Ein Beitrag der Buchautorin Ulrike Bartholomäus
Kaum etwas ist für Eltern belastender, als ein Kind, dass an einer psychischen Störung erkrankt ist. In meinen Buch, „Zwischen Tiktok und Therapie – wie Jugendliche und jungen Erwachsene psychischen Krisen überwinden“ zeige ich Eltern Möglichkeiten auf, wie sie mit der Situation umgehen können. Jeder Fall liegt anders, es gibt keine Patentrezepte, dennoch existieren Grundregeln, die für Eltern hilfreich sind.
Eltern benötigen Lösungen und Erklärungen für die Probleme ihrer jugendlichen und jungen erwachsenen Sprösslinge. So finden sie aus der Ohnmacht heraus, die sie lähmt. Es geht nicht um Schuldzuweisungen oder darum, wer an der Problematik ursächlich beteiligt ist.
Wichtig ist, den Kindern Halt zu geben. Die Bedeutung von Vertrauen, Verlässlichkeit, Integrität, Solidarität oder Ehrlichkeit erfahren Kinder, indem die Eltern es ihnen vorleben. Weniger reden, mehr leben. Es nützt nichts, wenn Eltern in einem Gespräch mit ihrem Teenager ihr ganzes Lebenswissen aufladen. Zuhören ist wichtiger als argumentieren.
Wie können Eltern ihren jugendlichen oder jungen erwachsene Kindern mehr Halt geben, wenn diese im inneren Lockdown stecken? Wenn die Kommunikation noch steht, gilt vor allem eins: zuhören. Viele Eltern downloaden all ihr Erwachsenenwissen auf Kinder in der Krise, doch dies ist wohl eher kontraproduktiv. Was Mama vor 40 Jahren geholfen hat, spielt jetzt eine untergeordnete Rolle. Denn es hilft den Betroffenen nicht bei dem, was sie am meisten brauchen, nämlich Selbstvertrauen aufbauen. Alles, was ihr Selbstwertgefühl auftankt, hilf ihnen aus der schwierigen Situation.
Bei meinen Interviews mit 25 jungen Menschen haben viele berichtet, wie wichtig ihnen ein bewertungsfreien Raum ist. Stets bewertet und auch abgewertet zu werden, belastet die Beziehung zu den Eltern. „Hör endlich mit dem Kiffen auf. Es kann doch nicht so schwer sein, etwas zu essen.“ Solche Sätze sind kontraproduktiv. Denn insgeheim wissen die Kindern ja, dass sie sich schaden, wenn sie hungern, kiffen, gamen oder sich ritzen, sie schaffen es nur nicht allein, ihr Verhalten zu ändern. Das Symptom ist die Lösung ihrer negativen Gefühle, eines tieferen Konflikts.
Mitfühlendes Zuhören und Zuversicht schafft Selbstvertrauen. Auch geht es nicht darum, die Probleme der jungen Menschen zu lösen. In vielen Fällen helfen Ärzte oder Psychotherapeuten. Eine Ess- oder Angststörung verschwindet nicht von alleine. Als erste Anlaufstation hilft die Hausärztin oder der Hausarzt. Das entlastet Eltern schon einmal substantiell, denn sie müssen die Verantwortung für ihre Kinder nicht mehr alleine tragen müssen.
Den Ausgleich zu schaffen zwischen dem Wunsch der Jugendlichen und jungen Erwachsenen, autonom zu sein und dem Wunsch der Eltern, sie zu beschützen und festzuhalten, ist ein Balanceakt. Im Fall psychisch kranker Jugendlichen haben Eltern eine Fürsorgepflicht. Sie besitzen das Aufenthaltsbestimmungsrecht für ihre Kinder, auch im Internet. Daher sollten sie wissen, wenn ihr Sohn nächtelang im Internet zockt oder ihre Tochter sich endlos scrollend in ihrem Social-Media-Feed oder beim Bingen von Serien verliert. Hier gilt: wer nein sagen kann ist König. Klare Regeln müssen her, sonst zermürben tägliche Diskussionen die Familie. Wie sie aussehen, bestimmt jede Familie für sich.
Aber wie genau sieht es in den jungen Betroffenen aus, wenn es ihnen schlecht geht? Zwei Beispiele zeigen, was es heißt, magersüchtig und depressiv zu sein oder eine Gaming-Sucht zu haben:
Lorena: Hungern bis zur totalen Erschöpfung
Wie viele Betroffene ist Lorena eine Expertin in Sachen Anorexie. Sie rutschte während der Coronazeit in die Krise. „Meine Eltern haben damals Intervallfasten gemacht, um abzunehmen. Das hat mich beeinflusst: Ich dachte, ich müsste auch abnehmen. Meine Eltern waren allerdings nicht daran schuld, dass ich eine Essstörung entwickelt habe. Es waren vielmehr einige Geschehnisse davor, die mich traumatisiert hatten. Ich sah keinen Ausweg mehr„, berichtet die junge Frau.
