„Mir ist laaangweilig!“ – kaum ein Satz löst in den Sommerferien so zuverlässig Aktionismus aus. Sechs Wochen ohne Stundenplan, und plötzlich hängt der Nachwuchs lustlos auf dem Sofa und guckt dich an, als wärst du rund um die Uhr für das Entertainment zuständig und müsstest schnell etwas gegen Langeweile anbieten. Der Griff zum Tablet ist dann für alle schnell die bequemste Lösung. Doch Medienpädagogik und Hirnforschung sind sich dazu erstaunlich einig: Genau dieser leere Moment ist Gold wert. Vorausgesetzt, du hältst ihn aus.
Im Schulalltag ist der Tag vieler Kinder ziemlich durchgetaktet ohne großen Leerlauf: Unterricht, Hausaufgaben, Sport, Musikschule, dazwischen ein bisschen Musik, Konsole oder Bildschirm zum Runterkommen. In den Ferien fällt dieses straffe Gerüst schlagartig weg und für einige Kinder fühlt sich die freie Zeit erst mal an wie ein Loch an. Gerade, wenn viele Freunde und Freundinnen verreist sind. Kein Wunder, dass viele Eltern reflexartig gegensteuern und den Kalender mit Ausflügen, Kursen und Programm vollstopfen. Der Fehler dabei: Wir behandeln Langeweile wie einen Notfall, den es sofort zu beheben gilt. Dabei ist sie oft der Startpunkt für etwas Neues.
Langeweile ist der Start für Neues
Wenn es auf den ersten Blick aussieht wie stumpfes Aus-dem-Fenster-Starren, ist im Gehirn ziemlich viel los. Sobald der Kopf nicht von außen beschäftigt wird, schaltet er in einen Ruhezustand, den die Neurowissenschaft „Default Mode Network“ nennt. Quasi ein Netzwerk aus Hirnregionen, das immer dann anspringt, wenn wir gerade keine konkrete Aufgabe lösen. Der Neurowissenschaftler Vinod Menon fasste den Forschungsstand 2023 im Fachjournal Neuron zusammen: Dieses Netzwerk verknüpft Erinnerungen, Vorstellungen und Ideen zu neuen Kombinationen. Genau daraus entstehen die berühmten Geistesblitze, die scheinbar aus dem Nichts kommen.
Dass Langeweile die Kreativität sogar messbar ankurbelt, zeigten die Psychologinnen Sandi Mann und Rebekah Cadman schon 2014 im Creativity Research Journal. In ihren Experimenten mussten Probanden zunächst eine todlangweilige Aufgabe erledigen wie Telefonnummern aus dem Telefonbuch abschreiben oder vorlesen. Anschließend fanden genau diese Teilnehmer deutlich fantasievollere Ideen als die Vergleichsgruppe. Kurios: Je passiver und öder die Vorab-Aufgabe, desto kreativer das Ergebnis. Der Grund ist simpel. Ein unterfordertes Gehirn beginnt zu wandern und auf diesen Streifzügen entsteht das Eigene.

Die britische Bildungsforscherin Teresa Belton beschäftigt sich seit Jahren mit dem Phänomen und plädiert dafür, Langeweile in der Kindheit nicht länger als Makel zu behandeln, sondern als Nährboden für Vorstellungskraft. Auch die Verhaltensforscher Shane Bench und Heather Lench ordnen Langeweile eine klare Funktion zu: Sie ist ein Signal, das uns anschiebt, etwas Neues zu suchen, sobald das Alte nichts mehr hergibt. Anders gesagt: Langeweile ist kein Defekt, sondern ein Motor.
Was der Bildschirm mit dem Leerlauf macht
Und hier liegt das eigentliche Problem digitaler Medien. Ein Tablet füllt die Leere sofort auf Knopfdruck, in Millisekunden, noch bevor das Gehirn überhaupt in den schöpferischen Modus umschalten kann. Statt eigener Ideen liefert der Bildschirm fertige Reize: bunt, laut, endlos. Das Kind muss nichts mehr erfinden, weil alles schon da ist.
Das ist kein moralisches Argument gegen Bildschirmzeit, sondern ein entwicklungspsychologisches. Wer den Leerlauf jedes Mal wegwischt, sobald er entsteht, nimmt dem Kind die Gelegenheit, die eigene Fantasie anzuwerfen. Es lernt: Sobald mir langweilig ist, kommt Nachschub von außen. Genau das untergräbt die sogenannte intrinsische Motivation, also die Fähigkeit, sich aus eigenem Antrieb mit etwas zu beschäftigen. Und die ist kein netter Bonus, sondern eine Schlüsselkompetenz, die im Erwachsenenleben über Selbstständigkeit, Durchhaltevermögen und kreatives Problemlösen entscheidet.
Der häufigste Elternfehler: sofort bespaßen
Die meisten Väter kennen das schlechte Gewissen, wenn das Kind quengelt und man selbst gerade nicht mitspielen kann oder will. Aus diesem Reflex heraus passieren die zwei klassischen Fehler: Entweder wir takten die Ferien komplett durch, damit bloß keine Lücke entsteht oder wir reichen zur Überbrückung schnell das Smartphone rüber. Beides nimmt kurzfristig Druck raus und sorgt langfristig für dasselbe Ergebnis: Das Kind lernt nicht, mit freier Zeit umzugehen.
Wichtig ist an dieser Stelle die Entwarnung: Quengeln gehört dazu. Fast immer folgt auf das genervte „Mir ist langweilig“ erst eine kleine Nörgel-Phase und dann, wenn man sie aushält, der Umschwung. Aus dem Nichts entsteht plötzlich ein Spiel, eine Bude aus Sofakissen, eine völlig hanebüchene Geschichte. Dieser Kipppunkt lässt sich nicht erzwingen. Aber er lässt sich zulassen. Wer die Nörgelei nicht sofort mit Programm belohnt, gibt dem kreativen Prozess überhaupt erst die Chance zu starten.
