„Das Pausenbrot ist ungesund, das geht so nicht!“ Väter wollen nur das Beste für Ihren Nachwuchs. Und dazu gehört natürlich auch, seine Kinder gesund zu ernähren. Doch wie agiert Mann im Minenfeld zwischen gesamtgesellschaftlich geforderter gesunder Ernährung und väterlichem Intuitivbedürfnis, seinen Sprösslingen genau das zu kredenzen, was ihnen richtig lecker schmeckt? Nichts leichter als das. Zu kaum einem Thema findet man mehr Ratschläge(r) und Ratgeber als zur Frage: Wie ernähre ich meine Kinder heutzutage gesund? Doch was ist überhaupt „gesunde Ernährung“ für Kinder? Was weiß die Wissenschaft, welche Erkenntnisse sind gesichert? Wonach sollten sich Eltern richten? Was wollen die Kinder und warum? Nach Lektüre dieses Artikels kennen Sie die wesentlichen Antworten.

Ernährungswissenschaftler Uwe KnopUwe Knop redet Tacheles und fordert einen unverkrampften Umgang mit der Nahrungsaufnahme von Kindern

Lektion 1 – Keine Beweise für gesunde Kinderernährung!

Springen wir direkt ins kalte Wasser, ohne Umwege zur Kernbotschaft: Genauso wenig, wie es gesicherte Erkenntnisse zur gesunden Ernährung bei Erwachsenen gibt, genauso wenig weiß die Wissenschaft darüber, welches Essen für Kinder und Jugendliche gesundheitsfördernd ist. Daher ist objektiv klar zu konstatieren: Es existiert kein einziger Beweis für gesunde Kinderernährung! Denn egal ob adult oder juvenil, die Gründe sind bei alle Studien die gleichen: Ernährungsforschung kann niemals Beweise liefern, sondern nur statistische Zusammenhänge (zum besseren Verständnis dieser Kernschwäche der Ernährungsforschung sei ein Grundsatzartikel auf brand eins empfohlen). Hinzu kommt, dass für Kinder und Jugendliche wesentlich weniger Beobachtungsstudien vorliegen, die klare Korrelationen zeigen. Ganz im Gegenteil. Die meisten Studien, die Zusammenhänge zwischen Kinderernährung und Körpergewicht untersucht haben, zeigen keine statistisch signifikanten Zusammenhänge. Fast Food und Übergewicht? Süßigkeiten und Fettleibigkeit? Obst, Gemüse und Normalgewicht? Es gibt keine gesicherten Daten, die auch nur annähernd eine Warnung vor Fast Food oder eine Empfehlung pro Gemüse rechtfertigen. Und selbst wenn diese Korrelationen vorliegen würden, wäre das noch immer kein Ursache-Wirkungs-Beleg. Denn zahlreiche andere Lebensstilfaktoren können beispielsweise für kindliche Adipositas verantwortlich sein: Gene, Stress, Angst, Schlafmangel, Übermüdung, Frust, Mobbing, Stoffwechselstörungen, Krankheiten, Medikamente, Emotional Eating (ohne Hunger, um die Seele zu füttern und trösten) usw. Und diese Gründe sind es meist auch, die individuell-komplexen Wechselspiel zu Übergewicht führen – nicht aber der Cheeseburger oder der Schokoriegel.

Lektion 2 – An Highlander denken

Der Rat an alle Väter kann daher nur lauten: Machen Sie sich keine Gedanken, wenn Ihr Kind nicht das isst, was missionarische Ernährungsapostel fordern, sondern freuen Sie sich, wenn Ihr Kind Spaß am Essen hat und ein gesundes Körpergefühl für Hunger und Sättigung entwickelt. Gerade letztgenanntes kann dazu beitragen, die Kinder davor zu schützen, dass sie frühzeitig Essstörungen entwickeln. Gut möglich, dass Sie sich jetzt fragen: Wenn also niemand weiß, was gesunde Kinderernährung sein soll, wie bitte schön soll ich dann als treusorgender Vater mein Kind gesund ernähren? Ganz einfach, denken Sie an Highlander: Es kann nur einen geben …. wir vervollständigen: Es kann nur einen geben, der das weiß …

Lektion 3 – Kinder wissen, was gesund für sie ist!

