Das kleine ABC des Radfahrens: Tipps und Tricks, wie dein Kind zum sicheren Fahrradfahrer wird

Das Fahrradfahren zu erlernen ist für die meisten Kinder ein bedeutsamer Schritt in ein mobiles und selbstbestimmtes Leben. Endlich kann dein Kind den elterlichen Klauen einfach davonradeln und sich in sein erstes Abenteuer auf zwei Rädern stürzen.

Und damit dieses wortwörtliche Stürzen nicht allzu schmerzhaft wird und deine Kinder zu sicheren Radfahrern heranwachsen, kannst du sie auf dieser Reise mit einfachen Schritten unterstützen. Denn wir alle wissen: Kleine Radfahrchampions fallen nicht vom Himmel, sondern werden erst durch liebevolles Anleiten, sanftes Ermuntern und viel Geduld zu souveränen Verkehrsteilnehmern.

1. Die beste Jahreszeit zum Radfahren lernen

Bei der Wahl der Jahreszeit ist nicht so sehr das Wetter selbst der entscheidende Faktor, sondern auch, wie viel Zeit dein Kind zum Einüben der erlernten Muster und Abläufe hat.

Soll dein Kind im Herbst noch auf die Schnelle das Radfahren erlernen, hat es die dunkle Jahreszeit vor sich, die auf Grund von Kälte, Nässe und Dunkelheit die Praxiszeit verkürzt. Dazu kommen Schnee und Glatteis, die es deinem Kind fast unmöglich machen, das Gelernte noch sicher anzuwenden. Kinder mit einer solch kurzen Praxiszeit sind besonders in der dunklen Jahreszeit eine Gefahr für sich selbst und andere. Steht das Kinderfahrrad dann, zusammen mit deinen Sommerreifen von O(ktober) bis O(stern) im Keller, muss es im Frühling wieder von vorne starten.

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© GorynVolodymyr (depositphotos.com)

Lernt dein Kind aber im Frühjahr das Fahrradfahren, kann es sich in aller Ruhe mit dem neuen Gefährt vertraut machen. Das Gelernte kann sich über das Jahr hindurch setzen. Kleine Fahrradtouren helfen dem Kind dabei, immer souveräner zu werden und seine wortwörtliche Balance zu finden.

Wer über den Sommer hindurch das Radfahren üben konnte, verhält sich auch im Winter im Straßenverkehr deutlich routinierter, weiß Gefahrenstellen einzuschätzen und kann sich selbst und das Bike deutlich besser einschätzen.

2. Die Wahl der besten Location

Jeder Turner übt erst einmal auf einer Leichtturnmatte, um potenzielle Stürze abzufedern. Jeder Kletterer übt entweder erst einmal in einer Boulderhalle mit weichem Boden oder sucht sich in der Natur einen Felsen auf weichem Waldboden, um potenzielle Stürze abzufedern. Es scheint also auf den ersten Blick einleuchtend, dass auch Kinder ihre ersten Geh- bzw. Fahrversuche auf dem Bike auf einem weichen Untergrund vollziehen, um sprichwörtlich weich zu fallen. Dem ist aber nicht so.

Es scheint auf den ersten Blick kontraintuitiv zu sein, aber Kinder sollten nicht auf weichen Böden, Rasenflächen, Sand- oder Waldböden das Radfahren lernen. Bei den ersten Fahrversuchen lautet die Devise: Je härter, desto besser. Und der Grund dafür ist denkbar einfach.

Weiche Oberflächen federn zwar potenzielle Stürze ab, erschweren aber auch die Balance, die bei Kindern, die zum ersten Mal auf dem Bike sitzen, ohnehin nicht trainiert ist. Wenn du selbst schonmal durch zu tiefen Sand gefahren bist, wirst du die Situation kennen. Das Radfahren wird zur Zirkusnummer und man kann froh sein, wenn man heil wieder aus der Sache herauskommt. Zu weiche Böden erhöhen das Sturzrisiko und erschweren die Balance. Kleine Stöckchen oder Steinchen auf dem weichen Waldboden können bereits Hindernisse für Kinder darstellen, die sie zu riskanten Ausweichmanövern animieren oder an denen die Kinder die Balance verlieren.

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© René Bittner (Pixabay)

Besser sind Locations, mit festem und stabilem Boden, frei von Autoverkehr und anderen Hindernissen, die zur Gefahr werden könnten. Zum Beispiel eine betonierte Einfahrt, ein Innenhof, eine Fahrradstraße, eine Bahntrasse, die für Biker umfunktioniert wurde, oder auch einfach der leere Parkplatz, auf dem du deine Kids in zehn Jahren auch zum ersten Mal hinter das Steuer deines Autos lässt (beidseitige Schweißausbrüche garantiert).

3. Theorieunterricht

Jeder, der eine Fahrschule besucht hat, wird sich mit Schrecken an die (mindestens) 28 Theoriestunden erinnern, die sich wie achthundert Stunden anfühlten (außer man hatte das Glück, Freunde, Bekannte oder die halbe Schulklasse in derselben Fahrschule sitzen zu haben). Dennoch: Theorieunterricht lehrt uns, welche Regeln und Verhaltensweisen im Verkehr einzuhalten sind, welche Verkehrsschilder was bedeuten und auch wenn die Zeit im Theorieunterricht stillzustehen scheint, bildet dieser das Fundament für sicheres und verantwortungsbewusstes Fahren.

