Familienleben

Schneller, höher, erschöpfter – Was Eltern von den Olympischen Winterspielen 2026 lernen können

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Heute Abend ist es soweit: Die Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele 2026 in Mailand läutet zweieinhalb Wochen voller Sport, Drama und menschlicher Grenzerfahrungen ein. Während wir auf dem Sofa sitzen und Athlet*innen bewundern, die auf Skiern Berge hinunterrasen oder auf dem Eis künstlerische Figuren vollführen, übersehen wir oft eines: Wir selbst sind längst im härtesten Ausdauerwettkampf der Welt – dem Elternsein. Olympia kann uns dabei helfen, das zu erkennen. Und noch mehr: Die Werte, für die die Spiele stehen, sind verdammt nützlich im Familienalltag. Ein Plädoyer für mehr olympischen Geist zwischen Frühstückstisch und Gute-Nacht-Geschichte.

Olympia erinnert uns daran, worum es wirklich geht

Wenn heute Abend im San-Siro-Stadion in Mailand die olympische Flamme entzündet wird – gleichzeitig übrigens auch in Cortina d’Ampezzo, eine Premiere in der olympischen Geschichte – dann schwören rund 2.900 Athlet:innen aus über 90 Ländern den olympischen Eid. Der lautet seit 2018: „Wir geloben, an diesen Olympischen Spielen teilzunehmen und die Regeln zu respektieren und einzuhalten, im Geiste des Fairplay, der Inklusion und der Gleichberechtigung.“

Fairplay, Inklusion, Gleichberechtigung. Klingt großartig. Und dann denken wir an unseren Alltag: Geschwisterstreit ums letzte Stück Pizza, Diskussionen darüber, wer heute die Spülmaschine ausräumt, und die Frage, ob das jüngste Kind wirklich schon groß genug ist, um beim Familienausflug mitzubestimmen. Olympische Werte? Hier eher Fehlanzeige. Oder doch nicht?

Tatsächlich ist der Familienalltag voller Momente, in denen genau diese olympischen Ideale gefragt sind. Wir merken es nur nicht immer, weil uns die Medaille und die Siegerehrung fehlt. Dabei sind die Lektionen, die Olympia vermittelt, erstaunlich alltagstauglich, wenn wir genau hinschauen.

Lektion 1: Der olympische Gedanke – Dabeisein ist alles

Pierre de Coubertin, der Begründer der modernen Olympischen Spiele, wird oft mit dem Satz zitiert: „Das Wichtigste an den Olympischen Spielen ist nicht das Siegen, sondern das Dabeisein.“ Das klingt schön und ist gleichzeitig das Gegenteil von dem, was wir unseren Kindern manchmal vermitteln wollen. Schließlich leben wir in einer Leistungsgesellschaft, in der es um Noten, Platzierungen und messbare Erfolge geht.

Aber mal ehrlich: Wie viele Tage im Elternleben laufen wirklich perfekt? Wie oft gelingt das Abendbrot ohne Meckern, die Hausaufgaben ohne Tränen oder das Zubettgehen ohne Drama? Genau. Olympia erinnert uns daran, dass nicht jeder Tag ein Sieg sein muss. Manchmal reicht es, dabei gewesen zu sein und den Tag durchgestanden zu haben, ohne komplett die Nerven zu verlieren. Das ist olympisch genug.

Lektion 2: Völkerverständigung

Die Olympischen Spiele bringen Menschen aus aller Welt zusammen. 2026 sind es Athlet*innen aus über 90 Nationen. Sie sprechen unterschiedliche Sprachen, haben verschiedene kulturelle Hintergründe und trainieren unter völlig unterschiedlichen Bedingungen. Trotzdem sitzen sie nach dem Wettkampf zusammen, tauschen sich aus, gratulieren einander.

Klingt bekannt? Sollte es auch. Der Spielplatz, die Kita, die Schule, all das sind die Olympiastadien unserer Kinder. Dort treffen unterschiedliche Erziehungsstile, Familienmodelle, Sprachen und Kulturen aufeinander. Manche Eltern sind streng, andere entspannt. Manche Kinder dürfen alles, andere fast nichts. Und wir? Stehen daneben und fragen uns manchmal, ob unser Ansatz der richtige ist.

