Barfuß kenn ich ziemlich gut, meine Tochter hat Schuhe von Geburt an abgelehnt. Nicht nörgelig, sondern konsequent. Alles, was an die Füße kam, war Minuten später wieder ab, unabhängig von Wetter und Jahreszeit. In der Kita lief sie barfuß, im Sommer wie im Winter. Ernst wurde es erst mit der Einschulung. Dass sie ab der ersten Klasse im Unterricht Schuhe tragen musste, war für sie die mit Abstand schlechteste Nachricht des ganzen Schuljahres. Ich habe das damals für eine Marotte gehalten. Aus orthopädischer Sicht hat sie aber alles richtig gemacht: Barfußlaufen ist Training. Kostenlos, freiwillig, und für die Entwicklung von Kinderfüßen wertvoller als das meiste, was man kaufen kann.
Die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) hat dazu Mitte Juli eine Empfehlung veröffentlicht, die das ganze wissenschaftlich untermauert: Kinder sollen so oft wie möglich barfuß laufen, auf möglichst unterschiedlichen Untergründen. Das ist kein Tipp für Barfußpfad-Enthusiasten, sondern die Kurzfassung dessen, was in der aktuellen Leitlinie steht.
Der Kinderfuß ist eine Baustelle
Ein erwachsener Fuß besteht aus 26 Knochen, mehr als 30 Gelenken und über hundert Bändern und Sehnen. Bei kleinen Kindern ist ein großer Teil davon noch Knorpel. Die Strukturen sind weich, verformbar, empfindlich für alles, was von außen auf sie einwirkt, im Guten wie im Schlechten. Erst im Lauf von Kindheit und Jugend verknöchert der Fuß vollständig und findet seine endgültige Form.
Genau deshalb ist Bewegung in dieser Phase kein Beiwerk, sondern der eigentliche Bauplan. Der Fuß reagiert auf Reize und Belastungen und wird Schritt für Schritt stabiler.
„Erst im Laufe der Kindheit und im Jugendalter bildet sich das Fußgewölbe vollständig aus. Es übernimmt später eine zentrale Funktion: Es wirkt wie ein Stoßdämpfer, verteilt das Körpergewicht gleichmäßig und sorgt für Stabilität und Balance beim Gehen und Laufen“, erklärt Prof. Dr. Stefan Rammelt, Vorsitzender der DGOU-Sektion Deutsche Assoziation für Fuß und Sprunggelenk (DAF), in der Mitteilung der Fachgesellschaft.
Wer das einmal verstanden hat, schaut anders auf die Frage, wie viele Stunden am Tag ein Kinderfuß in einer Kunststoffschale steckt.

Knick-Senkfuß – Fast alle haben ihn
Der häufigste Anlass für elterliche Sorge sieht so aus: Das Kind steht barfuß im Flur, die Innenknöchel kippen nach innen, die Fußsohle wirkt platt. Auf dem Spielplatz fällt dann irgendwann der Satz „Da müsste man mal Einlagen machen lassen“.
Meistens müsste man nicht. Der kindliche Knick-Senkfuß ist in den ersten Lebensjahren ein Entwicklungszustand, keine Diagnose. Die Ferse kippt leicht nach innen, das Längsgewölbe ist noch nicht ausgebildet und genau das ist der Ausgangspunkt, von dem aus sich der Fuß entwickelt.
„Fast alle Kleinkinder starten mit eher flachen Füßen, das ist völlig normal. Erst durch Bewegung und unterschiedliche Reize bildet sich das Fußgewölbe nach und nach aus. Barfußlaufen auf wechselnden Untergründen aktiviert die Muskulatur und unterstützt diese Entwicklung“, sagt Dr. Jörn Dohle, stellvertretender Präsident der DGOU.
Wie selten daraus ein echtes Problem wird, zeigt die S2k-Leitlinie „Kindlicher Knick-Senkfuß“: Beschwerden treten bei weniger als zwei Prozent der Kinder auf. Für die große Mehrheit ist keine Therapie notwendig, Einlagen sind nur bei tatsächlichen Beschwerden sinnvoll. Es gibt allerdings Faktoren, die eine Rolle spielen können.
