Buchtipp: „Working Dad“ – Interview mit Autor Roman Gaida

Dieses „Kinder haben“ ist ganz schon verzwickt. Erstmal muss es ja überhaupt klappen mit dem Kinderwunsch. Und dann geht es mit dem Nestbau weiter. Und schon tauchen gleich zum Start die ersten konkreten Fragen auf: Was ist und wie geht eigentlich aktive Vaterschaft? Nehme ich als Papa nach der Geburt Elternzeit und somit eine berufliche Auszeit? Kann ich mir das finanziell leisten, wenn der Euro nicht mal mehr 50 Cent wert ist und viele Anschaffungen nötig sind? Wie bringe ich auch in den Folgejahren die Familie und den Job in Einklang, ohne die geplante Karriere zu verspielen? Und was erwartet eigentlich meine Partnerin an Unterstützung?

Ihr seht, es gibt viele Fragen, denn diese Liste lässt sich unendlich fortführen und die Vaterrolle werdet ihr nun nicht mehr los.. Leider gibt es aber keine Blaupause für den perfekten Daddy. Denn die Ausgestaltung hängt von sehr vielen individuellen Faktoren ab. Und doch wollen wir euch heute mal eine ganz großartige Entscheidungshilfe vorstellen. Und das Beste daran: Ihr braucht nicht mehr tun, als ein Buch zu lesen. Mit „Working Dad“ hat der Autor Roman Gaida ein wirklich sehr hilfreiches Werk für alle die von euch verfasst, für die Vereinbarkeit kein Fremdwort ist und die grundsätzlich so viel Zeit wie möglich mit den Kindern verbringen wollen, sich aber noch nicht sicher sind, wie sie das mit dem Job verbinden.

Roman ist selbst Vater von Zwillingen und hat sich beruflich von der handwerklichen Ausbildung bis zur Führungsposition in einem Konzern hochgearbeitet. Und trotzdem steht bei ihm die Familie an erster Stelle. Wenn die Kinder krank sind, dann übernimmt er die Betreuung. Er hat klare Absprachen mit seiner Frau und eine gute Organisation im Alltag, der zwar Planung voraussetzt, so aber gut funktioniert. Im Buch findet ihr etliche Checklisten und kleine Aufgaben, die euch helfen, euch auszurichten.

Das Buch ist insbesondere für die, die glauben, es geht im Job nicht ohne sie. Die Sorge haben, den Job zu verlieren, wenn sie Elternzeit nehmen. Und die auch nicht genau wissen, wie man am besten in die Chefetage kommuniziert. Es ist eine tolle Hilfe für alle Papas, die etwas ändern und sich intensiv mit ihren Kindern beschäftigen wollen, aber noch viele offene Punkte haben, zu denen sie Antworten suchen. Noch mehr zur „Working Dad“ kann natürlich Autor Roman Gaida selbst erzählen. Daher haben wir ihm ein paar Fragen gestellt.

Interview mit Roman Gaida

  1. Du bist Papa von Zwillingen, beruflich auf der Überholspur und nun auch Autor eines vieldiskutierten Buches. Bitte stelle Dich kurz vor.

Da ich bereits mit 17 in das Berufsleben gestartet bin fühlt es sich gar nicht so sehr nach Überholspur an. Nachdem ich erst mit Ende 20 nochmal studiert hatte, war es zu Beginn eher sehr langsam. Retrospektiv hat mich das aber auch sehr ausdauernd und bodenständig bleiben lassen. Das hilft mir heute alles dabei auch das Thema Vaterschaft im Management mit der gleichen Konsequenz zu verfolgen. Ich würde mich als Papa mit beruflichem Ehrgeiz beschrieben. Aber eben in erster Linie als Papa.  

Buchautor Roman Gaida
Autor Roman Gaida // © Andi Werner
  1. Zwillingseltern sind ein ganz besonderer Schlag. Dazu hatten wir schon spannende Beiträge. Bist Du vernetzt in einer Community mit Zwillingseltern?

