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Buchtipp: „Die Schule brennt“ – Interview mit Autor Carsten Tergast

Im Song von Extrabreit hieß es vor „Die Schule brennt“ sogar „Hurra, hurra“. Der Song aus dem Jahr 1982 war aber eher ein Symbol für Aufstand und Rebellion. Jetzt liegt ein Buch mit dem gleichen Titel vor uns. Ohne „Hurra, hurra“. Und da steckt wenig drin, was zum Mitgrölen animiert. Autor Carsten Tergast ist Journalist, war aber auch als Lehrer tätig. Und er sieht die Schule als ein kaputtes System, welches dringend generalüberholt werden muss. Wir haben das Buch gelesen und mit dem Autor gesprochen. Und da Schule euch Eltern früher oder später betrifft, können wir euch „Die Schule brennt“ nur ans Herz legen.

Denn sind wir mal ehrlich: aktuell stöhnen alle Beteiligten, wenn es um Schule geht. Eltern sind nicht zuletzt durch das Homeschooling noch näher dran, vermuten Wissenslücken und hacken auf den Lehrern herum. Die sind extrem unter Druck, häufig krank und leiden unter fehlender technischer Ausstattung und ihrem Ruf als ferienliebende Beamte. Und die Kinder kämpfen sich durch, müssen früh aus dem Bett, haben große Lernpakete und verbringen heutzutage meist bis zu acht Stunden in der Penne. Ein Dilemma, für das es aber Lösungen gibt. Drei meiner wichtigsten Erkenntnisse und Aha-Momente beim Lesen von „Die Schule brennt“ möchte ich euch vorstellen:

1. Wertschätzung der Lehrer

Lehrer sind in einigen Aspekten in einer ähnlichen Situation wie der Bundestrainer oder unsere Kanzlerin. So ziemlich jeder Deutsche glaubt zu wissen, wie sie ihren Job zu erledigen haben. Und so befinden sich schon Grundschullehrer in einem intensiven Austausch mit überengagierten Eltern, die meist nicht mit Lob um die Ecke kommen, sondern etwas zu meckern haben. Dazu dann noch die vorherrschende Meinung, dass Lehrer ja ständig Ferien und dazu noch freie Nachmittage haben…

Nach dem Lesen des Buches „Die Schule brennt“ habe ich wesentlich besser verstanden, unter welchem Druck Lehrer stehen, welchen Belastungen sie in Klassenräumen, aber auch durch die Eltern ausgesetzt sind und warum es in dieser Berufsgruppe häufig zu Burn-outs und Krankheitsfällen kommt. Denn Lehrer sind am Ende auch ein Spielball der Schulreformen, der fehlenden Ausstattung, zum Teil respektloser Kinder und der Helikoptereltern. Daher empfehle ich gerade den ganz besonders kritischen Eltern, sich das Buch „Die Schule brennt“ mal vorzunehmen.

2. Die Eltern sind der Hebel

Natürlich ist es einfach, den Druck auf die Politik und die Lehrer abzuwälzen. Aber damit macht man es sich als Eltern viel zu einfach. Zuerst einmal ist es ein dringender Tipp, den Lehrer einfach mal machen zu lassen und Vertrauen darin zu haben, dass er seinen Job gut erledigt. Was ihm dabei hilft, sind respektvolle Kinder. Und da kommen wieder die Eltern ins Spiel. Die Werte, die Mama und Papa ihren Kindern vermitteln und vorleben, die übernehmen die Kinder und verhalten sich entsprechend. Wer also zuhause einen respektlosen Umgang kennenlernt, wird diesen auch den Lehrern gegenüber an den Tag legen und so schlimmstenfalls eine ganze Klasse vom Lernen abhalten.

Ähnlich schwierig können Kinder sein, deren Eltern in übertriebenem Maße die Flügel über ihnen ausbreiten und versuchen, jeden Schaden von ihnen fernzuhalten. Diese Kinder sind gewohnt, dass ihr Weg geebnet ist. Und mit diesen Erwartungen treten sie auch in der Schule auf.

