Am 11. Oktober ist Weltmädchentag. Der SOS-Kinderdorf e.V. nimmt ihn zum Anlass, auf eine Entwicklung hinzuweisen, die Eltern aufhorchen lassen sollte: Immer mehr Mädchen werden wegen einer Essstörung behandelt. Doch wer beim Thema nur an Töchter denkt, übersieht einen Teil des Problems. Auch Jungen erkranken, nur sieht ihre Essstörung oft anders aus und wird deshalb später erkannt. Und Väter spielen dabei eine größere Rolle, als ihr auf den ersten Blick vielleicht denkt.
Das Wichtigste in Kürze
- Fast 6.000 Mädchen zwischen 10 und 17 Jahren wurden zuletzt wegen einer Essstörung stationär behandelt – mehr als doppelt so viele wie 20 Jahre zuvor (Destatis, Datenjahr 2024).
- Jungen sind ebenfalls betroffen, oft in Form einer „Muskelsucht“ (Muskeldysmorphie). Weil Sport gesellschaftlich gelobt wird, fällt die Erkrankung häufig spät auf.
- Eine vertrauensvolle Beziehung ist laut SOS-Kinderdorf ein wichtiger erster Schritt, damit Kinder Hilfe annehmen.
- Erste Anlaufstelle für Eltern: das kostenlose Beratungstelefon des BIÖG unter 0221 892031.
Die Zahlen: Mädchen im Fokus, Tendenz steigend
Die Daten, auf die sich der SOS-Kinderdorf e.V. stützt, sind deutlich. Neben den stationären Fällen zeigt der Kinder- und Jugendreport 2025 der DAK-Gesundheit: 2024 erhielten hochgerechnet rund 23.000 Mädchen zwischen 15 und 17 Jahren eine Essstörungsdiagnose. Das sind 38 Prozent mehr als 2019. Und dazu kommt, dass die Jugendlichen immer früher unter diesen Krankheiten leiden.
„Gerade bei Essstörungen kann eine vertrauensvolle Beziehung ein wichtiger erster Schritt sein, damit Mädchen Hilfe annehmen“, sagt Astrid Brandl, Vorstandsmitglied des SOS-Kinderdorf e.V. Dieser Satz ist gerade für Väter wichtig. Denn er bedeutet: Ihr müsst keine Therapeuten sein. Ihr müsst ansprechbar sein.
Mehr zu den Ursachen, zu Social-Media-Trends wie „Skinny Girl Mindset“ und zu den Hauptformen der Erkrankung findet ihr in unserem Artikel „Was Väter über Magersucht wissen sollten“.
Der blinde Fleck: Wenn Jungs nicht hungern, sondern pumpen
Stellt euch zwei Teenager vor. Die 15-jährige Tochter isst kaum noch, trägt weite Pullis und verschwindet nach dem Essen im Bad. Bei ihr gehen die Alarmglocken los. Der 15-jährige Sohn trainiert sechsmal pro Woche, isst nur noch nach Plan, sagt das Familienessen ab, weil „heute Beintag ist“, und mustert sich ständig im Spiegel. Bei ihm hören viele Väter vor allem eins: Disziplin. Und klopfen ihm auf die Schulter.

Genau hier liegt das Problem. Bei Jungen äußert sich eine gestörte Körperwahrnehmung häufig als Muskeldysmorphie, umgangssprachlich „Muskelsucht“ oder „Adonis-Komplex“. Betroffene empfinden sich als zu schmächtig, obwohl sie objektiv muskulös sind. Das Essen wird dem Ziel untergeordnet, das Training zum Zwang.
Die Psychologin Barbara Mangweth-Matzek beschreibt in der Pharmazeutischen Zeitung, dass der Anteil männlicher Patienten mit Essstörungen heute auf rund 25 bis 30 Prozent geschätzt wird, um 1990 waren es noch 5 bis 10 Prozent. Exzessiver Sport werde oft nicht als Warnsignal erkannt. Und betroffene Männer verheimlichten ihre Symptome häufig aus Scham oder weil sie es allein schaffen wollten.
Hinzu kommt: Selbst Fachleute sind unsicher. In einer 2026 im „International Journal of Eating Disorders“ veröffentlichten Befragung von rund 260 Psychotherapeutinnen und -therapeuten aus den USA und Kanada gaben knapp 71 Prozent an, kaum etwas über Essstörungen bei Jungen und Männern zu wissen. Bei Muskeldysmorphie waren es sogar 80 Prozent. Gleichzeitig suchen Jungen seltener Hilfe und brechen Behandlungen häufiger ab.
Für Väter heißt das: Ihr seid oft näher dran als das medizinische Fachpersonal.
Der Vater-Faktor: Was am Esstisch gesagt wird, bleibt hängen
Kinder lernen ihr Verhältnis zu Körper und Essen nicht aus Broschüren, sondern zu Hause. Und Väter senden dabei oft Botschaften, die sie selbst gar nicht bemerken:
- „Ich muss echt mal wieder abnehmen“, beim Griff zum zweiten Stück Kuchen.
- „Na, da hat aber jemand zugelegt“, als vermeintlich harmloser Spaß.
- Lob, das am Körper hängt: „Du siehst ja richtig durchtrainiert aus“ statt „Du warst heute richtig mutig“.
- Witze über den eigenen „Dad Bod“ oder über das Aussehen anderer Menschen.
Einzeln ist nichts davon dramatisch. In Summe zeichnen solche Sätze aber ein Bild: Wert hängt an Figur. Gerade in der Pubertät, wenn sich der Körper ohnehin rasant verändert, kann das zum Nährboden werden.
