Es vergehen Tage, an denen alles bleibt, wie es ist. Tage auch, an denen bleibt, wo es ist. Dann gibt es aber auch die Tage, an denen dort, wo etwas war, auf einmal nichts mehr ist. Dass kann Anlass für Spekulationen sein oder ein einziges Ärgernis. Oder ein Grund dafür, darüber nachzudenken, ob denn das Vermisste es tatsächlich wert ist, vermisst zu werden. Bei einem Barren Gold wäre ich mir schon ziemlich sicher, obwohl es nicht gerade das ist, was zufällig irgendwo bei uns herumliegt. Anders sieht es mit einer Rolle Klopapier aus. Dabei trägt die schon auch das Potential eines relativen Sehnsuchtsobjektes mit sich herum, wenn es denn die Situation erfordert. Und wie schnell man in eine solche Situation geraten kann, weiß jeder, der Druck längst nicht nur von außen verspürt.

Kinder lieben Papier, meistens. Solange es nicht mit Schulaufgaben bedruckt ist oder sich hergibt als knisterndes Verpackungsmaterial für Süßigkeiten. Oder als Schmirgelpapier für raue Verhältnisse im Kleinen sorgt. Papier um eine Rolle aus zumeist grauem Karton gewickelt müssen auch kleine Menschen mögen, erleichtert es ihnen das Leben doch spätestens dann, wenn das größte Problem einfach nur Scheiße ist. Um diesem Zustand eine optimistische Seite abzugewinnen, macht Vorratshaltung Sinn. Eine herkömmliche Packung mit acht Rollen erfüllt für gewöhnlich diesen Zweck. Und sollte eigentlich für zwei, bestenfalls drei Tage reichen. Tut es aber nicht, jedenfalls nicht für drei Tage. Manchmal nicht einmal für zwei. Weil in unserem Haus das Klopapier-Mysterium Fragezeichen in den Raum stellt, und keine plausible Antwort sie abzuholen gedenkt. Auch Leander empfiehlt sich nicht als jemand, der Licht in ein geheimnisvolles Dunkel zu bringen vermag. Dabei sieht man ihn doch immer wieder einmal mit der einen oder anderen Rolle balancieren, obwohl er Zirkus schon deswegen nicht mag, weil darin Clowns nach wie vor zu den Publikumsmagneten zählen. Und dafür hat er absolut kein Verständnis, seit unfreiwillige Komiker die Polit-Szene mit täglich neuen Höhepunkten aufmischen. Oder sich Lehrer für umwerfend witzig halten, wenn Sie einen Haufen komplizierter Formeln an die Tafel kritzeln, aber nicht eine taugt als Erfolgsgarant für fortlaufend gute Noten. Oder wenigstens für die Eröffnung eines hippen Schnellrestaurants auf dem Pausenhof…

Mysterien eignen sich ja eigentlich ganz gut dafür, nicht enträtselt werden zu können. Was aber jetzt das mit dem Klopapier angeht, das gänzlich unerwartet zur Neige geht, ist die Neugier zu groß, als dass man sie sich für irgendwann später aufheben könnte. Noch dazu, wenn es doch in den entscheidenden Momenten an genau diesem Papier fehlen könnte. Und wenn man als Ursache dafür nicht ausschließen kann, dass es Abgründe gibt, die schon gedanklich bis weit hinunter in die Kanalisation führen. Klopapier nicht dem einen, vorherbestimmten Zweck zuzuführen, lässt Schlimmes ahnen. Und dennoch scheint es alternative Verwendungsmöglichkeiten zu geben, die offenbar von klein auf angestrebt werden: Der eine putzt seine Schuhe damit, der andere nutzt es zum Modellieren kernig-knuddeliger Wurfgeschosse. Wieder ein anderer erkennt darin die Chance, es nicht einfach nur nutzlos zu versenken, sondern bis auf Klobrillenhöhe aufzutürmen. Darin kann ich zwar keinen evolutionären Schritt erkennen, aber die ästhetische Experimentierfreude bei Kindern soll ja auch nicht zu kurz kommen dürfen. Ein entschlossen anvisierter Brillenpegel passt von daher allemal in eine sanitär orientierte Versuchsreihe. Nur der Mysteriöseste von ihnen allen hält wiederholt die Zeit für gekommen, es gekonnt zu verstecken. Manchmal die vorletzte Rolle, in Ausnahmefällen sogar die letzte. Nur gut, dass in echt schlimmen Situationen wie diesen die allgemeine Vorratshaltung Taschentücher nicht ausspart. Tücher, klein und handlich. Dass sich ausgerechnet für die kein exaltierter Junior-Sammler findet…

2,5 Milliarden Kilometer Toilettenpapier verschwinden Jahr für Jahr in deutschen WC-Schüsseln. Eine enorme Entsorgungsleistung, hinter der individuelle Entführungs-Aktionen verblassen müssen. Ein großes Vergnügen scheint der klammheimliche Griff nach der (letzten) Rolle dennoch zu bereiten. Jetzt habe ich es aber leider nicht so mit Detektivarbeit. Es wird deshalb wohl im Dunklen bleiben, wer oder was wirklich dahintersteckt. Aber vielleicht soll dieser ganze Vorgang ja auch nur ablenken von der eigentlich größten Herausforderung beim Erwachsenwerden: Die Rolle seines Lebens zu finden.

Fotos: oben © Fotolia (marcus_hofmann) unten © pixabay

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