Zu Beginn war gar keine Zeit zum Vernetzen, im ersten Jahr war das eher ein Funktionieren. Heute freue ich mich immer wieder über den Austausch mit anderen Zwillingseltern, aber der Austausch mit allen anderen Papas ist sehr wertvoll für mich. Dabei ist auch der Working Dad Podcast mit Marius Kursawe und Benjamin Achenbach eine große Hilfe. Heute werde ich natürlich häufig auf das Thema Vaterschaft angesprochen. Ich glaube, es fühlt sich gut an für Väter, sich auch über Care Arbeit und Haushalt zu unterhalten. Man merkt, dass viele Väter diese Gespräche nicht so häufig führen.

  1. Hättest Du dein Buch auch als Vater eines Kindes verfasst oder war es gerade die doppelte Dosis, die dich besonders gefordert und somit zum Autoren gemacht hat?

Das Buch war nie geplant, ich hatte ehrlich gesagt auch nie vor, ein Buch zu schreiben. Aber nachdem der Campus Verlag gefragt hat und ich das Thema medial unterrepräsentiert (Natürlich außer bei Menschen wie dir) fand, hab ich mich ins kalte Wasser gestürzt. Aber die Frage ist berechtigt. Die Jungs kamen auf die Welt, als wir gerade 500km weit weg von der Familie gezogen sind. Das heißt, wir hatten keine familiäre Struktur vor Ort. Dazu kam, dass eine Zwillingsschwangerschaft nicht ganz so unproblematisch sein kann. Somit war ich schon zu Beginn und in den letzten 3 Monaten jeden Freitag beim Ultraschall dabei.

Für mich stand außer Frage, dass ich ein aktiver Papa sein möchte, aber vermutlich nur, weil ich auch schon zu Beginn so nah dabei sein durfte. Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen, aber vielleicht hätte sich mit einem Kind und Wohnort in der Heimat eine Re-Traditionalisierung eingeschlichen. Mit Zwillingen war ich immer gefordert. Egal, ob in der Care- oder Hausarbeit. Das war am Ende wahrscheinlich meine Rettung. Es hat mich viel besser verstehen lassen, wie wertvoll die Zeit mit den Kindern ist und wie wichtig eine Beziehung auf Augenhöhe ist.

  1. Im Intro erzählst Du, dass Du einen Job mit der Aussicht auf ein doppeltes Gehalt aufgrund der Arbeitsbedingungen abgesagt hast. Das ist löblich, aber wahrscheinlich für die meisten Papas keine Option, oder?

Diese Frage ist schwer zu beantworten, da Sie sehr individuell ist. Für mich hätte das bedeutet, dass ich wie in meinem früheren Job wieder viele Sonntage am Flughafen und anderen Zeitzonen verbringen würde. Das meine Frau im Job zurück stecken hätte müssen, das meine Kinder weitestgehend ohne mich aufwachsen würden. Das ist und war für mich mit keinem Geld der Welt aufzuwiegen. Ich bin in einfachen Verhältnissen aufgewachsen und ich bin mir jetzt schon bewusst, dass wir privilegiert sind. Auch in einer 3-Zimmer-Wohnung ohne Garten und auch ohne großes Haus. Ich möchte, dass meine Kinder sich an das Ball spielen mit mir im Park erinnern und nicht an eine einsame Schaukel in Ihrem großen Garten.

Aber so wie du schon sagst, wenn es eine existenzielle Frage ist, dann ist das sicher keine ganz einfache aber dennoch ganz individuelle Entscheidung. Trotzdem denke ich, diese Entscheidung während der Karriere zu treffen ist wichtig.

  1. Die Generation unserer Eltern hat Kinder einfach bekommen. Heute scheinen Paare deutlich unsicherer zu sein. Oder wie erklären sich die vielen Ratgeber, Blogs und Bücher für Eltern?

Da fragst du mich was, ich habe nicht viele gelesen. Ich glaube aber, dass es ein guter Trend und nie falsch ist, sich auf das größte Abenteuer im Leben, nämlich Eltern zu werden, vorzubereiten.

Auszüge aus dem Inhalt von dem Buch
Auszüge aus dem Inhalt von „Working Dad“ von Roman Gaida
  1. Im Buch rätst Du Männern, früh nach dem Sinn des Lebens und ihrer Erfüllung zu suchen. Aber braucht es dafür nicht Weitblick und Erfahrung? Kaum einer ahnt bei der Geburt, wie man 20 Jahre später die gemeinsame Zeit mit Kindern vermissen kann, oder?