Olympia lehrt uns: Es gibt nicht den einen richtigen Weg. Aber es gibt Respekt, Offenheit und die Bereitschaft, voneinander zu lernen. Wenn das norwegische Langlaufteam mit Schweizer Skifahrer*innen in der olympischen Mensa sitzt, geht es nicht darum, wer die bessere Trainingsmethode hat. Es geht darum, gemeinsam Teil von etwas Größerem zu sein. Vielleicht sollten wir das auch öfter auf dem Spielplatz beherzigen.

Lektion 3: Fairplay

Fairplay ist das Herzstück der olympischen Bewegung. Es bedeutet mehr als nur Regeln einzuhalten. Es bedeutet Respekt vor dem Gegner, Anerkennung der Leistung anderer, Würde in Sieg und Niederlage. Wenn Athlet*innen nach einem Wettkampf die Hände schütteln, sich umarmen oder sogar trösten, dann ist das gelebtes Fairplay.

Und dann gibt’s unseren Alltag. „Der hat angefangen!“ „Nein, die hat angefangen!“ „Aber ich war zuerst da!“ Geschwisterstreit ist so ziemlich das Gegenteil von olympischem Fairplay. Aber – und hier wird’s interessant – genau deshalb ist er so wertvoll. Denn Fairness muss gelernt werden. Kein Athlet kommt mit dem Fairplay-Gen auf die Welt. Es ist das Ergebnis jahrelangen Trainings, unzähliger Niederlagen und der Einsicht, dass Respekt vor anderen nicht optional ist, sondern essenziell.

Als Eltern sind wir die Schiedsrichter*innen, Trainer*innen und manchmal auch Mediatoren in diesem Prozess. Wenn wir selbst vorleben, dass wir Niederlagen akzeptieren,auch wenn’s schwerfällt, dass wir andere anerkennen, auch wenn sie uns gerade auf die Nerven gehen und dass Regeln für alle gelten, dann vermitteln wir olympische Werte. Und das ganz ohne Goldmedaille.

Lektion 4: Umgang mit Niederlagen

Olympia ist voller Geschichten von Athlet*innen, die scheitern. Skispringer*innen, die stürzen. Eiskunstläufer*innen, die den entscheidenden Sprung verpassen. Bobfahrer*innen, die disqualifiziert werden. Und was machen sie? Sie stehen auf, sie machen weiter, sie kommen vier Jahre später wieder.

Resilienz – die Fähigkeit, nach Rückschlägen wieder aufzustehen – ist eine der wichtigsten Eigenschaften, die wir unseren Kindern mitgeben können. Aber genauso wichtig ist, dass wir sie uns selbst zugestehen. Elternsein ist eine Serie von kleinen und großen Niederlagen. Das verbrannte Abendessen. Die vergessene Unterschrift auf dem Elternbrief. Der Moment, in dem du merkst, dass du gerade genau das gesagt hast, was du nie sagen wolltest.

Olympia lehrt uns: Scheitern gehört dazu. Niemand gewinnt immer. Und der Wert liegt nicht darin, perfekt zu sein, sondern darin, es wieder zu versuchen.

Lektion 5: Teamgeist

Staffelwettbewerbe gehören zu den emotionalsten Momenten bei Olympia. Vier Menschen, ein Ziel. Jeder gibt alles, jeder ist auf den anderen angewiesen. Wenn einer stolpert, stolpert das ganze Team.

Familie ist eine Staffel. Eine ziemlich unkoordinierte, zugegeben. Aber eine Staffel. Nicht alle können gleichzeitig der Star sein. Manchmal muss einer die Tasche tragen, während der andere vorne wegläuft. Manchmal ist einer derjenige, der tröstet, während der andere feiert. Jede Rolle ist wichtig, auch wenn sie nicht immer Applaus bekommt.

Olympia zeigt uns: Teams funktionieren dann am besten, wenn jedes Mitglied weiß, dass es gebraucht wird. Nicht weil es das schnellste, schönste oder beste ist, sondern weil es Teil des Ganzen ist. Vielleicht sollten wir öfter darüber sprechen, welche Rolle jede*r in unserer Familie spielt und warum jede davon zählt.

Lektion 6: Vorbereitung und Routine

Olympia-Athlet*innen trainieren Jahre für einen einzigen Moment. Täglich, diszipliniert, routiniert. Es sind nicht die spektakulären Sprünge oder die Rekordzeiten, die am Ende den Unterschied machen; es ist das tägliche Training, das niemand sieht.