Es gibt aber auch die Eltern, die sich direkt an Lehrer wenden, um bestimmte Themen für ihre Kinder durchzuboxen. Ihr Eltern habt es in der Hand. Und sinnvoll ist es meist, sich zurückzuhalten. In „Die Schule brennt“ findet ihr viele konkrete Beispiele, die aufzeigen, was ihr als Eltern ändern könnt.

Auszug aus dem Buch

3. Es muss sich etwas ändern

Spätestens wer „Die Schule brennt“ liest, der versteht, dass sich an unserem Schulsystem etwas ändern muss. Und da viel von der Politik abhängt, habt ihr es nicht zuletzt mit eurem Kreuz Ende September in der Hand. Unsere Schulen haben die Digitalisierung bis heute verschlafen. Und die Kinder sind bis heute die Leidtragenden der Corona-Pandemie und der Impfthematik. Wir brauchen mutige Entscheidungen und massive Veränderungen. Angefangen mit der Lehrerausbildung über kleinere Klassen bis hin zu strukturierteren Lehrplänen und Schulnoten. Stellschrauben gibt es reichlich. Nur mit Veränderung wird die Schule vom Ort der reinen Wissensvermittlung zu einem Raum für mehr Lebenspraxis, gesellschaftliche Diskussion und freiem Denken.

Besorgt euch das Buch „Die Schule brennt“. Und weil das Thema so wichtig ist, haben wir noch ein sehr lesenswertes Interview mit dem Autor geführt.

Interview mit Carsten Tergast, Autor „Die Schule brennt“

Üblicherweise stellen wir in unseren Gesprächspartnern bei den Interviews zehn knackige Fragen. Bei Carsten Tergast sind es XX geworden – und dafür musste ich mich schon kurzfassen. Denn das Thema „Schule“ wirft einfach zu viele Fragen auf. Nicht nur, aber auch seit Corona und dem Homeschooling. Der Autor des Buches „Die Schule brennt“ hat Ideen, wie wir aus dem „kaputten System“ herausfinden können. Und weil uns Eltern das ganz massiv betrifft, habe ich ihm Fragen zu dem Buch gestellt. Wenn euch das Thema auch betrifft, dann solltet ihr das Buch lesen.

Interview mit Carsten Tergast, Autor von
© Gisela Robben

1. Du warst mal Lehrer, bist heute Autor und Journalist. Hat Dich der Job in der Schule nicht so gepackt?

Nun, ich war auch vorher schon Autor und Journalist und habe mich immer auch intensiv mit Bildungsthemen sowie Fragen der Entwicklung im Kindes- und Jugendalter auseinandergesetzt. Der Gedanke an einen Quereinstieg in den Schuldienst war dadurch latent immer vorhanden und als sich tatsächlich eine ganz konkrete Möglichkeit bot, diesen Gedanken in die Tat umzusetzen, habe ich zugegriffen, weil ich wirklich Lust darauf hatte.

Die Tatsache, dass es letztlich nur ein relativ kurzes Gastspiel war, hat nichts damit zu tun, dass der Job mich nicht „gepackt“ hätte. Vielmehr hatte er mich so sehr gepackt, dass ich nicht über all die Missstände und Probleme hinwegsehen konnte, die sich mir vom ersten Tag an darboten und auf die ich absolut unzureichend vorbereitet war. Sicher habe ich mich leichter damit getan, wieder auszusteigen, als das bei langjährig tätigen Kollegen und Kolleginnen der Fall ist, die ihr ganzes Leben auf diesen Job ausgerichtet haben. Ich konnte immerhin relativ einfach zurück in meine freiberufliche journalistische Tätigkeit.

Aufzuhören war letztlich Selbstschutz, auf Dauer hätte ich selbst mit wachsender Erfahrung die heutigen Umstände des Lehrerjobs nicht ausgehalten. Warum das so ist, ist dann auch Teil der Analyse in meinem Buch.

2. Schule ist nicht erst seit Corona ein leidiges Thema für alle Beteiligten, also Schüler, Lehrer und Eltern. Geht das überhaupt anders?

Sicher geht das auch anders, und es ist ja auch nicht so, dass es dafür keine Beispiele gibt. Das ist die Gefahr bei einem Buch, das sich der Problemanalyse widmet, bisweilen klingt es so, als wenn ganz grundsätzlich Hopfen und Malz verloren wäre. Würde ich das glauben, hätte ich jedoch das Buch nicht geschrieben.

