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Der Gründer von KindChat: „Was abends in den Klassenchats los ist, wusste ich lange nicht.“

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Ein Beitrag von José Díaz, Gründer von KindChat

Ich bin Vater von inzwischen 4 Kindern und abends ist es bei uns vor dem Schlafengehen schon immer eher wuselig, bis alle im Bett sind und schlafen. Dass meine größeren Kinder vor dem Einschlafen noch am Handy in Klassenchats sind, fand ich ok, in ihrem Alter ist der Austausch mit Freunden für sie so wichtig, dass ich dem nicht im Weg stehen wollte. Außerdem habe ich mir wenig Sorgen gemacht, weil die Kinder auch den ganzen Tag über in der Schule zusammen sind – also bin ich davon ausgegangen, dass es sich hier um einen eher geschützten Raum mit vertrauten Kindern handelt, um den ich mich nicht kümmern muss.

Irgendwann habe ich dann genauer mitbekommen, was da abends so alles geschrieben und verschickt wird! Es wird beleidigt und gedroht, und es gehen Bilder und Videos herum, die nichts für Kinder sind. Da bin ich wirklich erschrocken, auch weil die Kinder damit ja allein sind und mir das meiste davon gar nicht erzählen, weil sie ja eigentlich wissen, dass die Themen und das Verhalten dort nicht in Ordnung sind. Und nicht in Ordnung heißt hier eine große Bandbreite von unangemessenen Schimpfwörtern bis hin zu Suizidaufforderungen und pornografischen Bildern.

Sie können zum Beispiel pornographische Inhalte gar nicht einordnen, schauen aber hin, weil sie es als etwas Neues und Geheimes spannend finden. Ich als Vater erfahre aber so nicht davon und wir können nicht darüber reden, ob das, was in den Videos passiert, gängige erwachsene Verhaltensweisen sind und ob dort ein normales partnerschaftliches Verhältnis dargestellt wird oder krasse Formen von Sexualität praktiziert werden.

Dann habe ich angefangen, dazu zu recherchieren und bemerkt, dass das nicht nur bei uns so ist. Ich bin zum Beispiel auf eine Umfrage gestoßen, die der WDR bei Infratest dimap in Auftrag gegeben hat. Gefragt wurden Anfang 2026 Kinder und Jugendliche zwischen zehn und 16. Von denen, die in einem Klassenchat sind, wurde etwa jeder sechste dort schon beleidigt oder gemobbt, und ungefähr genauso viele hatten wegen des Chats schon mal keine Lust auf Schule.

Die Umfrage fängt bei zehn Jahren an, bei vielen Kindern geht es aber sogar schon früher los. Der Digitalverband Bitkom hat 2025 Eltern befragen lassen und dabei kam heraus, dass die Mehrheit der Kinder mit neun Jahren schon ein eigenes Smartphone hat, also noch in der Grundschule. Dort steht auch, dass bei den Sechs- bis Neunjährigen, die ein Smartphone nutzen, nur 6 Prozent der Eltern kontrollieren, welche Nachrichten ihr Kind bekommt.

Für uns Eltern ist es ein echtes Dilemma. Wenn wir kein Handy zur Verfügung stellen, kann das Kind an manchem Austausch nicht teilnehmen und ist ausgeschlossen. Stellen wir ein Handy zur Verfügung, bekommt und sieht es Dinge, mit denen ich es in diesem vulnerablen Alter nicht unkommentiert und unwissend allein lassen möchte. Dieses ambivalente Gefühl von „Ich will sie schützen“ und „Ich will gar nicht ihre Nachrichten lesen“ habe ich inzwischen bei vielen Eltern so kennengelernt. Meine Kinder sollen ihre Privatsphäre haben, und ich möchte, dass sie mir vertrauen und nicht denken, ich lese heimlich mit. Nur heißt das eben auch, dass sie abends in diesem Chat unter sich sind. Also habe ich mir überlegt, was ich trotzdem tun kann.

Natürlich hilft es schon, wenn man sich unter den Eltern einig ist, dass ab einer bestimmten Uhrzeit Ruhe im Chat ist und dass keiner Fotos von anderen Kindern herumschickt, ohne vorher zu fragen. In dem Bericht zur WDR-Umfrage geht es auch um eine Schule in Hattingen, an der es in allen fünften Klassen ein Handytraining gibt. Da wird unter anderem besprochen, warum es nicht in Ordnung ist, Bilder von anderen Kindern im Chat zu teilen. Das finde ich, egal welche Lösungen es sonst gibt, den ersten richtigen Schritt.

