Kindermode

Kinderfüße unter Druck – Warum die meisten Kinder zu kleine Schuhe tragen

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Fast alle Kinder kommen mit gesunden Füßen zur Welt. Bis zum Erwachsenenalter geht dieser Vorsprung bei einem großen Teil wieder verloren. Eine der wichtigsten Stellschrauben dafür steht jeden Morgen im Flur: der Schuh. Und gerade Väter, die mit ihren Kindern auf dem Bolzplatz, im Wald oder auf dem Schulweg unterwegs sind, haben Einfluss darauf, hier für die perfekte Ausstattung zu sorgen und auch die Probleme und Stolperfallen zu kennen.

Denn Kinderfüße sind keine kleinen Erwachsenenfüße. Sie sind eine Baustelle: weich, beweglich, voller Knorpel, der erst über Jahre zu Knochen wird. Was in dieser Phase auf sie einwirkt, prägt Haltung, Gang und Beweglichkeit oft ein Leben lang. Höchste Zeit also, ein paar verbreitete Irrtümer auszuräumen.

Der Fuß ist die Basis

Orthopädinnen und Orthopäden beobachten seit Jahren, dass sich Kinder heute anders bewegen als frühere Generationen. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation erreichen mehr als 80 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland nicht die empfohlenen 60 Minuten Bewegung am Tag. 15-Jährige verbringen laut OECD im Schnitt fast sieben Stunden täglich vor Bildschirmen. Bewegung, die der Fuß zum Reifen und Entwickeln braucht, bleibt da häufig auf der Strecke.

Dabei ist der Fuß weit mehr als ein Untersatz. „Der Fuß ist die Basis des gesamten Bewegungsapparats. Werden Fehlbelastungen über Jahre nicht erkannt, kann sich das auf Bewegungsmuster, Stabilität und Körperwahrnehmung auswirken“, sagt Dr. Caroline Werkmeister, Fachärztin für Orthopädie und Unfallchirurgie. Sie weist auf einen Punkt hin, den viele Eltern unterschätzen: „Der Fuß ist nicht nur ein mechanisches Konstrukt, sondern auch ein hochsensibles sensorisches Organ.“ Über die Fußsohle nimmt das Kind ständig Untergrund, Gleichgewicht und Lage des Körpers wahr.

Besonders empfindlich ist die Phase zwischen Grundschulalter und Pubertät. In diesen Jahren verändern Wachstumsschübe die Statik des Körpers manchmal binnen weniger Wochen, während sich Muskulatur, Nervensystem und Koordination weiterentwickeln. Kinderfüße brauchen dafür möglichst viele unterschiedliche Reize und Untergründe. Dauerhaft starres Schuhwerk und fehlende Bewegung reduzieren genau diese Reize.

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Caroline Werkmeister // © Jan Henrik Teschke

Das unterschätzte Problem: zu kleine Schuhe

Der häufigste Fehler ist erstaunlich banal und weit verbreitet. Untersuchungen kommen seit Jahren zum selben Ergebnis: Mehr als zwei Drittel aller Kinder tragen zu kurze oder zu kleine Schuhe. Das ergaben unter anderem die langjährigen Messungen der österreichischen Forschungsgruppe „Kinderfüße-Kinderschuhe“ rund um den Sportwissenschaftler Wieland Kinz, deren Befunde sich auch auf Deutschland übertragen lassen.

Schuld sind selten unaufmerksame Eltern. Das eigentliche Problem steckt in der Größenangabe selbst. Bei den Messungen waren rund 87 Prozent der aufgedruckten Schuhgrößen falsch, oft um mehrere Zentimeter. Wo „30″ auf der Sohle stand, hatte der Schuh innen mitunter nur die Länge eines 26ers. Wer sich also blind auf die Nummer verlässt, kauft mit hoher Wahrscheinlichkeit zu klein, Modell für Modell und Marke für Marke unterschiedlich.