Wir müssen genau hinschauen, warum Schule oft so ein leidiges Thema ist. Und was sich über die Jahre wie verändert hat. Meine eigene Schulzeit ist knapp 30 Jahre her, und auch damals war Schule natürlich manchmal nervig, es gab gute und schlechte Lehrer, schwierige und pflegeleichte Schüler. Was sich verändert hat, ist die Qualität und Quantität von „nervig, schlecht und schwierig“, einhergehend mit einem Verfall der baulichen Substanz und der Ausstattung in vielen Schulen. Alles spielt zusammen und schafft die Riesenprobleme, die wir haben, das ist ja auch einer der Grundansätze, über die ich schreibe. Wir müssen verstehen lernen, wie alles sich gegenseitig beeinflusst.

3. An wen richtest du dein Buch „Die Schule brennt“?

Zuvörderst natürlich an Lehrende jeglicher Couleur an allen möglichen Schulformen sowie an Eltern und auch an Menschen, die sich in der Bildungspolitik engagieren. Aber letztlich an jeden, der entweder auf die eine oder andere Weise direkt mit Schule und Bildung zu tun hat oder sich einfach nur dafür interessiert. Das kann die Großelterngeneration genauso sein, wie ältere Schüler und Schülerinnen selbst. Das ist ja gerade das Faszinierende an dem Thema: es betrifft im Grunde unsere komplette Gesellschaft.

4. Wo hakt es deiner Meinung nach? Schüler und Eltern lassen sich wohl kaum ändern. Bleiben Lehrer und Politik, oder?

Da möchte ich ganz entschieden widersprechen! Wir alle wissen, dass sich menschliches Verhalten ändern kann, auch wenn das oft ein langwieriger Prozess ist. Notwendige Voraussetzung dafür ist das Bewusstsein dafür, dass viele Probleme in Schule eben auch am Verhalten der Beteiligten hängen, und dabei nicht zuletzt auch an Schülern und Eltern. Jeder Lehrer kann ein Lied davon singen, was sich auf der anderen Seite des Lehrerpults verändert hat.

Auch hier möchte ich darauf pochen, dass sich an verschiedenen Stellen etwas ändern muss. Viele Eltern müssten Umgang mit ihren Kindern prüfen, wir klagen ja nicht ohne Grund über Helikoptereltern auf der einen und Vernachlässigung auf der anderen Seite. Kinder zu haben ist eine große Verantwortung, und ich habe den Eindruck, dass sich eine steigende Zahl an Eltern schwer damit tut, dieser Verantwortung in einer Weise gerecht zu werden, dass Kindern eine unbeschwerte Kindheit und Jugend ermöglicht wird.

Was Lehrer und Politik angeht: Ja, auch hier sind große Stellschrauben für Veränderungen. Auf Lehrerseite wünsche ich mir mehr Selbstbewusstsein, der eigenen Intuition im Umgang mit Schülern zu folgen und weniger den sich ständig ändernden pädagogischen Moden und Methoden hinterherzurennen. Erfahrungsgemäß schätzen Schüler an Lehrern vor allem Authentizität, womit allerdings keine Kumpelhaltung gemeint ist.

Je jünger die Schüler, desto wichtiger ist der Lehrer als ganz konkrete Bezugsperson und Orientierung. In den höheren Jahrgängen wird ein partnerschaftlicher Umgang wichtiger, aber auch hier lohnt es sich für Lehrer, klare Vorgaben zu machen. Führungsqualitäten, die ein Lehrer genauso braucht, wie leitende Angestellte in Privatunternehmen, haben nichts mit autoritärem Verhalten zu tun, das wird gerne verwechselt.

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5. Von Kritikern werden andere Länder wie Dänemark oft als positive Beispiele aufgeführt. Machen die wirklich so Vieles besser?

Es lohnt sich immer, über den Tellerrand zu schauen, keine Frage. Nur greift der ausschließliche Blick auf Schule zu kurz. Man muss das ins Verhältnis zu den gesellschaftlichen Entwicklungen und den Rahmenbedingungen in den jeweiligen anderen Systemen setzen. Die Probleme, die wir in den hochentwickelten westlichen Gesellschaften haben, ähneln sich stark, da sind auch die skandinavischen Länder keine Ausnahme.