Kinder haben uns Erwachsenen etwas Entscheidendes voraus: Ihr Ess-Instinkt wurde noch nicht von Ernährungspropaganda verdorben. Aus diesem Grund vertrauen Kinder voll und ganz auf ihren Körper, der ihnen sagt, was gutes Essen ist und was er nicht will – und zwar aus biologisch-physiologischen Gründen, nicht aus ideologischen. Gesund ist das, was die Kinder gerne und mit Genuss essen. Sendet das Körperfeedback positive Signale wie „lecker, das schmeckt, ich fühle mich gut“, dann haben die Eltern genau das richtige, kindergesunde Essen serviert. Alles was Kindern jedoch nicht schmeckt, kann aus evolutionsbiologischen Gründen nicht gesund sein – denn ihr sensibler, heranwachsender Körper lehnt es ab. Und darauf sollten auch die Eltern hören, zum Wohl der Kinder.

Lektion 4 – die 4V: Vielfalt, Verfügbarkeit, Vorleben, Verständnis

Als Vater bestimmen Sie (und natürlich die Mutter), was auf den Tisch kommt – aber die Kinder bestimmen, was in den Mund kommt. Geben Sie den Kindern Mitbestimmungsrechte beim „was“ und lassen Sie sie dann selbst entscheiden, wieviel sie sich wovon auf den Teller legen. Bieten Sie stets Neues zum Probieren an (Vielfalt, Verfügbarkeit) und fördern Sie die Genussfähigkeit ihres Kindes, in dem Sie ihm am Tisch live zeigen, wie schön essen sein kann (Vorleben). Haben Sie weiter Geduld und Verständnis – denn auf einem Kinderteller bleibt meistens etwas übrig, weil Heranwachsende noch kein ausgereiftes Gefühl für die richtige Menge entwickelt haben.

Lektion 5 – Keine Angst vorm Picky Eater!

Entsprechend ihren Entwicklungsphasen durchleben Kinder auch sehr spezielle Essphasen. Es kann sein, dass sie wochen- oder gar monatelang fast immer nur eine sehr eng begrenzte Auswahl an Speisen essen, die sie gut kennen. „Hilfe, meine Tochter will seit Tagen nur noch Spaghetti mit Tomatensosse!“, „Ja, und mein Sohn isst ausschließlich Kartoffeln mit Fischstäbchen, sonst nichts dazu!“. Kein Grund zur Sorge, ihr Kind is(s)t normal, das gehört zum Heranwachsen dazu: Die Wissenschaft nennt es die „Picky eater“-Phase oder „selektives Essverhalten“ – hier dominiert evolutionsbiologisch der „skeptische Sicherheitsaspekt“: der Körper weiß, welche Nährstoffe zum Wachsen und Gedeihen das bekannte und akzeptierte Essen liefert, und er will in dieser Phase keine Experimente mit neuer, unbekannter Nahrung wagen. In der Regel können Eltern in dieser Zeit entspannt bleiben und ihren Sprösslingen unbesorgt so lange ihre Lieblingsspeisen servieren, bis sie von sich aus wieder nach neuen Speisen fragen (denn ewig wird kein Kind das Gleiche essen, da können Sie sicher sein). Diese Phase „einseitiger Ernährung“ kann wiederum vom genauen Gegenteil abgelöst werden: der Experimentierphase.

Lektion 6 – Auf kulinarische Entdeckungsreise gehen

Hier will das Kind Neues entdecken, die juvenile Biologie vergrößert ihr Jagdrevier und erweitert so ihr Nahrungsspektrum. Aufmerksame Eltern sollten diesen Erkundungsdrang fördern, indem sie den Nachwuchs neugierig machen auf unbekannte Lebensmittel und neue Geschmäcker, indem sie für Vielfalt und Abwechslung auf Tisch und Teller sorgen und den Genuss vorleben (4V, Lektion 4). Je mehr ein Kind probieren kann und will, desto besser. Ja, dazu gehören natürlich auch unbekannte Gemüse, warum auch nicht. Nur weil Paprika, Brokkoli & Co. als supergesund gehypt werden, müssen die essbaren Pflanzen noch lange nicht die Gesundheit Ihres Kindes gefährden. Nur eines sollte selbstverständlich sein: Wenn es dem Kind nach dem freiwilligen Probieren (wichtig) nicht schmeckt, ist die Forderung „Das muss gegessen werden“ tabu. Denn egal, wie häufig man auch liest, wie gesund doch Brokkoli, Spinat & Co. für die lieben Kleinen seien: Schmeckt es den Kindern nicht, so verbannen Sie es vom Teller. Auch die stets gutgemeinten Tipps cleverer Ernährungsexperten, wie man den Kids das ungeliebte Gemüse durch verspielte Verarbeitung „unterjubelt“, gehören in den Biomüll – denn sie ändern nichts daran, dass dem kleinen Körper etwas eingetrichtert werden soll, das ihm physiologische Probleme bereiten kann. Einer der Highlights zur kindlichen Zwangsernährung: „Wenn Kinder Gemüse strikt verweigern, holen Sie den Pürierstab raus: Pürieren Sie das Gemüse und mischen Sie es unter die Speisen.“ Krank, oder? Was soll das?