Der SOS-Kinderdorf e.V. setzt deshalb auf etwas, das zunächst unspektakulär klingt: gute Beziehungserfahrungen. „Starke Mädchen brauchen gute Beziehungserfahrungen“, sagt Astrid Brandl. Man darf ergänzen: Starke Jungs auch.

Hinschauen ohne Kontrollwahn: Diese Signale sollten Väter ernst nehmen
Nicht jedes Kind, das plötzlich auf Zucker verzichtet oder ins Fitnessstudio will, ist krank. Hellhörig solltet ihr werden, wenn sich über Wochen mehrere dieser Muster zeigen:
- Gemeinsame Mahlzeiten werden zunehmend gemieden oder umgangen.
- Essen oder Training folgen starren Regeln, Abweichungen lösen Stress oder Wut aus.
- Sport wird auch bei Krankheit, Verletzung oder Erschöpfung durchgezogen.
- Die Stimmung hängt sichtbar an Spiegel, Waage oder Körpervergleichen.
- Freunde, Hobbys und Familie rücken in den Hintergrund.
- Es gibt Heimlichkeiten rund ums Essen.
Wichtig: Gewicht allein ist kein verlässlicher Maßstab. Auch normalgewichtige oder muskulöse Jugendliche können schwer erkrankt sein.
Das Gespräch: Wie Väter es ansprechen können
Viele Väter wollen Probleme lösen. Bei Essstörungen ist das der falsche Reflex. Hilfreicher ist, was Sophia Rehm von der Beratungsstelle „Schneewittchen“ des SOS-Kinderdorf Augsburg beschreibt: gemeinsam zu schauen, was die Betroffenen beschäftigt und was ihnen Kraft gibt.
Konkret heißt das:
- Den richtigen Moment wählen. Nicht am Esstisch, nicht im Streit. Eine Autofahrt oder ein Spaziergang nimmt Druck raus.
- Sorge statt Vorwurf. „Mir fällt auf, dass du kaum noch mit uns isst. Ich mache mir Gedanken“ öffnet mehr Türen als „Du isst ja gar nichts mehr“.
- Nicht über Zahlen diskutieren. Debatten über Gewicht oder Trainingspläne führen in Sackgassen.
- Abwehr aushalten. Leugnen oder Wut sind typisch. Bleibt im Kontakt und signalisiert: Die Tür bleibt offen.
- Nicht allein handeln. Sprecht euch mit der Mutter oder dem anderen Elternteil ab und holt euch selbst Beratung, bevor ihr das Gespräch sucht.
Das Ziel formuliert Rehm so: Betroffene sollen erleben, dass sie etwas verändern können und ihren Weg nicht allein gehen müssen.
Hilfe holen: Früh ist besser
Je früher eine Essstörung erkannt wird, desto besser sind die Chancen. Gute erste Anlaufstellen:
- Kinder- und Jugendarzt oder Hausarzt zur körperlichen Abklärung
- Beratungstelefon des BIÖG (Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit): 0221 892031, Mo–Do 10–22 Uhr, Fr–So 10–18 Uhr, kostenlos
- bzga-essstoerungen.de mit Suche nach Beratungsstellen in eurer Nähe
- Nummer gegen Kummer: Elterntelefon 0800 111 0 550, für Kinder und Jugendliche 116 111
- Regionale Angebote wie die Beratungsstelle „Schneewittchen“ des SOS-Kinderdorf Augsburg, die auch Eltern einbezieht
FAQ: Essstörungen bei Kindern
Sind Jungen auch von Essstörungen betroffen?
Ja. Schätzungen zufolge sind heute rund ein Viertel bis knapp ein Drittel der Patienten mit Essstörungen männlich. Bei Jungen zeigt sich die Erkrankung oft über exzessiven Sport und Muskelaufbau, weshalb sie später erkannt wird.
Was ist Muskeldysmorphie?
Muskeldysmorphie, auch Muskelsucht genannt, ist eine Störung der Körperwahrnehmung. Betroffene empfinden sich trotz ausgeprägter Muskulatur als zu schmächtig. Sie zählt zu den körperdysmorphen Störungen und überschneidet sich stark mit Essstörungen.
Woran erkenne ich, ob mein Kind eine Essstörung hat?
Warnsignale sind unter anderem gemiedene Familienmahlzeiten, starre Ess- oder Trainingsregeln, Sport trotz Krankheit, sozialer Rückzug und eine Stimmung, die stark vom Körperbild abhängt. Eine Diagnose kann nur ärztlich oder psychotherapeutisch gestellt werden.
Wie spreche ich mein Kind auf eine mögliche Essstörung an?
In einem ruhigen Moment, mit Ich-Botschaften und ohne Diskussion über Gewicht oder Kalorien. Abwehr ist normal. Entscheidend ist, im Kontakt zu bleiben und sich selbst Unterstützung zu holen.
Wo finden Eltern Hilfe bei Essstörungen?
Beim Kinder- oder Hausarzt, beim Beratungstelefon des BIÖG (0221 892031), über bzga-essstoerungen.de sowie bei regionalen Beratungsstellen.
Fazit: Hinsehen, zuhören, nicht wegloben
Der Weltmädchentag erinnert zu Recht daran, wie stark Mädchen unter Druck stehen. Für Väter ist er auch eine Einladung, den eigenen Blick zu weiten: auf die Tochter, die sich vor dem Spiegel quält und auf den Sohn, dessen Ehrgeiz längst kein gesunder mehr ist. Väter müssen keine Experten sein. Aber sie können dafür sorgen, dass zu Hause nicht der Körper zählt, sondern das Kind.









