Es ist ein Montag wie jeder andere. Dein Sohn kommt mittags nach Hause, wirft den Ranzen in die Ecke und verschwindet mit dem Smartphone in seinem Zimmer. Dienstag das gleiche Spiel. Am Mittwoch klagt er über Bauchschmerzen und will nicht zur Schule. Am Donnerstag ist es Kopfweh. Spätestens jetzt sollten bei dir als Vater alle Alarmglocken schrillen. Denn was harmlos beginnt, kann sich zu einem massiven Problem entwickeln: Schulverweigerung durch Mediensucht.
Die Zahlen sind alarmierend und machen deutlich, dass wir es hier nicht mit Einzelfällen zu tun haben. Laut der aktuellen DAK-Studie 2025 weisen mehr als 25 Prozent aller 10- bis 17-Jährigen eine riskante oder pathologische Nutzung sozialer Medien auf – insgesamt sind rund 1,3 Millionen junge Menschen betroffen. Das bedeutet: In jeder Schulklasse sitzen statistisch gesehen sechs bis sieben Kinder mit problematischem Medienverhalten.
Die digitale Falle: Wenn Gaming zur Sucht wird
Florian Buschmann kennt diese Geschichten aus seiner täglichen Arbeit. Der Psychologe und Experte für Medienkompetenz hat mit seiner Initiative „OFFLINE HELDEN“ in den letzten Jahren über 1.500 Veranstaltungen mit mehr als 50.000 Teilnehmern durchgeführt. Seine Erfahrung: „Passiert das, müssen Eltern unbedingt dahinterkommen, was genau den Schulboykott auslöst.“
Die Ursachen für Schulverweigerung sind komplex. Oft spielen schlechte Schulleistungen eine Rolle, gepaart mit der Angst vor sozialen Kontakten in der Schule. Doch besonders relevant ist das exzessive Spielen per Handy, Tablet oder Notebook. Was viele Eltern unterschätzen: Bei Gaming geht es längst nicht mehr nur um Zeitvertreib. Kinder erleben in der Online-Welt Zugehörigkeit, aber es entstehen auch ungünstige Gruppendynamiken, die ihnen viel abverlangen.

Wer auf einem hohen Level spielen will, muss Opfer bringen, zum Beispiel Einbußen bei der Hygiene, Vernachlässigung von Freundschaften oder eben der Schule. Beim ZDF berichtet ein 15-jähriger Junge aus Hamburg, der in der UKE-Suchtklinik behandelt wurde, berichtete: „Irgendwann habe ich komplett die Kontrolle verloren. Ich wollte mich in den Spielen in den Rängen verbessern, immer weiter aufsteigen.“ Er zockte bis in den Morgen, schlief bis nachmittags und ließ die Schule links liegen.
Der Traum vom E-Sport
Was viele vergessen: Um professionell zu Zocken und ganz an die Spitze im E-Sport zu kommen, werden Profis durch Psychologen begleitet, haben Fitness- und Ernährungsprogramme. Der Leistungspeak liegt Anfang 20, das Zeitfenster für den Durchbruch ist also eng und es gibt zahlreiche Mitbewerber, was enormen Druck erzeugt.
Gaming habe eine starke Anziehungskraft, berichtet Buschmann. Neben Zugehörigkeit erfülle es weitere Grundbedürfnisse wie Anerkennung für die eigene Kompetenz zu bekommen oder Autonomie. Spieler hätten das Gefühl, wertvoll zu sein, und bemerken nicht, dass sie abhängig werden. Scheinbar leben sie den Traum von Freiheit, welcher sich auf die virtuelle Welt begrenzt. Dramatisch sei es, wenn schließlich der Selbstwert von den Ergebnissen bei den Spielen abhängt. Oft würden Kinder ins Bodenlose fallen, wenn sie nicht mehr spielen dürfen.
Besonders erschreckend: Manche Kinder schließen sich sogar in Gruppen zusammen und erpressen ihre Eltern: „Wenn ihr uns die Handys wegnehmt oder das Spielen verbietet, gehen wir nicht mehr in die Schule.“ Wer glaube, Schulverweigerung, um länger spielen zu können, sei die absolute Ausnahme, der irre sich, sagt Buschmann.
Social Media als Brandbeschleuniger
Neben Gaming ist Social Media der zweite große Treiber der Mediensucht. Die DAK-Studie zeigt einen dramatischen Anstieg: Der Anteil der problematischen Social-Media-Nutzung lag im Jahr 2019 bei 11,4 Prozent. Das bedeutet einen Anstieg von 126 Prozent bis 2024. Jugendliche verbringen unter der Woche durchschnittlich zweieinhalb Stunden täglich auf Social Media, also rund 30 Minuten mehr als 2019.
An schulfreien Tagen sind es sogar 227 Minuten, fast vier Stunden täglich. Damit erreichen die Werte die Zeit aus der Corona-Krise, erläutert Dr. Kerstin Paschke, Mitautorin der Studie. Die Auswirkungen seien bei den jüngeren Nutzern Stress, Depressionen und mehr Einsamkeit.
Besonders alarmierend: Erstaunlich ist, dass Jungen mit sechs Prozent fast doppelt so häufig von einer Mediensucht betroffen sind als Mädchen (3,2 Prozent). Väter sollten daher besonders aufmerksam sein, wenn es um ihre Söhne geht.