Übertragen auf den Familienalltag: Es sind nicht die großen Ausflüge oder besonderen Momente, die Kinder prägen. Es sind die kleinen, wiederkehrenden Rituale. Das Vorlesen vor dem Schlafengehen. Das gemeinsame Frühstück. Das abendliche Zähneputzen. Diese Routinen sind das Training fürs Leben. Sie geben Sicherheit, schaffen Verbindung und lehren Disziplin. Ganz ohne, dass wir es laut aussprechen müssen.

Olympia erinnert uns daran, dass Großes oft aus vielen kleinen Schritten entsteht. Und dass Routine nicht langweilig ist, sondern die Basis für alles andere.

Lektion 7: Inklusion und Vielfalt

Die Winterspiele 2026 sind die geschlechtergerechtesten in der Geschichte: 47 Prozent der teilnehmenden Athlet:innen sind Frauen, ein Rekord. Dazu kommen neue Disziplinen, die mehr Vielfalt ermöglichen, und die Paralympics, die vom 6. bis 15. März 2026 folgen und Para-Athlet*innen eine Bühne geben.

Was Olympia uns zeigt: Es gibt nicht den einen richtigen Körper, das eine richtige Tempo, die eine richtige Art, etwas zu tun. Jeder Mensch ist anders und das ist gut so.

Für Eltern ist das eine der größten Herausforderungen: Akzeptieren, dass jedes Kind sein eigenes Tempo hat. Dass Vergleiche Gift sind. Dass das eine Kind mit drei Jahren fließend spricht, während das andere erst später anfängt. Dass die Tochter der Nachbarn schon Fahrrad fährt, während unser Kind noch Stützräder braucht. Olympia lehrt uns: Jeder Mensch hat seine Stärken. Die Kunst ist, sie zu sehen und nicht ständig auf das zu schauen, was fehlt.

Lektion 8: Druck aushalten

Olympia-Athlet*innen stehen unter enormem Druck. Sie haben vier Jahre trainiert, um in wenigen Minuten oder Sekunden abzuliefern. Die Welt schaut zu. Die Erwartungen sind riesig. Und trotzdem: Auch sie scheitern. Auch sie haben schlechte Tage. Auch sie sind nicht immer auf der Höhe.

Und wir? Stehen oft unter einem Druck, den wir uns selbst machen. Der perfekte Kindergeburtstag. Das gesunde, selbstgekochte Essen. Die sinnvolle Freizeitgestaltung. Die Balance zwischen Job, Familie, Partnerschaft, Freund*innen, Hobbys. Olympia-verdächtig, nur ohne Medaillen und mit mehr schlechtem Gewissen.

Die Lektion lautet: Selbstmitgefühl ist keine Schwäche. Auch Athlet*innen brauchen Pausen, schlechte Tage, Momente, in denen es einfach nicht läuft. Und sie wissen: Perfektion ist eine Illusion. Das Streben danach? Olympisch. Das Erreichen? Unmöglich.

Die Medaille gibt’s erst in zwanzig Jahren

Olympia-Athlet*innen bekommen sofort Feedback. Medaille oder keine Medaille. Rekord oder nicht. Sieg oder Niederlage. Bei uns Eltern ist das anders. Wir wissen oft jahrelang nicht, ob wir etwas richtig gemacht haben. Ob die Werte, die wir vermitteln wollten, angekommen sind. Ob unsere Kinder später mal zurückblicken und sagen: „Das war gut.“

Aber vielleicht ist genau das die größte Lektion: Weitermachen, auch wenn das Ergebnis noch nicht sichtbar ist. Vertrauen haben in den Prozess. Und wissen, dass nicht der eine große Moment zählt, sondern die vielen kleinen.

Heute Abend, wenn die olympische Flamme brennt und die Spiele beginnen, können wir uns daran erinnern: Wir sind längst mittendrin in unserem eigenen olympischen Wettkampf. Ohne Publikum, ohne Medaillen, ohne große Bühne. Aber mit allem, was zählt: Mut, Ausdauer, Teamgeist, Fairness und der Bereitschaft, jeden Tag wieder aufzustehen.

Das ist olympisch genug. Versprochen.

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