Erfahrung und Weitblick sind meiner Meinung nicht immer eine Frage des Alters. Ich habe mir selbst in eine Ausgabe meines Buch eine Widmung geschrieben, die mit: Lieber Roman, dein 40-jähriges Ich möchte nicht, dass du vergisst, was du alles in dieses Buch geschrieben hast….

Ein Schlüssel zur Erkenntnis ist, möglichst viel Zeit mit den Kindern zu verbringen. Das sorgt dafür, dass man eine Bindung mit den Kindern aufbaut, die einen nachhaltig verändert und einen auch über die Geburt und die Elternzeit hinaus daran erinnert, wie wertvoll die Zeit ist, wenn die Kinder noch klein sind.  

  1. Denkst Du, dass der Job heute immer noch für Kerle wichtig ist, sich als Mann zu definieren oder erfüllt er nicht vielmehr einfach die Aufgabe, die Familie zu ernähren?

Das würde ja implizieren, dass dies nur der Mann kann. Ich bin ehrlich gesagt der Meinung, dass der Job für jeden Menschen, Väter, Mütter, Männer wie Frauen, eine Möglichkeit darstellt, sein Leben zu finanzieren, aber auch das eigene Selbstwertgefühl oben zu halten. Ich halte es dennoch für wichtig, Purpose nicht nur im Job zu suchen. Es macht sicher vieles leichter, wenn man gerne macht, womit man sein Geld verdient. Ich selbst benutze das Wort „Kerle“ nicht einmal, aber ich wünsche niemandem, dass er sich nur über seinen Job definiert.  

  1. Du schreibst, dass jeder zwischen 100 % Job und 100 % Vater seinen Mix finden muss. Wie kann das gelingen?

Kommunikation in der Partnerschaft und Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Eine von vielen der Reflektions-Fragen im Buch lautet: Was ist dir wichtiger: Job oder Familie? Das kann niemand für dich beantworten. Mir ist beides wichtig und ich will, dass möglichst nichts zu kurz kommt. Das funktioniert nicht immer, gerade deshalb spreche ich immer wieder aktiv mit meiner Partnerin darüber, ob wir uns noch im Gleichgewicht befinden. Manchmal hilft einem die Fremdwahrnehmung, wenn man sich selbst nicht sicher ist.

  1. Das hört sich so an, als hätte jeder Mann die Freiheit, sein Setup selbst zu bestimmen. Was ist mit Berufsgruppen wie Ärzte, Schichtarbeiter oder Politiker? Haben auch die eine Wahl oder ist Vereinbarkeit doch ein Luxus, der nicht jedem Mann möglich ist?

Da ich selbst viele Jahre in Schicht gearbeitet habe kann ich mich sehr gut in die Lage versetzen. Ich hätte gerne jede einzelne Berufsgruppe und alle Familienkonstellationen beleuchtet. Aber dafür war die Zeit und das Buch einfach zu kurz. Vielleicht in der nächsten Auflage.

Alle diese Berufe sind sehr wichtig und wir können froh sein, dass es Menschen gibt, die diese mit Freude ausführen. Aber am Ende sucht man sich seinen Job meist selbst aus. Und wenn das familiäre Set-up passt, dann ist das völlig in Ordnung. Im Kapitel Glücklich/Glücklich statt 50/50 schreibe ich darüber, wie wichtig es ist, alle Familienmodelle zu akzeptieren, wenn Paare (und nicht nur der Mann) ehrlich und aufrichtig glücklich damit sind. Wie in einer deiner letzten Fragen ist Karriere kein Selbstzweck und die Aufgaben zu Hause sind eben auch Arbeit, wie du sicher auch weißt. Und für mich oft sogar viel herausfordernder als der Job es manchmal ist.

Bild aus Working Dad von Roman Gaida
Viele Checklisten, Bilder und Aufgaben helfen Vätern bei der Neuausrichtung

Mir war das am Ende aber auch zu kurz gesprungen. Am 09.11.2022 erscheint das Buch „New Work in der Industrie“. In diesem Buch haben Vera Starker und ich versucht, gerade in der Produktion neue Wege des Arbeitens zu beschreiben. Am Ende sind es diese Veränderungen in der Arbeitswelt, die auch mehr Vereinbarkeit in der Industrieproduktion zulassen.  

  1. Die Partnerschaft ist ein wesentlicher Faktor bei der Definition der Vaterrolle. Wie können Paare schon vor der Geburt einen für beide guten Weg definieren?