„Dabei spielen auch Risikofaktoren eine Rolle: Übergewicht kann die Entwicklung eines Knick-Senkfußes begünstigen, der sich nicht von selbst reguliert. Auch muskuläre Schwächen oder bestimmte Grunderkrankungen können Einfluss nehmen“, sagt Prof. Dr. Anna K. Hell, federführende Autorin und Koordinatorin der Leitlinie.
Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen der häufigen, flexiblen Form und der seltenen starren Variante, hinter der strukturelle oder neurologische Ursachen stecken können. Flexibel heißt: Stellt sich das Kind auf die Zehenspitzen, richtet sich das Gewölbe sichtbar auf. Bleibt der Fuß steif, gehört das abgeklärt.
Was beim Barfußlaufen tatsächlich passiert
Barfuß ist nicht einfach „Schuhe aus“. Es ist ein anderer Bewegungsmodus. In der Fußsohle sitzt eine der dichtesten Ansammlungen von Rezeptoren im ganzen Körper. Jede Unebenheit, jeder Kiesel, jeder feuchte Waldboden liefert Information, auf die das Kind in Millisekunden reagiert: Zehen krallen, Sprunggelenk stabilisieren, Gewicht verlagern. Ein fester Schuh mit dicker Sohle filtert einen Großteil dieser Reize heraus und übernimmt zugleich Stabilisierungsarbeit, die sonst die Fußmuskulatur leisten würde.
Dazu kommt die Vielfalt der Untergründe. Rasen federt anders als Sand, Sand anders als Kies, Kies anders als warmer Stein. Wer im Sommer möglichst viele davon unter den Füßen hat, trainiert nicht nur Muskeln, sondern auch die Tiefensensibilität, aus der Gleichgewicht und Koordination entstehen.

Was die Forschung dazu sagt und was nicht
Die Studienlage ist gut genug, um entspannt zu sein, und zu dünn, um Heilsversprechen abzuleiten.
Eine oft zitierte Untersuchung von Astrid Zech, Karsten Hollander und Kolleginnen verglich mehr als 800 Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 18 Jahren in Südafrika und Deutschland. Die einen wuchsen überwiegend barfuß auf, die anderen überwiegend beschuht. Ergebnis: In der Altersgruppe von sechs bis zehn Jahren schnitten die barfuß aufgewachsenen Kinder bei Gleichgewichts- und Standweitsprungtests signifikant besser ab. Die beschuhten Kinder waren dafür im Sprint schneller (Frontiers in Pediatrics, 2018).
Eine weitere Arbeit derselben Forschungsgruppe fand Unterschiede in der Fuß- und Gewölbeform zwischen habituell barfuß und habituell beschuht aufgewachsenen Kindern. Und eine tschechische Beobachtungsstudie begleitete 30 Kleinkinder ab ihren ersten Schritten sieben Monate lang; die Gruppe in Barfußschuhen zeigte am Ende ein höher ausgeprägtes Fußgewölbe.
Der ehrliche Zusatz: Das sind Beobachtungsstudien mit teils sehr kleinen Gruppen. Sie zeigen Zusammenhänge, keine Beweisketten. Niemand kann seriös versprechen, dass ein barfuß aufgewachsenes Kind später schmerzfreie Füße hat. Was sie in der Summe aber nahelegen: Weniger Schuh schadet dem sich entwickelnden Fuß nicht, sondern nützt ihm eher.
Die häufigsten Fehler, die Eltern machen
Schuhe als Standard, barfuß als Ausnahme. Bei vielen Kindern läuft es umgekehrt zur Empfehlung: Straßenschuhe draußen, Hausschuhe drinnen, Turnschuhe im Sport. Unter dem Strich bleiben wenige barfüßige Minuten am Tag. Die einfachste Korrektur kostet nichts: zu Hause die Hausschuhe weglassen.