Was das Fahrradfahren bei Kindern anbetrifft, muss der Theorieunterricht keine 28 Stunden umfassen. Man will die Kids schließlich aufs Fahrrad bekommen und nicht davon abschrecken. Trotzdem, die Kenntnis der Verkehrsregeln und Straßenschilder ist essenziell. Kinder müssen wissen, welches Schild was bedeutet. Wenn sie alleine mit dem Fahrrad zur Schule fahren, kann es immer passieren, dass von heute auf morgen eine Straße zur Vorfahrtsstraße erklärt wird, irgendwo ein Stopp-Schild erscheint oder Bauarbeiten den Schulweg des Kindes behindern und es in eine ihm unbekannte Straße ausweichen muss.  

Während ich noch mit einem Bilderbuch das Verhalten im Straßenverkehr gelernt habe, kannst du heute auch auf diverse digitale Möglichkeiten zurückgreifen. Du kannst dich virtuell am Bildschirm mit deinem Kind durch die Nachbarschaft bewegen, du kannst Apps zur Verkehrserziehung herunterladen, in denen dein Kind interaktive und spielbasierte Übungen bekommt, die ihm das nötige Wissen vermitteln, um sich sicher und souverän im Straßenverkehr verhalten zu können.

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© Andrew Gook (Unsplash)

4. Gefahrensituationen einüben

Kommen wir noch einmal zum Führerschein zurück. In Deutschland muss ein Fahrschüler im Jahr 2023 zwölf Sonderfahrten absolvieren, darunter auch Nachtfahrten. Diese Sonderfahrten sollen den Fahrschüler auf besondere Fahrsituationen vorbereiten. Das macht Sinn, auch für das Fahrradfahren lernen von Kindern.

Anstatt dein Kind bei Regen vor dem Fernseher zu parken, schnappt euch die Bikes und raus mit euch. Dein Kind kann immer und überall in die Situation kommen, dass es bei strahlendem Sonnenschein zur Schule fährt, aber bei Regen wieder nach Hause radeln muss. Es schadet nicht, deinem Kind die Straßenverhältnisse bei Nässe bereits früh näherzubringen. Wie verändert sich das Bremsverhalten? Statt voll in die Eisen zu treten, kann dein Kind hier lernen, wie es bei Nässe bremst, ohne dabei ins Straucheln zu kommen, inwieweit sich der Bremsweg verändert und dass es bei Nässe besonders vorausschauend fahren muss.

Dasselbe bei Nachtfahrten. Am Wochenende einmal bei Dunkelheit eine halbe Stunde auf dem Fahrrad zu drehen, um dem Kind (das sich freuen wird, länger aufbleiben zu dürfen) zu zeigen, wie es bei schlechten Sicht- und Lichtverhältnissen sicher auf dem Fahrrad fährt, wird es zu einem besseren und souveränen Radfahrer machen. Gerade im Herbst wird es so früh dunkel, dass die Kinder schon bei der Rückfahrt vom Vereinssport, dem Musikunterricht oder Besuch bei Freunden gezwungen sein wird, bei Dämmerlicht oder Dunkelheit fahrradzufahren. Darauf solltest du dein Kind vorbereiten.

Eltern sollten auch auf dem Fahrrad ein Vorbild für Kinder sein
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5. Sei ein Vorbild

Laut Fahrrad Monitor Deutschland aus dem Jahr 2021 nutzen nur 38% das Fahrrad mehrmals die Woche, nur ein Fünftel aller Erwachsenen (21%) nutzen das Rad, um damit zur Arbeit zu fahren. Deshalb: Sei deinem Kind ein Fahrradvorbild!

Deine eigene Leidenschaft fürs Radfahren kann einen enormen Einfluss darauf haben, wie dein Kind diese wunderbare Aktivität wahrnimmt. Indem du selbst regelmäßig auf dem Fahrrad unterwegs bist, zeigst du deinem Kind nicht nur die Freude an der Bewegung, sondern vermittelst ihm auch, wie wichtig Sicherheitsvorkehrungen sind.

Trage deshalb stets deine Schutzausrüstung, halte dich an Verkehrsregeln und demonstriere Achtsamkeit im Straßenverkehr. Dein eigenes Engagement für sicheres Fahren kann eine inspirierende Grundlage für dein Kind schaffen, um das Fahrradfahren selbst erlernen zu wollen.

Fazit zum Fahrrad fahren mit Kindern

Rom wurde nicht an einem Tag erbaut und das Fahrradfahren können Kinder zwar durchaus an einem Tag lernen, bis sie sicher und souverän am Straßenverkehr teilnehmen können, dauert es aber eine Weile. Das Abenteuer Fahrradfahren erfordert Geduld und starke Nerven (bei Eltern und Kindern).

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© Rou (Unsplash)

Es ist eine neue Fähigkeit, die Zeit, Übung und vielleicht auch einige Stürze erfordert. Ermutige dein Kind, indem du positive Verstärkung anbietest und kleine Meilensteine feierst. Lob für Fortschritte und ermutigende Worte, wenn es mal schwierig wird, können dazu beitragen, das Selbstvertrauen deines Kindes zu stärken und es in eine mobile und selbstbestimmte Zukunft radeln zu lassen.

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Foto des Autors
Autor
Tom Rheinhardt
Tom ist leidenschaftlicher Radfahrer, Betreiber der Seite zweiradkraft.com und auch viel mit seinem Sohn auf dem Bike unterwegs. So wurde er zum Experten für die beliebtesten Produkte aus dem Bereich Fahrradtransport für Kinder, Hunde und Lasten.