Lektion 7 – Kinder brauchen Energie!

Kinderkörper benötigen zur biologischen Weiterentwicklung keine „sekundären Pflanzenstoffe, viele gesunde Ballaststoffe und Rohkost zur (fiktiven) Krankheitsprävention“ – nein, was sie primär brauchen ist Energie. Powerfood, das gesundes, ungestörtes Wachstum ermöglicht: Eiweiß, Fett und Kohlenhydrate. Daher präferieren die kleinen Racker energiereiche Lebensmittel, die – ganz wichtig – sowohl leicht und gut verdaulich sind als auch schnell und viel Energie liefern. Und so verwundert es nicht, dass bei Umfragen die kinderkulinarischen Highlights immer die gleichen sind: Pommes, Pizza, Spaghetti, Schnitzel. Obst und Gemüse? Interessiert nur am Rande, respektive wird verschmäht. Auch das Wörtchen „gesund“ erzeugt bei vielen Kindern eine Abwehrhaltung. „Lecker“ finden sie besser.

Lektion 8 – Ideologen, Finger weg von der Brotbox!

Mit dem Wissen von Lektion 1-7 drängt sich Frage auf: warum lassen umtriebige Ernährungsfunktionäre die Kinder nicht einfach essen, was sie wollen und was ihnen schmeckt, sondern versuchen ihnen mit obsessivem Übereifer die frei erfundene Gesundkost einzuverleiben? Warum unterziehen Schulleiter die Pausenbrote einem Gesundheitscheck? Wieso schicken KITA-Betreuerinnen böse Briefe, das „ungesunde Nutella-Brötchen“ dürfe nicht mehr als Frühstück mitgeben werden? Die Antwort lautet: Man muss ja was machen! Es wird einfach so getan, als wisse man, was gesunde Kinderernährung sei. Auch wenn man nichts weiß. Und am Ende der „Nahrungskette“ der Empfehler fehlt dann meist genau dieses Wissen zum Nichtwissen, d.h. bei Schulleiter und KITA-Betreuerin sieht es oft so aus: Sie maßregeln entweder, weil sie den Empfehlungen offizieller Staatsorgane vertrauen, es gäbe gesunde Ernährung für Kinder. Oder: weil sie es einfach nur glauben wollen, denn „mit einem Ernährungs-Leitfaden fühle ich mich sicher, da kann ich mich drauf berufen und mache nichts falsch“. Vielleicht sind es aber auch einfach nur Drachen, die Spaß am Drangsalieren haben. Merkwürdig: Fast alles was Kindern gut schmeckt, soll schlecht sein, hingegen all das, was die Kleinen nicht essen mögen, muss aus „Gesundheitsgründen“ verzehrt werden. Ist das (bio)logisch plausibel? Nein, das grenzt an entmündigend-paradoxe Ernährungsdiktatur.
Klar ist: Wo kein Wissen, da kein Weg in Brotbox. Lassen Sie sich also nicht von Nichtwissern und Möchtegern-Ernährungsexperten vorschreiben, wie Sie Ihr Kind zu ernähren haben.

Lektion 9 – Ziehen Sie den Nachfrage-Joker!

