Familienleben

Medienerziehung im KI-Zeitalter: Diese Lücke müssen Väter jetzt schließen

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Eine neue Umfrage zeigt: Die meisten Deutschen sehen Eltern, Schulen und Politik in der Verantwortung für Medienkompetenz. Doch nur jeder Zweite erwartet, dass auch Tech-Konzerne handeln. Was bedeutet das für Väter? Und wo fängt man an, wenn selbst die Erwachsenen noch lernen?

2025 war das Jahr, in dem künstliche Intelligenz endgültig im Alltag ankam. ChatGPT und andere Dienste schreiben Hausaufgaben, erstellen Referate und beantworten Fragen schneller als jedes Lexikon. Milliarden Menschen weltweit nutzen KI-Anwendungen. Filme und Musik entstehen längst KI-gestützt statt im Studio. Für viele Väter bedeutet das: Sie müssen ihren Kindern etwas beibringen, das sie selbst erst seit Kurzem verstehen.

Wer trägt eigentlich die Verantwortung dafür, dass Kinder lernen, mit KI, sozialen Medien und digitalen Inhalten sicher umzugehen? Eine repräsentative Umfrage der digitalen Magazinplattform Readly gibt darauf überraschende Antworten.

Eltern, Staat, Schulen – und die Tech-Konzerne?

Das Meinungsforschungsinstitut Civey hat im Auftrag von Readly 2.500 Menschen in Deutschland befragt. Das Ergebnis: Die Mehrheit sieht vor allem Eltern (60,8 Prozent), Politik und Staat (57,7 Prozent) sowie Schulen (56,7 Prozent) in der Verantwortung. Doch nur jeder Zweite meint, dass auch Medien- und Tech-Unternehmen – also genau die Anbieter der Technologien – eine Rolle spielen sollten.

Diese Zahlen zeigen zweierlei: Zum einen herrscht breiter Konsens darüber, dass Medienkompetenz eine gemeinsame Aufgabe ist. Zum anderen scheinen viele Menschen die Verantwortung der Tech-Konzerne zu unterschätzen, obwohl gerade deren Algorithmen und Geschäftsmodelle den Medienkonsum unserer Kinder massiv beeinflussen.

Eltern vs. Kinderlose: Wer ist zuständig?

Besonders interessant sind die Unterschiede zwischen Eltern und Kinderlosen. Menschen ohne Kinder sehen vor allem die Schulen in der Pflicht: Fast 60 Prozent von ihnen erwarten hier die Hauptverantwortung. Unter Eltern ist es nur knapp die Hälfte. Gleichzeitig nehmen sich Eltern selbst etwas weniger in die Pflicht als Kinderlose es von ihnen erwarten: Nur gut die Hälfte der Eltern sieht die Familie an erster Stelle, bei Kinderlosen sind es fast zwei Drittel.

Ein Hinweis darauf, wie herausfordernd das Thema im Alltag tatsächlich ist? Vermutlich. Denn während die Theorie einfach klingt – „Eltern sollen sich kümmern“ – sieht die Praxis oft anders aus. Zwischen Beruf, Haushalt und Freizeitstress bleibt wenig Raum, um sich intensiv mit Algorithmen, Filterblasen und Deep Fakes auseinanderzusetzen.

Generationen-Unterschied: Ältere fordern mehr von Big Tech

Auch zwischen den Generationen gibt es deutliche Unterschiede. Während Jüngere zwischen 18 und 49 Jahren Medien- und Tech-Unternehmen nur selten in der Verantwortung sehen, fordert die ältere Generation (50+) deutlich stärker, dass Konzerne wie KI-Anbieter Verantwortung übernehmen. Bei den über 65-Jährigen ist es bereits jeder Zweite.

Eine mögliche Erklärung: Jüngere sind mit digitalen Medien aufgewachsen und halten sie für selbstverständlich, inklusive aller Risiken. Ältere dagegen beobachten kritischer, wie Tech-Konzerne Einfluss auf Gesellschaft und Kinder nehmen.

Baden-Württemberg macht den Test – ohne Vorbereitung?

Die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit zeigt sich gerade in Baden-Württemberg. Dort soll 2026 das neue Pflichtfach „Informatik und Medienbildung“ starten. Doch schon vor Beginn warnen Lehrkräfte und Schülervertretungen: Die Vorbereitung fehlt. Zu wenig geschulte Lehrer, zu wenig Material, zu wenig Zeit.