Phubbing: Das neue Familienproblem
Ein relativ neues Phänomen verschärft die Situation zusätzlich: Phubbing ist ein Kunstwort aus „Phone“ und „Snubbing“ (jemanden brüskieren, Gefühle verletzen). Es beschreibt die unangemessene Smartphone-Nutzung in sozialen Situationen, etwa während eines Gesprächs oder beim Essen. 35,2 Prozent der Jugendlichen fühlen sich durch Phubbing unter anderem von Eltern, Geschwistern oder Freunden vernachlässigt, bei einem Viertel kam es deshalb bereits zum Streit.
Auch Eltern berichten von ähnlichen Erfahrungen: 29,2 Prozent fühlten sich bereits durch ihre Kinder ignoriert, 28,2 Prozent haben Erfahrungen mit sozialen Konflikten im Kontext mit Phubbing gemacht. Prof. Rainer Thomasius, Studienleiter und Ärztlicher Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters, warnt: „Es gibt hier eine sichtbare Verbindung zu psychischen Belastungen wie Depressivität“.
Zudem zeigte sich in der Studie, dass Kinder und Jugendliche mit häufigen Phubbing-Erfahrungen nachweislich einsamer, depressiver, ängstlicher und gestresster sind als solche, die weniger Erfahrungen damit hatten.
Wenn Schule unwichtig wird
Ebenso wie beim Handy allgemein helfe eine Verteufelung des Spielens nicht weiter, betont Buschmann. Zu spielen, sei ja nicht per se gefährlich, sondern vielmehr ebenfalls ein Grundbedürfnis vor allem junger Menschen. Gefährlich wird es dann, wenn Kinder das Narrativ entwickeln, dass Abwesenheit von der Schule in Ordnung sei. Motto: „Es gibt ja Wichtigeres.“
Vor allem Mädchen und Jungen, denen Stabilität im Elternhaus fehlt und die oft Schwierigkeiten in der Schule haben, legitimieren mit diesem Narrativ ihre Sucht, erzählt Buschmann. Klar, wenn man die Nacht durchgezockt hat, weil dann Primetime ist und alle online sind, fällt das Aufstehen morgens um sieben Uhr schwer.
Wenn er mit Kindern und Jugendlichen an Schulen arbeitet, entlarvt Buschmann die Marketingtricks der Spieleanbieter. Rankingsysteme binden die Kids, Clans in Form von Spielergemeinschaften erhöhen den sozialen Druck. Digitale Spiele stillen zwar kurzfristig die genannten Bedürfnisse, aber nicht nachhaltig. Weil das Leben in der Wirklichkeit zugunsten der Virtualität vernachlässigt werde, vereinsamen die Kinder zunehmend. Um sie aus der Abwärtsspirale zu holen, macht Buschmann ihnen deutlich: Spielen kann nicht den Lebensunterhalt garantieren.