Die entscheidende Frage: Welches Bedürfnis steckt dahinter?
Heißt das, Eltern sollen jetzt gar nichts mehr anbieten? Nein. Es geht nicht um Totalverweigerung, sondern um die richtige Dosis. Hilfreich ist dabei ein Perspektivwechsel, den der Medienexperte Florian Buschmann, Gründer der Präventionsinitiative OFFLINE HELDEN, empfiehlt: nämlich zu fragen, welches Bedürfnis das Kind sonst über den Bildschirm stillt. Er sagt:
„Langeweile ist nichts Negatives, sondern oft der Anfang von etwas Neuem. Wenn Kinder nicht permanent von außen beschäftigt werden, entstehen eigene Ideen.“
Geht es dem Kind um Action und Bewegung? Um Gemeinschaft mit anderen? Um Erfolgserlebnisse und Anerkennung? Oder um Rückzug und Ruhe? Wer das Bedürfnis erkennt, kann viel passgenauere analoge Alternativen anbieten. Für das Action-Kind ist das der Kletterwald, das Freibad oder eine sportliche Mutprobe. Das Gemeinschaftskind braucht Verabredungen und kleine Abenteuer mit Freunden. Wer Erfolgserlebnisse sucht, blüht bei einem kreativen Projekt mit sichtbarem Ergebnis auf. Und das Rückzugskind ist mit einem guten Hörbuch in der Hängematte oft am glücklichsten. Buschmanns Ziel dabei: dass das Kind mit der Zeit immer weniger äußere Impulse braucht, weil es gelernt hat, seine freie Zeit selbst zu gestalten.

Mit Impulsen gelingt der Ferienmodus
In der Praxis heißt das nicht, dass du als Vater zum Animateur werden musst. Ein paar einfache Weichenstellungen reichen oft schon:
Halte offenes Material bereit, kein fertiges Spielzeug. Eine Kiste mit Stiften, Papier, Klebeband, alten Kartons, Wolle oder Naturmaterial regt die Fantasie mehr an als jedes durchdesignte Spielzeug mit nur einer richtigen Funktion. Aus einem Karton wird ein Raumschiff, aus einem Stock ein Zauberstab. Aber eben nur, wenn die Idee vom Kind kommt.
Setze medienfreie Zeiten und Rituale. Nicht als Strafe, sondern als Rahmen. Ein bildschirmfreier Vormittag, das gemeinsame Frühstück ohne Handy auf dem Tisch, der feste Spaziergang nach dem Abendessen. Solche Fixpunkte geben dem Ferientag Struktur, ohne ihn zuzupflastern und du gehst dabei automatisch mit gutem Beispiel voran.
Schick sie raus. Zeit in der Natur ist der vielleicht unterschätzteste Kreativitäts-Booster überhaupt. Draußen gibt es keine vorgegebene Handlung, keinen Highscore, keine nächste Folge. Nur Raum für eigene Ideen. Ein Bach, ein Waldstück oder auch nur der Hinterhof reichen völlig.
Sei Vorbild, kein Ansager. Kinder kopieren, was wir tun, nicht was wir sagen. Wenn du selbst bei jeder freien Minute reflexartig zum Handy greifst, wird dein Kind kaum lernen, Leerlauf auszuhalten. Der langweilige, unverplante Sonntagnachmittag, an dem ihr gemeinsam nichts vorhabt, ist erzieherisch wertvoller als der dritte Freizeitpark der Woche.
Wenn aus Langeweile mehr wird
Bei aller Entspannung, ein Wort zur Einordnung gehört dazu. Gelegentliche, situative Langeweile ist gesund und wichtig. Etwas anderes ist eine dauerhafte, dumpfe Lustlosigkeit, bei der ein Kind über Wochen zu nichts mehr Lust hat, sich zurückzieht oder auffällig oft „alles doof“ findet. Das kann ein Hinweis auf Über- oder Unterforderung sein, manchmal auch auf seelischen Ballast. Hier lohnt es sich, genauer hinzuschauen und im Zweifel das Gespräch mit Kinderarzt oder Kinderärztin zu suchen. Die gute Nachricht bleibt aber: Das ganz normale „Mir ist langweilig“ am verregneten Ferientag ist kein Grund zur Sorge, sondern eine Einladung.
Fazit: Mut zur Lücke
Ferien sind nicht nur eine Pause vom Schulalltag, sondern eine gute Gelegenheit, den Umgang mit Medien und freier Zeit in der Familie neu zu justieren. Weniger digitale Dauerreize und mehr Mut zu stillen, offenen Momenten. Das klingt fast zu simpel, ist aber der Kern der Sache. Wer als Vater die Langeweile seines Kindes nicht sofort löscht, sondern sie kurz stehen lässt, verschenkt keine Zeit. Er schenkt seinem Kind die Chance, mit sich selbst etwas anzufangen. Und das ist eine Fähigkeit, die weit über die Sommerferien hinaus trägt.
Über Florian Buschmann: Florian Buschmann ist Psychologe (B.A.) und Mitglied im Fachverband für Medienabhängigkeit. Seit über sieben Jahren ist er in der Prävention und Intervention zum Thema Kinder und digitale Medien aktiv. Mit der von ihm gegründeten Initiative OFFLINE HELDEN erreicht er gemeinsam mit seinem Team jedes Jahr mehr als 13.000 Teilnehmende in über 500 Veranstaltungen.









