Ein Beitrag von Carsten Vonnoh
Die meisten Väter wollen heute mehr sein als der Mann, der abends müde in der Tür steht. Sie wollen mitbekommen, wie ihre Kinder ticken, und zu Hause wirklich Verantwortung übernehmen. Und dann sitzen sie montags wieder im selben Vollzeitjob wie vorher. Warum das so viele Männer zerreibt, was es mit der unsichtbaren emotionalen Last in Familien zu tun hat und wie Paare sie gerechter verteilen können, beschreibt Väterexperte Carsten Vonnoh in seinem Gastbeitrag.
Das Wichtigste in Kürze
• Jeder zweite Vater würde gern die Hälfte der Kinderbetreuung übernehmen, gelingen tut das nur jedem fünften.
• Väter planen im Schnitt 3,8 Monate Elterngeld ein, Mütter 14,9.
• Emotionale Last ist das Mitdenken und Auffangen, das in keinem Kalender steht. Geteilt wird sie erst, wenn Väter ganze Bereiche übernehmen, samt dem Daran-Denken.
• Vereinbarkeit können Familien nicht allein lösen. Die meisten Väter haben im Job aber mehr Spielraum, als sie nutzen.
Wir wollen andere Väter sein, aber der Job ist derselbe geblieben
Vielleicht kennst du diesen Moment. Es ist kurz vor fünf, das Meeting zieht sich, und irgendwo im Hinterkopf läuft die Uhr der Kita mit, weil du versprochen hast, heute abzuholen. Dein Chef stellt noch eine Frage, alle am Tisch gehen davon aus, dass du die halbe Stunde noch dranhängst, und du tippst unter dem Tisch eine Nachricht an deine Partnerin, ob sie es vielleicht doch schafft.
Solche Geschichten höre ich seit 2018 in meiner Arbeit mit Vätern ständig, in allen möglichen Varianten. Und fast immer steckt dahinter ein Mann, der es eigentlich anders machen will als sein eigener Vater und trotzdem merkt, wie er Stück für Stück in dieselbe Rolle rutscht. Jeder zweite Vater würde gern die Hälfte der Kinderbetreuung übernehmen. Gelingen tut das nur jedem fünften.
Was am Anfang verteilt wird, bleibt lange so
Ich glaube, wir unterschätzen immer noch, wie viel in den ersten Monaten nach der Geburt entschieden wird, oft ohne dass ein Paar das überhaupt als Entscheidung erlebt. Väter planen im Schnitt 3,8 Monate Elterngeld ein, Mütter 14,9. Gut zwei Drittel der Mütter arbeiten in Teilzeit, bei den Vätern sind es acht Prozent.
Wer in dieser Zeit nicht wirklich zuständig war, wird es später selten von allein, und das hat mit Wollen erstaunlich wenig zu tun. Die Mutter weiß dann eben schon, welche Kinderärztin mittwochs Sprechstunde hat, welche Hose noch passt und warum das Kind seit Tagen schlecht schläft, und der Vater fragt nach, freundlich und hilfsbereit, und so ist sie wieder da, die Rollenverteilung, die eigentlich keiner wollte.

Im Job zählt oft noch, wer verfügbar ist
Viele Unternehmen sagen inzwischen, dass sie Väter unterstützen, und manche meinen das auch ernst. Im Alltag hängt aber noch erstaunlich oft die Erwartung im Raum, dass weiterkommt, wer verfügbar ist. Ein Vater, der um vier geht, weil er sein Kind abholt, wird oft anders angeschaut als eine Mutter, die dasselbe tut, mal mitleidig, mal skeptisch, und ausgesprochen wird das fast nie.
Was wir Männer selbst mitbringen
Darüber reden wir Männer am wenigsten. Viele von uns haben gelernt, dass ein Mann über das wertvoll ist, was er leistet und nach Hause bringt. Das sitzt tiefer, als wir wahrhaben wollen. Wer so aufgewachsen ist, fühlt sich bei der Vorstellung, beruflich kürzerzutreten, schnell bedroht, und das hat nur zum Teil mit Geld zu tun.
Ich kenne das auch von mir. Lange Zeit schien nichts gut genug, selten konnte ich mir Momente erlauben, in denen ich mal „nichts“ machen durfte, einfach nur präsent war. Stattdessen eher im Zombiemodus, in den ich auch ab und zu hineinrutsche.
