Alex (42): „Wie meine Mutter es immer noch schafft, mich Kinderzimmer aufräumen zu lassen“

Weihnachten steht vor der Tür. Das Fest der Besinnlichkeit. Das Fest der Liebe. Das Fest der aus allen Nähten platzenden Spielzeugkisten… Und da ist es ganz egal, wie oft man die Kinderzimmer auf- und/oder ausräumt. Auf die großelterliche Geschenkeflut ist immer Verlass.

Unsere beiden kleineren Söhne räumen ihr Zimmer wöchentlich auf. Der Große macht es dagegen täglich. Zumindest tut er erfolgreich so – das hat er im Gegensatz zum Aufräumen häufig geübt. Das Aufräumverhalten aller dreien beschränkt sich darauf, das vorhandene Spielzeug (künftig auch »Zeug« genannt) in Ecken und unter Betten zu schieben. Flaches Spielzeug, wie Zielscheiben, Lego-Platten und saisonal bedingte Nikolaus-Teller, gerne auch unter den Teppich. Dass Teller eigentlich nicht zu Spielzeug gehören, sei hier aus dramaturgischen Gründen ignoriert, ändert aber nichts an der Gesamtsituation.

Ja, unsere Kinder baden förmlich in Spielzeug und das schon von klein auf. Sie haben zwar noch keine Playstations, keine NES-Konsolen und keines der sonstigen Produkte der hungrigen Zockerindustrie, aber sie besitzen eine übergroße Carrera-Bahn, mehrere Hotwheels-Rampen und -Parkanlagen, verschiedenste Duplo-Bauten, Schiffe, Burgen, Armbrüste, Wurfscheiben, mehr Züge und Gleise als die Konkurrenz der Deutschen Bahn und sie besitzen Lego. Unmengen an Lego.

kelly sikkema Z9AU36chmQI unsplash
© Kelly Sikkema (Unsplash)

Allein um die Lego-Fahrzeuge meines ältesten Sohnes adäquat aufbewahren zu können – er sortiert sie gerne nach Farben -, hat die hiesige IKEA-Filiale zusätzliche Billy-Regale fertigen lassen und nach Koblenz bestellt. Gut für sie. Uns gehen allerdings so langsam die Hauswände aus, um weitere Bretter und Schrankkästen hineinzudübeln. Das gilt im Übrigen nicht nur für Spielzeug, auch Bücher, Klamotten und Kleinzeugs aller Couleur belegen wertvollen Wohnraum.

Heute tat mein Ältester wieder so, als würde er sein Zimmer aufräumen, als ich daran vorbeiging. Regelmäßig bekommt er von mir den Auftrag, das Spielzeug, das er nicht mehr benötigt, eigenständig auszusortieren und vor die Tür zu stellen. Er möchte aber alles behalten und sucht immer wieder Wege, mich auszutricksen. In letzter Zeit macht er es ganz geschickt und stellt sein ganzes Zeug einfach irgendwo hoch. Er glaubt, ich sei schon zu alt, um meine Augenmuskulatur so anstrengen zu können, dass die Augen hochgucken.

Noch sind sie erfassbar, aber ich glaube, mir bleiben maximal drei Jahre, bevor ich gegen die Tricks meines Ältesten nicht mehr ankomme, denn sie werden zunehmend besser. Gut für ihn. Und diese drei Jahre muss ich nutzen, um meine Eltern zu überzeugen, kein inflationäres Spielzeug mehr zu beschaffen.

»Du hast doch nur drei Kinder – da musst du ja Unmengen an Freizeit zum Aufräumen haben«, äußerte letztens Hubert, ein Schulfreund von mir und fand, dass ich bei meinen Ausmistgeschichten stark übertreibe. Hubert ist 43 Jahre alt, hat kürzlich den Bauernhof seines Vaters geerbt und ist jetzt stolzer Besitzer von 72 Schafen. 72 Schafe aus echter Wolle, aber ohne zugehörige Großeltern. Was versteht er schon bitte von Ausmisten?

geschenke paar
© erierika & voronaman (depositphotos.com)

Monatlich bemühen sich meine Frau und ich, verwandtschaftlich herbeigeschenktes Spielzeug auszusortieren, in riesige Kisten zu packen, diese in heimlicher Heimtücke in die Garage oder in den Keller zu bringen, zu stapeln, um es dann anschließend an Kindergärten oder Großeltern anderer Kinder zu spenden. Großeltern, die damit dann die Kinderzimmer ihrer Enkel zupflastern.