>> Linktipp: Kürzlich haben wir den Medienführerschein für Kinder vorgestellt. <<

Wir müssen Kinder für den Umgang mit diesem Gerät schulen. Und darauf aufmerksam machen, welche Risiken es beinhaltet, ein Handy zu nutzen. Das würden wir mit anderen Geräten ja auch tun. Wenn wir als Gesellschaft verstehen, dass psychischer Schaden genauso hoch einzuschätzen ist wie physischer Schaden, dann wäre das viel selbstverständlicher, Kindern den Umgang mit dem Handy und dessen Gefahren genauso zu erklären, wie man ihnen auch den Umgang mit dem Herd und dessen Gefahren erklärt, bevor sie ihn alleine benutzen dürfen!

Wir haben mit den Kindern auch einmal besprochen, was sie machen, wenn im Chat etwas richtig Schlimmes ankommt. Bei Nachrichten, von denen sie wissen, dass diese nicht in Ordnung sind, machen sie einen Screenshot, damit man später noch zeigen kann, was da stand, und sie kommen damit zu uns. Sie dürfen den Absender auch blockieren oder den Chat eine Weile stummschalten. Das muss man Kindern manchmal erst sagen, sie denken, sie müssen dabeibleiben, egal was da los ist. Bei Nacktbildern zum Beispiel ist der Screenshot aber genau das Falsche.

Die Polizei warnt, dass man sich schon mit einem Screenshot oder mit dem Weiterschicken selbst strafbar machen kann. Da soll das Kind gar nichts mehr am Handy machen und es gleich einem Erwachsenen geben. Das wusste ich bis vor Kurzem selbst nicht. Man soll sich lieber früh bei der Polizei vor Ort melden und dort fragen, ob und wie man etwas sichern muss.

Mich hat dabei aber gestört, dass ich die Kinder von Anfang an mit einer Verantwortung belaste, die zu Beginn noch viel zu groß ist. Sie können nicht in dieses Themenfeld hineinwachsen, wie ich mir das wünsche. Ich will auch nicht erst reagieren können, wenn das Kind die Nachricht schon gelesen hat! Deshalb habe ich selbst einen Messenger gebaut, er heißt KindChat. Ich habe versucht, alle Punkte anzugehen, die mich an den derzeitigen Messengern stören. Daher wird in meiner App jede Nachricht schon auf dem Handy geprüft, bevor sie verschickt wird. Wenn jemand beleidigt oder droht, hält die App die Nachricht zurück und zeigt dem Absender, gegen welche Regel er verstoßen hat.

Unerwünschte Bilder und Pornographie blockiert KindChat auch, beim Empfänger wird alles nochmal geprüft und solche Nachrichten kommen dort nicht an. In eine Gruppe kommt nur rein, wer persönlich eingeladen wurde. Und alles ist Ende zu Ende verschlüsselt, da liest niemand mit, auch wir nicht. So können Kinder ihre digitale Kommunikation eigenständig in einem geschützten Umfeld gestalten. Durch die Nachrichten, die KindChat anzeigt, warum es Dinge blockiert, lernen die Kinder zudem Stück für Stück, ihre eigene Kommunikation zu bewerten und positiver zu gestalten.

Ich kann so Negativspiralen in Chats unterbrechen oder Kinder dafür sensibilisieren, was eine Nachricht wie „Besser wäre Du löscht Dich selbst!“ eigentlich wirklich bedeutet und was das mit dem Empfänger machen würde, wenn sie verschickt würde. Die App leistet so auf mehreren Ebenen einen Beitrag, Kinder an digitale Kommunikation und die verantwortungsvolle Nutzung des Handys heranzuführen. Und natürlich erhoffe ich mir dadurch auch, dass sie im echten Leben sorgsamer miteinander umgehen und geschützter erwachsen werden können.

Der volle Schutz ist kostenlos. Wer KindChat mit seiner Familie ausprobieren mag, findet es unter kindchat.app.

Über den Autor

José Díaz lebt mit seiner Familie in Berlin und ist Vater von 4 Kindern. Er ist Diplominformatiker und hat den Messenger KindChat selbst gebaut.

Weitere Quellen

tagesschau.de (Susanna Zdrzalek und Katharina Spreier, WDR), Bericht zur WDR-Umfrage über Mobbing im Klassenchat, 18.03.2026, https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/digitale-gewalt-klassenchats-100.html

Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes, „FAQ zur Verbreitung von Kinder- und Jugendpornografie“, ohne Datum, abgerufen am 24.09.2026, https://www.polizei-beratung.de/themen-und-tipps/sexualdelikte/kinderpornografie/faq-zu-kinderpornografie/

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