Viele Väter beschreiben mir dann ein Gefühl, für das sie lange keine Worte hatten: dass es im Job nicht mehr reicht, weil sie dort nicht mehr alles geben, und zu Hause auch nicht, weil sie immer noch zu wenig da sind, und dass sie irgendwann an beiden Orten nur noch halb sind und vor allem müde.
Ich glaube, Männern wird bis heute eingeredet, sie bräuchten die alten Verhältnisse, um sich wieder sicher und wertvoll zu fühlen. Den Preis zahlen sie selbst, mit ihren eigenen Bedürfnissen und mit allem, was sie als Väter noch werden könnten. Den eigenen Wert jenseits des Lieferns zu spüren, ist für viele von uns Neuland. Deshalb fängt es für mich mit der Frage an, wer du als Vater eigentlich sein willst, lange bevor es um Stunden und Elterngeldmonate geht.
Emotionale Last steht auf keiner To-do-Liste
Wenn Paare über Aufgabenteilung reden, landen sie meistens bei Listen: wer kocht, wer bringt, wer holt ab. Das ist sinnvoll, nur taucht ein großer Teil der Familienarbeit auf diesen Listen gar nicht auf.
Emotionale Last, oft auch Mental Load genannt, ist das ganze Mitdenken und Vorausfühlen, das nebenher läuft: merken, dass das Kind seit dem Kitawechsel stiller geworden ist, daran denken, dass Oma Geburtstag hat und das Geschenk bis Donnerstag da sein muss, die Stimmung am Frühstückstisch auffangen, bevor sie kippt, und nachts wach liegen, weil man nicht sicher ist, ob das mit der Schule so passt.
In sehr vielen Familien liegt das immer noch vor allem bei den Müttern. Ich sage das ohne Vorwurf an die Väter, die abends ehrlich erschöpft nach Hause kommen. Ich glaube nur, wir tun uns selbst einen Gefallen, wenn wir hinschauen, denn wer immer nur ausführt, was andere vorgedacht haben, bleibt in seiner eigenen Familie ein bisschen Gast.
Teilen heißt, auch das Denken zu übernehmen
Helfen ist gut gemeint und entlastet trotzdem kaum, solange die Verantwortung bei jemand anderem bleibt. Spürbar wird es erst, wenn du einen Bereich wirklich übernimmst, mit allem, was dazugehört. Wenn Arzttermine deine Sache sind, dann eben auch das Impfheft, das Ausmachen der Termine und das Nachfragen, ob die Ohrenschmerzen besser geworden sind, ohne dass dich jemand daran erinnern muss. Erst dann merkt deine Partnerin, dass sich wirklich etwas verändert hat.
Emotionale Last ist aber auch ganz wörtlich gemeint. Wer tröstet, wenn es nachts knallt, und zu wem kommt das Kind, wenn es traurig ist? Das lässt sich nicht verordnen, wohl aber üben. Kinder gehen zu dem, der verlässlich da ist und aushält, was sie fühlen. Wenn du dir angewöhnst, bei Wut & Tränen erst einmal dazubleiben, bevor du irgendetwas lösen willst, verändert sich erstaunlich schnell, wer bei euch »für Gefühle zuständig« ist.
Hilfreich ist auch ein fester kurzer Termin als Paar, einmal die Woche, eine halbe Stunde, in der ihr schaut, was ansteht, was gerade bei wem liegt und wo jemand am Limit ist. Das klingt unromantisch. Ist es auch. Es nimmt dem Alltag aber eine Menge Sprengkraft, weil ihr dann nicht erst redet, wenn einer schon nicht mehr kann.
Und es braucht ehrliche Auskunft über dich selbst, was vielen Männern schwerer fällt, als sie zugeben würden. Viele Väter ziehen durch, bis nichts mehr geht, und wundern sich dann, dass zu Hause niemand gemerkt hat, wie knapp es war. Wer seine Grenzen benennt, bevor er sie überschreitet, macht es seiner Familie leichter, ihn ernst zu nehmen.

Im Job steckt mehr Spielraum, als wir uns zutrauen
Nichts davon trägt auf Dauer, wenn der Job alles frisst. Unternehmen und Politik haben eine große Verantwortung dafür, dass Väter ihrem eigenen Anspruch überhaupt gerecht werden können, und keine Familie muss sich schämen, wenn sie das allein nicht hinbekommt. Und es geht dabei längst nicht nur um uns Männer. Wenn wir wollen, dass Mütter beruflich dranbleiben und ihre Nachteile kleiner werden, braucht es die andere Seite der Vereinbarkeit, und die sind wir.