Letztlich geht es immer vor allem um den Umgang untereinander. Respekt und Empathie lernen Kinder am Vorbild ihrer Eltern und ihres weiteren Umfeldes. Wenn das gelingt, ist schon mal eine gute Grundlage für das Gelingen von Schule gelegt. Trotzdem ist es natürlich sinnvoll, sich anzuschauen, wie andere mit dem Thema Schule umgehen.

6. Bildungs- und Zukunftschancen von Kindern hängen nicht zuletzt vom Wohnort ab. Sollte Schule wieder stärker bundeseinheitlich geregelt werden?

Prinzipiell bin ich ein Anhänger des Föderalismusgedankens, in Ländern wie Frankreich, die sehr stark zentralistisch geprägt sind, hat man oft das Gefühl, dass weit von der Hauptstadt entfernt liegende Gebiete „abgehängt“ werden. Allerdings scheint mir der Bildungsföderalismus doch in vielerlei Hinsicht kontraproduktiv. Du sprichst ja beispielsweise die Wohnortfrage an. Das ist ein echtes Problem.

Die Standards in den Bundesländern sind dermaßen unterschiedlich, dass ein Kind, das von einem Bundesland in ein anderes zieht, in einzelnen Fächern bis zu einem ganzen Schuljahr im Stoff hinterherhängen kann. Hier wäre es meines Erachtens sinnvoll, zu bundeseinheitlichen Vorgaben zu kommen, die dem einzelnen Lehrer trotzdem genug Spielraum für eigene Ideen lassen.

7. Im Buch „Die Schule brennt“ sagst du, Lehrer ziehen sich im Grundschulalter aus der Wissensvermittlung zurück. Was meinst Du damit und was sind die Folgen?

Es ist in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren eine Tendenz entstanden, schon Grundschüler mit einem Maß an selbständigem Arbeiten zu konfrontieren, das sie in diesem Alter schlicht überfordert, vor allem dann, wenn es im Elternhaus wenig Unterstützung gibt. Ein Beispiel sind die Wochenhausaufgaben, die einige Grundschulen verteilen. Ein sieben- oder achtjähriges Kind ist in der Regel noch nicht in der Lage, sich diese Aufgaben über die Woche sinnvoll einzuteilen. Es benötigt dazu zumindest die Hilfe der Eltern, wenn diese ausbleibt, ist es überfordert. Zeiteinteilung ist ein schwieriges Thema, das wissen wir ja auch als Erwachsene, wie soll ein Kind in so jungem Alter das hinbekommen?

Dann wird meines Erachtens zu früh mit offenen Lernformen wie beispielsweise der Lerntheke gearbeitet, bei denen der Lehrer sich sehr am Rande hält und zu wenig in der Beziehung zu seinen Schülern ist. Das grenzt bisweilen an Vernachlässigung.

Die Folge ist eine Überforderung viele Schüler und ein geringer Lerneffekt, der sich anschließend durch die weitere Schulkarriere zieht. Offene Lernformen und sich selbst organisierende Schülergruppen sind sehr stark eine Frage des Alters und der altersgemäßen Entwicklung der Schüler. In der Grundschule wollen die Kinder vor allem vom Lehrer lernen und nicht auf eigene Faust oder von ihren Mitschülern.

8. Du wünschst dir die Lehrer wieder als Lehrperson, weniger als Partner und Mentor. Wie kann man das erreichen? Braucht es mehr Distanz?

Die Frage schließt an die vorherige an… Distanz ist vielleicht ein wenig missverständlich, gerade bei jüngeren Schülern braucht es eher Nähe als Distanz. Was es braucht, ist eine klare Rollenverteilung. Damit tun wir uns heute oft schwer, weil es den Ruch von Hierarchiedenken hat und Hierarchien etwas grundsätzlich Negatives zu sein scheinen. Es gibt jedoch zwischen Lehrenden und Lernenden immer ein natürliches „Gefälle“, sie sind nicht auf der gleichen Ebene. Wäre das so, könnten wir Schule abschaffen und jeder Schüler bekommt einfach einen Internetzugang, ein Endgerät und beschafft sich seine „Bildung“ selbst.