Eltern sind überfordert – und Teil des Problems
Die DAK-Studie offenbart ein weiteres Problem: Viele Eltern sind mit der Erziehung bezüglich der Mediennutzung überfordert. Laut Studie setzen etwa 40 Prozent der Eltern keine klaren Zeitlimits, ein Viertel kontrolliert die Inhalte nicht, die ihr Nachwuchs anschaut. Zugleich wünschen sich viele mehr Unterstützung im Alltag mit digitalen Medien.
„Gleichzeitig zeigt sich ein fehlender Effekt bei der elterlichen Regulation. Das Handeln der Eltern passt also häufig nicht zum eigentlichen Erziehungsanspruch“
…erklärt Thomasius. Diese Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit kennen viele Väter aus eigener Erfahrung. Man weiß, was richtig wäre, aber die Umsetzung im Alltag scheitert oft an Zeitmangel, fehlendem Wissen oder schlicht an der Erschöpfung nach einem langen Arbeitstag.
Dabei tragen Eltern eine zentrale Rolle dabei, ihren Kindern einen verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Medien beizubringen. Eltern sind auch beim Gebrauch von Medien die wichtigsten Vorbilder in der Familie. Kinder übernehmen bestimmte Verhaltensmuster und Nutzungsweisen, auch beim Phubbing. Wenn Eltern ihr Handy beim Abendessen weglegen und sich nicht von Nachrichten ablenken lassen, gehen sie mit gutem Beispiel voran.
Konkrete Handlungsempfehlungen
Es brauche klare Regeln, sagt der Medien-Experte Buschmann. Limitierte Spielzeiten und feste Schlafenszeiten seien die Eckpfeiler einer Strategie, mit der sich das Medienverhalten regulieren lasse. Doch Verbote und Regeln allein richten es nicht. Gleichzeitig brauchen Kinder eine Vision, die sie verfolgen, ein Ideal, dem sie nacheifern können. Ein Zielbild, das nichts mit digitalen Medien zu tun hat.
Als Vater kannst du folgende Schritte unternehmen:
Beobachte aufmerksam: Achte auf Warnsignale wie häufiges Schwänzen mit fadenscheinigen Ausreden, sozialen Rückzug, verschobenen Tag-Nacht-Rhythmus und nachlassende schulische Leistungen.
Führe offene Gespräche: Sprich mit deinem Kind über seine Online-Aktivitäten. Zeige echtes Interesse an den Spielen oder Social-Media-Plattformen, die es nutzt. Vermeide dabei eine vorwurfsvollen Ton.
Setze klare, gemeinsam vereinbarte Regeln: Definiere Nutzungszeiten für Werktage und Wochenenden. Etabliere medienfreie Zonen (etwa beim Essen) und Zeiten (etwa eine Stunde vor dem Schlafengehen). Wichtig: Diese Regeln gelten für die ganze Familie.
Biete Alternativen: Kinder brauchen eine Vision jenseits der digitalen Welt. Gemeinsame Aktivitäten, Sport, Hobbys sind wichtig. Schaffe Räume, in denen dein Kind Anerkennung, Zugehörigkeit und Autonomie auch offline erleben kann.
Sei selbst ein Vorbild: Reflektiere dein eigenes Medienverhalten. Legst du beim Essen dein Handy weg? Kannst du abends einen Film schauen, ohne ständig aufs Display zu schauen? Kinder lernen durch Beobachtung.
Hole dir professionelle Hilfe: „Je früher wir genau hinschauen und über Medien reden, desto besser gelingt es, Kinder zu stärken, bevor sie aus der Schule flüchten“, betont Buschmann. Erste Anlaufstellen sind Kinderärzte, die bei den Vorsorgeuntersuchungen J1 und J2 in einigen Bundesländern ein Mediensuchtscreening anbieten. Bei Bedarf können Suchtberatungsstellen oder ambulante Therapien helfen.

Die Lage nicht schönreden
Die Lage lasse sich nicht mehr schönreden, so Buschmann. Mehr und mehr Kinder „leben“ lieber in der digitalen als in der realen Welt. Laut der JIM-Studie 2024 des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest sind zwei Drittel der 12- bis 19-Jährigen nach eigener Aussage länger als geplant am Handy und zwei Fünftel kämpfen mit Ablenkung bei den Hausaufgaben. Richtig dramatisch wird es, wenn Social Media oder Gaming so dominieren, dass kein Raum mehr für die Schule bleibt.
Die Zahlen zeigen: Mediensucht bei Kindern und Jugendlichen ist kein Randphänomen mehr, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem. Bei mehr als 25 Prozent aller 10- bis 17-Jährigen gibt es eine riskante oder pathologische Nutzung sozialer Medien, insgesamt sind rund 1,3 Millionen junge Menschen betroffen.
Fazit: Früh handeln, konsequent bleiben
Als Väter tragen wir eine besondere Verantwortung. Unsere Söhne sind statistisch gesehen doppelt so häufig von Mediensucht betroffen wie unsere Töchter. Die Anzeichen von problematischem Medienverhalten zu erkennen und rechtzeitig zu handeln, kann den Unterschied machen zwischen einer vorübergehenden Phase und einer manifesten Sucht mit all ihren Folgen für Bildung, soziale Beziehungen und psychische Gesundheit.
Die gute Nachricht: Es ist nie zu spät anzufangen. Ob klare Regeln, gemeinsame Aktivitäten oder im Zweifel professionelle Unterstützung – die Werkzeuge sind da. Wir müssen sie nur nutzen. Und dabei immer im Hinterkopf behalten: Unsere Kinder brauchen uns nicht nur als Vorbilder, sondern als aufmerksame, präsente Väter, die hinschauen, zuhören und handeln, wenn es nötig ist.

Über Florian Buschmann: Florian Buschmann ist Psychologe (B.A.) und Mitglied im Fachverband für Medienabhängigkeit. Seit über sieben Jahren ist er in der Prävention und Intervention zum Thema Kinder und digitale Medien aktiv. Mit der von ihm gegründeten Initiative OFFLINE HELDEN erreicht er gemeinsam mit seinem Team jedes Jahr mehr als 13.000 Teilnehmende in über 500 Veranstaltungen.
Über Florian Buschmann: Florian Buschmann ist Psychologe (B.A.) und Mitglied im Fachverband für Medienabhängigkeit. Seit über sieben Jahren ist er in der Prävention und Intervention zum Thema Kinder und digitale Medien aktiv. Mit der von ihm gegründeten Initiative OFFLINE HELDEN erreicht er gemeinsam mit seinem Team jedes Jahr mehr als 13.000 Teilnehmende in über 500 Veranstaltungen.
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