Zu kleine Schuhe, ohne es zu merken. Der häufigste und am besten dokumentierte Fehler überhaupt. Kinderfüße wachsen zwischen einem und drei Jahren rund 1,5 Millimeter pro Monat, danach etwa einen Millimeter. Und die Größenangabe auf der Sohle hilft kaum weiter: Bei Messungen des österreichischen Forschungsteams „Kinderfüße-Kinderschuhe“ um Wieland Kinz waren rund 87 Prozent der aufgedruckten Schuhgrößen falsch, teils um mehrere Zentimeter. Wie ihr richtig messt und warum der Daumentest nichts taugt, haben wir hier ausführlich beschrieben: Kinderfüße unter Druck – warum die meisten Kinder zu kleine Schuhe tragen.
Einlagen ohne Beschwerden. Der flexible Knick-Senkfuß ist kein Therapiefall. Einlagen ersetzen Muskelarbeit, statt sie zu fordern. Ohne medizinische Indikation ist das keine gute Idee.
Immer derselbe Untergrund. Barfuß auf dem Wohnzimmerlaminat ist besser als nichts, aber der eigentliche Effekt entsteht durch Wechsel. Wiese, Sand, Kies, Waldboden, flaches Wasser.
Panik statt Beobachtung. Ein Kind, das schmerzfrei läuft, klettert und springt, hat in aller Regel keinen behandlungsbedürftigen Fuß, auch wenn er platt aussieht.

Sicher barfuß: Wo Vorsicht angebracht ist
Die DGOU formuliert hier klar: Sicherheit geht vor. Barfuß bitte nur dort, wo keine Verletzungsgefahr durch Scherben, spitze Gegenstände oder stark erhitzte Oberflächen besteht.
Der letzte Punkt wird regelmäßig unterschätzt. Dunkler Asphalt, Metallplatten am Spielplatz oder Poolumrandungen können sich an heißen Tagen auf weit über 50 Grad aufheizen und Verbrennungen an kleinen Fußsohlen entstehen dabei schneller, als man reagieren kann. Faustregel: Wenn ihr die Fläche fünf Sekunden lang nicht mit der Handfläche halten könnt, ist sie für Kinderfüße zu heiß.
Zwei Dinge noch, die im Sommer gern vergessen werden: Fußrücken gehören eingecremt, sie sind eine klassische Sonnenbrandstelle. Und in Schwimmbädern sind Badeschlappen sinnvoll, vor allem wegen Fußpilz und Dellwarzen, nicht wegen der Fußgesundheit.
Wenn Schuhe sein müssen
Es gibt genug Situationen, in denen es ohne nicht geht. Dann gilt: so wenig Schuh wie möglich. Weich, flexibel, leicht, mit dünner Sohle und breitem Zehenbereich, in dem die Zehen tatsächlich spreizen können. Zwischen längster Zehe und Schuhspitze gehören zwölf bis maximal 17 Millimeter Luft. Ausgesprochen stabilisierende „Stützschuhe“ braucht ein gesunder Kinderfuß nicht, er stützt sich selbst, wenn man ihn lässt.
Wann ihr ärztlichen Rat einholen solltet
Alarmzeichen sind keine platt aussehenden Füße, sondern Funktion und Schmerz. Zum Kinderarzt oder in die orthopädisch-unfallchirurgische Praxis gehört ein Kind, das über Fuß-, Knie- oder Beinschmerzen klagt, das auffällig ungern läuft oder schnell ermüdet, dessen Fuß steif wirkt und sich im Zehenstand nicht aufrichtet, das dauerhaft auf Zehenspitzen geht, oder bei dem sich beide Seiten deutlich unterschiedlich entwickeln.
Für alle anderen gilt die vermutlich entspannteste Empfehlung, die eine Fachgesellschaft in diesem Sommer ausgesprochen hat: Schuhe aus und laufen lassen.