Wenn man manchen Theoretikern zuhört, hat man den Eindruck, dass genau das das Ziel ist. Dabei spielt die Beziehung zur Lehrperson eine enorme Rolle. Wenn ich an meine eigene Schulzeit zurückdenke, sind mir vor allem die Lehrer als positiv und prägend in Erinnerung geblieben, zu denen ich aufschauen konnte, ohne dass dafür autoritäres Gehabe auf Lehrerseite notwendig war. Die Kumpeltypen habe ich nie ernstnehmen können, und das dürfte heutigen Schülern kaum anders gehen.

9. Schule heute heißt auch Tischinseln zum Sitzen, Ruheräume mit Sofas, flexible Wochenhausaufgaben – ist das nicht eine moderne Ausrichtung der Lehranstalt?

Vordergründig ja. Es geht mir auch nicht darum, solche und andere Ideen in Bausch und Bogen zu verdammen. Vieles davon ist jedoch mehr Selbstzweck als hilfreiche Idee, da geht es oft vor allem darum, mit ständigen Veränderungen im Fluss zu bleiben, weil man glaubt, Veränderungen machten „modern sein“ aus. Bewährtes wird dann als „konservativ“ diskreditiert, ohne überhaupt zu prüfen, ob es nicht etwa auch in die Veränderungen produktiv integriert werden kann. Mir wäre generell daran gelegen, von der Einteilung in konservativ und modern wegzukommen und stattdessen über den Sinn von Maßnahmen nachzudenken.

Zum Sinn von Wochenhausaufgaben etwa habe ich ja bereits etwas gesagt. Ich habe auch nichts gegen Sofas und Ruheplätze, wenn damit allerdings suggeriert wird, Schule sei nicht mehr als eine Chill-Out-Area, ist das sicher nicht sinnvoll. Zum produktiven Arbeiten gehört eben auch, nicht jedem vermeintlichen Ruhebedürfnis sofort nachzugeben. Stattdessen könnte aber im Unterricht thematisiert werden, wie ein gutes Verhältnis von Arbeits- und Ruhephasen für unseren Körper aussieht und womit es zusammen hängt. Das könnte in verschiedenen Fächern übergreifend ein Thema sein, so dass auch Zusammenhänge zwischen biologischen und soziologischen bzw. psychologischen Feldern sichtbar werden.

10. Wie sind denn nun die Schüler von heute: respektlos und lernunwillig oder offen und engagiert?

Beides gibt es, so wie es immer beides gegeben hat. Allerdings ist vor allem Respektlosigkeit ein Riesenthema, das vielfach aber immer noch eher hinter vorgehaltener Hand angesprochen wird. Man muss dazu bedenken, dass es viele Formen von Respektlosigkeit gibt. Das muss sich nicht immer in offen vorgetragener Aggressivität äußern, auch das Dauerquatschen während des Unterrichts, selbst nach mehrfacher Ermahnung, gehört beispielsweise dazu. Im übrigen kann ein Schüler auch engagiert und trotzdem respektlos sein, im Grunde taugt das in der Frage angesprochene Gegensatzpaar also gar nicht wirklich als solches, weil verschiedene Ebenen angesprochen sind.

Respektlosigkeit ist eine Haltung gegenüber anderen Menschen, die bisweilen gerade dann zutage tritt, wenn sich jemand übermäßig für eine Sache engagiert und dabei nicht mehr auf die Bedürfnisse und Rechte anderer achtet.

Darüber hinaus geht es doch nie um „alle Schüler sind so oder so…“ Schüler sind so verschieden wie die meisten anderen Gruppen auch. Auch ist immer noch die Mehrzahl vollkommen im Rahmen eines normalen Verhaltens. Das nützt nur wenig, wenn die kleinere Zahl der Respektlosen zunimmt und zu groß ist. Wenn in einer (ohnehin zu großen) Klasse von 30 Schülern zehn neben der Spur laufen, ist das immer noch die Minderheit. Diese zehn zerstören den anderen 20 aber jede Möglichkeit auf produktiven Unterricht und treiben den Lehrer in den Wahnsinn.

