Familienleben

Neue Studie über Väter mit Teenie-Kindern und der Pubertät – Wer redet, gewinnt

patricia prudente JgSqYsUFnQ4 unsplash 1

Eine neue Studie des Deutschen Jugendinstituts zeigt: Wer als Vater von Teenagern das Gespräch sucht, emotional präsent ist und seiner Familie Priorität einräumt, legt den Grundstein für eine starke Vater-Kind-Beziehung, die auch für das Erwachsenenalter ein stabiles Fundament bildet.

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache

Väter verbringen im Durchschnitt rund 1,5 Stunden pro Werktag mit ihren Kindern. Das klingt auf den ersten Blick vielleicht wenig und im Vergleich zu Müttern, die mit drei bis sieben Stunden täglich deutlich mehr Zeit investieren, ist der Unterschied tatsächlich erheblich. Und doch zeigt eine neue, bevölkerungsrepräsentative Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI) aus München: Es geht nicht allein um die Menge der gemeinsam verbrachten Zeit. Es geht vor allem darum, wie Väter diese Zeit gestalten.

Die Studie „Vaterschaft im Wandel“, ein dreijähriges Forschungsprojekt unter Leitung von Professorin Dr. Johanna Possinger von der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg, hat Daten aus mehreren Wellen des DJI-Surveys „Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten“ (AID:A) ausgewertet – insgesamt Befragungen von 2009 bis 2023, gefördert von der Stiftung Ravensburger Verlag. Herausgekommen sind erste Ergebnisse, die Väter aufhorchen lassen sollten: Denn sie machen deutlich, welche konkreten Verhaltensweisen den Unterschied zwischen einer guten und einer weniger guten Vater-Kind-Beziehung ausmachen.

Gespräche sind das A und O

Das wohl bemerkenswerteste Ergebnis der Studie: 82 Prozent der jungen Erwachsenen, deren Väter in ihrer Jugend häufig das Gespräch gesucht und ein offenes Ohr gehabt haben, berichten heute von einer „sehr guten“ Beziehungsqualität zu ihrem Vater. Eine Zahl, die für sich spricht.

Was die Forschenden als „kindzentrierte Kommunikation“ bezeichnen, meint im Grunde etwas sehr Nahes, sehr Menschliches: mit dem Kind über das sprechen, was es erlebt hat. Fragen stellen, bevor eine Entscheidung getroffen wird, die das Kind betrifft. Raum geben, wenn etwas ärgert oder belastet. Kein pädagogisches Großkonzept, kein Erziehungsratgeber in Kurzform, sondern echtes Interesse am Leben des eigenen Kindes.

Die Längsschnittdaten aus den Survey-Wellen 2009, 2014 und 2018 zeigen dabei etwas besonders Wichtiges: Der positive Effekt dieser Kommunikationsweise hält an. Wer als Jugendlicher erlebt hat, dass der Vater wirklich zuhört, bewertet die Beziehung zu ihm auch Jahre später noch deutlich besser. Auch dann, wenn das Kind längst erwachsen ist. Gerade in der Phase der Verselbstständigung, wenn Teenager beginnen, eigene Wege zu gehen, ist die Gesprächsbereitschaft des Vaters zentral. Nicht obwohl die Kinder älter werden, sondern genau dann.

Emotionale Wärme: Keine Schwäche, sondern Stärke

Neben der Kommunikation spielt emotionale Wärme eine herausragende Rolle. Väter, die ihren Kindern offen zeigen, dass sie sie mögen und lieb haben, die loben, die umarmen, die ihre Zuneigung nicht hinter einer Fassade aus Stoizismus verbergen, werden von ihren Teenagern deutlich häufiger als „sehr wichtig“ eingeschätzt. Und dieser Zusammenhang gilt, das ist bemerkenswert, über alle untersuchten Gruppen hinweg einheitlich: unabhängig von Alter, Geschlecht oder Herkunft des Kindes.

Das widerspricht einem hartnäckigen Klischee, das viele Väter vielleicht selbst noch aus ihrer eigenen Kindheit kennen: dass ein Vater Stärke am besten durch Distanz zeigt. Durch Ungerührtheit. Durch das Bild des unnahbaren Familienoberhaupts, das funktioniert, versorgt und schützt, aber keine Gefühle zeigt. Die Daten des DJI zeichnen ein anderes Bild: Emotional offene Väter sind nicht weich. Sie sind für ihre Kinder wichtig.

Früh übt sich: Familienorientierung in jungen Jahren

Ein weiterer Befund der Studie rückt den Blick auf eine Phase, die scheinbar weit vor der Pubertät liegt: die frühe Kindheit. Väter, die der Überzeugung sind, dass die Familie zumindest dann Vorrang vor dem Beruf haben sollte, wenn ein Kind noch im Kindergartenalter ist, berichten von einer besseren Beziehungsqualität zu ihren Teenagern und umgekehrt tun das auch die Jugendlichen selbst.