„Die Mehrheit der Deutschen erwartet, dass Eltern, Schulen und Staat gemeinsam handeln“, sagt Marie-Sophie von Bibra, Geschäftsführerin von Readly Deutschland. „Doch egal, wie die Verantwortung verteilt wird – genau dort zeigt sich, wie schwer das in der Praxis oft fällt.“

Lesen als erster Schritt zur digitalen Bildung

Von Bibra betont einen Punkt, der in der Debatte oft untergeht: „Kinder, die regelmäßig redaktionelle Texte lesen, lernen, Quellen zu hinterfragen und Informationen einzuordnen. Lesen ist damit gerade im KI-Zeitalter ein erster, ganz praktischer Schritt zu digitaler Bildung.“

Tatsächlich ist die Fähigkeit, einen gut recherchierten Artikel von einer KI-generierten Textsammlung zu unterscheiden, heute wichtiger denn je. Wer früh lernt, auf Absender, Quellen und Sprache zu achten, ist besser gewappnet gegen Desinformation.

Was können Väter jetzt tun?

Die Umfrage macht deutlich: Medienkompetenz ist keine Aufgabe, die man einfach delegieren kann. Weder an die Schule noch an den Staat. Väter – wie alle Eltern – sind gefordert, selbst aktiv zu werden. Aber wie?

Genau darüber haben wir mit Marie-Sophie von Bibra gesprochen. Im Interview erklärt sie, wie Väter Medienkompetenz vermitteln können, auch wenn sie selbst noch am Lernen sind. Sie gibt konkrete Tipps für den Alltag und zeigt, warum gemeinsames Lesen ein unterschätzter Schlüssel ist.

Interview mit Marie Sophie von Bibra

1. Liebe Marie-Sophie, viele Väter nutzen selbst ChatGPT für die Arbeit, fühlen sich aber unsicher, wenn ihre Kinder KI verwenden. Wie können Väter Medienkompetenz vermitteln, während sie selbst noch am Lernen sind?

Väter müssen keine KI-Expert:innen sein, um Medienkompetenz zu vermitteln. Was sie ganz praktisch tun können: KI gemeinsam mit ihren Kindern nutzen. Das Kind stellt eine Frage, man schaut sich die Antwort zusammen an und stellt anschließend drei einfache Fragen:

1. Woher könnte diese Information stammen?
2. Klingt sie plausibel oder eher oberflächlich?
3. Was fehlt?

Gerade in Deutschland, wo Medienbildung lange als Querschnittsthema gedacht war, ist diese alltägliche Praxis besonders wichtig. Medienkompetenz entsteht nicht durch einmalige Regeln, sondern durch Wiederholung und gemeinsame Einordnung.

Bei älteren Kindern bietet sich zusätzlich ein bewusster Vergleich mit journalistischen Quellen an. Zum Beispiel mit dem Satz: „Schauen wir gemeinsam, wie Journalist:innen darüber berichten.“ So lernen Kinder schrittweise den Unterschied zwischen generierten Antworten und redaktionell verantworteten Inhalten.

2. Die Umfrage zeigt: 60 % sehen Eltern in der Verantwortung, aber nur 50 % die Tech-Unternehmen. Überrascht dich das? Und was bedeutet das konkret für den Alltag von Vätern?

Die Zahlen zeigen vor allem eines: Eltern fühlen sich verantwortlich, aber oft allein gelassen. In Deutschland ist Verantwortung für Medienbildung strukturell verteilt zwischen Eltern, Schulen und den Bundesländern. Es gibt keine nationale Gesamtstrategie, sondern föderale Ansätze. Das führt dazu, dass Eltern oft das Gefühl haben, im Alltag selbst Lösungen finden zu müssen.

Für Eltern bedeutet das eine klare Verschiebung im Fokus: weniger Energie in Verbote, mehr in bewusste Auswahl. Statt ausschließlich Bildschirmzeit zu begrenzen, hilft es, gemeinsam festzulegen, welche Inhalte erlaubt sind und warum. Diese Regeln dürfen sich mit dem Alter und der Reife der Kinder verändern. Eine klare Orientierung entlastet Familien spürbar und reduziert Konflikte.