Und trotzdem haben die meisten Väter mehr Spielraum, als sie nutzen, auch die, für die weniger Stunden finanziell gerade gar nicht drin sind. Oft beginnt das ganz unspektakulär damit, im Team zu sagen, dass du um vier gehst, weil du dein Kind abholst, statt dich mit einem vagen »Ich hab noch was« rauszuschleichen. Oder damit, die Arbeit ein Stück vom Thron zu holen: Sie darf wichtig sein, aber sie entscheidet nicht über deinen Wert als Vater.
Wer sich das zugesteht, trifft andere Entscheidungen, über das, was abends noch erledigt werden muss, und über das Gespräch, ob weniger Stunden doch irgendwann gehen. Jeder Vater, der so etwas sichtbar macht, macht es dem nächsten ein Stück leichter, und ich glaube, darin steckt mehr Veränderung, als wir oft denken.


In meinem neuen Buch Radikal Vater sein gehe ich dem in einem eigenen Teil zum Beruf nach und in einem weiteren zur Gesellschaft, etwa in den Schlüsseln »Spielräume nutzen« und »Unsichtbare Lasten«. Anfangen tut das Buch aber bei dir selbst, bei deiner eigenen Geschichte und bei dem, was du davon an deine Kinder weitergeben willst.
Den Moment kurz vor fünf wird es weiter geben. Ich wünsche dir, dass du dann irgendwann aufstehst und sagst, dass du jetzt gehst, weil dein Kind wartet, auch wenn sich das beim ersten Mal ziemlich komisch anfühlt.
Häufige Fragen
Was ist emotionale Last in der Familie?
Emotionale Last, oft auch Mental Load genannt, beschreibt die unsichtbare Denk- und Gefühlsarbeit im Familienalltag: an Termine und Geschenke denken, Veränderungen beim Kind bemerken, Stimmungen auffangen, Sorgen mittragen. Sie steht auf keiner Aufgabenliste und liegt in vielen Familien noch überwiegend bei den Müttern.
Wie können Väter Mental Load übernehmen?
Am wirksamsten ist es, ganze Bereiche vollständig zu verantworten, einschließlich Planen und Daran-Denken. Dazu kommen regelmäßige kurze Absprachen als Paar, die Bereitschaft, Kinder bei starken Gefühlen zu begleiten, und ehrliche Auskunft über die eigene Belastung.
Warum gelingt Vätern die partnerschaftliche Aufteilung so selten?
Jeder zweite Vater würde gern die Hälfte der Kinderbetreuung übernehmen, gelingen tut das nur jedem fünften. Das liegt an frühen Weichenstellungen beim Elterngeld, an der Erwartung, im Job verfügbar zu sein, und an einem Selbstbild, das den Wert eines Mannes stark an Leistung und Einkommen knüpft.
Was können Väter im Job konkret tun?
Termine mit dem Kind fest im Kalender blocken, offen sagen, warum sie früher gehen, und Gespräche über reduzierte Arbeitszeit oder flexible Modelle aktiv suchen. Wer Vereinbarkeit sichtbar lebt, verändert auch die Kultur im Team.
Über den Autor
Carsten Vonnoh ist der bekannteste Väterexperte im deutschsprachigen Raum, Keynote Speaker und Autor. Seit 2018 hat er über 1.000 Väter und Paare begleitet, als Systemischer Familien- und Paarberater (DGSF) und Gründer der Vaterherz® Akademie. In Unternehmen, Kommunen und Hochschulen spricht er darüber, was Väter brauchen, um präsent zu bleiben. Über seine Arbeit berichteten unter anderem DIE ZEIT und der Spiegel. Im Oktober 2026 ist sein Buch „Radikal Vater sein“ bei Versus/Vahlen erschienen, nach „Up to Dad“ (Beltz), über das er 2022 im Interview mit Daddylicious gesprochen hat.
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Das Buch
Radikal Vater sein. Für Männer, die mehr wollen, als funktionieren
Versus/Vahlen · 5. Oktober 2026 · 255 Seiten · 29,80 € · ISBN 978-3-03909-377-9
24 Schlüssel in vier Teilen (Selbst, Familie, Beruf, Gesellschaft) für Väter, die spüren, dass Funktionieren nicht reicht.
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