Ehrlich zueinander sein. Das ist manchmal gar nicht so einfach. Es braucht Männer die sagen, dass Sie aktive Väter sein wollen, auch in der Partnerschaft. Manchmal muss dies auch eingefordert werden. Auf der anderen Seite braucht es Frauen, die keine Re-Traditionalisierung akzeptieren und Ihre Wünsche und Bedürfnisse klar kommunizieren. Es einfach auf sich zukommen zu lassen führt leider allzu oft zu einem Nachteil für die Mütter.

  1. Wo siehst Du in Sachen Vereinbarkeit die wesentlichen Punkte, die Arbeitgeber heute anbieten sollten?

Väter sind auch Eltern, dennoch richten sich Unternehmensprogramme meist nur an Mütter. Wo Eltern drauf steht sollte meiner Meinung nach auch Eltern drin sein. Mehr noch als die Unternehmen, haben die Führungskräfte den größten Hebel, um Vereinbarkeit möglich zu machen. Der offene Umgang mit dem Thema und das eigene, vorgelebte Handeln unterstützen bessere Vereinbarkeit in Teams erfahrungsgemäß am besten. Volker Baisch von Conpadres nimmt Firmen dabei sehr gut an die Hand und hilft dabei, individuelle Lösungen zu finden.

  1. Warum gelten Väter in Elternzeit bei uns immer noch als Loser, während Papas in anderen Ländern auch im Job abgefeiert und quasi zur beruflichen Auszeit gedrängt werden?

Tun Sie das? Ich glaube, darüber sind wir schon hinaus. Die Gruppe derer, die so denken, wird sich in einem zunehmenden Arbeitnehmermarkt noch weiter dezimieren. Der Markt reguliert sich meist selbst. Unternehmenführer:innen, die so denken, werden mittelfristig keine Talente mehr finden.

  1. Du schreibst, dass Väter ihre beruflichen Skills durch die Elternzeit weiterentwickeln können. Hast Du dafür ein paar anschauliche Beispiele?

Hast du schon mal versucht, einem Vierjährigen ein Stück Brokkoli zu verkaufen?

roman gaida working dad hacks
Hacks helfen zum Beispiel bei der Orga der Elternzeit
  1. Wir brauchen mehr Kinder im Land und hoffen, dass sich mehr Paare für Nachwuchs entscheiden. Was kannst du denen, die noch hadern, mit an die Hand geben?

Eltern zu sein ist wundervoll ich kann es nur jedem Mann empfehlen, Papa zu werden. Aber ich glaube nicht, dass wir viel mehr Kinder brauchen. Auch im Hinblick auf den Klimawandel ist es erwiesenermaßen, zumindest was den Planeten angeht, nicht mehr gut, möglichst viele Kinder zu haben. Es gibt genügend Menschen auf der Erde, um alle unsere Arbeitsplätze zu füllen. 

  1. Und eine private Frage zum Schluss: wie sieht für euch der perfekte Familienurlaub aus?

Der perfekte Urlaub ist es, wenn sich alle wohl fühlen und wir alle Zeit füreinander haben und trotzdem jeder auch Zeit für sich hat. Bei uns ist das oft zu viert im Zelt am Meer. Ich gehe Morgens, wenn alle noch schlafen, eine Stunden zum Surfen und meine Frau geht später zum Yoga oder andersrum, den Tag verbringen wir ansonsten alle zusammen in der Natur ohne viel Programm.

Lieber Roman, vielen lieben Dank für die umfangreichen Infos und die spannenden Einblicke. Wir wünschen Dir weiterhin beruflich viel Spaß und Freude und natürlich auch eine großartige Zeit mit der Familie und deinem Doppelpack!

Hier findet ihr weitere lesenswerte Bücher für Väter.

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Autor
Kai Bösel
Kai Bösel ist Patchwork-Dad von drei Kindern, die eigene Tochter Mika ist im April 2012 geboren. Der Hamburger ist Online-Publisher und betreibt neben Daddylicious auch das "NOT TOO OLD magazin" inklusive Podcast. Außerdem schreibt er für ein paar Zeitschriften und Magazine und hilft Kunden und Agenturen als Freelance Consultant. Nach dem Job entspannt er beim Laufen oder Golf.