3. Du sagst, Medienkompetenz beginnt zu Hause. Was können Väter ganz praktisch tun – am Frühstückstisch, beim Zubettgehen, am Wochenende – um ihre Kinder fit für KI zu machen? Und ab welchem Alter sollte man Kinder überhaupt mit KI arbeiten lassen?

Kinder nutzen KI, um Antworten zu bekommen. Diese Antworten sind nicht immer korrekt oder neutral. Sinnvoll ist es, gezielt kleine Frage-und-Antwort-Momente mit KI zu schaffen und gemeinsam zu prüfen. Dabei geht es nicht um Kontrolle, sondern um Einordnung: Werden Quellen genannt? Wenn ja, welche? Handelt es sich um journalistische Medien, wissenschaftliche Originalquellen oder um Blogs mit einer bestimmten Perspektive?
Ein einfaches Beispiel: Wer ist der schnellste Mensch der Welt? Nennt die KI nur Usain Bolt oder auch Florence Griffith-Joyner? Solche Fragen zeigen schnell, wie Auswahl und Auslassung funktionieren. In Deutschland orientieren sich Schulen zunehmend an rechtlichen Leitlinien zum KI-Einsatz. Diese betonen Transparenz, Kennzeichnung und Datenschutz, Prinzipien, die Eltern auch zu Hause anwenden können.

Zum Alter gilt: Eltern sollten sich an aktueller Forschung orientieren. Internationale Organisationen wie UNICEF bieten hierzu fundierte Empfehlungen.

4. Du betonst regelmäßiges Lesen als „unterschätzten Schlüssel“ für digitale Bildung. Kannst du das konkretisieren? Wie hilft das Lesen einer Zeitschrift oder eines Buches den Kindern dabei, KI-generierte Inhalte zu erkennen?

Das ist selbst für Erwachsene nicht trivial. Lesen erweitert nicht nur den Wortschatz, sondern schult Urteilsvermögen. Kinder, die regelmäßig Bücher oder Magazine lesen, entwickeln Vergleichsmaßstäbe. Sie lernen, wie Texte aufgebaut sind, wie Argumente entwickelt werden und wie Kontext entsteht. Genau diese Erfahrung hilft ihnen, KI-generierte Texte schneller als einseitig, verkürzt oder kontextarm zu erkennen.

5. Wie unterscheidet sich Medienbildung für ein Grundschulkind von der für einen 13-Jährigen? Welche Fehler machen Eltern häufig, wenn sie für alle Altersgruppen die gleichen Regeln aufstellen?

Der größte Unterschied ist der Kontrollverlust. Je älter Kinder werden, desto weniger direkte Kontrolle haben Eltern über ihre Medien- und KI-Nutzung. Der größte Unterschied liegt im Kontrollverlust. Je älter Kinder werden, desto weniger direkte Kontrolle haben Eltern über ihre Medien- und KI-Nutzung. Deshalb ist es entscheidend zu verstehen, wie ein Kind KI nutzt: als Werkzeug für Schule oder Kreativität, als Gesprächspartner oder als Ratgeber. Gerade hier entstehen Risiken, etwa wenn persönliche Informationen geteilt oder medizinische Aussagen ungeprüft übernommen werden.

Die aktuellen KI-Leitlinien für Schulen in Deutschland betonen genau diesen Punkt: Technikkompetenz allein reicht nicht, es braucht Reflexion und Kontextualisierung.

6. Viele Väter berichten von Konflikten: „Papa, alle anderen dürfen das aber!“ Wie finden Eltern die Balance zwischen Kontrolle und dem Vertrauen, das Kinder brauchen, um eigene Medienkompetenz zu entwickeln?

Dieses Argument ist generationenübergreifend. „Alle anderen dürfen das“ ist kein Medienproblem, sondern ein Orientierungsproblem. Die Lösung ist Transparenz. Eltern sollten klar erklären, warum es bestimmte Regeln gibt. Zum Beispiel: „Wir machen das so, weil wir möchten, dass du lernst, Inhalte selbst einzuschätzen.“ Dieser Satz ist ein Signal dafür, dass das Kind die Perspektive der Eltern noch nicht versteht. Genau darin liegt eine gute Gesprächschance. Oft lohnt es sich auch für Eltern, genauer hinzuschauen, was eigentlich hinter diesem Argument steckt.

