zu machen, ist schon längst keine Frauensache mehr. Mehr und mehr sind es vor allem die Männer, die ihrem Nachwuchs so viel mehr als nur „Dad kommt gegen 18 Uhr aus der Arbeit heim und isst mit uns zu Abend“ mitgeben möchten. 

Dabei ist genau das für Väter häufig eine viel größere Herausforderung als für Mütter. Als Junge erzogen worden zu sein, bedeutet für die Generation Ü30 meist, derjenige zu sein, der bis spät abends arbeitet und dann zuhause stillschweigend seine Probleme mit sich selbst ausmacht.

Erfahrungen aus der eigenen Kindheit übertragen Männer oft auf die Vaterrolle
© marchibas (depositphotos.com)

Kein Wunder, denn gerade als Jungs wurde uns häufig von Anfang an beigebracht “Ein Indianer kennt keinen Schmerz”. Manch einer von uns wurde auch gefragt “Bist du ein Mann oder eine Memme?”

Von klein auf haben wir gelernt, dass Gefühle zeigen (oder haben) schlecht ist. Unsere Bezugspersonen wurden vielleicht genervt oder wütend, wenn wir Emotionen gezeigt haben, oder haben sich schlichtweg einfach lustig gemacht. Sodass es uns als Männern häufig viel schwerer fällt, emotional verfügbar zu sein und uns auch unangenehmen Gefühlen zu stellen.

Für Kinder ist es jedoch extrem wichtig, auch vom Vater Emotionalität zu erfahren. Vielen Männern gelingt das oft nur, indem sie an sich arbeiten und dabei ihre eigene Kindheit und ihre eigenen Verhaltensmuster aufarbeiten. 

Um sich gut zu entwickeln, brauchen Kinder auch vom Vater aktiv das Gefühl, dass er sie liebt.

Väter, die physisch oder emotional nicht verfügbar sind, schädigen ihre Kinder damit.  Kinder brauchen es auch von Vätern, in den Arm genommen zu werden, mit ihm zu toben und zu raufen, genauso wie sie es brauchen, dass Papa Aufmerksamkeit schenkt und zuhört.

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© Jennifer Kalenberg (Unsplash)

Wir alle neigen dazu, in der Kindererziehung unsere eigene Kindheit zu reproduzieren. Kam unser Vater meist spät nach Hause und hat sich dann wortlos an den Küchentisch gesetzt, ohne Anteil an uns zu nehmen, und hat uns dabei die väterliche Zuneigung gefehlt, prägt uns das im Hinblick auf die Erziehung unserer eigenen Kinder. 

Es ist daher an uns, unsere eigene Kindheit zu sortieren. Alles, was uns geprägt, verletzt oder traumatisiert hat, sollten wir aufarbeiten – wenn schon nicht für uns, dann für unsere Kinder. Wir tragen eine gesellschaftliche Verantwortung ihnen gegenüber. 

Warum das so ist, lässt sich an einem konkreten Beispiel veranschaulichen, wie es in Deutschland alltäglich ist: Der Vater, der damals kalt und dominant aus dem Krieg zurückkam, hat seine Traumata an den Sohn weitergegeben. Aus dem Sohn ist sehr wahrscheinlich ein unterwürfiger Charakter geworden, der schlecht Nein sagen kann, weil er dafür immer vom strengen Vater bestraft wurde.

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© Tim Cooper (Unsplash)

Wenn dieser unterwürfige Sohn selbst Vater wird, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit bei seinem Sohn dann wiederum Konsequenz und Grenzen in der Erziehung fehlen (weil er ja nicht nein sagen kann). So wird der Enkel selbst auch – auf eine andere Art und Weise – indirekt über den Vater vom Verhalten des Großvaters beeinflusst. Arbeitet er seine Kindheit nicht auf, gibt er noch einmal etwas an seine Kinder weiter, was denen zum Problem werden kann. Die Spirale dreht sich so lange weiter, bis jemand die Kette durchbricht. Und das gelingt nur, indem man die eigene Kindheit aufarbeitet und es so besser machen kann. 

Ich habe selbst erst über die Jahre gelernt, wie viel Potenzial in der Kindheitsaufarbeitung steckt – und das sowohl als Psychologe als auch als Vater. Sehr oft hatte ich Menschen mit den genau gleichen Problemen vor mir sitzen. Während bei dem einen ein bestimmter Ansatz wunderbar funktioniert, klappt dieser bei einem anderen gar nicht. Es dauerte eine Weile, bis ich verstand, warum das so ist. Erst als ich erkannte, dass jeder unterschiedliche Voraussetzungen aus seiner Kindheit mitbringt, konnte ich sehen, dass man all diesen Menschen helfen konnte, wenn man diese Themen entmachtet. 

Daher appelliere ich an alle Väter: Lasst es uns zu unserer Aufgabe machen, aus Liebe zu unseren Kindern – uns mit uns selbst auseinanderzusetzen. 

Kai Bösel
Kai Bösel
Kai Bösel ist Patchwork-Dad von drei Kindern, die eigene Tochter Mika ist im April 2012 geboren. Der Hamburger ist Online-Publisher und betreibt neben Daddylicious auch das "NOT TOO OLD magazin" inklusive Podcast. Außerdem schreibt er für ein paar Zeitschriften und Magazine und hilft Kunden und Agenturen als Freelance Consultant. Nach dem Job entspannt er beim Laufen oder Golf.

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