Die Schlussfolgerung der Forschenden: Wer früh investiert, erntet später. Väterliche Familienorientierung in frühen Entwicklungsphasen schlägt sich in konkreten Interaktionen nieder, in Zeit, Verlässlichkeit, Zugewandtheit, die das Fundament einer tragfähigen Beziehung legen. Beziehungen wachsen nicht von heute auf morgen. Sie entstehen in tausend kleinen Momenten über Jahre hinweg.

Das bedeutet übrigens nicht, dass Väter, die in der frühen Kindheit ihrer Kinder stark beruflich eingebunden waren, nun resignieren sollten. Die Studie zeigt auch: Die Qualität der Beziehung lässt sich gestalten, und zwar bis ins Jugendalter hinein. Aber es lohnt sich, früh hinzuschauen.

Der Vater als Gesprächspartner – auch wenn es unbequem wird

Teenager sind keine einfachen Gesprächspartner. Wer einen Sohn oder eine Tochter zwischen zwölf und siebzehn hat, weiß das. Augen werden verdreht, Türen geschlossen, einsilbige Antworten gegeben. Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – brauchen Jugendliche Väter, die dranbleiben. Die nicht aufhören zu fragen. Die auch dann zuhören, wenn die Antwort zunächst ausbleibt.

Die Daten zeigen: Väter und Mütter nähern sich in der Jugendphase ihrer Kinder beim Zeitaufwand füreinander an. Der Abstand, der in frühen Kindheitsjahren noch groß ist, schrumpft. Das verändert auch die relative Bedeutung des Vaters als Interaktionspartner, sie steigt. Was gleichzeitig bedeutet: Väter, die diese Phase aktiv gestalten, können viel bewirken.

Und das gilt für Söhne und Töchter gleichermaßen. Die gesellschaftliche Vorstellung, dass Väter vor allem für Söhne wichtig seien, als Rollenmodell für Männlichkeit, als Gesprächspartner für bestimmte Themen, ist eine Vereinfachung, die den Daten nicht standhält. Mädchen brauchen ihre Väter ebenso. Als Gesprächspartner, als emotionale Stütze, als jemanden, der sie ernst nimmt.

Was das für den Alltag bedeutet

Studien wie diese können manchmal abstrakt wirken. Was aber lässt sich aus diesen Befunden ganz konkret mitnehmen?

Erstens: Reden. Nicht nur über Schulnoten oder Aufgaben, sondern über das, was wirklich passiert. Was hat dich heute geärgert? Wie war das Wochenende wirklich? Was beschäftigt dich gerade? Fragen stellen, ohne sofort Lösungen anbieten zu wollen.

Zweitens: Zeigen, dass man emotional da ist. Ein Lob, wenn etwas gut geklappt hat. Eine Umarmung, wenn etwas schiefgelaufen ist. Kein Vater muss plötzlich zum Therapiegespräch starten. Aber das Signal „Ich sehe dich, ich mag dich, du bist mir wichtig“ ist mächtiger als viele denken.

Drittens: Präsenz. Und das möglichst schon früh. Wer in der Kindergartenzeit präsent ist, investiert in eine Beziehung, die in der Pubertät Früchte trägt.

Ein Thema, das bleibt

Die Studie „Vaterschaft im Wandel“ ist noch nicht abgeschlossen. Derzeit läuft die qualitative Datenanalyse unter Leitung von Prof. Dr. Johanna Possinger an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg. Die hier vorgestellten Ergebnisse sind Zwischenergebnisse, aber sie sind repräsentativ und methodisch belastbar. Das DJI-Survey AID:A ist eine der größten und langfristigsten Studien zu Kindheit und Jugend in Deutschland, mit Daten aus über einem Jahrzehnt und tausenden befragten Familien.

Was bleibt, ist ein klares Bild: Väter machen einen Unterschied. Nicht trotz der Herausforderungen des Teenager-Alltags, sondern gerade mittendrin. Die Frage ist nicht, ob Väter wichtig sind, denn das sind sie. Die Frage ist, wie sie diese Wichtigkeit mit Leben füllen. Und die Antwort, das zeigen die Daten, ist überraschend einfach: reden, zuhören, Wärme zeigen. Immer wieder, auch wenn es nicht sofort etwas zu bringen scheint.

Shares:
Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Die folgenden im Rahmen der DSGVO notwendigen Bedingungen müssen gelesen und akzeptiert werden:

Durch Abschicken des Formulares wird dein Name, E-Mail-Adresse und eingegebene Text in der Datenbank gespeichert. Für weitere Informationen wirf bitte einen Blick in die Datenschutzerklärung.