…und was Väter jetzt wirklich tun können
Es ist oft kein großer Moment. Kein Streit, kein Drama. Manchmal ist es nur ein Satz beim Abendessen.
„Ich weiß gerade gar nicht, wer ich eigentlich bin.“
Viele Väter hören das und wissen nicht, was sie antworten sollen. Früher war das anders. Identität kam mit der Zeit. Man wurde älter, machte Erfahrungen, fand seinen Platz. Heute scheint diese Frage früher zu kommen. Und sie bleibt länger.
Jugendliche wachsen in einer Welt auf, in der Identität nicht mehr still entsteht, sondern permanent sichtbar ist. Social Media zeigt ihnen täglich, wie andere aussehen, denken, fühlen, leben. Nicht als Möglichkeit, sondern oft als Maßstab. Wer nicht mithält, fällt auf. Oder fühlt sich zumindest so.
Das hinterlässt Spuren.
Identität unter Beobachtung
Ein 14-jähriger Junge sitzt auf seinem Bett und scrollt. Fitness-Clips, politische Statements, Lifestyle-Ideale. Alles wirkt klar, entschieden, selbstbewusst. Und er selbst? Er fühlt sich unsicher. Nicht, weil er nichts kann, sondern weil alles gleichzeitig möglich scheint.
Viele Jugendliche vergleichen nicht mehr nur Leistungen, sondern ihr Inneres. Gefühle, Haltungen, Zugehörigkeit. Das eigene Erleben wirkt daneben oft falsch oder unzureichend. Identität wird zu etwas, das man zeigen, erklären und rechtfertigen muss.
Für Väter ist das schwer nachvollziehbar. Viele sind mit einem klareren äußeren Rahmen aufgewachsen. Weniger Auswahl, weniger öffentliche Bewertung. Konflikte wurden ausgetragen, nicht gepostet. Heute findet Entwicklung unter Beobachtung statt. Und das verändert alles.

Nicht verwirrt – sondern überfordert
Jugendliche gelten schnell als unsicher oder orientierungslos. Doch das greift zu kurz. Was wir beobachten, ist keine Verwirrung, sondern Überforderung. Zu viele Rollen, zu viele Erwartungen, zu wenig innere Ruhe.
Ein Vater berichtet, dass seine Tochter innerhalb weniger Monate ihr Auftreten, ihre Kleidung, ihre Interessen mehrfach verändert hat. Heute so, morgen anders. Für ihn wirkt das beliebig. Für sie ist es ein Versuch, sich selbst zu spüren. Zu prüfen, was passt und was nicht.
Jugendliche müssen heute früh Entscheidungen treffen, die früher Zeit hatten. Haltung zeigen. Sich positionieren. Und das bitte konsistent. Fehler werden nicht vergessen, sondern gespeichert. Das erzeugt Druck. Identitätsarbeit läuft im Dauerbetrieb.
Die Rolle der Väter: präsent bleiben, wenn es unbequem wird
Viele Väter möchten helfen. Sie wollen erklären, ordnen, Lösungen anbieten. Doch genau das ist oft nicht gefragt. Jugendliche brauchen in dieser Phase keine Antworten, sondern Beziehung.
Ein 16-jähriger Junge zieht sich zurück, reagiert gereizt, verbringt viel Zeit allein. Der Impuls des Vaters ist klar: „So war ich in deinem Alter auch.“ Oder: „Das ist doch alles halb so schlimm.“ Doch solche Sätze schließen Räume, statt sie zu öffnen.
Was Jugendliche brauchen, ist ein Gegenüber, das bleibt. Auch wenn es widersprüchlich wird. Auch wenn man nicht alles versteht.
Haltung zeigt sich nicht im Diskutieren, sondern im Aushalten. Zuhören, ohne sofort einzuordnen. Nachfragen, ohne zu bewerten. Grenzen setzen, ohne zu beschämen. Das ist anspruchsvoll. Und genau deshalb so wirksam.
Ein Beispiel aus dem Alltag
Ein Vater erzählt, dass sein Sohn plötzlich alles infrage stellt. Schule, Freundeskreis, sogar frühere Interessen. Der Vater fühlt sich hilflos, fast ausgeschlossen. Statt zu drängen, bleibt er präsent. Er bietet Gespräche an, ohne sie zu erzwingen. Er sagt klar, wo Grenzen sind, etwa bei Respekt oder Verantwortung. Aber er lässt offen, wie der Sohn seinen Weg findet.
Monate später kommt der Sohn von sich aus ins Gespräch. Nicht, weil der Vater überzeugt hat, sondern weil er da war. Verlässlich. Berechenbar. Emotional erreichbar.
Identität entsteht nicht durch Belehrung. Sie entsteht durch Resonanz.

Warum Rückzug oft dazugehört
Viele Jugendliche ziehen sich zeitweise zurück. Sie wirken verschlossen, abweisend oder gleichgültig. Das wird schnell als Problem gesehen. Dabei ist Rückzug oft ein notwendiger Schritt. Identitätsarbeit braucht Abstand. Von Erwartungen, von Rollen, manchmal auch von Eltern.
Für Väter ist das schwer auszuhalten. Nähe war vielleicht immer selbstverständlich. Jetzt scheint sie brüchig. Wichtig ist, diesen Rückzug nicht persönlich zu nehmen. Nicht als Ablehnung, sondern als Entwicklungsphase.
Entscheidend ist, dass die Tür offen bleibt. Nicht im Sinne von Kontrolle, sondern von Verfügbarkeit. „Ich bin da, wenn du mich brauchst.“ Ohne Druck. Ohne Bedingungen.
Orientierung entsteht durch Beziehung, nicht durch Regeln
Natürlich brauchen Jugendliche Grenzen. Sie brauchen Struktur und Halt. Aber Regeln allein geben keine Identität. Sie geben Sicherheit, ja. Doch Orientierung entsteht im Miteinander. In der Erfahrung, ernst genommen zu werden.
Ein Vater muss nicht alles gut finden. Er darf widersprechen. Aber wie er widerspricht, macht den Unterschied. Respektvoll. Klar. Ohne Abwertung. Jugendliche lernen so, dass Unterschiedlichkeit möglich ist, ohne Beziehung zu gefährden.
Die Frage als Chance
„Bin ich wirklich ich?“ ist kein Alarmzeichen. Es ist ein Entwicklungsschritt. Ein Zeichen dafür, dass Jugendliche sich mit sich selbst auseinandersetzen. In einer Welt, die laut ist und schnelle Antworten fordert, ist diese Frage sogar ein Akt von Reife.
Väter, die diese Frage nicht wegwischen, sondern begleiten, geben etwas Entscheidendes mit: die Erfahrung, dass Identität wachsen darf. Unfertig. Widersprüchlich. Echt.
Jugendliche, die sich so erleben, müssen sich nicht verlieren. Sie finden sich – nicht trotz der Fragen, sondern durch sie.
Über die Praxis Floris
Die Praxis Floris bietet deutschlandweit Seminare und Schulungen für Fachkräfte und Quereinsteiger, während das Institut durch digitale Innovationen, wie die kommende App und den Podcast „Brückenbauer“, neue Maßstäbe setzt. Ihr Fokus liegt auf praktischen, inklusiven Lösungen und der Förderung eines bewussten Umgangs mit Kindern und Jugendlichen.
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