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© Frank Köster-Dupree

11. Wenn Du allen Eltern eine Sache mit auf den Weg geben könntest, welche wäre das?

Seid nah an Euren Kindern, interessiert Euch für das, was sie tun und signalisiert, dass Ihr immer da sein werdet, wenn sie Euch brauchen. Und gleichzeitig: Seid nicht zu nah an ihnen, denn Freiheit und Selbstorganisation gehören zur Entwicklung dazu. Respektiert, dass sie eigene Charaktere mit eigenen Bedürfnissen und Vorstellungen sind und nicht Euer „Produkt“. Und vor allem: Lebt ihnen Respekt vor den Mitmenschen als Grundlage jeglichen Miteinanders vor.

12. Gehen wir mal einen Schritt zurück: welche Aufgabe hat die Schule überhaupt?

Dazu habe ich in meinem Buch „Die Schule brennt“ einen größeren Abschnitt geschrieben, weil mir hier etwas grundsätzlich falsch zu laufen scheint. Schule soll meines Erachtens die Schüler befähigen, eine eigene Haltung und Meinung zur Welt zu entwickeln. Dazu muss sie ihnen Fachwissen an die Hand geben und thematisieren, wie menschliches Miteinander funktioniert. Das wird heute stärker denn je gerne damit verwechselt, dass Schule eine Haltung und Meinung lehren soll.

Das ist jedoch nicht ihre Aufgabe, allein schon, weil sie zu weltanschaulicher Neutralität verpflichtet ist. Wenn ich als Lehrer vor der Klasse stehe, spielt meine eigene Meinung zu verschiedenen Dingen überhaupt keine Rolle. Ich kann sie natürlich in einer Diskussion mit Schülern vertreten, habe jedoch kein Recht, andere Meinungen dabei zu diskriminieren, selbst wenn sie mir überhaupt nicht gefallen.

Insofern ist in meinen Augen Bildung und Freiheit das Ziel von Schule. Der ideale Schulabsolvent ist ein gebildeter junger Mensch, der gelernt hat, Informationen zu bewerten, zu verarbeiten und sich daraus eine Meinung zu bilden bzw. diese für sein privates und berufliches Leben zu nutzen.

13. Müsste man etwas an der Ausbildung der Lehrer verändern, um sie noch besser an die Praxis heranzuführen und um den Beruf wieder attraktiver zu machen?

Essentiell ist auf jeden Fall der möglichst frühe Kontakt, schon während des Grundstudiums, mit Schülern. Hospitanzen an Schulen etwa, um möglichst schnell Praxis und Theorie miteinander vergleichen zu können. Wünschenswert fände ich auch ein stärkeres Gewicht auf (entwicklungs-)psychologischen Themen, um zu verstehen, was man Kindern und Jugendlichen in welchem Alter wirklich zumuten kann.

Um den Beruf attraktiver zu machen, müsste indes nicht nur an der Ausbildung gearbeitet werden, sondern an den Rahmenbedingungen an den Schulen selbst, Stichwort „Kleinere Klassen“ etwa.

14. Nehmen wir uns ein weißes Blatt Papier – wie sähe die perfekte Schule für dich aus?

Klassen mit maximal 12 Schülern, ausreichend Lehrpersonal, um Unterrichtsausfall auf ein Minimum zu beschränken, der Unterricht von gegenseitigem Respekt geprägt, digitale Ergänzung des Unterrichts adäquat zu den unterrichteten Altersstufen. Und Humor als dauerhafter Begleiter des gegenseitigen Umgangs miteinander. Humor löst viele Konflikte, bevor sie ausarten können.

15. Und zum Schluß mal eine Prognose: wo stehen wir in Sachen Schule im Jahr 2030?

Uff. Das kann ich nicht seriös beantworten. Ich vermute allerdings, dass wir dann durchdigitalisiertes Lernen in einer Form erleben werden, wie wir sie uns heute noch nicht vorstellen können. Ob das sinnvoll und gut ist, steht dabei auf einem anderen Blatt. Aber ich möchte hier auch keine Dystopie aufmalen…

Lieber Carsten, vielen Dank für die spannenden und inspirierenden Antworten. Es ist zu erkennen, dass du dich wirklich intensiv mit der Schule und möglichen Verbesserungen befasst hast. Daher können wir dein Buch „Die Schule brennt“ nur dringend jedem empfehlen, der mehr wissen möchte.