Auch wenn wir das Ausmisten mittlerweile verachten, gehen wir dabei clever vor – die Kinder bemerken unsere Aktionen meist nicht. Sie wundern sich später nur über die plötzlich größer gewordenen Kinderzimmer, über die sauberere Atemluft und über die Rückkehr der Monster unter ihrem Bett. Denn jetzt haben diese wieder Platz, dort zu nisten, wo das ganze Zeug weg ist. Gut für sie. Doch das Zeug kehrt immer wieder zurück. Denn mit dem Ausmisten bekämpfen wir lediglich die Symptome.

Seit Jahren bettle ich meine Eltern an, meinen Kindern nicht so viel Spielzeug zu schenken. Oder wenigstens unsichtbares, damit es die Zimmer zumindest optisch nicht zumüllt. Jedoch ohne Erfolg. Nur ein einziges Mal hatte ich meine Mutter mit der IKEA-Geschichte beinahe so weit, umzudenken. Die Mitarbeiter dort täten ihr leid, sagte sie, weil sie jetzt wegen unserem Regalextrabedarf unerwartet zusätzliche Ware ins Haus bekämen und bestimmt nicht wüssten, wo sie das ganze Zeug lagern sollten…

Ich solle dagegen aufhören, mich permanent zu beschweren und froh sein, dass meine Kinder so tolle Weihnachten mit so vielen Geschenken erleben dürfen. Und so tolle Osterfeste, so tolle Geburtstage, Namenstage, Weltkindertage, Weltspielzeugtage, Weltwelttage… und alle anderen Tage, an denen meine Mutter einfach nur die Zeit hatte, zu Toys‹R‹US zu fahren und uns danach zu besuchen.

Spielzeug ist super - Aufräumen muss erst gelernt werden
© GarnaZarina (depositphotos.com)

Vielleicht haben sie und Herbert ja recht und ich übertreibe. Vielleicht bin ich einfach nur ein furchtbarer Vater, der seinen Kindern die 12. Polizeistation nicht gönnen will. Und ein furchtbarer Sohn, der die Großmutter ihrer Kinder nicht Großmutter ihrer Kinder sein lässt. Vielleicht brauchen Kinder ja Unmengen an Spielzeug, um sich ordentlich zu entwickeln? Wenn Stöcke, Steine und Blätter so toll wären, wie die ganzen Puristen immer sagen, gäbe es sie doch schon längst von »Mattel«. Oder? Immerhin muss ich diesen ganzen Kram nicht selbst kaufen. Wäre für dieses Weihnachten auch nicht mehr drin.

Das ganze Weihnachtsgeld haben wir nämlich schon für eine Dachbox ausgegeben, um nach dem baldigen Besuch bei den Großeltern alle 12.000 Geschenke (immerhin schenken meine Eltern so, dass es durch drei teilbar ist) nach Hause zu transportieren. Und für den LKW, den ich für den Osterbesuch im kommenden Jahr brauchen werde, denn die Osterferien fallen mit dem Geburtstag eines meiner Söhne zusammen. Und für das zweite Haus, das nur dafür da wäre, dort das ganze Spielzeug der Kinder zu lagern. Denn zum Ausmisten kommen wir wegen der ganzen Kauftermine nicht mehr. Gut für uns.

Titelbild © udra (depositphotos.com)

Foto des Autors
Autor
Alexander Bayer
Der Satiriker und langjährige Postillon-Redakteur Alexander Bayer schreibt Bücher, Kolumnen und produziert eigene Sketche auf allen großen Social-Media-Plattformen. Seine drei Söhne versucht er möglichst ohne Humor zu erziehen, was ihm aber bisher nicht gelingt. Als Hobbys spielt er Billard, Gitarre und den perfekten Ehemann.