Lorena erinnert sich an die Zeit, in der sie einfach keine Energie mehr hatte. Sie aß kaum, ging manchmal 40 000 Schritt am Tag. „Mein Körper war erschöpft von dem Kampf, den ich gegen ihn führte. Jeden Tag wachte ich wieder in diesem Teufelskreis auf, und alles in mir war einfach nur leer und taub.“ Sie hungerte sich auf ein extremes Untergewicht herunter.
Zu diesem Zeitpunkt rutschte ihrem Vater ein Satz heraus, der sich in ihr Gehirn eingebrannt hat : „Dein Körper war mal schön anzusehen für Jungs.“ Noch heute, Jahre später, hallen diese Worte in ihrem Kopf nach und belasten die Beziehung zu ihrem Vater. Die Worte schlugen damals wie eine Bombe in das Chaos ihrer Gefühle ein. „Der Körper eines Mädchens oder einer Frau ist nicht dazu da, um zu gefallen. Körper sollte man nicht bewerten“, sagt sie heute.

Einmal mischte ihre Mutter hinter ihrem Rücken ein wenig Öl in das Dressing aus Essig und Wasser, das sie täglich auf ihren Salat träufelte. „Meine Mutter war so verzweifelt, dass sie mir heimlich Kalorien unterjubeln wollte. Aber das habe ich natürlich gemerkt. Ich war so wütend!“. Da es bei Magersüchtigen auch um Kontrolle über das eigene Leben geht, war dies das ultimative No-Go. „Ich habe lange gebraucht, um das zu vergessen.“
Laut Lorena war der Verzicht auf Essen nie eine Lösung, aber damals empfand sie es so. Der Grund: Sie konnte nicht ertragen, dass sie lebte. „Die Essstörung war am Ende der versteckte Versuch eines Suizids. Niemand kann dich dazu zwingen, leben zu wollen. Das muss von einem selbst kommen.“
Lorena erinnert sich, dass ihre Familie, Freunde und Therapeuten sehr an ihrer Seite standen. „Ohne meine Eltern und meinen Klinikaufenthalt hätte ich 2020 und 2021 nicht überlebt.“ Sie wog so wenig, dass sie auf eine Akutstation für sehr untergewichtige Magersucht-Patienten kam. Sie erhielt von den Ärzten ein Bewegungsverbot.
Lorena hat die Zeit in der Klinik als sehr wertvoll empfunden. „Ich werde den Therapeuten für immer dankbar sein, denn ohne sie hätte ich es damals in der körperlichen und mentalen Verfassung wohl kaum geschafft zu überleben.“ Das Mädchen war mit 14 Jahren auf eine Akutstation gekommen, auf der es zunächst einmal nur darum geht, Gewicht zuzunehmen und die körperlichen Einschränkungen, die eine extreme Magersucht mit sich bringt, etwa Herzprobleme, zu überwinden. „Ich durfte lernen, das Leben neu zu entdecken und ein wenig sogar wieder lieben zu lernen“, sagt Lorena. „Wenn man sich entscheidet zu heilen, bedeutet das manchmal, dass man sein Leben ändern muss.“
Nach der Schule machte sie ein Freiwilliges Soziales Jahr. Sie empfand dies als Befreiungsschlag. „Ich habe mich durch meine eigenen Gedanken jahrelang in mir selbst eingesperrt. Ich habe ein Leben voller Restriktionen geführt. Ich wollte mich irgendwann nicht mehr zurückhalten, sondern endlich das tun, was ich wirklich wollte, also habe ich es dann auch gemacht“, erklärt die junge Frau.
Der Weg aus einer psychischen Krise verläuft nicht linear. Es gibt Rückfälle, Umwege und verzweigte Pfade. Entscheidend ist der richtige Umgang mit Rückschlägen sowie die Erfahrung, dass es mit der Unterstützung von vertrauten Personen, Medizinern und Freunden langfristig bergauf geht.