7. Baden-Württemberg führt 2026 ein Pflichtfach Medienbildung ein, allerdings mit mangelnder Vorbereitung. Was können Väter tun, wenn die Schule (noch) nicht liefert? Wie können sie konstruktiv mit Lehrkräften zusammenarbeiten?

Zunächst ist wichtig festzuhalten: In Deutschland passiert aktuell sehr viel. Baden-Württemberg führt ab dem Schuljahr 2025/26 das Pflichtfach „Informatik und Medienbildung“ ab Klasse 5 ein. Damit wird Medienkompetenz erstmals verbindlich im Stundenplan verankert. Auch wenn die Einführung kritisch diskutiert wird, ist dieser Schritt ein klares Signal: Medienbildung wird institutionell ernst genommen.

Eltern müssen Schulen dabei nicht ersetzen, sondern können sie sinnvoll ergänzen. Konkret heißt das:

  • nachfragen, wie Medienbildung im Unterricht umgesetzt wird
  • eigene Erfahrungen teilen, ohne Schuldzuweisungen
  • Kinder ermutigen, Inhalte kritisch zu reflektieren, nicht nur Technik zu bedienen

Hierzu spannend vom SWR: SWR Aktuell zur Einführung des Pflichtfachs „Informatik und Medienbildung“

8. Gibt es drei konkrete Tools, Apps oder Routinen, die du Vätern empfehlen würdest, um mit ihren Kindern gemeinsam Medienkompetenz zu trainieren?

Entscheidend ist die Kombination aus einfachen, verlässlichen Tools und klaren Routinen.

Erstens kuratierte Inhalte statt algorithmischer Feeds. Apps wie Readly eignen sich gut, weil Kinder dort redaktionell geprüfte Inhalte finden. Ohne Endlos-Scrollen, ohne Werbung und ohne Empfehlungsdruck. Gerade Kinderzeitschriften und Wissensformate sind eine ruhige, inhaltsgetriebene Alternative zu TikTok oder YouTube.

Zweitens feste Lesezeiten statt unbegrenzter Bildschirmzeit. Zum Beispiel 20 bis 30 Minuten täglich für ein Magazin, einen Artikel oder ein Wissensformat. Wichtig ist nicht die Dauer, sondern die Struktur. Apps wie Readly, die MausApp oder die ARD Mediathek für Kinder helfen dabei, Inhalte bewusst auszuwählen. Zusätzlich gibt es kostenlose Online-Tools, mit denen spielerisch getestet werden kann, ob man KI-generierte Inhalte erkennt.

Drittens einfache Reflexionsroutinen. Nach der Nutzung kurz fragen:
Was hast du gelesen oder gesehen und aus welcher Quelle?
Worum ging es konkret?
Was war neu für dich?

Diese drei Fragen reichen, um Mediennutzung von passiv zu aktiv zu machen. Und genau dort beginnt Medienkompetenz.

9. Wird 2026 wirklich das Jahr der Medienbildung? Was müsste passieren, damit Eltern, Schulen und Politik die Lücke zwischen Anspruch und Umsetzung schließen?

In Deutschland erleben wir aktuell einen spürbaren Wandel. Es gibt keine zentrale nationale Strategie, aber klare Bewegung auf Länderebene. Die Einführung verbindlicher Medienbildungsfächer, neue Bildungspläne und konkrete KI-Leitlinien zeigen: Medienkompetenz wird strukturell verankert. Besonders wichtig ist, dass Kinder früh Zugang zu redaktionell geprüften Inhalten bekommen, wie zum Beispiel kontrolliert über Readly. Regelmäßiges Lesen journalistischer Texte schult das Gespür für Quellen, Argumente und Glaubwürdigkeit: eine der wirksamsten Antworten auf Desinformation und KI-generierte Beliebigkeit. Wenn Medienkompetenz langfristig eine Schlüsselkompetenz werden soll, braucht es genau diesen Dreiklang: Schule, Elternhaus und verantwortungsvolle Medienanbieter.

Liebe Marie, vielen lieben Dank für die umfangreichen und wertvollen Infos. Und ihr Eltern, nehmt euch die Infos zu Herzen, setzt die Tipps gern um und begleitet eure Kinder auf dem Weg zu einer sinnvollen und sicheren Mediennutzung.

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