Hinzu kommt das Tempo, in dem Kinderfüße wachsen. Zwischen einem und drei Jahren legen sie im Schnitt rund 1,5 Millimeter pro Monat zu, bei Drei- bis Sechsjährigen ist es etwa ein Millimeter. Das klingt wenig, summiert sich aber: Viele Kinder brauchen alle drei bis vier Monate neue Schuhe. Ein Paar, das im Frühjahr perfekt saß, kann im Sommer schon zu eng sein.

Warum der Daumentest in die Irre führt

Den meisten Eltern hat man irgendwann beigebracht, vorne mit dem Daumen auf die Schuhspitze zu drücken. Aber das funktioniert leider kaum. Spürt ein Kind Druck am Zeh, krallt es die Zehen reflexartig ein und der Schuh wirkt länger, als er ist. Der Test misst dann nicht den Platz, sondern den Reflex.

Verlässlicher ist Messen statt Drücken. Wer die Innensohle herausnehmen kann, stellt das Kind mit der Ferse an die Kante und schaut, wie viel Luft vor dem längsten Zeh bleibt. Als Faustregel gilt: Ein Kinderschuh sollte rund 12 bis 17 Millimeter länger sein als der Fuß. Diese Zugabe ist kein verschenkter Platz, sondern Bewegungsraum zum Abrollen. Weniger als zwölf Millimeter sind zu eng, deutlich mehr als 17 macht den Gang unsicher.

Noch zuverlässiger sind Schablonen oder kleine Messgeräte für Fuß- und Innenlänge, wie sie gut sortierte Schuhgeschäfte bereithalten. Sinnvoll ist es zudem, am späten Nachmittag zu messen, weil Füße im Tagesverlauf etwas anschwellen. Außerdem sollte man immer beide Füße prüfen, da sie selten exakt gleich lang sind.

„Wachstumsschmerzen“ als Warnsignal

Klagt ein Kind über Schmerzen, landet das schnell in der Schublade „Wachstumsschmerzen“. Manchmal stimmt das, oft aber auch nicht. „Wiederkehrende Druckstellen, auffällige Gangbilder, schnelle Ermüdung oder Beschwerden beim Sport können Hinweise darauf sein, dass Schuhe und Fußfunktion nicht zusammenpassen“, warnt Werkmeister.

Tückisch ist, dass Kinder zu enge Schuhe häufig gar nicht bemerken. Ihr Nerven- und Knochensystem ist noch nicht ausgereift, das Schmerzempfinden anders als bei Erwachsenen. Ein Kind sagt selten von sich aus: „Diese Schuhe sind zu klein.“ Deshalb lohnt der regelmäßige Blick der Eltern, zum Beispiel auf abgelaufene Sohlen, gerötete Stellen, eingedrückte Zehen im Oberleder und darauf, ob das Kind beim Toben schneller schlappmacht als sonst.

Woran ein guter Kinderschuh zu erkennen ist

Die gute Nachricht: Die Kriterien sind überschaubar. „Wichtig sind genug Platz vorne im Schuh, flexible Sohlen und eine flache Form ohne erhöhten Absatz“, fasst Werkmeister zusammen. „Außerdem sollten die Materialien atmungsaktiv sein und der Schuh an der Ferse und am Spann gut sitzen.“ Ihr Leitsatz bringt das Prinzip auf den Punkt:

„Ein guter Schuh formt den Fuß nicht, sondern lässt ihn natürlich arbeiten.“

Konkret heißt das: vorne breit genug, damit die Zehen spreizen können. Eine Sohle, die sich mit der Hand leicht biegen lässt und der Abrollbewegung folgt. Kein dicker, harter Block unter der Ferse. Und ein Fersenbereich, der Halt gibt, ohne zu drücken. Ein Fußbett ist für gesunde Kinderfüße in der Regel nicht nötig. Getragene Schuhe vom älteren Geschwisterkind sind übrigens nicht grundsätzlich tabu, solange die Sohle nicht einseitig abgelaufen ist und der Schuh wirklich passt.

Was Trend-Sneaker anrichten können

Genau hier liegt der Konflikt mit dem, was im Schulhof gerade angesagt ist. Viele populäre Sneaker setzen auf dicke, starre Sohlen, erhöhte Fersen, stark vorgebogene Konstruktionen und schmale Zehenboxen. Optisch ein Statement, funktionell oft ein Problem. Solche Bauweisen können die natürliche Abrollbewegung verändern und die Zehen einengen.