Johannes : Zocken bis zum Pupillenstillstand
Es passierte an einem Mittwochnachmittag. Gerade noch hatte der 28-jährige Johannes mit seinen Mitspielern erfolgreich gegen die Feinde bei League of Legends gekämpft, als sein Laptop »in die Grätsche ging«. So erging es ihm nicht zum ersten Mal. „Schon zwei Wochen vorher war das Netzteil gecrasht, sodass ich zwischenzeitlich nicht zocken konnte“, berichtet der gelernte Anlagenmechaniker aus Kappeln an der Schlei in Schleswig-Holstein. Doch diesmal war das Computerproblem ungleich größer.
Der Laptop ließ sich nicht mehr starten. Was auch immer Johannes versuchte, der Bildschirm blieb schwarz. Für ihn war dies das Worst-Case-Szenario : „Ein ungutes Gefühl machte sich in mir breit. Eine irritierende Nervosität. Ich griff sofort zum Handy, um mich mit einem anderen Spiel abzulenken.“ Angesichts dieser Katastrophe machte es bei ihm klick im Kopf: Was, wenn dies eine einmalige Chance wäre, mal eine Gaming-Pause einzulegen?
Johannes brachte den Laptop nicht zur Reparatur. Er kaufte sich auch keinen neuen. „Es war nicht mein dezidierter Plan, mit dem Zocken aufzuhören. Ich wollte es langsamer angehen lassen. Erst einmal bin ich mit meiner Mutter in den Urlaub gefahren. Dort war ich jeden Tag von morgens bis abends beschäftigt.“ Johannes lebt bereits seit zwei Monaten ohne seine Gaming-Community, als wir uns das erste Mal sprechen. In diesen wenigen Wochen hat sich sein Leben grundlegend geändert.

Davor zockte Johannes exzessiv, er litt an einer Gaming-Sucht. Computerspiele bestimmten seinen Alltag. Er hatte früh Probleme in der Schule und machte den Hauptschulabschluss. Danach scheiterte er jahrelang auf dem weiteren Bildungsweg. Erst als er im Betrieb seines Vaters eine Ausbildung zum Anlagebauer absolvierte, erlangte er einen Abschluss vor der Handwerkskammer. Danach war er im väterlichen Unternehmen beschäftigt. „Ich war trotzdem unzufrieden mit meinem Leben. Ich wollte weiterkommen und habe jetzt die Zeit dafür genutzt, mich auf eine neue Stelle zu bewerben.“ Seine Mutter schlug vor, dass er sich auf eine neue Stelle bewirbt. Johannes durchforstete die Angebote im Internet und ergatterte einen Job an einer Hochschule.
Johannes bekam die Stelle trotz eines fehlenden mittleren Schulabschlusses und einiger Lücken im Lebenslauf. Seine abgeschlossene Ausbildung und das Jahr Berufserfahrung im technischen Bereich sowie der persönliche Eindruck, den der junge Mann beim Meister hinterließ, gaben am Ende den Ausschlag. So hoffnungsfroh wie zu dem Zeitpunkt war Johannes noch nie. Hinter ihm lag eine jahrelange Odyssee: Seine Gaming-Sucht mit all ihren negativen Konsequenzen bestand schon mehr als zehn Jahre. „Angefangen zu spielen habe ich als Jugendlicher, etwa im Alter von zwölf oder 13 Jahren“, erzählt er.
Bei Johannes hatte das Gamen jahrelang die Oberhand gewonnen. „Ich wollte einfach alles andere um mich herum vergessen. Die ganzen Probleme, meine Depression. Wenn ich zocke, bin ich abgelenkt und der ganze Mist ist weg aus meinen Gedanken.“ Viele Details aus seiner Biografie lagen im Nebel.
Auch heute noch kämpft Johannes immer mal wieder mit depressiven Phasen. Aber seine Ausbildung, die Abnabelung von zu Hause und seine technischen Fähigkeiten bilden die Grundlage für eine solide Zukunft.

Diese Infos geben euch einen ersten Eindruck von dem, was euch in dem Buch von Autorin Ulrike Bartholomäus erwartet. Und ihr solltet nicht erst auf dem Moment warten, wenn euch diese Themen direkt betreffen. Es macht auf jeden Fall auch Sinn, sich präventiv mit diesen Fällen zu befassen, wenn die Fälle psychischer Krise und Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen nimmt weiter zu. Daher solltet ihr vorbereitet sein.
Hier gibt es weitere Buchtipps für Väter und Eltern.
Infos zu „Zwischen Tiktok und Therapie – was Eltern wissen sollten“
- Titel: „Zwischen Tiktok und Therapie – was Eltern wissen sollten“
- Autorin: Ulrike Bartholomäus
- Herausgeber: Berlin Verlag
- Erscheinungstermin: 02. April 2026
- Sprache: Deutsch
- Taschenbuch: 304 Seiten