Fragen Sie stattdessen bei „bösen Briefen“ und ernährungsapostolisch anmutenden Diskussionen ganz freundlich nach wissenschaftlichen Beweisen, dass beispielsweise ein Nutellabrötchen Kinder dick mache, Zucker ungesund und Wurst gefährlich sei. Und erweitern Sie die Frage um folgenden Hinweis: „Bitte liefern Sie mir keine vagen Korrelationen aus Beobachtungsstudien, sondern Kausalitäten (Ursache-Wirkungs-Belege).“ Es wird sicher spannend, was dann kommt … real existierende Daten können es nicht sein, denn sie wissen ja jetzt, Lektion 1: Es gibt keine Beweise für gesunde Kinderernährung …

Lektion 10 – Das Fazit

Bis dato hat die Wissenschaft keinen Beweis geliefert, was gesunde Ernährung für Kinder sein soll. Stattdessen ist zu beachten: Kinder haben ein gutes Körpergefühl, sie spüren sehr gut, was sie wann zu essen brauchen, denn ihr Kopf ist (noch) frei von Ernährungspropaganda. Man sollte ihnen daher stets Vielfalt anbieten, sie immer wieder Neues probieren lassen, ihre kulinarische Neugier wecken und fördern, Geduld haben, nichts reinzwängen, nichts verbieten und vor allem: auf die Kids hören, was sie gerne essen und was nicht. Lassen Sie die Kinder mitentscheiden, was auf den Tisch kommt und – wenn kindliches Interesse besteht – integrieren Sie den Nachwuchs aktiv an der Gestaltung des Essambientes, beispielsweise an der Vorbereitung des Tisches.

Besonders die Unterstützung und Förderung des Kindes, sein Hunger- und Sättigungsgefühl natürlich zu entwickeln und kennen zu lernen, ist essenziell (auch um Essstörungen vorzubeugen). Daher sollte – wann immer möglich und im Alltag realisierbar – besonders bei Kindern der Hunger bestimmen, wann gegessen wird.

Wichtig ist: Den Kindern muss es 1. gut schmecken und sie sollten sich auf die Mahlzeiten freuen, weil sie hungrig sind. Sie sollten 2. Freude am und Genuss beim Essen haben, auch weil die Eltern diese Werte vorleben und die Genussfähigkeit der Kinder fördern und 3. Kinder sollten sich satt essen können.

Die Botschaft für Väter und Mütter gleichermaßen lautet: Bleiben Sie entspannt und machen sich keine Gedanken, wenn ihr Kind nicht nach den Regeln gesunder Ernährung essen will, sondern so, wie es ihm gefällt, denn: Jedes Kind is(s)t anders!

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Mehr Hunger nach Wissen?

Im neuen Buch „Ernährungswahn“ findet Mann weitere spannende Infos zum Thema Kinderernährung, die nicht nur im Alltag praktisch und hilfreich sind. Das neu angelesene Wissen verhilft auch dazu, bei ernährungsapostolisch angehauchten Diskussionen mit ordentlich Faktenpower zu verblüffen und so manch „überkorrekter Gesundkostmami“ eine Schweigeminute der Ratlosigkeit zu „gönnen“ – natürlich stets basierend auf aktuellen Forschungsergebnissen. Weitere lesenswerte Infos liefert auch die Website echte-esser.de. Anbei das Themenspektrum des Kinderkapitels kurz skizziert:

> Fast Food und Übergewicht: Kein Zusammenhang
> Dicke Eltern – dicke Kinder
> Gesüßte Getränke machen Kinder dick?
> Abspeckprogramme für Kinder – nutzlos bis gefährlich
> Ess- und Wahrnehmungsstörungen bei Kindern & das gefühlte Übergewicht

In den folgenden Kapiteln wird es spannend, denn was als Verursacher kindlicher Speckkilos so alles im Forscherfokus steht ist sehr verblüffend…

> Dickmacher Antibiotika, Wohnort und Leeressen?!
> Missbrauch, Scheidung und Geschwister machen dick?!
> KITA und Grundschule als Fettförderer?!
> Je mehr Schokolade – desto dünner das Kind

Auch schön: Isst Ihr Kind gerne viel Schokolade? Dann dürfte es gemäß Ergebnissen einer pan-europäischen Studie der Universität von Granada dünn sein. Denn die spanischen Forscher konstatieren nach Analyse des Schokokonsums von Jugendlichen aus neun europäischen Ländern: Je höher der Verzehr, desto dünner die Teenager…

Und ein omnipräsentes Hype-Thema darf natürlich nicht fehlen: Vegane Kinderernährung – ist das schon „Körperverletzung“?

Bildquelle Titel: (c) Christian Schwier – Fotolia.com

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