Besonders heikel ist das für die Großzehe. Sie ist beim Gehen und Laufen entscheidend für Gleichgewicht, Stabilität und Kraftübertragung. Wird sie dauerhaft schräg gedrückt, kann das die Statik des ganzen Fußes verschieben. In der erwähnten österreichischen Forschung hatten nur rund ein Viertel der untersuchten Kinder eine gerade Großzehe. Je kleiner der Schuh, desto deutlicher die Schrägstellung, eine mögliche Vorstufe des späteren Hallux valgus. „Wenn Kinder täglich über viele Stunden Schuhe tragen, die die natürliche Fußfunktion einschränken, kann das langfristig auch ihre Haltung und Bewegungsabläufe negativ beeinflussen“, ordnet Werkmeister ein.

Barfuß- und Funktionsschuhe: sinnvoll, aber kein Ersatz fürs Toben

Parallel wächst der Markt für Barfuß- und Funktionsschuhe. Das sind Modelle, die bewusst breit, dünn und flexibel gebaut sind. In Deutschland legt dieses Segment jährlich um etwa zehn bis 15 Prozent zu. Hersteller wie Vivobarefoot, gegründet aus einer traditionellen Schusterfamilie, verfolgen dabei das Ziel, „Menschen wieder stärker mit ihrem eigenen Körperbewusstsein und natürlicher Bewegung zu verbinden“, wie Gründer Galahad Clark es formuliert. „Das beginnt bei den Füßen.“

Aus orthopädischer Sicht steckt darin Potenzial, aber kein Wundermittel. „Studien zeigen, dass funktionelle Schuhe die intrinsische Fußmuskulatur stärken können“, sagt Werkmeister. „Sie ersetzen aber keine körperliche Aktivität. Entscheidend bleibt, dass Kinder Freude an Bewegung behalten und möglichst vielfältige Bewegungserfahrungen sammeln.“ Mit anderen Worten: Der beste Schuh nützt wenig, wenn das Kind den Nachmittag auf dem Sofa verbringt.

Wer dem Fuß etwas Gutes tun will, fängt deshalb nicht im Schuhregal an, sondern beim Barfußlaufen. Zu Hause, im Garten, am Strand, über Wiese, Sand und Waldboden, jeder unterschiedliche Untergrund trainiert Muskeln, Bänder und Wahrnehmung. Der Schuh ist dann das, was er sein sollte: ein Schutz, der so wenig wie möglich stört.

Häufige Fragen von Eltern

Wie oft sollte ich die Schuhgröße meines Kindes prüfen?

Etwa alle acht bis zwölf Wochen. In Wachstumsschüben können Füße schon nach drei bis vier Monaten ein bis zwei Größen zulegen, ohne dass das Kind es selbst bemerkt.

Ab wann brauchen Babys und Kleinkinder überhaupt feste Schuhe?

Solange ein Kind drinnen unterwegs ist, braucht es keine festen Schuhe. Barfuß oder in rutschfesten Socken entwickeln sich Muskulatur und Gleichgewicht am besten. Schuhe sind vor allem draußen als Schutz sinnvoll.

Sind Barfußschuhe für jedes Kind geeignet?

Für die meisten gesunden Kinderfüße sind breite, flexible Modelle eine gute Wahl. Bei bestehenden Fehlstellungen, Schmerzen oder verordneten Einlagen sollte die Schuhwahl jedoch mit einer Ärztin oder einem Arzt abgestimmt werden.

Mein Kind klagt über Beinschmerzen – ist das normal?

Gelegentliche Wachstumsschmerzen gibt es. Wiederkehrende Beschwerden, ein auffälliges Gangbild oder schnelle Ermüdung sollten aber abgeklärt werden, statt sie pauschal abzutun.

Sind teure Schuhe automatisch besser?

Nein. Entscheidend sind Passform und Bauweise – breit vorne, flexible Sohle, flache Form, atmungsaktives Material. Der Preis sagt darüber wenig aus.

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